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| Erschienen in Ausgabe: No. 35 (1/2009) | Letzte Änderung: 05. September '11 |
von Stefan Groß
Friedrich Schiller
(1759-1805) gilt als aufgeklärter Dichter,
Tragödienschriftsteller und ästhetischer Theoretiker. Daher
muß es den Leser verblüffen, ihn – wie hier versucht
wird – vor dem Hintergrund der Gartenthematik zu
interpretieren. Schiller geht – ähnlich wie Goethe –
von einer Klassifikation unterschiedlicher Sujets und damit von
differenten Darstellungsebenen der Kunst aus. Geschichtlich gesehen
sind Schillers ästhetische Schriften einer Periode zuzuordnen,
wo die Gartenkunst ihre Vorrangstellung innerhalb der Hierarchie der
Künste bereits verloren hatte. Die große Revolution der
Gartenkunst war nicht nur in England – dem Land der neuen
Gartenkultur – vorüber, sie neigte sich auch in
Deutschland ihrem Ende zu. Auf die Begeisterung folgte die
Enttäuschung, da sie die von vielen ihren Vertretern geforderte
soziale Revolution nicht einlösen konnte. Erst mit der Idee vom
Volksgarten kam man der Verwirklichung sozialer Utopien näher,
diese Zeit hat Schiller leider nicht mehr erlebt.
Schiller war zeit seines Lebens an
einer Sozialutopie interessiert und suchte nach demjenigen Medium,
das diese umsetzen kann. Er distanziert sich auf dieser Suche sowohl
von der rationalistischen Metaphysik und Psychologie der deutschen
Schulmetaphysik und ihren Vertretern Wolff und Baumgarten als auch
vom Skeptizismus und der empirischen Forschung, wie sie Locke und
Hume vertraten.
Schiller, der in seiner Jenaer Zeit
selbst Gartenbesitzer war, hat sich aber nicht so intensiv –
wie beispielsweise die berühmten Gartentheoretiker Hirschfeld,
Rapp, Grohmann u.a. – mit theoretischen und praktischen Fragen,
die die Gartenkunst betreffen, auseinandergesetzt. Das Interesse an
der Gartenkunst war für ihn in erster Linie, wenn man seine
Geistesentwicklung betrachtet, philosophischer Natur.
Seine philosophisch-ästhetischen
Vorstellungen zur Gartenthematik äußert er einerseits in
seinem Werk „Über den Gartenkalender auf das Jahr 1795“
und in dem mit Goethe und Meyer gemeinsam verfaßten
„Dilettantismus-Aufsatz“ vom 3. Mai 1799, andererseits in
seinen theoretischen Schriften, die im Hinblick auf die
philosophische Konzeption als tragende Gerüste seines gesamten
Denkens zu begreifen sind. Seit 1790/91 beschäftigt sich
Schiller intensiv mit der Philosophie Kants. Die Suche nach der
synthetischen Einheit zwischen Sinnlichkeit und Verstand/Vernunft
wird unter unterschiedlichen Prämissen diskutiert. Die
„Kallias“-Briefe geben dabei einen ersten Einblick in
Schillers programmatische Ästhetik, denn in ihnen entfaltet er –
in der Nachfolge Kants – sein ästhetisches Konzept des
Schönen. Neben den „Kallias“-Briefen sind es die
Werke „Über Anmuth und Würde“, „Über
das Pathetische“, „Über das Erhabene“
(erschienen 1793 in der Zeitschrift „Neue Thalia“), „Über
die tragische Kunst“ (erschienen 1792 in der Zeitschrift „Die
Neue Thalia), „ Über die ästhetische Erziehung des
Menschen, in einer Reihe von Briefen“ (geschrieben 1793,
erschienen 1795 in der Zeitschrift „Die Horen“), „Über
naive und sentimentalische Dichtung“ (veröffentlicht in
drei Folgen 1795/96 in der Zeitschrift „Die Horen“) und
die Schrift „Was kann eine gute stehende Schaubühne
eigentlich bewirken?“ (erschienen 1785), in denen Schiller sein
ästhetisches Programm weiter vervollständigt.
