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Erschienen in Ausgabe: No 42 (8/2009) Letzte Änderung: 17.07.09

Westliche Werte und Moral

Unsere „Wertegemeinschaft“: Christentum, Zivilisation, Demokratie, Business und Finanzen. (März 2009)

von Notker Gloker

Ein Leuchtturm unserer Schande, US-Präsident Bush und seine Regierungscrew haben sich von der Geschichte verabschiedet. Was er (mit Hilfe der 52% amerikanischen Wähler bei seiner zweiten Amtszeit) der Welt gezeigt hat, hat den Kredit der USA in der Weltzerstört: aus einem geachteten, mächtigen „Weltpolizisten“ ist ein zynischer macht- und ölgieriger Welthalunke geworden, der unter dem Vorwand, Zivilisation, Demokratie und christliche Werte zu verteidigen, ohne Legitimation durch die UN, die halbe Welt in Brand setzt und Alliierte, die bei seinem Kriegsspiel nicht mitmachen, beschimpft. Das empörendste Kapitel dürfte der Krieg der USA im Nahen Osten sein, wo mit unsäglicher Verlogenheit ein Krieg, nein, ein Kreuzzug angezettelt wurde, der im Namen der Zivilisation und der Demokratie gegen islamistischen Terror geführt wurde und der fast in einen irakischen Bürgerkrieg zu münden droht und mit unbeschreiblicher Brutalität geführt wird. „Zivilisation“ und „Demokratie“ sind schon längst zu Grabe getragen. Die Kriegszündler um Bush, Rumsfeld, Wolfowitz, Cheneyund Konsorten, die hinter dem Fanal „Demokratie“ immer das Fetischwort „ÖL“ mitdachten, stehen jetzt vor einer nicht mehr beherrschbaren Flut von Aggression und Wut gegen die Eindringlinge, die mit Kanonen, Bomben und Panzern den „Frieden“ bringen wollten. Die naive Hoffnung, mit Blumen bekränzt zu werden, wenn der Despot Saddam gestürzt ist, konnte sich nicht erfüllen, solange die Invasoren als ebensolche noch heute wahrgenommen werden. Die Art von Entwicklungshilfe in Sachen Demokratie ist Ausdruck unverhohlener Arroganz des Westens und zur größten Schande für die USA und ihre Helfershelfer geworden. Die irrwitzige Gier nach Energie ist dem Industriegiganten USA zum Verhängnis geworden.Barak Obama könnte die große Wende bringen.
Nach seiner Wahl zum Präsidenten der USA geht ein Aufatmen durch die ganze Welt: Das Bush-Regime hat abgewirtschaftet : seine unsäglichen Dummheiten, seine Bösartigkeit gegen Andersdenkende, und seine Arroganz gegenüber Verbündeten, seine Verlogenheit, seine Scheinheiligkeit in Sachen Demokratie, Wahrung der Bürgerrechte (Heimatschutzministerium), der Menschenrechte (Abu ghraib, Guantanamo), alles scheint sich mit einem mutigen visionären Mann zum Besseren zu wenden. Die „Erbschaft“ und die Altlasten der Vorgänger sind eine unbeschreibliche Hypothek und dazu kommt eine ebenfalls von der Vorgängerregierung mitverschuldete Finanz- und Wirtschaftskrise.
Inzwischen schreiben wir das Jahr 2009.

