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| Erschienen in Ausgabe: No 39 (5/2009) | Letzte Änderung: 24. Juni '09 |
von Bundesministerium des Innern
In der Kette von runden Jubiläumstagen, die sich
durch dieses und das nächste Jahr ziehen, verbinden sich im Mai 2009
mehrere erinnerungswürdige Ereignisse. Morgen vor 60 Jahren, genau vier
Jahre nach der Kapitulation der Wehrmacht und dem Ende des Zweiten
Weltkriegs in Europa, beschloss der Parlamentarische Rat in Bonn das
Grundgesetz. Wir werden in wenigen Wochen den Jahrestag seiner
Verkündung feiern und damit den 60. Jahrestag der Konstituierung der
Bundesrepublik Deutschland. Und wir erinnern uns gleichzeitig an
folgenreiche Ereignisse vor 20 Jahren: die gefälschte Kommunalwahl am
7.Mai 1989, und den Beginn der Öffnung des Eisernen Vorhangs in Ungarn
vom 2. Mai 1989 an, zwei Ereignisse also, die für die Friedliche
Revolution von 1989/90 eine Art Auslöserfunktion hatten.
Wir feiern die 60- und die 20-jährigen Jubiläen im
Verbund. Beide Ereigniskomplexe gehören zusammen, sie sind
gewissermaßen die beiden Beine, auf denen Deutschland heute steht. Die
Väter und Mütter unseres Grundgesetzes haben damals in der Präambel
festgelegt, dass das ganze deutsche Volk aufgefordert bleibt, in freier
Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.
Dies ist dann vor 20 Jahren geschehen, dank der Friedlichen Revolution,
mit der die Menschen in der DDR
die Freiheit erkämpften und den Weg zur deutschen Einheit öffneten. Und
mit dem Beitrittsbeschluss der frei gewählten Volkskammer vom 23.
August 1990 wurde das Grundgesetz die gemeinsame Verfassung aller
Deutschen. Darum ist es richtig, dass wir nicht ein Jubiläum West – mit
dem Thema Grundgesetz – und ein Jubiläum Ost – mit dem Thema Friedliche
Revolution – feiern, sondern ein gemeinsames gesamtdeutsches "Jubiläum
Freiheit und Einheit".
Ich könnte mir vorstellen, dass von diesem
doppelten Jubiläum Impulse auch für die innere Einigung unseres Landes
ausgehen. Die historische Aufarbeitung der SED-Diktatur
hat in den zurückliegenden Jahren sehr beachtliche Ergebnisse erbracht.
Die beiden hiermit befassten Bundesinstitutionen, also die
Stasi-Unterlagenbehörde und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
leisten hervorragende Arbeit, ebenso tun es viele Gedenkstätten – ich
nenne beispielhaft die in Berlin-Hohenschönhausen – und private Vereine
und Initiativen. Aber wir sehen auch, dass die dabei erarbeiteten
Erkenntnisse zu wenig in der Breite der Bevölkerung ankommen und vor
allem, dass sie zu wenig Eingang in Unterrichtsmaterialien und
Unterrichtspraxis finden. Ich hoffe, dass die vertiefte Beschäftigung
mit der Geschichte der Teilung, der DDR und der Einheit uns voranbringt.
Übrigens glaube ich auch, was unsere heutige
Moderatorin, Frau Birthler, vor einigen Wochen bei unserer ersten
größeren Jubiläumsveranstaltung in Frankfurt am Main gesagt hat, wir
haben dort gemeinsam mit dem Bundespräsidenten in einem Festakt an die
erste gesamtdeutsche Verfassung der Paulskirche von 1849, erinnert. Ich
zitiere sinngemäß: Viele Probleme der Aufarbeitung sind keine
wirklichen Ost-West-Probleme. Die sogenannte Mauer in den Köpfen
verläuft nicht zwischen Ost- und Westdeutschen, sondern zwischen den
Menschen, die die Freiheit hochschätzen, und denen, die sie fürchten.