Schiller kannte nicht nur die
ästhetischen Schriften seiner Zeit, die er sich zum Studium
besorgte, sondern war mit den Schriften des Gartentheoretikers Johann
Gottlieb Rapps besonders gut vertraut, der vor dem Hintergrund der
Kantischen Philosophie eine Gartenästhetik zu entwickeln suchte.
Mit Rapp, den Schiller persönlich kannte, stimmt er überein,
daß die „Liebhaberei für schöne Gärten in
Deutschland immer allgemeiner geworden“ ist, kritisiert aber,
daß die neue Mode nicht „zum Vorteil des guten
Geschmacks“ beitrage. Schiller sieht in den neuen englischen
Gärten „Geburten des nördlichen Geschmacks“.
Diese „sind von einer so zweideutigen Abkunft und haben bis
jetzt einen so unsichern Charakter gezeigt, daß es dem echten
Kunstfreund zu verzeihen ist, wenn er sie kaum einer flüchtigen
Aufmerksamkeit würdigte und dem Dilettanism zum Spiele dahin
gab“. Der Kritik am rein englischen Garten war die kritische
Sicht auf die französische Gartenkunst vorausgegangen. Im
Zeitalter des Barocks kann von einer Freiheit der Natur keine Rede
sein kann, denn „der Baum mußte seine höhere
organische Natur verbergen, damit die Kunst an seiner gemeinen
Körpernatur ihre Macht beweisen konnte“. Schiller
distanziert sich daher von einer rein französischen
Gartenmanier, weil sie nach Gestaltungsprinzipien verfährt, die
der, der Natur immanenten, Freiheit radikal widersprechen. Einem
Garten, in dem die Natur eingeschränkt und beschnitten wird,
kann der Jenaer Ästhetiker nichts abgewinnen, denn zu sehr
verlangt er nach dem Ideal der Freiheit und nach der Einbettung
derselben in die erscheinende sinnliche Wirklichkeit. Dem
mechanisch-mathematischen Gestaltungsprinzip, das die französische
Gartenkunst prägt, stellt er seine Idee des Organischen
gegenüber, denn in dieser sieht er – wie Kant in der
„Kritik der Urteilskraft“ – das Fundament
naturphilosophischer Forschung und ästhetischer Gestaltung.
Im „Über dem Gartenkalender
auf das Jahr 1795“ schreibt er dazu, daß die Gartenkunst
zwar von der irrigen französischen Methode rein symmetrischer
Ordnung zurückkommt, „aber nur um sich“ in „dem
entgegengesetzten zu verlieren“. Schiller distanziert sich
sowohl von der rein französischen als auch von einer rein
englischen Gartengestaltung. Entweder überwiegt wie im
französischen Barockgarten ein Gestaltungselement, das von der
Idee reiner Notwendigkeit und damit von einer radikalen
Vorherbestimmtheit ausgeht, oder es herrscht ein Gestaltungsprinzip
vor – wie im englischen Garten –, dem es an jeder
Formbestimmtheit fehlt. Kritisch bemerkt er zu den Extremen
gartenkünstlerischer Vorstellungen: „Aus der strengen
Zucht des Architekts flüchtete sie sich in die Freiheit des
Poeten, vertauschte plötzlich die härteste Knechtschaft mit
der regelosesten Lizenz, und wollte nun von der Einbildungskraft
allein das Gesetz empfangen.“ Die englische Gartengestaltung
folgt nicht mehr den Regularien des Verstandes, sondern endet, so
Schiller, in der Formlosigkeit, da sie von einer formellen Ordnung,
die für die Rezeption des Gartens als Kunstwerk notwendig ist,
abrückt und nur der reinen Assoziations- und Einbildungskraft
Spielraum verschafft. Er schreibt: „Die Welt, wie der Realist
sie um sich herum bilden möchte und wirklich bildet, ist ein
wohlangelegter Garten, worin alles nutzt, alles seine Stelle verdient
und, was nicht Früchte trägt, verbannt ist; die Welt unter
den Händen des Idealisten ist eine weniger benutzte, aber in
einem größeren Charakter ausgeführte Natur.“
Während der Garten des Realisten nach dem Kompositionsprinzip
der Ordnung und dem Nutzaspekt aufgebaut ist, steht der Garten des
Idealisten für ein Naturkonzept, das der Freiheit der Natur
Ausdruck verleiht. Reine Regelmäßigkeit und Freiheit der
Natur, d.h. französische und englische Gartenkunst stehen sich
solange gegenüber, so lange sich Regelmäßigkeit
(Ordnung) und Unregelmäßigkeit (Freiheit) ausschließen.
