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| Erschienen in Ausgabe: No. 2 (2/1993) | Letzte Änderung: 21. Januar '09 |
Das Bild vom Intellektuellen in Susan Sontags Essays und Romanen
von Bernd Villhauer
Die
Kunst des essayistischen Schreibens erfordert, daß der
Schreiber sich selbst unkenntlich
genug macht, um durch Formen und Themen immer wieder verblüffen
zu können. Der Essay soll in knapper Form pointiert neue
Interessengebiete erkunden oder vertraute Gegenstände der Kultur
neu beleuchten. Es läßt sich aber nicht vermeiden, daß
die Person des Essayisten im Lauf der Zeit kenntlich wird, daß
der Essay, der scheinbar aus kurzen Beschreibungen verschiedener
Phänomene besteht, in eine Selbstbeschreibung mündet. Dann
wird verdeutlicht, daß am Beginn der essayistischen Kunst eine
radikale Selbstanalyse stand : Montaignes ‚Essais’ von
1580 sollten vor allem auch dazu dienen, daß der Autor sich
selbst ohne Furcht und Falschheit gegenübertreten konnte. “Es
reicht, sich das Gesicht zu pudern; müssen wir uns auch noch die
Seele pudern?“ (3. Buch der Essais, 10. Kapitel) Susan Sontag
prägte mit ihren Essays die amerikanische Szene der 60er und
70er Jahre wie keine andere. Auch sie wurde dem Leser des ‘New
Yorker‘ oder der ‘Partisan Review‘ im Laufe der
Zeit eine vertraute Person; ihre Meinungen entwarfen ein Bild von
ihr. Susan Sontags Interessen waren die Interessen der Zeit, sie
richtete ihren Blick auf zahlreiche Probleme, die das Leben der
US-Intellektuellen bestimmten.
Ihre
Beschreibung des ‘Camp‘-Stils beginnt mit
Entschuldigungen. Was sie entschuldigen zu müssen glaubt, ist
ein Geheimnisverrat. Die Geheimnisse sind Privatangelegenheiten, sie
haben viel mit einem Lebensstil und der Phänomenologie modernen
Intellektuellenlebens zu tun. Der Blick auf scheinbar unwichtige
Details, auf Geschmacksfragen, erhellt, wie sich Rolle und
Selbstdefinition bei den urbanen Cliquen, um die es geht, geändert
haben. Der neue Typus des kultivierten Bürgers ist nicht mehr
als Verteidiger einer Hochkultur-Arroganz vorstellbar, er ist kein
Konservierer belanglos gewordener Klassizismen oder Romantizismen,
sondern ein Moderner in vollem Wortsinne. Seine analytischen
Fähigkeiten richten sich nicht mehr nur auf den tradierten
Kulturkanon, er gesteht sich selbst auch ‘schlechten‘
Geschmack ein, weil die Einteilung in gute und schlechte ästhetische
Werte sichtlich unmöglich geworden ist.
Geprägt
vom Adornoschen Begriff einer Kunst, die im kreativen Vollzug ihre
eigene Unmöglichkeit einbegreift, sind ihre Aussagen über
‘Camp‘: “Nicht das Altern läßt demnach
die Dinge ‘campy‘ werden, sondern das Nachlassen unserer
Teilnahme an ihnen und unsere Fähigkeit, das Scheitern des
Versuchs zu genießen, statt enttäuscht davon zu sein“.
Und an anderer Stelle über das Bild des Intellektuellen: “Der
Kenner des Camp hat sinnvollere Genüsse entdeckt. Er delektiert
sich nicht an lateinischer Poesie, an seltenen Weinen und Samtjacken,
sondern an den derbsten und gemeinsten Vergnügungen, an den
Künsten der Massen. Der bloße Gebrauch befleckt die
Gegenstände seinen Vergnügens nicht, da er lernt, sie auf
ausgefallene Weise zu besitzen. Camp - der Dandyismus im Zeitalter
der Massenkultur - macht keinen Unterschied zwischen dem
einzigartigen Gegenstand und dem Massengut. Der Camp-Geschmack läßt
die Übelkeit unter sich, die die Reproduktion bewirkt“.