Fortschritte erhoffe ich mir auch für das
gegenseitige Verständnis der Deutschen in den neuen und den alten
Bundesländern. Die Geschichte der Deutschen in der Teilungszeit war
keine gemeinsam erlebte, aber sie war in vielen Hinsichten eine
zusammenhängende, auch wenn das aus der Alltagsperspektive nicht immer
erkennbar war.
Vor allem muss man das Verständnis dafür
festhalten, dass man unterscheiden muss zwischen dem System und der
großen Mehrheit der Menschen, die gegen ihren Willen unter ihm leben
mussten. Ich zitiere an dieser Stelle gern, was der Deutsche Bundestag
am 17. Juni 1994 festgestellt hat:
"Der SED-Staat
war eine Diktatur. Er war dies nicht durch Fehlentwicklung oder
individuellen Machtmissbrauch, sondern von seinen ideologischen und
historischen Grundlagen her. […] Die wirkliche Grundlage der
äußerlichen Stabilität des Systems war die von der Sowjetunion gegebene
Existenzgarantie; als sie zurückgezogen wurde, stand das Regime der
aufbegehrenden Bevölkerung haltlos gegenüber und brach zusammen. […]
Die politisch-moralische Verurteilung der SED-Diktatur
bedeutet keine Verurteilung der ihr unterworfenen Menschen, im
Gegenteil. Die Deutschen in der SBZ/DDR haben den schwereren Teil der
deutschen Nachkriegsgeschichte zu tragen gehabt. Sie mussten einen
Neuanfang leisten unter den Bedingungen eines politischen,
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systems, das sie einengte und
unterdrückte und um die Früchte ihrer Leistungen brachte." [1]
Diese Resolution, aus der ich hier zitiere, wurde
damals von der Unionsfraktion vorgeschlagen und von den anderen
Fraktionen – mit Ausnahme der Gruppe der PDS – mitgetragen. Ich halte
diese Aussagen nach wie vor für gültig; die Diskussion, die in den
letzten Wochen hierüber begonnen worden ist, kommt mir etwas künstlich
und unnötig vor.
Unser Thema heute und morgen ist die Friedliche
Revolution, die im September 1989 begann und mit der Wiederherstellung
der deutschen Einheit ihren Abschluss fand. Wir werden in den beiden
Jubiläumsjahren sicherlich mehrmals Gelegenheit haben, sie unter
verschiedenen Aspekten zu betrachten. Heute knüpfen wir chronologisch
bei zwei Ereignissen an, die zu der Vorbereitungsphase gehören.
Das erste war der Beginn der Öffnung des Eisernen
Vorhangs in Ungarn am 2. Mai. Zunächst wurden nur einige
Sicherungsanlagen abgebaut, weil ihre Modernisierung teuer gewesen wäre
– Lieber Kollege Tiefensee, da sieht man, was eine Mangel an
Haushaltsmitteln für unvorhersehbare Folgen haben kann – und weil
Ungarn für die Bewältigung seiner wirtschaftlichen Krise ohnehin eine
politische Öffnung nach Westen brauchte. Es war noch nicht der Wegfall
der Blockgrenze, der kam erst einige Monate später, aber es war ein
erster Schritt. Und viele Menschen aus der DDR
reisten im Sommer nach Ungarn in der Hoffnung, dass sich dort ein Weg
zur Ausreise öffnete. Der Ausreisedruck war immer ein ziemlich sicherer
Anzeiger für die innere Lage in der DDR.
In den folgenden Wochen und Monaten sollte der
Ausreisedruck über Ungarn, Prag und auch die bundesdeutsche Botschaft
in Warschau beständig zunehmen. Am 10./11. September öffnete Ungarn die
Grenze zu Österreich vollständig. Und die DDR-Führung
sah sich genötigt, die Zufluchtsuchenden in der bundesdeutschen
Botschaft in Prag ausreisen zu lassen. Wenn wir uns mit Freude an die
Friedliche Revolution erinnern, dann hat der Dank an die Nachbarländer,
insbesondere an Ungarn, darin seinen dauerhaften Platz.
