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| Erschienen in Ausgabe: No 44 (10/2009) | Letzte Änderung: 28. September '09 |
„Hinterlassenschaft“ heißt die neue Jahresausstellung von Kolumba in Köln
von Constantin Graf von Hoensbroech
"Unter der rechten Wandleuchte steht ein Stuhl mit
gerundeten Armlehnen, identisch mit dem an der Fensterseite des Esstisches stehenden
Stuhl. Die Sitzpolsterung ist defekt, einige Sprungfedern unten durch, an der
Sitzvorderkante hängen Fransen herab“, schreibt Kurt Benning in seiner
Beschreibung sämtlicher Gegenstände einer Wohnung, deren Auflösung kurz
bevorstand. Weiter unten heißt es: „In der oberen, mit grünem Filztuch
ausgeschlagenen Schublade ist das Silberbesteck (800) aufbewahrt, welches Stück
für Stück in den dafür vorgesehenen Halterungen liegt.“ So detailliert wie
möglich hat der besonders als Fotograf bekannte Künstler auf rund 80 Seiten die
Bestandaufnahme über die Hinterlassenschaft in der Wohnung seiner Großeltern
abgefasst. Deutungen oder Erklärungen nimmt Benning nicht vor, die Gegenstände
erschließen sich durch die minutiösen Beschreibungen von selbst und lassen beim
Lesen für den Rezipienten Rückschlüsse auf die Personen und ihre Zeit, deren
Maßstäbe, Werte und Lebensgewohnheiten entstehen.
Weil Bennings Aufzeichnungen auch als Videoarbeit mit dem
Titel „Hinterlassenschaft – Ein deutsches Erbe“ vorliegen, lassen sich die
Beschreibungen des Künstlers über die aufgefundene Hinterlassenschaft auch
hören und sehen – derzeit in Kolumba, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln. Mehr
noch: Das Typoskript des 1945 in der Oberpfalz geborenen Benning ist so etwas
wie die Keimzelle für die neue Jahresausstellung des Erzbischöflichen
Kunstmuseums. „Hinterlassenschaft“ ist denn auch die neu gefasste – wie gewohnt
fast ausschließlich aus dem eigenen Bestand konzipierte – Schau überschrieben,
in der es darum geht, Spuren menschlicher Existenz nachzuspüren, die sich in
Dokumenten und alltäglichen Gebrauchsgegenständen ebenso niederschlagen wie in
künstlerischen Gegenständen.
Ein ebenso einfaches wie faszinierendes und nahe liegendes
Thema. Schließlich stellt sich die Frage nach dem, was bleibt, was hinterlassen
wird oder einmal hinterlassen werden soll, doch tagtäglich auf sämtlichen
Ebenen des menschlichen Lebens aufs Neue. Obendrein ein zutiefst religiöses,
christliches Thema: Wie gehen wir mit der Botschaft um, die uns Christus hinterlassen
hat? Nicht zuletzt die christliche Kunst oder die durch die christliche
Botschaft und der Hinterlassenschaft der Evangelien motivierte Kunst
thematisiert doch seit 2000 Jahren das Leben, Wirken und die Bedeutung Jesu
Christi. Dass diese Frage in einem Kunstmuseum katholischer Provenienz gestellt
wird, ist natürlich nicht überraschend.Doch wie sie in den verschiedenen Dialogsituation, die sich durch die
Gegenüberstellung, Konfrontation und die Korrespondenz der Objekte aus zwei
Jahrtausenden abendländischer Kunst, gestellt wird, ist überraschend - mitunter
riskant, nie aufgesetzt, stets unterhaltsam, unverkrampft und ungemein
erfüllend, weil es den Betrachtern so viele Freiheiten der Begegnung und
persönlichen Auseinandersetzung und Deutung lässt.
