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| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 17. Juli '09 |
Stellungnahme des Präsidiums der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina / Nationale Akademie der Wissenschaften
von Pressestelle Leopoldina
Der Ausbruch in Mexiko
Die Influenza zeichnet sich durch periodische Ausbrüche aus,
die durch die hohe genetische Wandelbarkeit ihrer Erreger bedingt sind. Insbesondere
in ihrer pandemischen Form gehört die Influenza zu den Infektionskrankheiten, bei
denen das Virus plötzlich, sozusagen aus dem Nichts heraus, auftaucht und deswegen als
besonders unberechenbar angesehen werden muss. Dabei werden räumlich
begrenzte Ereignisse, so genannte Epidemien und Infektionen, die praktisch die
gesamte Welt umfassen, und die als Pandemien bezeichnet werden, unterschieden.
Mit dem Erscheinen eines neuen Influenza-A-Virus vom Subtyp
H1N1, das sich seit März dieses Jahres von Mexiko ausgehend in der menschlichen
Bevölkerung ausbreitet, nimmt die Pandemiedrohung jetzt konkretere Gestalt an. Obwohl der
Schwerpunkt des Ausbruchs bislang noch in Mexiko, den USA und Ländern der
südlichen Halbkugel liegt, hat sich die Krankheit innerhalb ganz weniger Wochen nach
Europa, Asien und Australien ausgebreitet. In der Mehrzahl der Fälle in Europa handelt es
sich um Personen, die sich als Reisende in Nordamerika infiziert haben. Bei ihnen,
sowie bei den von ihnen ausgehenden Kontaktinfektionen, war der Krankheitsverlauf in
der Regel wie bei einersaisonalen Grippe relativ mild. Todesopfer wurden
hauptsächlich aus Mexiko und den USA, neuerdings auch aus Großbritannien, gemeldet. Insgesamt
ist die vorhandene, weltweite Ausbreitung sehr beunruhigend.
Woher stammt das Virus?
Die Influenza des Menschen hat einen zoonotischen
Hintergrund. Influenza-A-Viren kommen bei Vögeln und Säugern in großer Mannigfaltigkeit
vor, wobei man heute davon ausgeht, dass die Influenzaviren der Wasservögel das
genetische Reservoir für alle anderen Erregervarianten bilden. Phylogenetische Studien
haben gezeigt, dass es gelegentlich zum Genaustausch zwischen Viren verschiedener Wirtsspezies kommen kann. Eine besondere Rolle spielt dabei das Schwein, das
einerseits Träger genuiner Schweineinfluenzaviren ist, darüber hinaus aber auch relativ
leicht von menschlichen und von Vögeln stammenden (aviären) Viren infiziert werden kann.
Es hat somit die Funktion eines „Mischgefäßes“, in dem menschliche Viren mit
pandemischem Potential entstehen können. Die genetische Analyse des neuen H1N1-Virus hat
gezeigt, dass es sich hierbei in der Tat um das Produkt eines derartigen Genaustauschs im
Schwein handeln könnte.
Einige Gene dieses Virus weisen auf menschliche und aviäre
Vorläuferviren hin, der größere Teil scheint jedoch von zwei verschiedenen
Schweineinfluenzaviren zu stammen. Es handelt sich somit vermutlich um ein Virus, das vom
Schwein auf den Menschen übertragen worden ist und deswegen auch mit einer gewissen
Berechtigung immer noch als Schweineinfluenzavirus bezeichnet wird.
Entwickelt sich der Ausbruch zur Pandemie?