Der andere Auslöser war die gefälschte
Kommunalwahl. Das Wahlprocedere war das übliche: Man bekam den Zettel,
faltete ihn und warf ihn in die Urne. Aber diesmal war es anders als
üblich. Die Menschen waren mutiger geworden; zwischen 10 und 20% gingen
in die Kabine und strichen den Wahlzettel durch.Und als die SED
die Ergebnisse hinbog, um zwar nicht, wie üblich, über 99%, aber genau
kalkulierte 98,85% Ja-Stimmen verkünden zu können, hatten
Bürgerrechtler in den Wahllokalen mitgezählt und machten den Betrug
publik. So vollzieht sich Geschichte.
Dass das Klima sich geändert hatte, lag an dem
Tauwetter in Moskau. Gorbatschow, der seit 1985 amtierende
Generalsekretär, wollte den Sozialismus nicht beseitigen, sondern
effektiver gestalten. Er vertraute darauf, dass ein reformierter
Sozialismus neue Produktivkräfte entfalten würde, die die Sowjetunion
dringend brauchte. Denn auch die UdSSR
stand, ebenso wie ihre Bündnisstaaten, unter wirtschaftlichem Druck.
Auch sie war eine zentrale Planwirtschaft mit all ihren
Dysfunktionalitäten, belastet zudem mit einem großen Partei-, Staats-
und Sicherheitsapparat und überdies mit hohen Militärausgaben. Gerade
erst in den letzten zehn Jahren hatte sie ein teures Programm der
Rüstungsmodernisierung im Bereich der auf Europa gerichteten
Mittelstreckenraketen realisiert – zur Sorge der Europäer natürlich –,
und jetzt brauchte sie Entlastung von den Kosten ihres Imperiums.
Gorbatschow erhoffte sie von einem Reformprogramm unter den
Schlagworten Transparenz – Umgestaltung – neues Denken in der
Außenpolitik.
Dass der Patient Sozialismus an der Rosskur, die
er ihm verschrieb, sterben würde, war nicht vorgesehen. Als er am 7.
Oktober 1989 in Ost-Berlin zu Gast war, sagte er: "Wenn wir zu spät kommen, bestraft uns das Leben sofort";
die Presse hat diesen Satz dann leicht umformuliert. Er ahnte nicht,
dass er schon zwei Jahre später entmachtet und kurz darauf die
Sowjetunion aufgelöst sein würde. Seine Gegner behielten aus ihrer
Sicht Recht, wenn sie davor warnten, so gefährliche Experimente zu
unternehmen, die alles ins Wanken bringen könnten. Ich erinnere mich an
vertrauliche Gespräche als Chef des Bundeskanzleramtes mit der SED-Führung.
Sie sagten Gorbatschow habe keine Ahnung; sein Reformprogramm sei nicht
zu schaffen. Gorbatschow hat diese Möglichkeit aber offenbar nicht oder
zu spät gesehen. Es bleibt sein großes historisches Verdienst, dass er
die Weisheit besaß, auch dann seinem Kurs treu zu bleiben, die
Breshnew-Doktrin nicht mehr anzuwenden und eher den Zusammenbruch des
äußeren Imperiums der Sowjetunion hinzunehmen als es mit gewaltsamen
Mitteln aufrechtzuerhalten. Wenn einer in der Menschheitsgeschichte den
Friedensnobelpreis verdient hat, dann muss er sich an den Taten
Gorbatschows messen lassen.