Das
Ineinanderfallen von phänomenologischen Versuchen über
kulturelle Eliten in der Massenkultur und detaillierten
Einzelbeschreibungen der geistigen Innenausstattung seiner selbst und
der Cliquen, zu denen man gehört, wurde bei Susan Sontag schnell
von einer ständigen Anwesenheit der Öffentlichkeit
begleitet. Der Person Susan Sontag wurde viel Aufmerksamkeit
geschenkt. Ein Grund dafür liegt bestimmt in ihrer medial
vielfach gespiegelten äußerlichen Attraktivität. Wenn
die junge Essayistin der 60er Jahre Artikel über pornographische
Literatur veröffentlichte und in den Zeitschriften dazu ihr
verschlossen-schönen Gesicht weit mehr dargestellt wurde als die
inhaltlichen Thesen, dann ist das auch ein Lehrstück über
Selbststilisierung und Medieneigenresonanz gewesen.
Wie
entfaltet sich aber diese Vorstellung vom Intellektuellentypus in den
Büchern, in denen handelnde Personen wichtig sind, in ihren
Romanen? Hier, wo sie die Umstände selbst zu bestimmen hat,
könnte sie über die Perspektiven intellektuellen
Selbstverständnisses freier sprechen und über die
Wechselbeziehungen von Kultur und Gesellschaft reflektieren.
3
Romane hat Susan Sontag bisher veröffentlicht, zuletzt ‘The
Vulcano Lover, A Romance‘ (1992, deutsch: ‘Der Liebhaber
des Vulkans‘, München 1993). Davor erschienen ‘Death
Kit‘ (1967, deutsch ‘Todesstation‘) und ‘The
Benefactor‘ (1963, deutsch ‘Der Wohltäter‘).
Ich
will mich bei meinen Bemerkungen auf ihren letzten und ihren ersten
Roman beschränken, da diese beiden besonders das Problem
intellektueller Persönlichkeitsstruktur behandeln. In beiden
steht ein kultivierter reflektierter männlicher Held im
Mittelpunkt, der wenig tatkräftig heldisches hat, sondern das
eigene Leben als einen Entwicklungsroman ‘schreibt‘ und
die Stufen der Veränderung sorgsam notiert. Im ‘Wohltäter‘
ist es der Ich-Erzähler Hippolyte, dessen Gedanken beständig
um die eigene Person kreisen, der in Träumen und extremen
Erfahrungen ein Bild von sich entwirft, das durch Reduktion und
Sachlichkeit geprägt ist Hippolyte lebt separiert von den
meisten äußeren Geschehnissen Vollkommen unabhängig,
auch finanziell luxuriös abgesichert führt er ein Leben,
das nur der Selbsterfahrung und Konzentration dient. Die Gestalt
steht in enger Beziehung zu den Hoffnungen der damaligen
Intellektuellengeneration, deren Weg unaufhaltsam ‘nach innen‘
zu führen schien. Hippolytes Leben vollzieht sich ohne
benennbaren Sinn, ohne Ziele, es endet in geistiger Verwirrung und
Isolation, einer radikalen Vereinzelung. Seine Träume und seine
Lebenswirklichkeit dringen ineinander und beginnen, sich zu
destruieren. Die Autorin leitet dabei keine Erkenntnisse aus der
Geschichte ab; so wenig Hippolyte lernt, so wenig erfährt auch
der Leser. Erzählt wird die Geschichte einer inneren
Erlebniswelt, die hermetisch abgeschlossen zu sein scheint, dem
entspricht ein hermetischer, spröder Stil. Der Sinn, der bei
dieser radikalen Suche nach sich selbst entstehen sollte, entgleitet
und verflüchtigt sich. Kein Weg, nirgends. Ganz anders die
Hauptfigur im historischen Roman ‘Der Liebhaber des Vulkans‘.
Es geht in diesem um Sir William Hamilton, den Ehemann der berühmten
Lady Emma Hamilton, Geliebte des Admirales Nelson. Hamilton,
englischer Gesandter in Neapel, wird als Prototyp des Sammlers
gezeichnet, mit enzyklopädischen Interesse und dem rastlosen
Kunstsinn der großen englischen ‘Dilettanti‘. Viele
Reflexionen Hamiltons lehnen sich stark an Benjaminsche Aussagen an,
wie wir sie im ‘Passagenwerk‘ über den Sammler und
die Sammlung finden. Formal unterscheidet sich das Buch deutlich vom
‘Wohltäter‘, indem es in historischer
Stimmungsmalerei schweigt und mit seiner Fülle an Beobachtungen
der Menschen und Orte ein opulentes Lesevergnügen bietet.