Am 11. Juni hat die Weltgesundheitsorganisation die
Pandemiestufe 6 ausgerufen. Dies bedeutet, dass in zwei WHO-Regionen eine fortgesetzte
Mensch-zu-Mensch-Übertragung beobachtet wird. Als Ursache für eine Influenzapandemie gilt
der Auftritt eines neuen Virussubtyps, der sich schnell weltweit ausbreitet und
dessen stark veränderte Oberflächenantigene nicht mehr mit Antikörpern gegen früher
zirkulierende Viren kreuzreagieren (Antigensprung). Während sich die weltweite
Ausbreitung bereits jetzt deutlich abzeichnet, - deshalb die Pandemiestufe 6 - scheint
die zweite Voraussetzung nicht erfüllt zu sein, da das neue Virus wie saisonale
Erreger der vergangenen Jahre zum Subtyp H1N1 gehört. Wir wissen jedoch, dass es 1946-47 ohne
Wechsel des Virussubtyps zu einem Influenzaausbruch kam, der
epidemiologisch nicht von einer Pandemie zu unterscheiden war. Eine
pandemieähnliche Entwicklung des aktuellen Ausbruchs ist also durchaus vorstellbar, sollte sich – wie
man auf Grund der bisherigen Erkenntnisse vermuten kann - der neue Erreger in seiner
Antigenität von den saisonalen H1N1-Viren deutlich unterscheiden. Interessant ist
weiterhin, dass das Schweineinfluenazvirus noch einige genetische Merkmale
besitzt, die charakteristisch für seine aviären Vorläuferviren sind. Dies deutet darauf hin,
dass der Adaptionsprozess an den Menschen noch im Gang ist und damit das pathogenetische
und pandemische Potential des Erregers noch nicht völlig ausgeschöpft ist.
Was ist zu tun?
Die in den nationalen und internationalen Pandemieplänen
vorgesehenen Maßnahmen zur Überwachung und Eindämmung derartiger Ausbrüche müssen,
soweit noch nicht geschehen, in die Tat umgesetzt werden. Dazu gehört zunächst
die Charakterisierung der genetischen, pathogenetischen und antigenen Eigenschaften
des Erregers, sowie die Überprüfung der Resistenzentwicklung gegen
Neuraminidasehemmer. Das Auftreten erster resistenter Varianten ist bereits aus verschiedenen
Ländern berichtet worden.
Weiterhin muss die epidemiologische Dynamik des Ausbruchs
analysiert werden. Dabei interessieren besonders die Fragen: Wie entwickelt sich der
Ausbruch im Winter? Breitet sich das Virus in den nächsten Monaten über die südliche
Hemisphäre aus? Verdrängt es die saisonalen H3N2 und H1N1 Stämme oder wird es von diesen
verdrängt? Erste Daten aus Ländern der südlichen Halbkugel zeigen, dass das neue
H1N1-Virus tatsächlich in der Lage zu sein scheint, die saisonalen Stämme, zumindest
teilweise, zu verdrängen. Besonders dringlich ist schließlich die Entwicklung von
pandemischen Impfstoffen, die innerhalb der nächsten Monate in großen Mengen zur Verfügung
gestellt werden müssen.
Im Vordergrund stehen Totimpfstoffe, die im Wesentlichen
nach Verfahren hergestellt werden, die sich bei saisonalen Impfstoffen bewährt haben.
Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Impfung gegen die saisonale
Influenza keinen Schutz gegen das neue H1N1-Virus verleiht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat deshalb kürzlich festgestellt, dass mit der Produktion einer
pandemischen Vakzine begonnen werden sollte. Eine Entwicklung könnte darin bestehen, durch
Adjuvanzien die benötigte Antigenmenge zu reduzieren und so die Zahl der
Impfdosen zu erhöhen. Diese Zahl könnte noch einmal gesteigert werden, wenn anstelle der
Totimpfstoffe Lebendimpfstoffe produziert würden. WHO, nationale Gesundheitsbehörden und
Impfstoffhersteller stehen hier vor weit reichenden Entscheidungen, die nicht
aufgeschoben werden können. Die Ereignisse um das neue H1N1-Virus verdeutlichen, dass die Forschung und Entwicklung kreuzreaktiver Impfstoffe und innovativer,
resistenzunempfindlicher Medikamente zur Therapie von Influenzainfektionen intensiv gefördert werden sollte.
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