In der Nachfolge von Hirschfeld und Rapp fordert Schiller daher einen
Gartentypus, in dem sich sowohl französische als auch englische
Gestaltungsprinzipien zu einer Einheit verbinden.
Schiller kritisiert wie Goethe
künstlerische Vorstellungen, die Welt in Miniatur nachbilden zu
wollen. Eine Welt in die „Gartenmauer [...] einschließen
zu wollen“, schließt ebenso eine Mißachtung der
Natur mit ein, in der zwar alles durch Notwendigkeit geschieht, die
aber darum nicht nur Notwendigkeit ist. Wie Schillers vorkritische
Studien in den „Philosophischen Briefen“ belegen,
begreift er die Natur im Anschluß an Leibniz als ein
organisches All-Ganzes, indem sich das Absolute offenbart und als
eine Welt, in der das absolut Göttliche erscheint. Vom
Standpunkt der Vernünftigkeit aus betrachtet ist die Ansammlung
von Gartenstaffagen mit propädeutischem Gehalt ein künstliches
Produkt reiner Denktätigkeit. Die Darstellung der Welt im
Kleinen – verbunden mit dem Wunsch nach Variabilität, d.h.
nach einem aus dem Barock bekannten Darstellungsmittel, mit dessen
Hilfe die Vielheit der Wahrnehmung- und Empfindungsleistungen
gesteigert werden sollte –, lehnt Schiller vor dem Hintergrund
ab, da es sich hierbei um schlechte „Übersteigungen“
handelt, die weder dem sinnlichen noch dem vernünftigen
Bewußtsein entgegenkommen. „Kein Wunder also, wenn er
über dem Ringen nach Mannigfaltigkeit ins Tändelhafte und –
weil ihm zu den Übergängen, durch welche die Natur ihre
Veränderungen vorbereitet und rechtfertigt, der Raum und die
Kräfte fehlten – ins Wirkliche verfiel. Das Ideal, nach
dem er strebte, enthält an sich selbst keinen Widerspruch; aber
es war zweckwidrig und grillenhaft, weil auch der glücklichste
Erfolg die ungeheuren Opfer nicht belohnte.“ Im Hinblick auf
die Gartenanlagen in Schwetzingen und im Seifersdorfer Tal schließt
sich Schiller der Kritik Rapps an, denn „eine Empfindsamkeit,
welche Sittensprüche, auf eigne Täfelchen geschrieben, an
die Bäume, hängt“ erklärt er für
affektiert. Er spricht sogar von einer „barbarischen“
Gestaltungsmethode, wo „Moscheen und griechische Tempel in
buntem Gemische“ nebeneinander stehen. Auf dem Wege der
„schlechten“ Nachahmung gelingt es nicht, der Natur zu
entsprechen. Der dieser Gestaltung zugrunde liegende Geschmack dient
nicht, wie Schiller es fordert, als Vorstufe zur Sittlichkeit,
sondern bleibt dem sinnlichen Erlebnis zu sehr verpflichtet. Der
Geschmack und das Geschmacksurteil stehen, so Schiller, als
verbindendes Mittelglied zwischen Sinnlichkeit und Vernünftigkeit.
