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| Erschienen in Ausgabe: No. 34 (4/2008) | Letzte Änderung: 17. Januar '09 |
von Robert Lembke
Viel ist seinerzeit darüber geschrieben worden, ob die Verleihung
des Friedenspreises an Anselm Kiefer Sinn macht oder nicht. Erstmalig
ging die Ehrung an einen bildenden Künstler, nach grands hommes
de lettres wie Friedländer, Habermas oder Martin Walser.
Wer Kiefers Auftritt in der Paulskirche mitverfolgt hat – was
dadurch erschwert wurde, dass die ARD nach 15 min die
Berichterstattung abbrach, als der erste von drei Vorrednern noch am
Podium weilte – konnte sich davon überzeugen, dass hier weniger
ein Mann des Friedens geehrt wurde als einer, dessen äußerliche
Unscheinbarkeit über eine wogende Innerlichkeit hinwegzutäuschen
erlaubte. Selbst dann, wenn man Frieden nicht im Sinne des
biedermeierlichen „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ versteht,
dürfte es schwer sein, Kiefers friedensstiftenden Beitrag namhaft zu
machen. Versucht wurde es natürlich: Angeboten wurde das
Interpretament, dass das Engagement des Künstlers seit den 50er
Jahren gerade darauf ziele, jene trügerische Behaglichkeit, die sich
nach dem Krieg im wiederstandenen Wohlfahrtsstaat Deutschland
ausbildete, zu untergraben und uns immer wieder schmerzlich an jene
unheilvolle und barbarische Vergangenheit zu erinnern, um an ihr den
Wert des Gegenwärtigen zu ermessen und gleichzeitig zu relativieren.
Folgerichtig begann Kiefer seine Rede in der Paulskirche – einem,
wie man so sagt, „geschichtsträchtigen“ Ort – mit einer
Illustration der Heideggerschen Kategorie der Geschichtlichkeit,
Lieblingskind des deutschen Geistes spätestens seit Hegel: Wenn er
auf diese Mauern blicke, so könne er zwar die Anwesenheit der großen
Vergangenheit gleichsam spüren, noch deutlicher jedoch sei das
schmerzliche Bewusstsein einer Profanierung zu merken: Zwar seien die
Mauern der Kirche und all das Drumherum noch dasselbe, jedoch sei das
Bedeutungsvolle daran verloren gegangen – oder, in theologischen
Begriffen gesprochen, ‚der Geist entwichen‘.
Bevor der menschenscheue Kiefer ans Rednerpult trat, hatte zunächst
der Pariser Kunsthistoriker Werner Spies seinen großen Auftritt als
Laudator. In einer wortgewaltigen, um keine Verzierung verlegenenen
Rede präsentierte er Kiefer als existentialistischen Propheten, als
Sänger des Abgrunds und der Grenze, vor allem aber auch als Leser
und Schriftsteller, dem das Wort ebenso wichtig ist wie seine Bilder,
Skulpturen und Installationen. Spies diagnostizierte bei Kiefer eine
„saturnische Melancholie“, die sich dem Vergänglichen und
Ruinösen zuwende und die Einsamkeit gegen den alles übertönenden
Lärm einer allzu selbstgewissen Gegenwart stelle. Spies’
sicherlich nicht nur angedrehte Begeisterung für Kiefer speiste sich
aus seiner These, dieser habe das Dogma von der Ungegenständlichkeit
in der Nachkriegskunst überwunden. Im Gegensatz zu jener Tendenz,
die auf die Gräuel des Zweiten Weltkriegs und den Zivilisationsbruch
von Auschwitz nur mehr die Antwort parat hatte, die Undarstellbarkeit
der Ereignisse müsse Ungegenständlichkeit nach sich ziehen (man
denke etwa an die Farbflächen Rothkos), hätten es Kiefer und andere
geschafft, eine andere Antwort auf die entgleiste Moderne zu finden –
eine Antwort, die sich auf die Tradition des deutschen
Expressionismus nach dem 1. Weltkrieg, aber auch auf Picassos
„Guernica“ besonnen habe.
Als nun nach diesem Feuerwerk von Ideen der eher schüchterne, etwas
unbeholfen wirkende Künstler selbst in den Mittelpunkt trat, schien
es zunächst so, als sollte die moderne Klage vom Verschwinden der
Kunst hinter ihren Deutungen ein weiteres Echo finden. Nachher las
man dann auch in der Presse, Kiefer sei ja vielleicht ein großer
Künstler, nicht aber ein ebensolcher Redner. Doch auch die leisen
Töne können aufhorchen lassen, und das taten sie gleich zu Beginn,
als Kiefer die „laute Stille“ und „volle Leere“ der
Paulskirchenatmosphäre beschwor. Unter Anrufung der
Bergwerkstradition der deutschen Romantik versuchte Kiefer einige
Sätze lang, die dem (post-)modernen Menschen verlorengegangene
Dimension von Geschichtlichkeit wiederzubeleben. Entgegen der Rede
vom heilsamen Vergessen beklagte der Künstler, dass sich nach dem
Ende der DDR dieselbe Verdrängung wiederholt habe wie nach dem
Nationalsozialismus. Statt die Grenzgebiete, die sogenannten
„Todesstreifen“, durch Reintegrierung in die Landschaft
unsichtbar zu machen, hätte man sie zu Meditationszentren ausbauen
sollen, so Kiefer.
Anschließend durchlief seine Rede ein kleines Wellental, als Kiefer
seine künstlerische Allverbundenheit durch naturwissenschaftliche
und philosophische Thesen zu untermauern suchte, deren gehaltvollste
noch die war, auch die Wissenschaft sei ein Mythos und man habe daher
kein Recht, die eine gegen den anderen auszuspielen. Danach aber
lieferte Kiefer einen kleinen Einblick in sein Selbstverständnis als
Künstler, das nach dem Vorherigen zwar nicht überraschend, dafür
aber nicht minder eindrucksvoll ausfiel. Im Innern des Schaffenden
herrsche der Krieg, der schöpferische, heraklitische Krieg, den es
zu bändigen und durch das Werk stillzustellen gelte – jedoch nur
momenthaft, temporär, niemals abschließend-endgültig. Aus dem
Erlebnis, das in seiner „schmerzlichen Undeutlichkeit“
festgehalten werden muss, kreiert der Künstler sein Werk, bei dem er
allerdings stets aufs Neue feststellt, das es hinter der
„anfänglichen Nähe“ des Erlebten zurückbleibt. Somit sei also
zwar im Prozess des Schaffens „der inwendige Krieg irgendwann zum
auswärtigen Frieden“ geworden, der Künstler sei jedoch niemals
davor gefeit, dass das Werk wieder in den „Fluss der Materie“
zurücksinke, worauf neue Arbeit erforderlich sei, um es diesem zu
entreißen.
So wie sich Kiefer in Frankfurt präsentierte, wird man in ihm kaum
einen Mann des Friedens sehen können – vielleicht nichts weniger
als das. Er stellte sich dar als skrupulöser, nachdenklicher Mensch,
der in rastloser Suche nach künstlerischer Erleuchtung langt und
dabei als ‚Methode‘ sich des geschichtlichen Eingedenkens
bedient. In Zeiten der Kommerzialisierung der Kunst und der Hast nach
Publicity ein verblüffend ehrlicher Auftritt, der zeigte, dass Ware
und Weltschmerz zwar kommensurabel seien können, es aber für
Augenblicke einmal nicht waren.
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