Aber dass die Breshnew-Doktrin aufgegeben war, das
wussten die Zeitgenossen noch nicht, jedenfalls nicht mit hinreichender
Verlässlichkeit. Man wusste nicht sicher, ob der eigene Weg, den
Gorbatschow den Verbündeten zugestand, auch aus dem sozialistischen
System hinausführen durfte, und erst recht nicht, ob das auch für den
speziellen Fall der DDR galt; sie war immerhin der Eckstein des Bündnissystems.
Die Demonstranten, die in der DDR
Ende September, Anfang Oktober auf die Straßen gingen, hatten
begründete Angst, aber sie gingen trotzdem auf die Straße. Was am 9.
Oktober in Leipzig die gewaltsame Niederschlagung der
Montagsdemonstration verhinderte, war die unerwartet große Menge von
70.000 Demonstranten, die über den Ring zogen und riefen "Wir sind das
Volk!". Die Staatsmacht hatte die 8.000 Mann Sicherheitskräfte
aufgeboten, ihr Zurückweichen an diesem Tag sollte sich als der erste
Durchbruch der Friedlichen Revolution erweisen. Die entscheidenden
Akteure der Friedlichen Revolution waren nicht die Politiker, sondern
die Menschen auf den Straßen der DDR.
Sie bestimmten die Geschwindigkeit und die Richtung. Und dass ihre
Revolution unblutig blieb, war eine der Voraussetzungen für ihren
Erfolg. Hieran haben die Kirchen, die für die Formierung der Revolution
bedeutsam waren, einen wesentlichen Anteil.
Aus Bonner Sicht – ich war im Frühjahr 1989
Bundesminister des Innern geworden und zuvor als Chef des
Bundeskanzleramtes für die Beziehungen zur DDR
zuständig gewesen – war die Entwicklung auch in der zweiten Hälfte der
80er Jahre schwer einzuschätzen. Eine gewisse krisenhafte Entwicklung
war natürlich zu sehen, aber etwas krisenhaft ging es in der DDR
immer zu; es gehörte zu ihrem chronischen Krankheitsbild. Auch die
Oppositionsbewegung, die sich im Schutzraum der Kirche seit Ende der
70er Jahre gebildet hatte, gehörte zu den Krisensymptomen, ebenso die
erkennbare Nervosität der SED-Führung
vor dem „polnischen Bazillus“. Anfang 1989 gab Honecker mit
hinreichender Deutlichkeit seine Einschätzung zur Kenntnis, dass die
Bedingungen, die zur Errichtung der Mauer geführt hatten, weiterhin
bestanden. Dass die Mauer allerdings noch hundert Jahre stehen würde,
sollte sich glücklicherweise als eine seiner Fehlprognosen erweisen.
Aber zwischen Krisensymptomen und einer durchschlagenden
Destabilisierung stand bis dahin immer der „große Bruder“, der seine
schützende Hand über den Protektoratsstaat hielt. Der „Regierende
Botschafter“ Abrassimow hat nach 1990 aus der Rückschau die DDR einen „Homunculus“ genannt „der in der sowjetischen Retorte gezüchtet“ worden sei. Und solange die UdSSR
bereit war, diesen Staat um jeden Preis zu halten, konnten Änderungen
höchstens in kleinsten Dosierungen vonstatten gehen. Dass die
Sowjetunion bereit – oder vielleicht auch genötigt – sein könnte, ihren
wichtigsten Gewinn aus dem Zweiten Weltkrieg preiszugeben, dafür gab es
bis 1989 keine Anzeichen. Auch auf Seiten unserer europäischen
Verbündeten konnte man mit dem Status quo ganz gut leben und
blickte nicht ohne Besorgnis auf die Möglichkeit einer
Destabilisierung. Aber die Amerikaner hatten einen anderen Blick. Das
kann man auch gut bei Vernon Walters nachlesen. Und auch Ronald Reagan
hatte bei seinem Besuch 1987 in Berlin den Weitblick zu sagen: „Mr.