Rein sinnliche Geschmacksurteile können zur Verbesserung der
moralischen Anlage nichts beitragen. Nur jene Form der
Geschmacksbildung, die „dem Gemüt eine für die Tugend
zweckmäßige Stimmung“ gibt, weil sie „die
Neigungen entfernt, die sie hindern, und diejenigen erweckt, die ihr
günstig sind“, ist befähigt, zu einer tugendhaften
Selbstbestimmung beizutragen. Der „gute“ Geschmack kann
demgemäß nur einer sein, der „die Moralität des
Betragens“ begünstigt, selbst wenn „durch seinen
Einfluß nie etwas Moralisches“ erzeugt wird. Ein
moralisch-sittliches Bewußtsein hat keine, so auch keine
ästhetischen Grundlage, als sich aus dem sittlichen Willen
allein heraus zu bestimmen und dem Gesetz der Vernunft zu gehorchen.
Denn nur derjenige handelt sittlich gut, der ohne zu fragen, ob die
Handlung Annehmlichkeiten hervorbringen könnte, sich aus der
Gesetzmäßigkeit heraus für das Gute entscheidet. In
diesem Zusammenhang betont Schiller auch, daß der „sinnliche
Trieb“ der „natürliche innere Feind der Moralität
ist“.
Ausgehend von seiner kritischen Sicht
auf die zu seiner Zeit geltenden Gartenkonzepte fragt Schiller nach
der Stellung der Gartenkunst innerhalb der hierarchischen Ordnung der
Künste. In diesem Zusammenhang sei seine Äußerung vom
naiven und sentimentalen Dichter gestellt, die folgendes beschreibt:
„Dem naiven Dichter hat die Natur die Gunst gezeigt, immer als
eine ungeteilte Einheit zu wirken, in jedem Moment sein selbständiges
und vollendetes Ganzes zu sein und die Menschheit, ihrem vollen
Gehalte nach, in der Wirklichkeit darzustellen. Dem sentimentalischen
hat sie die Macht verliehen oder vielmehr einen lebendigen Trieb
eingeprägt, jene Einheit, die durch Abstraktion in ihm
aufgehoben worden, aus sich selbst wiederherzustellen, die Menschheit
in sich vollständig zu machen und aus einem beschränkten
Zustand in einem unendlichen überzugehen.“ Analog dazu
könnte man diese beiden Begriffe für die unterschiedliche
Darstellungsform in der Gartenkunst verwenden, der Schiller aber
nicht diesen hohen Stellenwert einräumt. Als Beispiel dazu sei
wieder der englische Garten genannt, wobei, so Schiller, es keine
Regel innerhalb seiner ästhetischen Gestaltung gibt. Eine rein
nachahmende Rekonstruktion der Natur läßt sich zwar mit
der Idee des Naiven vereinen, genügt aber nicht dem Anspruch des
sentimentalen Künstlers. Die naive Kunst, d.h. die verlorene
Idylle im englischen Garten geht von der Vorstellung eines Ideals aus
und sucht nach der Einheit von Natur, Mensch und Kunst, sie verfehlt
dabei aber die neuen Forderungen ästhetischen Denkens. Aus
Schillers Sicht ist die englische Gartenkunst aus dem Kanon der
Künste auszuklammern.