Die Finanzgangster der Großbanken haben in ihrer Geldgier die Weltwirtschaft und unser ganzes Finanzwesen zum Kollabieren gebracht. Die USA und die anderen großen Wirtschaftsmächte machen sich auf einen langen Rückweg zur „Normalität“, der vielleicht wieder die gleichen marktwirtschaftlichen Sünden zulässt, die die Welt jetzt in die wirtschaftliche Rezession getrieben haben. Unsere markthörigen C-Parteien sind schon wieder dabei, Ansätze einer Gesundung zu torpedieren, indem sie Finanzhaien die lange Leine lassen und den Aktionären nicht zumuten wollen, dass bei Gehältern über einer Million eine Versteuerung stattfinden soll. Die insgeheim immer noch der Meinung sind, dass Gewinne privatisiert, Verluste aber „sozialisiert“ werden können!
Nein! Milliardenschwere Gewinne und Vermögen sind zu sozialisieren in dem Sinne, dass die Bevölkerung, die Arbeitnehmer, auf deren Rücken die Güter erwirtschaftet wurden, daran Anteil haben in Gestalt von sicheren Arbeitsplätzen, die nicht der Willkür und dem Druck von Aktionären jeglicher Couleur, (Klein- oderGroßaktionäre) ausgesetzt sind, die renditegierig bereit sind, jegliche soziale Rücksichtüber Bord zu werfen, um „Arbeitskräfte freizusetzen“, das heißt zu entlassen, nur damit ihr Unternehmen die Rentabilität steigert, um auch den Aktionärsprofit zu maximieren. Oft sind hier auch die Gewerkschaften zu schwach, um diesem Ausverkauf Paroli bieten zu können. Die Drohung billiger Arbeitsplätze im Ausland lässt manchen Gewerkschafter einlenken zum Schaden (oder Nutzen?) der Arbeitnehmer.
Dank Barak Obama könnte unsere Regierungsriege eine Handlungsanweisung verinnerlichen und einmal lernen, wie man mit nimmersatten Geldgangstern umgeht, die ja auch in unseren Landen Legion sind: Zumwinkel kassiert, obwohl verurteilt, noch schamlos 20 Millionen Pensionsgelder ein, die Postbank, die seit Jahren Verluste einfährt, gewährt ihrem Boss Wolfgang Klein noch einen Jahresbonus von 2,4 Millionen, dessen Nachfolger Schimmelmann lässt sich seine Pensions- “Ansprüche“ von elf Millionen auszahlen (was man hat, hat man!), Funke, der Exchef von Hypo Real Estate klagt auf Nachzahlung von 3,5 Millionen Gehalt, nachdem sein havariertes Institut vom Staat mit Abermilliarden gerettet werden musste. Was macht unsere Regierung angesichts dieser Unverfrorenheit? Sie laviert, und fragt sich, obeine harte Gangart nicht Wählerstimmen kostet! In Obamas Agenda ließe es sich nachlesen: Die Bosse von AIG, deren Institut mit 180 Milliarden vom Staat gerettet wurde, verlangen für ihre „Verdienste“, den Karren an die Wand gefahren zu haben, noch Boni in Höhe von 156 Millionen Dollar: Kann man sich größere Unverfrorenheit vorstellen? Obamas Antwort: 90% Sondersteuern auf derartige Wuchergewinne; sie kämen der Steuerkasse und damit den Bürgern wieder zugute, die diese Institute mit Milliardenbeträgen am Leben halten. Davon sollten die Pleitiers nicht auch noch profitieren.Das sollte auch für die deutschen Gierschlünde gelten.
Immerhin versuchen deutsche Regierungsmitglieder (der SPD, wohlgemerkt) auch einmal mit markigen Worten die Steuerschlupflochanbieter wie z.B. die Schweizdeutlich zu brandmarken und Forderungen zu stellen, die im Einklang mit unseren ethischen Vorstellungen stehen, dass nämlich verhindert wird, dass die obengenannten Finanzbetrüger weiterhin unbemerkt und ungestraft ihre Millionen zu ihrem persönlichen Vorteil an der Besteuerung vorbeimogeln. Unter dem Vorwand, dass man so rüde mit einem Nachbarn, selbst, wenn er sich der Beihilfe zum Millionenbetrug schuldig macht, nicht umgehen könne, kritisieren die C-Parteien den Finanzminister! Ja wo sind wir denn? In einer Bananenrepublik? Der Grund für diese „christliche“ Zimperlichkeit wird im „Südkurier“ vom 26.03 (vielleicht ungewollt?) aufgedeckt: Man will die Nachbarn und ihre Schweizerfränkli nicht vergraulen! Entblöden sich doch grenznahe Hotel- und Lebensmittelbetriebe nicht, einen devoten offenen Brief an die lieben Schweizer zu schicken, in dem sie barmen, dass diese ihnen doch weiter, trotz des bösen Steinbrück, dessen harte Auslassungen sie aufs Entschiedenste missbilligen, ihre Fränkli in die Kasse legen!Aber für Geld scheint man zu jeder Selbsterniedrigung bereit zu sein! Und von den C-Politikern werden sie öffentlich gelobt!