Besonders eindrucksvoll ist beispielsweise der größte
Ausstellungsraum, in dem auf zahlreichen Tischen ein mehrere hundert Arbeiten
umfassendes Konvolut ausgelegt ist, das Felix Droese (geb. 1950) während seiner
Zivildienstzeit in einer Psychiatrie zusammengetragen hat. Für den Betrachter
erschließt sich nicht, welche der zahlreichen Aufzeichnungen und
Zeitungsausschnitte, Bücher, Zeichnungen und Malereien von dem Künstler und
welche von Kranken stammen. Am Ende des Raumes, der wie ein riesiger Werkraum
kurz vor Arbeitsbeginn anmutet, fällt der Blick auf eine fast kahle Wand, an
der sich rechts ein elfenbeinernes Kruzifix aus dem zwölften Jahrhundert
befindet. Diese stille Präsenz des Kreuzes und die fast über der Szenerie
schwebende Gestalt des Gekreuzigten mögen vielleicht an eine der wesentlichen
Hinterlassenschaften des Auferstandenen mahnen: „Gehet hin in alle Welt und
verkündet das Evangelium.“ Eine wunderbar dichte Szenerie wird hier entfaltet,
die einige Schritte weiter in einem mehrere Meter hohen Raum durch eine in
gleicher Weise karge wie gewagte Raumbestückung abgelöst wird. Da liegt das
ungemein suggestiv, fastauthentisch
anmutendeabgeschlagene Haupt von
Johannes dem Täufer auf einer hochwertig gestalteten sogenannten
Johannesschüssel aus dem 16. Jahrhundert, während im Hintergrund der Maler
Jürgen Paatz durch spontane Setzungen und Gesten zarte Spuren in seiner
Dispersion auf doublierter Leinwand hinterlassen hat.
In den „Asphaltfotografien“ des Malers und Priesters Herbert
Falken hingegen geht es um die Entdeckung ästhetischer, bei längerer
Betrachtung gar an religiöse Symbole erinnernde Spuren. Und die völlig
unverdeckte Präsentation liturgischer Gewänder des ehemaligen Kölner
Erzbischofs Joseph Kardinal Frings gewährt einen unverstellten Blick auf die
Schönheit der Gewänder – und damit die Würde des Amtes und seiner Aufgaben.
Eine Erinnerung an die verlorene Pracht der Paramente? Möglicherweise finden
manche Betrachter eher eine Antwort durch die benachbarte Aneinanderreihung von
Modezeichnungen, die der US-Amerikaner Paul Thek in den 1950er-Jahren gefertigt
hat.
Fast zyklisch schließt die Ausstellung an ihren Vorgänger
unter dem Titel „Der Mensch verlässt die Erde“ an. Dabei ist Kolumba selbst
eine einzige Hinterlassenschaft. In dem Dreiklang aus Ort, Sammlung und
Architektur verdichten sich Zeugnisse aus 2000 Jahren Kölner Stadtgeschichte
mit einer reichhaltigen Sammlung von Objekten aus der Spätantike bis in die
Gegenwart in einem architektonisch herausragenden Bau, der schon jetzt als eine
prominente Hinterlassenschaft seines Urhebers, des Schweizer Architekten Peter
Zumthor, gilt. „Hinterlassenschaften begegnen uns jeden Tag, und sie sind
natürlich nicht von Kolumba loszulösen“, sagt Museumsdirektor Stefan Kraus
lapidar nach zweiwöchiger Auszeit. Es gehört schließlich zum Charakteristikum
des „Museums auf Zeit“, dass Kraus und sein Team – Marc Steinmann, Katharina
Winnekes und Ulrike Surmann – das Haus zwei Wochen vor dem jeweiligen Jahrestag
seiner Eröffnung schließen, um es neu einzurichten. Allein dieser Arbeit des
Denkens, Aufbauens und Einrichten einer neuen Schau mit den unterschiedlichen
Hinterlassenschaften aus den reich gefüllten Depots des renommierten Hauses
kommt gerade bei diesem Ausstellungsthema eine bemerkenswerte künstlerische Qualität
zu. Sind es doch vielleicht die Künstler, die am bewusstesten etwas gestalten
in der Hoffnung etwas zu hinterlassen.
Die Besucher durchwandern eine Ausstellung, die wieder
einmal viele Fragen aufwirft und keine Antworten vorgibt. Wohltuend und dramaturgisch
geschickt ist der Wechsel von fast überladen wirkenden Räumlichkeiten und
Räumen, in denen die Präsentation fast minimalistisch verknappt ist. Kenner des
Hauses entdecken die wenigen bekannten Objekte wie etwa Stefan Lochners
„Madonna mit den Veilchen“ oder die „Tragedia zivile“ von Jannis Kounellis als
die Werke, die ihren angestammten Platz gefunden haben. Was dieses Museum mit
seiner neuen Präsentation bei seinen Besuchern hinterlassen will, sind - wie
schon bei den ersten beiden Ausstellungen - erinnerungsfähige Räume in den
Köpfen und Sinnen der Besucher. Damit wird neben der Frage nach dem Umgang mit
Hinterlassenschaften noch ein zweites großes Thema gestellt: der Wert der
Erinnerung und die Verantwortung im Umgang mit historischer Überlieferung und
Erbe.
bis
30. August 2010; täglich außer di von 12 bis 17 Uhr; www.kolumba.de
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