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| Erschienen in Ausgabe: No 43 (9/2009) | Letzte Änderung: 05. September '11 |
von Stefan Groß
Im Epilog zu Schillers Glocke heißt es: „Nun schmückt’ er sich die
schöne Gartenzinne, Von wannen er der Sterne Wort vernahm.“ Kein anderer als Goethe
ist es, der mit diesen Versen seinen früheren Dichterfreund feiert.Die Euphorie,
selbst Gartenbesitzer zu sein, äußert Schiller in einer Vielzahl von Briefen.
Neben seinem Freund Körner ist es vor allem Goethe, dem er die Notwendigkeit
„auf einen Garten“ schildert. (1) So schreibt er an diesen am 10. Februar 1797:
„Ich habe jetzt ein zweites Gebot
auf meinen Schmidttischen Garten getan, 1150 Reichstaler, und hoffe ihn um 1200
zu bekommen. Es ist vorderhand zwar nur ein leichtes Sommerhaus und wird auch
wohl noch einhundert Taler kosten, um nur im Sommer bewohnbar zu sein, aber diese
Verbesserung meiner Existenz ist mir alles wert.“ (2)
Den Rückzug in die Landschaftsidylle
hat Schiller geschätzt. Die Flucht aufs Land und damit in den Garten, der als
„villa suburbana“ außerhalb den geschäftigen Zentren lag, diente dazu, die
höfische Welt hinter sich zu lassen. Hier war man frei, hier konnte man seinen
geistig-produktiven Tätigkeiten nachgehen. Freies Denken in einer als frei
empfundenen Natur – dies genossen auch Goethe und Wieland, die in der Nähe von
Weimar Grundstücke in Oberroßla (3) und in Oßmannstedt (4) kauften. Für beide
erwies sich der Rückzug in die Idylle als finanzielles und auch privates
Desaster. Goethe hatte Schwierigkeiten mit seinem ersten Pächter, Wieland
verlor sowohl die Frau als auch die getreue Freundin Sophie Brentano.
Anders erging
es Schiller, der seine Sehnsucht „Luft und Lebensart zu verändern“, als
Existenzbefreiung verstand. (5) Seinen Gartenaufenthalt, so läßt sich zumindest
aus seinen Briefen entnehmen, begreift er – neben der erheblichen finanziellen
Belastung, die ihm dieser Luxus kostete – als erheiternde Lebenspraxis, die
seine philosophische Ernsthaftigkeit mit Anmut ausfüllte. Im gleichen Atemzug
betont er auch immer wieder, daß ihm die Gartengestaltung notwendige Lebenszeit
abzieht, die er für seine schriftstellerische Tätigkeit besser hätte verwenden
können. So bedauert er öfters, daß das Bauwesen ihm die Ruhe nimmt und die
Ausgeglichenheit raubt, die er notwendig braucht, um sich zu konzentrieren,
denn „diese Arbeiten ziehen mich öfters als nötig ist vom Geschäft ab“. (6) Letztendlich
jedoch euphorisch gestimmt, schreibt Schiller an Goethe am 2. Mai 1797:
„Ich begrüße Sie aus meinem
Garten, in dem ich heute eingezogen bin. Eine schöne Landschaft umgibt mich,
die Sonne geht freundlich unter, und die Nachtigallen schlagen. Alles um mich
herum erheitert mich, und mein erster Abend auf dem eigenen Grund und Boden ist
von der fröhlichsten Vorbedeutung.“ (7)
Die Zeit in Jena von 1788/89 bis
1799, die Schiller zu seinen glücklichsten Jahren zählte, ermöglichten es ihm immer
wieder, seinen Garten zu genießen. Als Privatmann und Gartenbesitzer hat er
sich nachhaltig dafür eingesetzt, einen charakteristischen Garten anzulegen,
der sowohl den Forderungen eines guten Landwirts entsprach als auch die
Sehnsucht des Herzens und des Verstandes miteinander verband.