Finanzkrise und Moral

Die Bundesbürger seien ob der Krise nicht eigentlich böse oder zornig, sondern eher ein bissel enttäuscht. Ein schlechteres und belämmernderes Zeugnis hätte uns die Münchner Runde am 31.04im BR nicht ausstellen können. Ein Volk von dozilen Ja-Sagern! Stimmt das überhaupt? Historisch schleppen wir da ein ordentliches Päckchen mit. Seitvielen Jahrhunderten sind wir Deutschen gewöhnt, dass wir gottergeben die Willkür der„Grossen“ der Welt über uns ergehen lassen: Unsere Lammfrömmigkeit erzeugt natürlich auch politische Stabilität, auch wirtschaftliche, aber die Grenze sollte erreicht sein, wenn wir, die Bevölkerung,nur noch als auszubeutende Malocher und abzumelkende Finanzkühe missbraucht werden.Der „Adel“, der „Hochadel“ haben auf grund verbrecherischer Machtausübung die Bevölkerung über Jahrhunderte ausgesaugt undihr unter der Benedeiung der christkatholischen und später auch der protestantischen,Nächstenliebe predigenden Kirche, den Untertanengeist beigebracht; durch Gewalt, mit Hellebarden und Gewehren, mit Kreuz und Höllenängsten.Man sollte einmal die Genealogie so mancher Herrscherhäuser auf ihre Herkunft und Wurzeln prüfen und sie dann mit den anmaßenden Worten konfrontieren, wenn ein abgehalfterter Königsspross uns Bürgern etwas über das Wesen der Demokratie verzapft. Und unsere demokratischen Bürger lauschen gläubig-andächtig und subaltern diesen Ergüssen. Und von der Presse wird er mit Lob vollgehudelt. (Dies nur als Randbemerkung und Schlaglichtauf die geistige Verfassung vieler unserer Bundesbürger und damit als Erklärung so mancher Mangelerscheinung in Sachen Zivilcourage.)
Nun hatunsere Finanzkrise uns erfreulicherweise doch so aufgerüttelt, dass Zorn und Wut unserer Bürger sich artikulieren in dem zündenden Schlachtruf: „WIR ZAHLEN NICHT FÜR EURE KRISE“. Ein Fanal gegen die Bankster und ihre Helfershelfer, die Heuschrecken , die Ratingagenturen und Unternehmenslobbyisten. Und auch gegen die Politiker, die mit dem Finanzgipfel jetzt versuchen wollen , das System zu retten, statt einmal den Mut aufzubringen, die Finanz- und Wirtschaftsbosse, die Konzerne und Cross-border-verbrecher an die Kandare zu legen, menschen- und bevölkerungsverträgliche Bedingungen einzuhalten. Und sich selbst als reiche StaatenRegeln aufzuerlegen (und sich daran zu halten), um ein wirtschaftliches Zusammenleben mit den Entwicklungsländern in Anstand und Frieden zu ermöglichen. Wir alle haben die Schnauze voll!
Aber noch haben unsere Finanzpolitiker nicht getagt. Schon jetzt sei es gesagt: ohne den Druck von unten werden sie sich nicht bewegen. Nicht aus Unwissenheit oder Inkompetenz,sondern aus Feigheit vor der Macht der Wirtschaftsbosse. Vor unserem massiven Willen, diese Zustände zu verändern, müssen sie noch mehr Angst haben. Sonst werden wir tausend Ausflüchte und schöne Reden hören über die Systemrelevanz der Rettungsaktionen mittels unserer Steuergelder. Das Zauberwort wäre Verstaatlichung der Institute. Zwar sind die vom Staat