Der Mensch des 18. und des beginnenden
19. Jahrhunderts geht nicht mehr – wie der Mensch der Antike –
von einer synthetischen Einheit zwischen Sinnlichkeit und
Sittlichkeit aus, sondern muß diese Synthese allererst neu zu
stiften. Diese hohe Aufgabe schreibt Schiller aber nicht dem
Gartenkünstler und der Gartenkunst zu, sondern der idyllischen
Dichtkunst, der es gelingt, die Entfremdung des Menschen von sich und
von der Natur aufzuheben, indem sie die „Hirtenunschuld auch in
den Subjekten der Kultur“ darstellt und so nicht zurück
nach Arkadien, sondern nach Elysium führt. Anders gesagt: Für
Schiller verbietet sich der Rückzug in die geschichtliche Welt
der Antike, wie sie vom englischen Gartentypus angestrebt wird, weil
man diese Idylle (naive Kunst) überhaupt nicht mehr
nachvollziehen kann. Damit kritisiert Schiller nicht nur das
Arkadienideal, das bei manchen englischen Gärten, so auch in
Wörlitz, Pate gestanden hat, um die Betrachter durch das Medium
der Gartenkunst an eine „vorzeitige“ Harmonie zwischen
Landschaft, Kunst und Kultur heranzuführen, sondern sieht in der
Gartenkunst eine mimetische Nachahmung am Werk, die sich nicht mit
seinen ästhetischen Idealen vereinbaren läßt. An die
Stelle einer bloß naiven und – wie im Werk „Über
naive und sentimentalische Dichtung“ nahegelegt –
satirischen oder elegischen Kunst setzt Schiller ein
Idyllenverständnis, das sich aus dem Kampf der widerstrebenden
Konzepte ergibt. Nicht die Satire, die die sinnliche Welt dem Idealen
subsumiert, nicht das Elegische, das das Ideale dem Sinnlichen
unterordnet, sondern die synthetische Einheit und Harmonie beider
versteht Schiller als „Ideal der Schönheit“ und
damit als Axiom einer wirklichen Kunstgattung. Der Kampf der
Gegensätze führt dabei nicht zur Aufhebung, sondern zu
ihrer Vereinigung. Diesen Kampf trägt nicht nur das Subjekt aus,
das auf dem Weg zur „schönen Seele“ ist, wie
Schiller in „Anmuth und Würde“ betont, diesen Kampf
begreift Schiller als Fundament einer gesellschaftlichen Entwicklung,
an deren Ende er die Gesellschaftsidylle sieht. Sowohl individuelle
als auch gesellschaftliche Schönheit verbinden sich im „Ideal
der Schönheit“ miteinander. Nur auf diesem Wege gelingt
es, daß die Neigungen mit dem sittlichen Gesetze zur „höchsten
sittlichen Würde“ verschmelzen. Der Charakter des Schönen
besteht darin, „daß aller Gegensatz der Wirklichkeit mit
dem Ideale, der den Stoff zu der satirischen und elegischen Dichtung
hergegeben hatte, vollkommen aufgehoben sei und mit demselben auch
aller Streit der Empfindungen aufhöre“. Schiller will das
Naive in Dichtung und Kunst, wie er es am Beispiel Geßners und
der Hirtenidylle vorführt, negieren, da die Hirtenidylle „weder
ganz Natur noch ganz Ideal ist“. Im Unterschied zu Geßner
sieht Schiller in Miltons „Paradies lost“ ein Beispiel
gelungener sentimentalischer Idylle. Wenn Schiller die Einheit von
„Gehalt“ und „Form“ fordert, welche Bedeutung
hat dies für die Gartenkunst? Gemäß dieser Forderung
muß ein Garten inhaltlich sowie formal als eine Einheit
konzipiert werden, wobei sich der Inhalt in der sinnlichen
Wirklichkeit widerspiegelt sowie umgekehrt die Form auf den Inhalt
verweist. Die naive Nachahmung – mit den Mitteln künstlerischen
Schaffens – reicht Schiller demnach nicht nur nicht aus, um von
Kunst zu reden, sondern durch sie wird der künstlerische Gehalt
geschmälert. Für Schiller kämen demnach nur Gärten
als Kunstobjekte in Frage, die, wie oben bereits erwähnt, die
Einheit von Gehalt und Form darstellen. Ein Garten, der nur nach der
Regel der Kopie, d.h. auf bloße Nachbildung angelegt ist,
transportiert niemals das „Ideal des Schönen“, da
dieses über sich selbst auf eine individuelle und soziale
Verbesserung hinweisen muß. Das Gartenerlebnis kann zwar die
Sinneswahrnehmung schärfen, trägt aber nichts zur Moralität
des betrachtenden Subjekts bei. In einem Brief an seinen Freund
Körner schreibt er – über seinen ersten Aufenthalt im
Tiefurter Park – sehr kritisch, daß er mit den dortigen
Parkspielereien nichts anfangen kann. Demgegenüber äußert
er sich im „Über den Gartenkalender auf das Jahr 1795“
positiv zu den Anlagen in Hohenheim und der Solitude bei Stuttgart.