Gorbachev, open this gate!“. Für die Bundesregierung bedeutete all dies
aber, dass man hinsichtlich der Veränderungen, die sich ab Oktober 1989
vollzogen, mit Behutsamkeit auftreten musste und jedenfalls gut daran
tat, nicht als Beschleuniger in den Vordergrund zu treten.
Die Oktoberereignisse änderten die Situation grundlegend. Die DDR-weiten
Massendemonstrationen erzwangen den Rücktritt erst Honeckers, dann der
Regierung Stoph – nur wenige Wochen später sollte Krenz ihnen
nachstürzen –, ohne dass die sowjetische Schutzmacht eingriff. Als
Anfang November die neue DDR-Staatsführung
in Bonn anfragte, ob die Bundesrepublik zu finanziellen Hilfen in neuer
Dimension bereit sei – die Rede war von 10 Mrd. DM sofort und 2 Mrd.
jährlich ab 1991 –, war die Situation zum Handeln da. Die
Bundesregierung ließ nach Ost-Berlin mitteilen, dass über Hilfe in
dieser Größenordnung nachgedacht werden könne, wenn die SED zu systemändernden Reformen bereit sei: Verzicht auf das Machtmonopol der SED,
Zulassung pluralistischer Parteien, Anberaumung freier Wahlen. Es waren
dieselben Forderungen, die die Demonstranten auf den Straßen erhoben.
Die SED-Führung geriet in den Zangengriff.
Die Öffnung der Mauer am 9. November war in dieser Form von der SED-Führung
nicht geplant, egal, ob Herr Ehrmann seine Frage in der Pressekonferenz
von Herrn Schabowski spontan oder auf Veranlassung von wem auch immer
gestellt hat. Das Chaos bei den unvorbereiteten Grenztruppen war echt.
Die Freude bei den Menschen war es auch. Der 9. November 1989 war, nach
dem 9. Oktober, der zweite Wendepunkt in der Friedlichen Revolution –
der dritte sollte dann, vier Monate später, die freie Volkskammerwahl
werden. Die Menschen erkannten, dass das Ziel, das bisher tabubesetzt
war und an das sie bisher nicht zu denken gewagt hatten, greifbar war,
und jetzt riefen sie „Deutschland einig Vaterland!“. Die Revolution
ging über ihre Initiatoren hinweg, denn viele – nicht alle! –
Bürgerrechtler hatten nur an eine reformierte DDR gedacht. Aber das lag in der Logik der Ereignisse. Die DDR
war ein Systemstaat, ohne eigene nationale Identität, wie sie Polen
oder Ungarn hatten. Otto Reinhold, Direktor der Akademie für
Gesellschaftswissenschaften, hatte recht, als er – in dem ihm
geläufigen Vokabular – fragte: "Welche Existenzberechtigung sollte eine kapitalistische DDR neben einer kapitalistischen Bundesrepublik haben? Natürlich keine."
Am 28. November 1989 verkündete Bundeskanzler Kohl
das "Zehn-Punkte-Programm" zur Überwindung der Teilung Deutschlands und
Europas. Der Jubel der Menschen, die ihn drei Wochen später in Dresden
begrüßten, war so etwas wie die plebiszitäre Bestätigung dieses
Programms. Der Weg zur deutschen Einheit war noch nicht gesichert. Es
bedurfte noch schwieriger Verhandlungen, bis er gebahnt war.
Mitentscheidend war die Hilfe durch die USA
unter ihrem damaligen Präsidenten George Bush senior, die uns in den
internationalen Verhandlungen nachdrücklich unterstützt haben.
