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| Erschienen in Ausgabe: No 43 (9/2009) | Letzte Änderung: 21. August '09 |
Martín Kohan, Zweimal Juni, Titel der Originalausgabe: Dos veces junio, Aus dem Spanischen von Peter Kultzen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main (März 2009), 183 Seiten, Gebunden, ISBN-10: 351842078X, ISBN-13: 978-3518420782, Preis: 19,80 EURO
von Heike Geilen
Argentinien - ein Land, welches die meisten spontan mit
Tango, Gauchos, der weiten Pampa und mit Diego Maradonas spektakulärem Fußball assoziieren.
Aber diese südamerikanische Republik hat auch eine äußerst unrühmliche
Vergangenheit. Namen wie Videlas und Masseras, Freunde des chilenischen
Generals Pinochet, rufen für viele traumatische Erinnerungen hervor.
Während der Jahre 1976 bis 1983 wurde das Land von einer
Militärdiktatur regiert, die zu den blutigsten in ganz Lateinamerika gehörte.
Ein Zeitraum von sieben Jahren, in dem die größte Tragödie geschah, die
Argentinien in seiner Geschichte jemals erfuhr, nachdem es sich im Jahre 1816
von Spanien unabhängig gemacht hatte. Nach Schätzungen von
Menschenrechtsorganisationen beläuft sich die ungefähre Zahl an Opfern auf
30.000 Personen. Andersdenkende und politisch engagierte Menschen wurden entführt
und in über das Land verteilten geheimen Haftzentren gefoltert und ermordet.
Gezielt machten sich die Folterer daran, auch das Schicksal der nachfolgenden
Generation massiv zu verändern und das in ihren Worten "subversive Erbe"
auszumerzen. Schwangere Frauen hielt man in der Haft trotz Folter so lange am
Leben, bis sie ihre Kinder zur Welt gebracht hatten. Diese wurden dann illegal
von Familien oder Freunden der Militärs adoptiert und mit den "richtigen
Werten" erzogen.
In dieses Szenario - die Winter der Jahre 1978 und 1982 -
versetzt Martín Kohan den Leser. Als Erzähler fungiert ein junger Rekrut, ein namensloser
Mitläufer der Militärdiktatur, der als Chauffeur des hochrangigen Militärarztes
Doktor Mesiano seinen Dienst bestreitet. Kurz nach seiner Einberufung findet er
im Benachrichtigungsbuch seiner Einheit einen Eintrag des diensthabenden
Feldwebels, der ihn in Aufregung versetzt: "Ab
wieviel Jahren kann man ein Kind folltern?" Doch nicht die Signifikanz
des Geschriebenen lässt ihn echauffieren, sondern der eine Buchstabe zuviel in
diesem eminenten Satz. Denn kaum "etwas
störte mich so sehr wie Rechtschreibfehler.", stellt er fest. Mittels
des danebenliegenden Kugelschreibers gelingt es ihm "aus den zwei zum Glück nah beieinander stehenden l eines zu
machen, dem nur bei genauem Hinsehen anzumerken war, dass es das Ergebnis einer
geschickten Korrektur darstellte, ein wenig fett vielleicht, aber letztlich
doch ein l, wie es sich gehörte."
Permanentes
Relativieren und Herabsetzen des augenblicklichen Geschehens
Die menschenverachtenden Mechanismen der Videla-Diktatur
erzeugen bei dem beinahe sympathisch erscheinenden Icherzähler, dem mehr oder
weniger Involvierten, keine ethischen Bedenklichkeiten. Auch nicht, als er
Zeuge eines "Fachgespräch" seines Chef wird und jener ebendiese prekäre
Frage salopp als falsch gestellt abtut. Denn "auf das Alter kommt es gar ich an, sondern auf die Masse, auf das
Gewicht: Das entscheidet darüber, wie viel ein Körper aushält." Aber
da das Neugeborene offensichtlich zu wenig wiegt - die Waage des Arztzimmers
zeigt erst ein Gewicht ab fünf Kilogramm an - sei eine Folter des Säuglings
wohl nicht sinnvoll. Auch wenn dies als letzte, wirkungsvolle Möglichkeit der
kaum noch lebensfähigen "Delinquentin" in Betracht gezogen wird, um
diese doch noch zu einer Aussage zu bewegen.
