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| Erschienen in Ausgabe: No. 1 (1/1993) | Letzte Änderung: 21. Januar '09 |
Zum Vernunftverständnis C. F. von Weizsäckers
von Christian Danz
Ein
zentrales Thema von Weizsäckers ist die fundamentale Krise der
Neuzeit ‚ deren kumulativer Höhepunkt noch vor uns liegt.
Diese Krise, die sich in den Bereichen Theorie, Praxis und Kunst
äußert, ist nun nicht etwa nur das Produkt der Neuzeit.
Vielmehr ist, so von Weizsäcker, die Menschheit, seit ihrem
Eintritt in die Hochkulturen, vor Probleme gestellt, die sie nicht zu
lösen im Stande war.
Mit
dem Eintritt in die Hochkulturen ging eine Loslösung einher, die
man als eine Abkopplung des Menschen von einem “elementareren
Leben“ bezeichnen kann. Die Kultur etablierte so ein
“abstraktes Leben“, welches aus dem elementaren Leben, in
dem sich der Mensch je schon befindet, herausführte. Damit löste
sich das Verhalten des Menschen aus dem komplexen Fundament seiner
Umwelt, deren er Teil ist. Die Folge davon ist, daß sich im
Verlauf der Geschichte, und insbesondere der Abendländischen,
Gestaltungen herausbildeten, die sich vom Fundament des
menschlichen Verhaltens, d.i. vom elementaren Leben, emanzipiert
haben. Diese Gestaltungen sind nach von Weizsäcker Theorie,
Praxis und Kunst.
In
diesen Gestaltungen nimmt die Neuzeit sich wahr. Durch die
Verstellung des elementaren Lebens verlieren diese Artefakte ihre
Einheit und Wahrheit. Dies führt zu einer Verselbständigung
der Elemente unter dem Primat der Theorie. Aber gerade indem jedes
dieser Elemente für sich den Anspruch erhebt, das Ganze des
menschlichen Daseins und Verhaltens zu repräsentieren, werden
sie unwahr und destruktiv.
Nur
ein Bewußtseinswandel, der einer gemeinsam angewandten Vernunft
Raum gibt, kann nach von Weizsäcker die Krise der Neuzeit vor
ihren für die Menschheit tödlichen Konsequenzen bewahren.
Dem hierbei von von Weizsäcker in Anschlag gebrachten.
Vernunftbegriff möchte ich in Form von zwei Thesen nachgehen.
Vernunft
ist zunächst für von Weizsäcker kein Begriff der
Theorie, sondern eine Fähigkeit, die im alltäglichen Umgang
ihren Ort hat. Vernunft in diesem Sinne ist die Fähigkeit, eine
Situation zu erfassen, und das Vermögen, sich in ihr zu
orientieren, Gemeint ist also so et-
was
wie ein intuitives Wahrnehmen der Umwelt in ihrer Ganzheit. Wir
kennen gewissermaßen schon immer die Situation, in der wir
uns befinden, auch wenn wir sie nicht ausdrücklich
vergegenwärtigen.
Zum
erfolgreichen Handeln ist diese unausdrückliche Wahrnehmung der
Situation unerläßlich. Dies gilt nach von Weizsäcker
für alle Glieder im evolutiven Prozeß. Ohne eine
Wahrnehmung der jeweiligen Umwelt und ein dieser entsprechendes
Handeln, könnten Individuen und Gesellschaften in der Evolution
nicht überleben.
Deshalb
gehören Wahrnehmung und Handeln zusammen und sind nicht zu
trennen. Wahrnehmung ist schon Handeln, Vernunft ist deshalb ein
Vermögen, daß sich nicht in der Theorie erschöpft,
sondern immer schon Praxis und Kunst mit impliziert. Von Weizsäcker
spricht deshalb von der Vernunft als einer “Fähigkeit zu
wachem Handeln“ (Bewußtseinswandel, S. 147).
