| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 05. Oktober '09 |
Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler bei der Festveranstaltung "60 Jahre DGB"
von Horst Köhler
60
Jahre Deutscher Gewerkschaftsbund - ein stattliches Jubiläum und ein
guter Grund, zurückzublicken auf Erlebtes und Erstrebtes und
vorauszuschauen auf die kommenden Aufgaben der Gewerkschaften in
Deutschland und weltweit. Ich gratuliere dem DGB, und ich sage Ihnen
aus Überzeugung: Sie werden gebraucht. Bleiben Sie stark, bleiben Sie
streitbar und kompromissbereit und auf das Gemeinwohl bedacht! Herzlichen
Glückwunsch also. Aber in Deutschland sind offiziell mehr als 3,3
Millionen Menschen arbeitslos, und die noch immer virulente Krise auf
den Finanz- und Wirtschaftsmärkten hat unseren Arbeitsmarkt noch gar
nicht voll erreicht. Sie werden darum von mir auch heute keine bloße
Festrede erwarten - zur Sache also:
Die internationale
Finanzkrise hat gezeigt, was geschieht, wenn mächtige wirtschaftliche
Akteure den Blick fürs Ganze und den Blick über den Tag hinaus
verlieren. Das wirft zwei grundsätzliche Fragen auf:
Erstens:
Dürfen sich die Völker der Welt eigentlich einfach darauf verlassen,
dass die Akteure auf den Märkten den nötigen Blick für das Gemeinwohl
und für nachhaltiges Wirtschaften haben? Antwort: Nein, das dürfen die
Nationen nicht. Die Krise hat bewiesen: Im Wirtschafts- und Finanzleben
ist eine energische staatliche und zwischenstaatliche Ordnungspolitik
unentbehrlich. Die ordnungspolitischen Vordenker unserer Sozialen
Marktwirtschaft haben Recht behalten: Der Markt alleine richtet nicht
alles zum Guten. Wir brauchen wirtschaftspolitisch weltweit "einen
starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der
Interessenten" (Alexander Rüstow). Stark ist ein Staat, der dem
Marktgeschehen klare und wirksame Regeln und Grenzen setzt. Und stark
ist gerade auch ein Sozialstaat, der keine Versprechungen macht, die er
nicht einlösen kann.
Die zweite Frage lautet: Lässt sich die
Wirtschaft so gestalten, dass sie mehr verfolgt als bloße
Eigeninteressen, dass die an ihr Beteiligten immer auch das Gemeinwohl
und die Erfordernisse nachhaltigen Wirtschaftens im Blick behalten?
Antwort: Ja, und dafür sind vor allem drei Faktoren förderlich -
soziale Teilhabe, ein kooperatives Klima in den Arbeitsbeziehungen und
eine Kultur der Mitbestimmung.
Soziale Teilhabe schaffen
heißt: möglichst allen Menschen die Überzeugung geben "Ich werde
gebraucht. Meine Stimme zählt." Arbeit haben, mitarbeiten dürfen, das
ist eine der wichtigsten Formen sozialer Teilhabe. Schon deshalb muss
"Arbeit für alle" ein vorrangiges politisches Ziel sein und bleiben.
Für mich gehört zu diesem Ziel, dass wir noch stärker als bisher
Anreize setzen, Sorgearbeit für Angehörige, Nachbarn und Freunde sowie
Gemeinwohlarbeit ins eigene - länger gewordene - Leben zu integrieren.
Arbeit
ist meist erst als Zusammenarbeit wirklich produktiv. Für solche
Zusammenarbeit sind Mitspracherechte der Arbeitnehmer und ein
kooperatives Klima zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern eindeutig
förderlich. Die Mitsprache der Arbeitnehmer hat in Deutschland eine
lange Tradition. Betriebliche Arbeitervertretungen gab es bei uns schon
im neunzehnten Jahrhundert, und 1905 schrieb sie erstmals der
Gesetzgeber für einen Teil der Wirtschaft zwingend vor. Schon damals
zeigten die sogenannten Arbeiterausschüsse, zum Beispiel im
Maschinenbau: Je mehr die Arbeitnehmer an der Gestaltung der Produktion
beteiligt wurden, je mehr sie sich damit identifizieren konnten und je
mehr sie ihren fairen Anteil am Erfolg bekamen, desto weniger bedurfte
es kostspieliger Kontrolle, desto weniger Ausschuss wurde produziert
und desto weniger riskant war es, teure Maschinen anzuschaffen, die auf
störungsfreie Bedienung angewiesen waren und ungestört von
Arbeitskämpfen laufen mussten, um sich bezahlt zu machen. Wenn das
schon damals so war - um wie viel mehr dann erst heute, in unserer
komplexen und hoch vernetzten Wissensökonomie!?!