Gleichzeitig ist der Text vielfach durchzogen von Stilmitteln der
avantgardistischen Moderne, von Symbolen einer Romankunst, die Susan
Sontags frühe Romane so stark prägten. Die ‘unaufdringliche
Modernität‘, die Kritiker so gerne erfolgreichen
und dennoch nicht stupiden Büchern attestieren, auch hier findet
sie sich. Sie steht wohl auch dafür, daß die Überlegungen
zu Hamiltons Leben immer im Bezug zum Heute gesehen werden sollen.
Der Engländer, der kühlen Sinnes die Eruptionen des Vesuvs
verzeichnet, bietet das Musterbild für Intellektuelle, die sich
der eigenen Emotionalität stellen wollen und glauben, aus den
vergangenen Innerlichkeitsexzessen gelernt zu haben. Der. Sammler als
moderne Figur, nun auch als einer, der sich liebevoll den Dingen
zuwendet, die der historische Prozeß vergessen hat. Sicherlich
auch jemand, der einen Blick für das zu entwickeln hat, was von
der Geschichte aus dem normalen Kultur-Fundus aussortiert wurde, für
alles, was irgendwann als ‘campy‘ wird beschrieben werden
können, was unzeitgemäß oder banal erscheint. So wie
Hamilton fast zärtlich seinen Vulkan und dessen Veränderungen
beobachtet und diesem in den Augen der Zeitgenossen unziemlichen
Hobby, das erst durch ihn ein wenig populärer wurde, nachgeht,
so gibt es für den neuen Sammler-Typus vielfache Möglichkeiten,
der Erstarrung in der musealen Geste, die die verwirrenden
Bedingungen der Postmoderne nahezulegen scheinen, zu entkommen.
Bewahrung des kulturellen Erbes und eigenes kreatives Eingehen auf
das Heute werden verwoben in ein Lebensgeflecht, das nicht nur
ästhetische Relevanz hat. Und das eben nicht mehr in geduldeten
Nebenaspekten, als Frage der Inneneinrichtung, die ‘campy‘
sein darf, eines ‘schlechten Geschmacks‘, den man
sich lächelnd eingesteht. Das, was ‘Camp‘ war, rückt
von der Peripherie ins Zentrum der Persönlichkeit, eine neue
Selbstverständlichkeit entsteht, bei der Selbstanalyse nicht mit
Selbstanklage einhergeht.
Ist
es unpassend, darauf hinzuweisen, daß Susan Sontag zu den
wenigen gehört, die auf die Situation Sarajewos anders als mit
lautstark geäußerter Betroffenheit reagierte? Sie trug mit
ihren Mitteln, der Inszenierung einer Aufführung von ‘Warten
auf Godot‘ in der umkämpften Stadt dazu bei, daß der
Eindruck, die kultivierte Welt habe die Menschen dort abgeschrieben,
nicht ganz unwidersprochen bleiben mußte. Ewige Schande für
die europäischen Intellektuellen, daß eine amerikanische
Staatsbürgerin so für den Universalismus eines
Kulturbegriffs eintrat, der in Europa geboren wurde.
Auch
in der Aktualität ist Susan Sontag selbst die Person, die sie
beschreibt. Sie ist Sir William Hamilton, aber auch die
neapolitanische Revolutionärsdichterin Eleonora de Fonseca
Pimentel, die nach dem kurzen republikanische Zwischenspiel in Neapel
hingerichtet wird und die am Ende des Buches das Wort hat. Der
Entwicklungsprozeß, den die Sontagschen intellektuellen
Protagonisten durchmachen, ist auch der einer Intelligenzija, die
jetzt erst richtig beginnt, sich vom ideologischen Autismus der
Nachkriegsjahre zu befreien. Den Blick verstellende Gespenster, wie
der Antikommunismus oder die geist- und herzlose Abneigung gegen das
eigene Land und das historische Herkommen, verflüchtigen sich.
Aufgabe
einer neuen Phänomenologie des Intellektuellen ist es, immer
wieder Habitus, Lebensstil in der Fülle der sozialen
Lebensumwelt zu thematisieren und dabei kein Banales oder
Selbstverständliches zurückzuweisen. Nur so kann der
Denkende als ganzer Mensch im Blick erscheinen, in widersprüchlicher
Vollständigkeit. Denken ist: vollständig sein.
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