Vernunft
nimmt das wahr, was gerade nicht begrifflich gefaßt werden
kann, ja was sich dem Begriff entzieht, Sobald wir versuchen, das
Ganze begrifflich zu fassen, es zu Vergegenständlichen, ist
es nicht mehr das Ganze. Es ist nur noch ein partikularer Ausschnitt
aus der Wirklichkeit, Das Ganze entzieht sich dem Begriff, der es
objektivierend vorstellen will. Gleichwohl ist der Mensch das
Lebewesen, das Denken kann. Er hat Verstand und Willen. Verstand ist
die Fähigkeit der diskursiven begrifflichen Erkenntnis. Dem
Verstand ist der Wille konform. Das Instrumentarium von Willen und
Verstand. ist das begriffliche Denken. Dieses kann verstanden werden
als ein Probehandeln in der Vorstellung, welches aus der direkten
Situation herausführt und damit diese in ihrer Integrität
nicht mehr wahrnimmt. Wir stehen so der Welt gegenüber und
nehmen sie aus der Distanz wahr. Damit leben wir nicht mehr im
Augenblick, sondern jenseits der besonderen Situation, “Der
Begriff, der Fernes verknüpft, zerlegt das Gegenwärtige,
nimmt es nicht als Ganzes wahr. ‘Hier ist Geld zu verdienen‘
- und ich vergesse, daß ich damit meinen Nachbarn schädige,
“(Bewußtseinswandel, S. 175)
Verstand
und Willen haben sich von der Vernunft emanzipiert. Die technischen
Erfolge der Neuzeit zeugen von der Macht der vernunftlosen
Bruderkräfte Verstand und Willen. Hierin liegt die Gefahr für
die Menschheit, Aber dennoch gibt es für v Weizsäcker kein
zurück. Wir können nicht auf das Denken verzichten, ja
gegen das Denken hilft nur Denken. Aber dieses Denken muß um
die gefährliche Ambivalenz des Denkens wissen, darf davor nicht
die Augen verschließen, Die Frage ist, wie es möglich sein
kann, den Verstand und den Willen in die Vernunft zu integrieren?
Der
Kern der Ambivalenz des neuzeitlichen Denkens liegt nach v Weizsäcker
im Ich des Menschen, Ambivalenz meint hier die Nichtidentität
des Menschen mit sich selbst. Im zwischenmenschlichen Bereich sind
die Beziehungen unter den Menschen durch gegenseitige Furcht
stabilisiert, Von sich aus kann der Mensch nach v. Weizsäcker
diese Furcht nicht überwinden, denn ihr liegt eine fundamentale
Angst vor dem Dasein zugrunde. Das Ich ist so nicht auf das Ganze hin
geöffnet, sondern verschlossen. Unter Glauben versteht v.
Weizsäcker, ein Offensein des Menschen auf das Ganze hin.
Glaube ist eine unverstellte Wahrnehmung des Ganzen. Möglich
wird Glaube durch die Erfahrung der Liebe, die die gegenseitige
Furcht überwindet. Die Erfahrung der Liebe macht es möglich,
daß der Mensch der sein kann, der er immer schon ist. Er
erfährt sich‘ als Geschöpf Gottes, das berufen ist,
in solidarischer Gemeinschaft mit der Mitschöpfung zu leben.
Nach
v. Weizsäcker ist es daher verfehlt, einen Gegensatz zwischen
Vernunft und Glauben zu statuieren. Die Trennung von Glauben und
Vernunft ist aber gerade Resultat des verengten
Wahrnehmungshorizontes der theorieförmigen Neuzeit. ‘Beides
sind jedoch Wahrnehmungsweisen des Ganzen. Wo der Glaube Raum
gewinnt, da ist Vernunft‘ als Wahrnehmung des Ganzen präsent.
Durch die Liebe wird. Vernunft ermöglicht, und Vernunft fordert
letztlich die Liebe.
Insofern
ist es für v. Weizsäcker gerade der Glaube, der ein
verantwortliches Denken ermöglicht. ‘Vernunft hat in
dieser Perspektive ein theologisches Fundament, wobei v. Weizsäcker
nicht nur die‘ christliche Tradition des Abendlandes im Blick
hat. In den religiösen Erfahrungen der Menschheit ist Sinn und
Wahrheit präsent, da sich hier die Wirklichkeit als sinnvolle
Ganzheit erschließt.
Dies
bedeutet jedoch für v. Weizsäcker nicht, daß man sich
einfach unbefragt der überlieferten Religion anheimgibt.
Auch in den Religionen kann es zu verengter Wahrnehmung kommen. Die
Religion ist ebenso unvollendet, wie das Projekt Aufklärung.
Aber das sinnstiftende und integrierend Potential der Religion ‚
kann fruchtbar in den Dialog der ‚Gegenwart eingebracht werden.
Die Erfahrung der Liebe, die in den Religionen gegenwärtig
ist, kann zu einer Vernunft führen, die den Blick für das
Ganze offen hält. Diese Vernunft weiß was sie tut. Sie hat
Verstand und Willen integriert, und führt zu einem überlegten
Handeln.
Das
Problem der Zeit als philosophisches Problem, Berlin 1959.
Die
philosophische Interpretation der modernen Physik, Halle 19754.
Der
Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen
Anthropologie, München 19785.
Die
Tragweite der Wissenschaft. Bd. I. Schöpfung und Weltentstehung.
Die Geschichte zweier Begriffe, Stuttgart 1964.
Die
Geschichte der Natur, Göttingen 19584.
Wahrnehmung
der Neuzeit, München 19862.
Zum
Weltbild der Physik, Stuttgart 19587.
Bewußtseinswandel,
München 1988.
Zeit
und Wissen, München 1993.
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