Schiller
will in seinem Garten keine ästhetischen Spielereien, kein Flickwerk, das er im
theoretischen Werk immer wieder kritisierte. Vielmehr wird ihm der Garten zu
einer praktischen Liebhaberei, die auch in den Briefen zum Ausdruck kommt, wenn
er minutiös über Pflanzungen und Erträge berichtet. Wie sehr der Gedanke des
Wirtschaftens und das väterliche Denken ihn prägten, wird so immer wieder
deutlich. Der Garten und seine Erträge sollten genutzt werden, um Geld zu sparen,
um die kostspielige und aufwendige Haushaltung wenigstens ein wenig zu mindern.
Was für Goethe, finanziell abgesichert im Großen möglich war, konnte der von
Geldnöten geplagte Schiller sich nur im Kleinen leisten.
Die
von Schiller bereits im Der Spaziergang
von 1795 geäußerte Sehnsucht, endlich des „Zimmers Gefängnis“ zu entfliehen, um
sich in der Natur „und dem engen Gespräch, freudig sich“ zu ihr zu retten, wird
am 16. März 1797 Wirklichkeit als der Kaufvertrag zustande kommt. Die Angst,
sich aus dem Garten zu verabschieden, um in das Winterquartier zu wechseln,
quält Schiller bereits am 30. Oktober 1798. Dies zeigt ganz deutlich wie
euphorisch er zu dieser Zeit war. In einem Brief an Goethe vermerkt er: „Wir
sind noch immer im Garten, wo wir uns des ungewöhnlich schönen Wetters noch
recht erfreuen und vergessen, daß es auf lange Zeit von uns Abschied nimmt. Mit
Furcht sehe ich aber den November herankommen [...].“ (8)
Aus
dem „Grundriß“ von 1799 ist zu erkennen, daß es sich beim Garten um eine Anlage
handelte, die im Wesentlichen einer spätbarocken Raumaufgliederung folgte. Neben
der Federzeichnung auf Karton, die mit dem Titel Der Garten des Herrn Hoffrath SCHILLER im Grundriß betitelt ist,
zeigt eine Radierung von Jacob Wilhelm Christian Roux (1771-1830) von 1806
Schillers Garten. Roux, der eigentlich Kupferstecher war, ist Schüler von
Christian Immanuel Gotthilf Oehme (1759-1832) gewesen und sollte später zum
Vorsteher der Zeichenschule in Jena werden – ein Projekt, das zwar von Goethe
gefördert war, jedoch fehlschlug.
Das
ehemalige „Schmidtische“ Anwesen und die Veränderungen, die Schiller mit seiner
Frau in den Jahren von 1797-1799 vornahmen, sind vom Mathematikstudenten
Dietrich Christian August Steinhaus (1775-1800), eben im Grundriß, überliefert. Aus diesem – mit beigelegter Legende –
stellt sich der Garten Schillers als rechteckige, fast quadratische Anlage dar.
Vom Wohnhaus mit zwei Stockwerken und einer Mansarde führt eine axiale
Wegführung zur „Laube“ mit dem berühmten Steintisch, an dem Goethe und Schiller
so manches gute Wort miteinander austauschten.
Die axiale
Wegführung konnte, wie Thomas Pester hervorhebt, jedoch nach neuesten
Forschungen nicht belegt werden. (9) Obwohl es sich beim Garten um ein nach
geometrischen Strukturen aufgegliedertes Ensemble handelte, war das Wegesystem
keineswegs rein axiomatisch gewesen. Die Aufgliederung der spätbarocken Anlage
bestätigt allerdings, daß sich Schiller wiederum einen Garten aussuchte, der
den Prämissen der Regelmäßigkeit gehorchte. Dies legt wiederum den Gedanken
nahe, daß es die vorgegebene Regelordnung im Garten gewesen ist, die ihn
begeisterte.