Diese zwei Gärten begreift er als ideale, die seinen
Vorstellungen von der Gartenkunst am nächsten kommen. Sicherlich
ist die von ihm formulierte Kritik der Einseitigkeit der
gestalterischen Methode in der Gartenkunst überspitzt, wenn man
Gartenanlagen betrachtet, wie sie sich in Wörlitz, Kassel,
Weimar u.a. finden. Weder in Wörlitz, Kassel und Weimar liegt
eine reine Regellosigkeit im Gestaltungsprinzip noch ein rein
idealisiertes Gestaltungskonzept zugrunde. Die genannten Gärten
sind weder auf eine rein sinnliche Wirkung noch auf eine reine
Verstandes- oder Vernunftwahrnehmung zu reduzieren, sondern siedeln
sich im Zwischenraum von sensualistischer Wahrnehmung und
gehaltsästhetischem Kompositionsgefüge an. Der Idealgehalt
der Wörlitzer Anlage zeigt, daß Fürst Leopold III.
Friedrich Franz von Dessau-Anhalt mit Hilfe des Gesamtkomplexes sein
Programm einer Gartenrevolution einerseits durchführen wollte,
andererseits aber auch daran interessiert war, den Garten als Raum
aufgeklärt-sozialutopischer Vorstellungen zu begreifen. Wie von
Schiller in den ästhetischen Schriften gefordert, findet sich in
der Tat in Wörlitz ein Erziehungsprogramm, das aufklärerische
und reformpädagogische Ideale vermittelt. Sowohl das
Wechselspiel zwischen Angespanntheit, die sich durch die Rezeption
von Kunstwerken im Garten ergibt, als auch die darauf notwendige
produktive „Leerheit“, der es bedarf, um das Verarbeitete
zu genießen, gehört zum Gestaltungsmittel der Wörlitzer
Anlagen. Schiller selbst äußert sich kein einziges Mal
konkret zum Wörlitzer Gartenreich. Mit Sicherheit kannte er das
Gartenreich, zu dem die ganze gebildete Welt – auch Goethe und
der Herzog Carl August – hinpilgerten. Daß er aber den
deutschen Landschaftsgarten par excellence – zumindest in
seinen ästhetischen Schriften – völlig ignoriert, ist
ein Zeichen für sein geringes Interesse an dieser Kunstgattung.
Selbst wenn sich Schiller mit gartentheoretischen Fragen beschäftigt,
gibt er letztendlich nur seine eingeschränkte Sicht auf die
Gartenkunst. Mit seiner Kritik am Garten schließt er sich
Goethe an, der der Gartenkunst im Rahmen der „Bildenden Künste“
auch nur einen untergeordneten Rang zugesteht.
Für beide Denker aber gilt –
für Goethe in Weimar und für Schiller in Jena (zumindest in
ihrer rein privaten Lebenssphäre) –, daß sie ihre
Gärten als Refugien der Intimität und des künstlerischen
Schaffens verstanden.
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