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| Erschienen in Ausgabe: No. 1 (1/1993) | Letzte Änderung: 21. Januar '09 |
von Bernd Villhauer
Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund
tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.
Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst; Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.
Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann
uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.
Auf einmal ist aus allem Grün im Park
man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen;
man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
und schweigsam sein. Inständig nur und stark
ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
man denkt an einen Hieronymus;
so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
aus dieser einen Stimme, die der Guß
erhören wird. Des Saales Wände sind
mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
als durften sie nicht hören was wir sagen.
Es spiegeln die verblichenen Tapeten
das ungewisse Licht von Nachmittagen,
in denen man sich fürchtete als Kind.
Der angelsächsische Philosoph Charles Taylor gehört nicht zu den besonders bekannten ausländischen Denkern, die in Deutschland diskutiert werden. Wohl ist sein Name nicht unbekannt, aber seine Werke gehören nicht zu denen, die im Mittelpunkt von Debatten standen. Am bekanntesten dürfte Taylors Hegel-Buch sein, das 1978 in deutscher Sprache erschien und 1983 auch als Suhrkamp-Taschenbuch (stw 416) vorgelegt wurde. Ebenfalls bei Suhrkamp erschienen die Bücher “Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen“ (1975), sowie “Negative Freiheit ? - Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus“ (1988, 1992 als stw 1027).
1931
geboren, kanadischer Herkunft, studierte Taylor zunächst an der
McGill University (Montreal), später in Oxford. Dort trat er
nach seinem Studium eine Professorenstelle an, um später wieder
nach Montreal zurückzukehren. Freund und Schüler Isaiah
Berlins; er arbeitete einerseits im Umfeld der analytischen
Philosophie, fühlte sich aber ebenfalls von
existential-phänomenologischen Fragestellungen angezogen, die er
durch die Lektüre der
französischen
Nachkriegsphilosophie (besonders Merleau-Ponty) kennenlernte. Während
der Zeit seiner Anwesenheit am All Souls College in Oxford engagierte
sich Taylor für den Aufbau linker Organisationen in
Großbritannien. Gemeinsam mit Doris Lessing, Edward P. Thompson
und Stewart Hall beteiligte er sich an der Redaktionsarbeit für
die neugegründete Zeitschrift “Universities and the
Neu Left“, die später zur “New Left Review“
fortentwickelt wurde, einem der wichtigsten theoretisch-politischen
Blätter des damaligen England. 1964 veröffentlichte er “The
Explanantion of Behaviour“, worin Perspektiven analytischer
Philosophie untersucht werden, die nicht streng behaviouristischen
Beschränkungen unterworfen sind. Und darum sollte es auch im
weiteren gehen. Erweiterung des analytischen Ansatzes um
Erkenntnismöglichkeiten, die von den orthodoxen Vertretern der
Richtung als “unwissenschaftlich“ abgelehnt wurden, Dies
unter dem politischen Vorzeichen, den Menschen als Gesellschaftswesen
in der ganzen Breite seiner Handlungs- und Denkoptionen philosophisch
zu fassen.
Es gibt eine große Spannbrejte von Möglichkeiten bei der Überschreitung des reduktionistischen Menschenbildes, das aus der materialistisch-mechanistischen Tradition entstanden ist. Eine Variante ist die der Wiederankopplung an einen metaphysischen Zusammenhang oder die irrationalistische Spielart der Schaffung von Zonen der “Nicht-Begreifbarkeit“, „Nicht-Formulierbarkeit“ und ähnlichem, Taylor bleibt auf dem rational nachvollziehbaren, kommunikativen Teppich und beschreibt den Menschen dennoch als ein Wesen, das weit mehr ist, als ein Reiz-Reaktions-Apparat Beispielsweise entwickelt er Ansätze zur Analyse der Selbstdefinition von Individuen, die in ihr schon Wertalternativen vorwegnehmen, Ein Handeln in der Gemeinschaft ist ohne Bezugnahme auf das situationsgebundene Selbstverständnis der handelnden Subjekte gar nicht angemessen aufzufassen: Der Erklärung der Handlung muß daher ein hermeneutisches Verstehen der jeder unmittelbaren Beobachtung entzogenen Perspektive des Handelnden unbedingt vorhergehen.
Alle
Bücher Taylors können als Bausteine zu einer Konzeption vom
Menschen begriffen werden, die dessen kommunikativen Fähigkeiten
und seiner Einbindung in soziale Wechselbeziehungen gerecht zu werden
versucht. Wegen der Betonung der sozialen Abhängigkeit des
Individuums wird Taylor auch gerne der Bewegung des
“Communitarianism“, die vor allem in Amerika größere
Bedeutung hat, zugerechnet.
Mit
seiner Bemühung, umfassendere Kompetenzen des Menschen zu
erkennen, setzt sich Taylor natürlich in krassen Gegensatz zu
reduktionistischen und formalistischen Theorien.
Analytische
Philosophie, die nicht langweilt! Selten gesehen, doch hier wird‘s
zum Ereignis. Wie so die Aneignung und Verarbeitung auch der
unterschiedlichsten philosophischen Traditionen möglich wird,
zeigt sein großes Buch über Hegel. Ein freier Blick, der
nicht durch pseudowissenschaftliche “Gschaftlhuberei“ mit
Formeln und Gleichungen verbaut wird, Gerade ein dezidiertes
Interesse (und zwar ein politisches) weckt die Faszination.
Vielleicht
banal: der philosophische Diskurs, die Kommunikation, nicht als Ziel,
gerade das nicht, sondern ein Sich-Aussprechen persönlichster
Art, das aber selbstverständlich im Diskurs steht und Annäherung
nicht verhindert.
Bleibt
zu hoffen, daß bald eine deutsche Übersetzung der
wichtigen “Philosophical Papers“ von 1985 möglich
wird, die vollständig ist.
Ich
empfehle, die Werke Charles Taylors‘ zu kaufen, zu lesen und zu
verbreiten.
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