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| Erschienen in Ausgabe: No. 34 (4/2008) | Letzte Änderung: 17. Januar '09 |
von Constantin Graf von Hoensbroech
„Berliner,
wollt ihr mal wieder eine Mauer sehen?“ Was sich wie ein
verunglückter Scherz aus einer karnevalistischen Büttenrede
liest, entspricht leider bitterer Realität. Mit diesem Spruch
werben nämlich die Berliner Flughäfen in dicken Lettern auf
großformatigen Plakaten für eine Flugverbindung aus ihrer
einstmals geteilten Stadt nach China.
Es sind
solche Begebenheiten wie dieser peinliche, ja beleidigende
Werbespruch, die den gedankenlosen Umgang mit der deutsch-deutschen
Vergangenheit illustrieren, wie er sich immer unverhohlener
öffentlich Bahn bricht. Und das nicht erst seit Erstarken der
Linkspartei. Waren es anfangs in den Jahren nach der Wende von 1989
noch verunglückte, schiefe oder manchmal harmlose – und damit
umso gefährlichere – Petitessen und alberne Sotissen, die sich
schleichend in den öffentlichen Diskurs einwoben, so sind es
seit geraumer Zeit immer offensichtlichere, aggressivere und
offensiver vorgetragene Verbalinjurien, die sich auf dem Marktplatz
des demokratischen Diskurses anbieten und damit einem gedanken- und
verantwortungslosen Geschichts-, Gesellschafts- und
Demokratieverständnis Vorschub leisten. Ein Oskar Lafontaine mit
seiner eigenwilligen historischen Interpretation über den
Zusammenschluss von KPD und SPD ist da ebenso zu nennen wie ein
Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der mit seinem
links-linken Schmusekurs nicht nur auf der kommunalpolitischen Bühne
der Hauptstadt kokettiert.
Natürlich
ist Berlins Regierender – übrigens stammt er aus Tempelhof,
dem Stadtteil mit dem Flughafen der Luftbrücke, die von Juni
1948 bis zum Mai 1949 Monate lang die im Westteil abgeriegelte Stadt
versorgte – nicht für ein solches Werbeplakat verantwortlich.
Gleichwohl sind es führende Protagonisten der politischen
Verantwortung für Berlin, die mit ihrer in mehrfacher Hinsicht
fragwürdigen politischen und gesellschaftlichen Orientierung zu
einem Klima beitragen, in dem irgendwelche Wirrköpfe überhaupt
erst die Chuzpe aufbringen, einen solchen Werbespruch zu kreieren
sowie mit einem Placet abzusegnen. Gnade Gott, wenn ein derartiges
Geschichts- und Gesellschaftsbild all der Wowereits mehrheitsfähig
wird! Gesellschaftsfähig ist es vielerorts ja ohnehin schon
lange.
Wenn
es in der deutschen Gesellschaft noch weiter möglich wird,
Geschichte im Allgemeinen und die jüngste Zeitgeschichte im
Besonderen zu relativieren und subjektiven Erwägungen nach zu
verrücken, weil immer mehr Menschen unfähig sind, die
differenzierende Betrachtung des Gesamten einerseits sowie die
verantwortungsvolle Urteilsfähigkeit über Werte
andererseits zu leisten, führt das geradewegs in die Dekadenz -
um einen Gedanken des herausragenden Kulturphilosophen Jakob
Burckhardt aufzugreifen.
Dekadent
und im wahrsten Sinne wertlos scheint sich in diesem Land der Umgang
mit der zweiten deutschen Diktatur zu entwickeln. Noch vor einer
Woche wünschte der Schriftsteller Joachim Walther im Interview
mit der katholischen Tageszeitung Die
Tagespost, „etliche Leute an den
Hammelbeinen zu ziehen, damit sie den Begriff Diktatur überhaupt
in den Mund nehmen, wenn es um die DDR geht“. Und Anfang November
stellte der ehemalige Bundesbeauftragte für die Akten des
Staatssicherheitsdienstes der DDR, Joachim Gauck, fest: „Ostalgie
verringert all das, was unsere Demokratie ausmacht.“ Plakate wie
das in Berlin sind Indizien für diese Besorgnis erregende
Entwicklung. Bleibt zu hoffen, dass das kommende Jahr mit dem 20.
Jahrestag des Mauerfalls zum Anlass, mehr noch als Chance genommen
wird, eines der entscheidenden Daten der deutschen Geschichte nicht
nur durch wohlfeile Sonntagsreden aufzuarbeiten. Sonst braucht sich
niemand mehr zu wundern oder aufzuregen, wenn eines Tages die
unverantwortliche Banalisierung der deutschen Teilung mit all ihren
grauenvollen Konsequenzen - wie eben der Mauer – als gescheitertes
Experiment oder Betriebsunfall allenfalls wie eine Fußnote in
den Geschichtsbüchern interpretiert wird.
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