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| Erschienen in Ausgabe: No 43 (9/2009) | Letzte Änderung: 31. August '09 |
von Stefan Groß
Der komfortable Vorsprung der CDU in Thüringen ist dahin,
nach zehnjähriger, fast monarchischer Regierungsführung der Christdemokraten
ist am 30. August eine Ära zu Ende gegangen. Quittiert hat der Wähler eine
zusehende Verbürokratisierung der Macht und eine Politik, die bisweilen schon
Züge eines Führungsstils à la Politbüro und SED-Regime angenommen hatte. Statt
frei zu diskutieren, Gelöbnisse, feierliche Versprechungen und die
Ausdruckslosigkeit von leeren Phrasen. Die CDU in Thüringen verklemmte sich im
puren Regieren, im Aushalten und Machtverharren, die Interessen der
Wählerschaft gingen schon lange an der Staatskanzlei in Erfurt vorbei. Auch
Althaus und sein Team waren nicht die charismatischen Politiker, die das Land
brauchte und nach denen man sich hier sehnte, von Fehlentscheidungen nicht nur
in der Wirtschaftspolitik ganz zu schweigen.
Selbst wenn der tragische Skiunfall des Ministerpräsidenten
am Neujahrstag, bei dem eine Frau zu Tode kam, nicht entscheidend für den
zweistelligen Verlust der CDU, so zumindest die Wahlumfragen, war, so war es
doch der von seinem Unfall schwer gezeichnete Althaus, der zusehends sein
Charisma verlor. Althaus wirkte, wenn man seine Statements in den letzten Wochen vor der Wahl
analysiert, oft abwesend, mußte sich enorm konzentrieren, um die
Interviews zu überstehen. Was herauskam, war ein ewiger Singsang eines
politisch Ermüdeten. Immer wieder deutlich wurde, daß hier einer zum Kampf
angetreten ist, der physisch und psychisch gar nicht mehr in der Lage war, den
harten Kampf um das Ministerpräsidentenamt zu führen. Althaus hätte die
Konsequenzen ziehen müssen, sein Wiederantreten hat nicht nur ihm, sondern auch
seiner Partei geschadet. Und daß es unionsintern keine Alternative für ihn gab,
steht auch für die schlechte Lage der Partei im Land. Anstatt mit allem
Nachdruck an der Macht festzuhalten, wäre ein rechtzeitiger Abgang für sein
Ansehen besser gewesen. Nun muß sich der erfolgsverwöhnte Politiker, der immer
die Rückendeckung aus Berlin von der Parteivorsitzenden bekam, auf den schweren
Weg nach Koalitionspartnern begeben, um überhaupt seiner Partei im Land noch
ein Mitspracherecht zu ermöglichen. Daß dies mit der Linken und ihrem
charismatischen Lafontaine-Ableger Ramelow nicht möglich ist, ist klar.
Schwierigkeiten macht ihm sicherlich auch die SPD unter Christoph Matschie, die
sich in Thüringen leicht verbessern konnte, die aber bundesweit immer noch bei
23-25 Prozent dahindümpelt. Sie wird für Thüringens Schicksal nun eine entscheidende
Rolle spielen, sie feiert sich, welch Ironie, als Wahlsieger.
Bei aller Euphorie, die die SPD-Spitzen im Willy Brandt Haus
gestern verlautbaren ließen, indem sie das Ende einer möglichen Koalition bei
der Bundestagswahl von Union und FDP beschworen, das Wahlergebnis der SPD in
Thüringen ist auch nicht rühmlich. Für sie ergibt sich aber eine völlig neue
Perspektive: Die große Volkspartei SPD ist zum Lückenfüller geworden, weit
abgeschlagen hinter den Linken.
In den nächsten Tagen wird sich entscheiden, ob Matschie bei
möglichen Gesprächen mit Althaus für das Amt des Ministerpräsidenten votieren
will, oder ob er sich mit dem zweiten Platz zufrieden gibt. Sollte es ihm nicht
um die Profilierung der eigenen Macht, sondern um sein Parteiprogramm gehen,
wäre der zweite Platz sicherlich angemessen. Nur: Ob sich mit einer derartigen
Konstellation von CDU und SPD im Land überhaupt etwas ändert, dies mag man auch
bezweifeln. Vielleicht, dies wäre ein Gedankenspiel, räumt aber Althaus seinen
Posten für den SPD-Kandidaten, um dann mehrere seiner Minister im Amt zu behalten.
Auch bei einer möglichen Koalition von rot-rot-grün hängt
alles vom Machtpoker ab. Matschie oder Ramelow, das ist hier die Frage. Daß
Ramelow mit seinem komfortablen Vorsprung die Macht an die SPD abgibt, darf
bezweifelt werden, auch daß die SPD unter der Führung der Linken regiert. Es
sieht aller Wahrscheinlichkeit nach einer großen Koalition aus, die sich aber
künftig mit einer starken Opposition auseinanderzusetzen hat.
Thüringens Wahlvolk hat gezeigt, daß ihm nach der Wende
absolute Mehrheiten auch nicht geheuer sind. Was es aber mit seinem
Wahlverhalten geschafft hat, ist ein politisch schwer zu regierendes Land. Ob
es sich damit einen Gefallen getan hat, oder ob das politische Profil nur eine
Interimslösung ist, die sicherlich auch einiges Gutes hat, wird die Zukunft
entscheiden. Zumindest ist die Linke nunmehr in der Pflicht, nicht nur
Wahlversprechen blindlings herauszuposaunen, sondern aktiv an der Gestaltung
Thüringens mitzuarbeiten. Für diese Aufgabe kann man ihr und ihrem
charismatischen Ramelow nur Glück wünschen. Letztendlich scheint die Wahl in
Thüringen wie die im Saarland eine zu sein, bei der letztendlich das
überzeugende Auftreten ihrer Politkader, Ramelow und Lafontaine,
ausschlaggebend war.
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