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| Erschienen in Ausgabe: No 48 (2/2010) | Letzte Änderung: 12. November '11 |
Eine Folge der immer höher werdenden Zahl von Trennungen und
Scheidungen ist auch die steigende Zahl von Stieffamilien, denn
Partner, die sich getrennt haben, gehen früher oder später
selbstverständlich eine neue Partnerschaft ein und gründen somit
neue Familien – sogenannte „Stiefvaterfamilien“ oder
„Stiefmutterfamilien“. Die häufigste Form der Stieffamilien sind
die sogenannten Stiefvaterfamilien, weil nach einer Trennung die
Kinder meist bei der Mutter bleiben und ein neuer Partner als
Stiefvater hinzukommt. Hat der neue Vater bisher keine eigenen Kinder
gehabt, wird er mit einer mehrfach schwierigen Rolle konfrontiert,
die im Laufe der Zeit sogar noch an Anspruch gewinnt. Wie in jeder
Dyade, also die Beziehung eines Liebespaares, weicht der anfänglichen
Verliebtheit eine Phase der Stabilisierung, die begleitet wird von
Konflikten, da die autonomen Persönlichkeiten beider wieder stärker
in den Vordergrund rücken. Sind wie in der Stieffamilie Kinder im
Spiel, wird diese Situation zusätzlich durch eine Konsolidierung der
Stiefvater-Kind-Beziehung belastet. Leben und Erziehung stellen eine
andauernde Belastung für den neuen Partner dar. Ein geringer Trost
ist, dass „Stiefmutterfamilien“ es meist schwerer haben, denn die
Erwartungen an eine Mutter sind umfassender als an einen Vater.
Selbst der aufopferndste Einsatz der Stiefmutter wird von den Kindern
auf Grund ihrer Loyalität zur leiblichen Mutter selten belohnt,
während die Anwesenheit eines neuen Vaters gerade von Söhnen oft
dankbar als Ausgleich der Mutter-Kind-Beziehung angenommen wird. Wenn
beide Partner Kinder in die neue Beziehung mitbringen, demnach eine
„zusammengesetzte Stieffamilie“, ist jeder der beiden Partner
also zugleich Vater oder Mutter eines leiblichen Kindes und
Stiefvater oder Mutter des Kindes des Partners. Die Situation wird
noch komplizierter, wenn sich Paare nach einer zweiten oder dritten
Trennung zusammenfinden. Und oft bekommt dieses Paar noch neue
gemeinsame Kinder, was für das Zusammenwachsen der eigenen
Liebesbeziehung als positiv verortet werden kann. Für die schon
mitgebrachten Kinder bedeutet das jedoch: Die Rollen auf der
Geschwisterebene müssen neu verteilt, Privilegien aufgegeben, neue
Verantwortlichkeiten übernommen werden.
Egal um welche Konstellation es sich handelt, alle Beteiligten
bringen eine unterschiedliche Geschichte und somit auch teilweise
differgente Vorstellungen vom Familienleben mit. Hat der neue Partner
keine Erfahrung mit eigenen Kindern, stehen oft eigene Vorstellungen
der Erziehung in krassem Widerspruch mit bereits existierenden
Methoden, gepaart mit der Tatsache, nicht der leibliche Vater oder
die leibliche Mutter zu sein. Einfluß auf das ohnehin schon
schwierige Konstrukt nehmen auch die getrennt lebenden ehemaligen
Partner und auch die dazugehörigen und neuen Großeltern.
Tendenziell scheint es leichter zu sein, wenn zumindest ein Partner
keine eigenen Kinder mitbringt, da die neue Partnerschaft nicht noch
zusätzlich durch die Stiefgeschwister, die über die neue
Partnerschaft zusammengewürfelt werden, belastet wird. Diese hatten
nämlich dabei nicht die Chance, sich wie die Partner gegenseitig
auszuwählen, sondern müssen in der neuen Familie erst lernen
miteinander auszukommen. Es wird schwer sein, unterschiedliche,
bisherige Erziehungsideale aufeinander abzugleichen. Ob das Alter der
Kinder in der neuen Familie eine Rolle spielt, scheint dahingestellt,
da jedes Alter ein gewisses Konfliktpotential darstellt. Vielleicht
ist es individuelle Ermessenssache, ob nächtliches Säuglings- bzw.
Kleinkindgeschrei eher an den Nerven des neuen Partners zerren, oder
die pubertären Auswüchse eine Jugendlichen.
Natürlich gibt es in der neuen Familie auch noch die üblichen
Paarprobleme, wie sie auch in Partnerschaften ohne mitgebrachte, aber
eigenen Kindern vorkommen, denn die Entstehung einer Triade durch das
Hinzukommen eines Kindes bedeutet eine ständige Attacke auf die
bereist bestehende Dyade, deren Belastbarkeit auf eine harte Probe
gestellt wird. Das Konfliktpotential der Stieffamilien ist aber
ungleich größer als in einer „Normalfamilie“, somit auch die
Gefahr, dass die Partner von der Massierung der Schwierigkeiten
überrollt werden und sich am liebsten wieder trennen möchten,
obwohl sie als Liebespaar eigentlich gut zusammenpassen würden.
Deshalb suchen Stieffamilien, und das ist in Deutschland heute etwa
jede sechste Familie, statistisch gemessen öfter professionellen Rat
bei psychologischen Beratungsstellen.
Wichtig ist, dass alle Beteiligten wissen: Sie brauchen viel Geduld,
nicht nur mit den anderen, sondern auch mit sich selbst. Schließlich
hat sich herausgestellt, dass Stief-/ Patchwork-Familien etwa 5 Jahre
benötigen um zusammenzuwachsen. Die Geduld hat dann aber auch ihren
Lohn: So entwickeln die Kinder einer solchen Patchworkfamilie durch
die wesentlich höhere Zahl von ihnen wichtigen Bezugspersonen und
durch die höhere Familiendynamik eine deutlich höhere
Sozialkompetenz, als solche, die in der klassischen
Familienkonstellation aufgewachsen sind. Und das macht sie selbst
wieder tolerant für die Anforderungen postmoderner Familienformen.
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