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| Erschienen in Ausgabe: No 44 (10/2009) | Letzte Änderung: 13. August '09 |
von Lutz Rathenow
Manche Banken sind zum Sitzen und ausruhen da und kosten ab und zu Geld,
weil sie erneuert werden müssen. Andere haben viele Mitarbeiter und sollten
Geld verwalten und erwirtschaften und erweisen sich dann doch als
Schuldenvermehrungseinrichtungen. Die Krise, es sieht nicht gut aus, um die
optimistischere Variante für das Wort „schlecht“ zu benutzen. Wie lange lässt
es sich in das Nichts schauen, ohne wahnsinnig zu werden?
Früher ging einer auf den Hof, in den Keller und hackte Holz auf Vorrat für den
Winter, bevor seine Untätigkeit sein schlechtes Gewissen inspirierte, sich noch
schlechter zu fühlen.
Die relativ anstrengende Zerhack-Arbeit betäubte Gedanken im Kopf. Das weiß,
wer heute noch oder wieder (auch wegen der Energiepreise) Holz für den Kamin
stückelt. Insgesamt erzeugen Krisen im hochindustrialisierten Teil dieser Welt
mehr schlechte Gedanken, krisenhafte Befürchtungen, düstere Mutmaßungen, weil
weniger Menschen erschöpft von harter körperlicher Arbeit sind. Weil die Krise
heute mehr Zeit und Gelegenheit hat, sich nicht nur in der Wirtschaft, sondern
auch den Köpfen der Menschen auszubreiten. Heute braucht es
phantasieanregender Beschäftigungstherapien, Abwrackprämie hieß die eine, die Sache
mit den Bad Banks wirkt da schon von anderem Format. Wir sprechen nicht von
defekten Parkbänken.
((Wie würden wir reagieren, wenn Sohn oder Enkel plötzlich als Berufswunsch
äußern: Mami Pappi, wenn ich groß bin, will ich Bad Banker werden. Oder drohen wir
lieber: Wenn Du nicht richtig lernst, musst Du mal zur Bad Bank gehen !))
Schulden ab- und aufsaugen, das Böse, Unnütze, Gefährliche verwalten,
kontaminierte Papiere isolieren, damit sie das Gute, Gesunde, Unvergiftete in
der Rest-Gesellschaft nicht schädigen können – eine fast heldenhafte Aufgabe
für die Chirugen des Finanzmarktes. Funktioniert dieses Prinzip ähnlich dem der
Auto-Hypnose? Die Selbst-Hypnose hilft bei 1, 2 Krankheiten zu
desensibilisieren – zum Beispiel gegenüber allergischen Reaktionen. Bei
Münchhausen klappte es auch, sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zu ziehen
– viel mehr plant die Gesellschaft heute mit den Bad Banks auch nicht. Aber
eine Bad Bank braucht Menschen, die durch ihre Gehälter erst einmal die
Schulden vermehren. Könnte man faule Kredite, Schulden und Altlasten nicht
einfach vergraben? Oder ins All schießen? Es müsste ja nicht gleich der Mond
sein, auf dem historisches Gerümpel der Großmächte noch herumliegt. ((Wer
wollte dann Matthias Claudius noch unbefangen rezitieren: Der Mond ist
aufgegangen, Milliarden Schulden prangen, auf ihm - so düster klar... Der Mond
kreist zu nahe, die Menschheit hätte ihren rettungslos überzogenen Dispo-Kredit
nächtlich vor Augen.)) Nicht umsonst wird in letzter Zeit gern über Mars-Missionen
diskutiert. Wieviel menschliche Schulden verträgt unsere Galaxie? Bevor sie als
Bad-Galaxie vom Universum einmal ausgesondert und abgekapselt wird.... Zur
Schulden-bekämpfung bleibt die Raumfahrt zu teuer, wir brauchen ein einfacheres
Modell.
Nicht nur Rundfunkstationen wiederholen im August immer gern den Satz eines
ehemaligen DDR-Politikers: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“
Nein, das war keine Lüge, eine visionäre Halluzination, die Betonung lag auf
EINE. Also alle Schulden, kontami-nierten, hässlichen, fehlgebauten und
nutzlosen Gebäude und Gebiete einmauern und aus Deutschland ausbürgern. Es
entsteht ein Flickenteppich dessen, das wir nie wieder sehen wollen. Als Teil
eines Bad Lands, das nicht mehr zu uns gehört – der Name steht aus der jüngeren
Geschichte zur Verfügung. Und Menschen, die diese reaktivierte DDR verwalten
finden sich, eine Art Hartz-4-Republik. Und vielleicht schaffen sie es, gegen
Gebühren die Schulden und Altlasten aus aller Welt sich einzuverleiben: das wahre
und hoffentlich nicht zu große Reich des Bösen und der Krise bildend. Es wirbt
mit dem Slogan: Schaffen sie Ihr Böses zu uns. Und um das zu isolieren, braucht
es viele kleine, große und mittlere Mauern. Das Prinzip Abgrenzung aus
DDR-Zeiten als zusätzliche Konjunkturankurbelung heute, die Krise küsst uns
wach.
Lutz Rathenow, DDR-Dissident und Schriftsteller, befasst sich in dem
Text-Foto-Band OST-BERLIN (Fotos Harald Hauswald, Jaron Verlag, 2008) mit den
paradoxen Wirkungen der Grenzanlagen zu DDR-Zeiten und eigentlich auch noch
heute.
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