Vom
piano nobile ergab sich in westlicher Richtung eine Sichtachsenbeziehung zu der
sich am südlichen Gartenrand befindlichen „Gartenzinne“ oder dem – wie Schiller
sie nannte – „Belvedere“. Dieser zweigeschossige Bau hatte im Parterre ein Bad,
im oberen Stockwerk befand sich sein Arbeitszimmer, das er über eine Außentreppe
erreichte. Im Rahmen der baulichen Veränderungen schreibt er am 27. Februar
1798 an Goethe:
„Es beschäftigt mich jetzt
zuweilen auf eine angenehme Weise, in meinem Gartenhause und Garten, Anstalten
zur Verbesserung meines dortigen Aufenthaltes zu treffen. Eine von diesen ist
besonders wohltätig und wird ebenso angenehm sein: ein Bad nämlich, das ich
reinlich und niedlich in einer von den Gartenhütten mauern lasse. Die Hütte
wird zugleich um einen Stock erhöht und soll eine freundliche Aussicht in das
Tal der Leutra erhalten. Auf der entgegengesetzten […] Seite ist schon im
vorigen Jahr an die Stelle der Hütte eine ganz massiv gebaute Küche getreten.
Sie werden also, wenn Sie uns im Garten besuchen, allerlei nützliche
Veränderungen darin finden.“ (10)
Die „Gartenzinne“, die Schiller
bevorzugt nutzte, um seiner schriftstellerischen Arbeit nachzugehen, diente ihm,
wie Goethe im Ilmpark und Wieland in seinem Landgut Oßmannstedt, als Tusculum.
Hier schrieb er Teile des Wallensteins (11) und der Jungfrau von
Orleans nieder.
Vis à vis vom
„Wohnhaus“ lag die „Laube“, während sich zur rechten Seite des Gartens die im
Sommer 1797 angelegte „Küche“ befand. Von der Laube ausgehend – und direkt
hinter der anstelle einer älteren Gartenhütte angelegten Küche – befand sich eine
aus Muschelkalk befestigte Treppe (heute nicht mehr erhalten), die zur Leutra –
einem Zufluß der Saale – führte. Den Weg zur Leutra ziert, so der Grundriß, ein
Monument. Dieses war dem 1792 verstorbenen Professor der Rechte Johann Ludwig
Christoph Schmidt (1726-1792), dem ehemaligen Gartenbesitzer, gewidmet.
Aus
der axialen Gliederung des Gartens ist zu entnehmen, daß neben der Hauptachse
zwei weitere schnurgerade Wege auf die sich links („Gartenzinne“) und rechts
(„Küche) befindlichen Staffagen führten. Eine Mittelachse vor dem Wohnhaus
verbindet die Wege miteinander. Im vorderen – zum Haus sich erstreckenden –
Gartenbereich sind im Grundriß
rechtwinklige Einrahmungen zu erkennen, die darauf hindeuten, daß es sich
hierbei um Beete handelt, die vorrangig dazu dienten, Gemüse für den eigenen
Anbau zu erwirtschaften. Die Vielzahl von Obstbäumen im Grundriß weist auf den ökonomischen Aspekt hin.
Nach
seinem Umzug nach Weimar und dem Entschluß, das Haus von Mellisch in Weimar zu
kaufen, entscheidet sich Schiller seinen Garten in Jena zu veräußern. Ein Brief
an Goethe vom 11. Februar 1802 verdeutlicht nicht nur die finanzielle Not, in
der sich Schiller befindet, sondern auch den wehmütigen Abschied von „meinen
kleinen jenaischen Besitz“.