bestellten Nieten in Nadelstreifen den anderen fachlich sicher nicht überlegen, aber sie wären unter Kontrolle. Und wenn der Karren aus dem Dreck ist, dann kann eine staatlich kontrollierte Marktwirtschaft wieder zugelassen werden, möglichst mit vorhergehenden Praktika über ethisches Verhalten für die Herren Banker. Die „Freie Marktwirtschaft“, so wie wir sie bisher kannten, hat nicht den Menschen genützt, sie hat versagt, weil offensichtlich Freiheit zu unerträglicher Arroganz und ungezügeltem und offensichtlich unausrottbarem Missbrauch anstachelt. Wir sind diese Typen satt!
Wie sehr eine solche Befürchtung berechtigt ist, zeigte auf exemplarische Weise ein Straßeninterview in Frankfurt, wo von schnöseligen, milchgesichtigen, arroganten Jungbankern dem staunenden Interviewer und damit der gesamten Öffentlichkeit sinngemäß kundgetan wurde, wenn man zu dumm sei, sich auf diese Art zu bereichern,dann solle man den Mund halten. Es war keinerlei Anhauch einer moralischen Reflexion zu spüren, geschweige denn, ein wenn auch noch so dünnlippiges Bedauern über den angerichteten Schaden. (Nachzusehen in ARD bei Anne Will, 21;45 Uhr: Mehr Moral per Gesetz?). Ich denke, dieser Jungbankstergesellschaft gehört jede Lizenz zum Betrügen entzogen. Sie gehören als Angestellte in Pizzabäckereien und Kleinbetriebe, denen sie hochnäsigkeine Kredite gewähren wollten. Und dann „freigesetzt“, weil mangels Kredit die kleinen Angestellten nicht mehr bezahlt werden können.
Nun darf man nicht meinen, dass sich solch bösartiger mitmenschenverachtender Geist nur in den oberen Etagen der Finanzhäuser breit macht.Ein Blick in die Amtsstuben von Sozialämtern z.B. in Göttingen genügt, um festzustellen, dass willfähriger Untertanen- und Gehorsamsgeist gegen alle Regeln der Menschlichkeit und auch der Vernunft in den Gehirnen der Bürokraten herrscht.Entblöden sich diese Sesselinhaber doch nicht, einem Bettler, der nur Hartz IVempfängt, dies auf sein Einkommen von 351 Euro anzurechnen und ihm seine Bezüge zu kürzen. (Nachzulesen in der TAZ vom 28.03.09. „Kriminalisierung von Armut“).Hier könnte Nachhilfeunterricht in Sachen Mitmenschlichkeithilfreich sein. Es scheint ein herausragendes Kennzeichen der wohlbestallten Schreibtischtäter und Schalterbesetzer zu sein, mit welcher fühllosen Selbstgerechtigkeit, sie Gesetze buchstabengetreu exekutieren, devot, gehorsamst, „rechtschaffen“. Die sind zum Kotzen!Diese Bürokraten!
Nachtrag: Mit bedauerndem Ton wird von einer Tageszeitung, der man am ehesten solche Veröffentlichungen noch zutrauen würde, beschieden, dass solche Zuschriften (wollte ich dies nur als „Zuschrift“?) in ihrer Zeitung keinen Platz finden könnten, aber zur Meinungsbildung in der Redaktion durchaus ihren Platz haben. Tröstlich, nicht wahr? Meine Frage: wie kann sich ein engagierter Zeitgenosse, der zugleich kritisch ist überhaupt Gehör verschaffen, wenn nicht über die Presse? Das fördert Politik- und Staatsverdrossenheit!

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