Selbst als der Ich-Erzähler mit der leidgeprüften Frau
"in Kontakt" gerät und diese ihn anfleht, ihr Kind zu retten ("Du bist keiner von ihnen. Du musst mir
helfen."), unternimmt er nichts. Im Gegenteil, er beschimpft die schwer
gemarterte Frau auf chauvinistische Art und Weise: "Du bist tot, du Fotze [...]Extremisten helfe ich nicht."
Er reagiert ganz nach dem Gustos seines Chefs: "'Die Guerrilleras lassen sich extra schwängern', sagte Doktor
Mesiano. 'Sie glauben, wenn sie schwanger sind, tun wir ihnen nichts.'"
Ein permanentes Relativieren und Herabsetzen des
augenblicklichen Geschehens vor sich selbst bestimmt den Standpunkt des
Erzählers, den mental eher ein gemeinsamer Bordellbesuch mit seinem
Vorgesetzten, einem treuen Kirchengänger, beschäftigt, als die schrecklichen
Dinge, deren Mitwisser er geworden ist.
Außerdem findet in diesem Juni gerade die
Fußball-Weltmeisterschaft statt, bei der das argentinische Nationalteam auch
noch als Sieger hervorgeht. Es herrscht Massenpsychose und -manipulation. Millionen
sind in chauvinistischer Jubelpose. Der Erzähler interessiert sich mehr für Heimatclub,
Trikotnummern und Größen der aufgestellten Spieler, als für die Verabreichung
von Stromschlägen, Untertauchen als Foltermethode und andere Verbrechen an der
Menschlichkeit.
Szenische
Perspektiven, kalte Sprache
Den Epilog verlegt Martín Kohan ins Jahr 1982. Der ehemalige
Rekrut hat sich mittlerweile als Medizinstudent immatrikuliert und besucht
aufgrund einer Todesanzeige seinen hochgeschätzten ehemaligen Vorgesetzten
Doktor Mesiano. Wieder wird eine Fußballweltmeisterschaft ausgetragen. Aber
Argentinien erhält einen herben Dämpfer. Denn nicht nur der Falklandkrieg wird
verloren, sondern auch das Fußballnationalteam scheidet in der zweiten Runde
aus.
Trotz der allzeit spürbaren Schrecknisse ist der Text des
42-jährigen argentinischen Schriftstellers nicht vordergründig anklagend,
sondern eher subtil, diffizil, beinahe unschuldig, ja unbeteiligt, aber gerade
dadurch nahezu brillant in seiner Einfachheit. Martín Kohan schreibt mit
ausgeprägtem Sinn für ambivalente Situationen. Sein Stil ist karg, funktional
und knapp - manche der durchnummerierten Kapitel umfassen nur wenigen Zeilen -
aber äußerst präzise. Die Hauptkapitel tragen ebenfalls Nummern, die jedoch in
ihrer scheinbaren Ungeordnetheit einen ganz speziellen Bezug zum Text offerieren.
Ständig setzt der Autor wechselseitig zwei oder mehrere Perspektiven
gegeneinander, ja beinahe szenisch ein. Viele kleine Momentaufnahmen werden miteinander
verschränkt. Die kalte Sprache scheint nahezu mathematisch kalkuliert und
hektisch. Ob ihrer Schnelligkeit lässt sie dem Leser während der Lektüre kaum
Zeit für Reflexionen. Diese setzen erst nach dem Zuschlagen der letzten Seite
ein. Dann versucht man aus den vielen kleinen Splittern auf eigene Art und
Weise ein stimmiges Bild zusammenzusetzen. Erst jetzt entstehen aus scheinbaren
Banalitäten schockierende Erkenntnisse mit langer Nachwirkzeit.
Der Übersetzer Peter Kultzen hat den prägnanten Ton des
Autors großartig ins Deutsche übertragen.
Fazit:
Ein dunkles Kapitel argentinischer Geschichte hat Martín
Kohan in diesem beinahe wie ein fragmentarisches Puzzle anmutenden Roman
"Zweimal Juni" verarbeitet: die argentinische Militärdiktatur, ihre
grauenvollen Machenschaften und das scheinbare Unbeteiligtsein, das
Desinteresse, die Ignoranz ihrer Mitläufer, Erfüllungsgehilfen und Opportunisten.
Nicht die Taten werden moralisierend hervorgehoben, sondern die Tatenlosigkeit.
Ein Buch, das ungeheuer nachdenklich macht, auch ohne dass das Grauen mit
direkten Worten beschrieben ist.
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