Mit Hilfe von
Johann Georg Paul Götze (1761-1835) sollte der Verkauf über die Bühne gebracht
werden. Neben einer Anzeige für das „Wochenblatt“ fügte Schiller seinem Brief
an Goethe eine „kurze Notiz“ bei, die über die steuerlichen Belastungen der
Gartenanlage Auskunft gibt. „Der Ankauf hat mich 1150 Reichstaler gekostet, und
ich habe 500 Reichstaler darein verbaut, wie ich mit Rechnungen dokumentieren
kann.“ (12) Gemeint sind hierbei die finanziellen Aufwendungen, die Schiller
für den Umbau des „Wohnhauses“, für die Veränderung von „Küche“ und
„Gartenzinne“ aufgewendet hat. Aus Angst vor einem finanziellen Desaster setzt
er den Verkaufspreis auf 1500 Reichstaler als „dem äußersten Preis für Garten
und Gartenhaus“. (13)
Abschließend ist festzuhalten: In
rein praktischen Fragen wird der Garten für Schiller zu einem Refugium, das ihm
Ungestörtheit bei der Arbeit ermöglichte. Im eigenen Jenaer Garten ging es
nicht darum, irgendein ästhetisches Prinzip, sei es barocker oder
englisch-sentimentalischer Natur zu verwirklichen, sondern als freier Bürger in
einer als frei empfundenen Natur zu leben.
Daß sich Schiller im Sinne eines
Gartenkünstlers betätigt, läßt sich für seine Jenaer Zeit nicht belegen. Alles,
was Schiller im Garten verändert, dient letztendlich nur einer ökonomischen
Haushaltung, die Obstbäume, die er pflanzen läßt, unterstreichen dies mit aller
Deutlichkeit.
Dennoch
ist es nicht von der Hand zu weisen, daß die Kritik an der Gartenkunst
einerseits, und die eigene Neigung und das Interesse einen Garten zu gestalten
andererseits, eine gewisse Ambivalenz zum Ausdruck bringt. Beim Kritiker und
Gartenenthusiast Schiller schlagen also zwei Herzen in der Brust. Dies sollte
aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß ihm die Zuwendung und Auseinandersetzung
mit dem Thema Gartenkunst aus theoretischer Sicht nur eine Episode war – für
ihn gab es Wichtigeres. Seine Freude am eigenen Landschaftsgarten trübte das
jedoch nicht.
(1) Brief Schillers an Goethe vom 31.
Januar 1779, in: Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe (1984), Bd. 1,
S. 299.
(2) A.a.O.,
S. 306.
(3) A. Dobber, „Goethe und sein Gut
Ober=Roßla, Nach den Akten im Goethe= und Schiller-Archiv und im Geh. Haupt-
und Staats=Archiv zu Weimar“, in: „Jahrbuch der Goethegesellschaft“, Sechster
Band, Weimar 1919, S. 195ff.
(4) E. Freitag, „Das Wielandgut
Oßmannstedt und seine Geschichte“, in: „Wielandgut Oßmannstedt“, Ein Aufruf des
Freundeskreises des Goethe-Nationalmuseums e. V. Weimar, Berlin 2000, S. 6-17.
(5) Brief
Schillers an Goethe vom 17. Februar 1797, in: Briefwechsel (1984), Bd. 1, S.
307.
(6) Brief
Schillers an Goethe vom 20. Juli 1798, in: A.a.O., Bd. 2, S. 117.
(7) Brief
Schillers an Goethe vom 2. Mai 1997, in: A.a.O., Bd. 1, S. 334.
(8) Brief
Schillers an Goethe vom 30. Oktober 1798, A.a.O., Bd. 2, S. 161.
(9) T.
Pester, „Schillers Gartenhaus in Jena und der historische Gartenplan von 1799“,
Jena 2003, S. 36.
(10 )Brief Schillers an Goethe vom 27. Februar
1798, in: Briefwechsel (1984), Bd. 2., S. 61. Vgl., a.a.O., S. 112: Brief Schillers
an Goethe vom 11. Juli 1798. „Heute wird wahrscheinlich mein Gartenhäuschen
gerichtet, welches mir den Nachmittag wohl nehmen wird, denn so etwas ist für
mich eine neue Erfahrung, der ich nicht widerstehen kann.“
(11) Den intensiven Gedankenaustausch der
damaligen Zeit belegt ein Brief Goethes an Schiller vom 22. August 1798, in:
A.a.O., Bd. 2, S. 129.
(12) Brief
Schillers an Goethe vom 11. Februar 1802, A.a.O., Bd. 2, S. 392f
(13) Ebda.
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