Durchschlagend war für die Lösung der deutschen Frage, dass klar war
und bei den Volkskammerwahlen bestätigt wurde, was die Deutschen
wollten. Der damalige Vorsitzende der Ost-SPD und Außenminister der Regierung de Maizière, Markus Meckel, hat es rückblickend so ausgedrückt: "Die
deutsche Einheit wurde in einem erstaunlich geordneten Prozess möglich,
und ich behaupte, in einem Prozess der Selbstbestimmung der
Ostdeutschen." [2]
Ich würde an dieser Stelle gern weitererzählen über das annus mirabilis
der deutschen Geschichte. Im Rahmen des heutigen Programms ist das
nicht möglich, aber die Jubiläumsjahre mit ihren vielen Veranstaltungen
werden dazu noch weitere Gelegenheit geben. Lassen Sie mich für heute
mit einem persönlichen Wort schließen.
Der Rückblick auf die Jahre 1989/90 ist für mich
ein anhaltender Grund zur Freude. Es ist der politische Anlass in
meinem Leben, der mir bis heute die größte Freude bereitet. Dass ich
den Sturz der SED-Diktatur
miterleben dufte, dass ich die Menschen auf der Berliner Mauer tanzen
sehen konnte, dass ich die Möglichkeit bekam, an der Wiedervereinigung
Deutschlands ein Stück mitzuarbeiten, das erfüllt mich bis heute mit
Freude und Dankbarkeit. Wir haben inzwischen gelernt, dass die innere
Einigung Deutschlands schwieriger ist und länger dauert, als wir damals
erwartet haben. Dennoch haben wir den größeren Teil der Strecke hinter
uns gebracht. Alleine die Tatsache, wie leidenschaftlich wir Deutschen
über jede erdenkliche politische Frage diskutieren, zeigt doch: Wir
sind ein Volk. Das ist unsere gemeinsame Identität.
Deshalb ringen wir auch gemeinsam mit den
Herausforderungen für unser Land. Aktuell ist es vor allem die
gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise, die uns beschäftigt. Sie ist
natürlich auch beim Aufbau Ost ein Hemmnis, aber wir können aus dem
Rückblick dieser Jubiläumsjahre auch lernen, dass wir Grund zur
Zuversicht haben, weil wir wissen, dass wir in der Vergangenheit schon
sehr große Herausforderungen gemeistert haben. Ich könnte mir
vorstellen, dass es sich in dieser Krise als günstiger Umstand
herausstellt, dass sich in den neuen Ländern keine großen, sondern
mittelständische Strukturen entwickeln. Die Vielfalt kleinerer
Einheiten könnte dazu führen, dass der in diesem Jahr unvermeidliche
Rückschlag hier weniger hart spürbar wird als in großen industriellen
Monokulturen.
Und vor allem: Dass wir wieder in Freiheit und in
Einheit leben und zugleich in einer verantwortungsvollen und
partnerschaftlichen Einbindung in die Europäische Union, die
Atlantische Allianz und die internationale Staatenwelt, das hätte noch
vor 25 Jahren niemand so erwartet. Wir haben Grund zur Freude und
sollten sie uns auch von niemandem miesmachen lassen. Und wir haben
Grund zur Dankbarkeit, zuallererst bei denen, die damals in der DDR
und im Ostteil Berlins den Mut hatten, auf die Straße zu gehen, und die
damit die Diktatur gestürzt und den Weg zur Einheit geöffnet haben. Die
Friedliche Revolution 1989/90 ist eine der großen Leistungen der
deutschen Geschichte. Ich wünsche Ihnen und uns allen eine interessante
und anregende Jubiläumsveranstaltung.
[1] Aus Entschließung des Deutschen
Bundestages vom 17.6. 2009, zitiert nach: Materialien der
Enquête-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“, Band 1, Baden-Baden und Frankfurt/M. 1995, S. 781 f.
[2] Markus Meckel, Selbstbewusst in die Deutsche Einheit. Rückblicke und Reflexionen, Berlin 2001, S. 98; zitiert nach: Ehrhart Neubert, Unsere Revolution, Die Geschichte der Jahre 1989/90, München und Zürich 2008, S. 440.
Dies ist ein genehmigter Redebeitrag von Innenminister Dr. Wolfgang Schäuble. (C)-Vermerk: www.bmi.bund.de
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