Die
betriebliche Mitsprache der Arbeitnehmer und die Mitbestimmung sind
also nicht eine wohltätige Einrichtung oder gar ein Hemmschuh für die
Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Sie sind im Gegenteil -
das hat zuletzt die von Gerhard Schröder berufene und von Kurt
Biedenkopf geleitete Kommission überzeugend herausgearbeitet - ein
Produktions- und Innovationsfaktor ersten Ranges und einer der großen
Vorteile der hiesigen Wirtschaftskultur! Dabei will ich nicht unerwähnt
lassen, dass die Praxis der Mitbestimmung in Einzelfällen auch zu
Kungeleien geführt hat. Dagegen ist Wachsamkeit geboten und
nötigenfalls auch Reform. Insgesamt haben situationsgerechte
Tarifverträge und kluge Betriebsvereinbarungen aber maßgeblich zu
Deutschlands Wirtschaftsstärke und sozialer Leistungsfähigkeit
beigetragen. Bis heute. Ich denke zum Beispiel an die "Pforzheimer
Vereinbarung" in der Metallindustrie und an den Tarifvertrag zur
demographischen Entwicklung in der Chemieindustrie. Wir haben also
allen Grund, ein gutes Miteinander von Arbeitgebern und Arbeitnehmern
als wichtige Voraussetzung zur Bewältigung auch der heutigen und
zukünftigen Herausforderungen zu verstehen und zu pflegen. Und ich
denke: Auch eine echte Beteiligung der Arbeitnehmer am
Produktivvermögen und an Kapitaleinkommen könnte diese Linie in der
Zukunft noch komplettieren. In jedem Fall: Wir Deutsche sollten
erkennen, was wir an dem schon Erreichten haben, und wir sollten den
Beitrag der Gewerkschaften dazu erkennen und zu schätzen wissen.
60
Jahre DGB, das ist deshalb auch ein Anlass danke zu sagen: Danke für
den Beitrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der in ihm
verbundenen Gewerkschaften zur sozialen Teilhabe, zur Vertrauensbildung
in unserer Gesellschaft, zum Aufbau der Sozialen Marktwirtschaft und
zur Stärkung unserer Unternehmen.
Die Arbeit an einer
besseren Weltfinanz- und Weltwirtschaftsordnung hat begonnen. Und der
Einsatz unserer Bundeskanzlerin und unseres Bundesfinanzministers in
dieser Frage verdient Dank und Anerkennung. Ich kann aber, ehrlich
gesagt, aus den veröffentlichten Beschlüssen von Pittsburgh leider noch
nicht entnehmen, dass sich eine Krise dieser Dimension auf den
Weltfinanzmärkten nicht doch eines Tages wiederholen kann. Eine solche
Krise aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen muss doch der
Maßstab sein, an dem wir den Erfolg der internationalen Bemühungen
messen. Wie könnte die Politik den Menschen sonst guten Glaubens zum
Beispiel Vorsorgesparen für das Alter empfehlen?
Tatsächlich
beobachten wir auf den internationalen Finanzmärkten schon wieder ein
Déjà-vu mit Hütchenspielern im Shadow-Banking, mit intransparenten
Derivategeschäften und Spekulation auf den Rohstoffmärkten - und alles
davon in Größenordnungen, die völlig unvorstellbar sind. Ja, ich sehe
"das Monster" noch nicht auf dem Weg der Zähmung. Vor allem kann ich
auch noch keine tiefer gehende Selbstreflexion der globalen
Finanzakteure erkennen, das heißt ihr Nachdenken über die Krise im
eigenen Haus, über die Wertekrise im eigenen Denken und Handeln. Es
sieht so aus, dass die Branche die Politik im Regen stehen lässt. Und
die Diskussion darüber, wer die Kosten der aktuellen Krise eigentlich
trägt, hat noch nicht einmal ernsthaft begonnen.
Ich warne
jedenfalls davor, die Finanzmarktkrise zu stark nach dem "Prinzip
Hoffnung" zu handhaben - auch in der Form von Hoffnungen, Wachstum
könne das Geschehene zudecken und vergessen machen. Ich bin auch der
Ansicht, dass die Aufarbeitung der Krise mehr Europa verlangt, als es
die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union bisher zulassen.
Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Gelegenheit, das europäische Modell
auch mit einer europäischen Stabilitätskultur weiter zu untermauern?
Die Arbeit der EU-Kommission hat jedenfalls mehr Aufmerksamkeit und
mehr Unterstützung verdient.
Und ich bin davon überzeugt: Eine
grundlegende Reform der Weltfinanzordnung verlangt auch die Beteiligung
der Gewerkschaften. Mischen Sie sich ein und schließen Sie Ihre Reihen
auch über Ländergrenzen hinweg!
Wir stehen bekanntlich an der
Schwelle zu einer neuen industriellen Revolution im Zeichen von
Ökologie und Nachhaltigkeit. Die Nationen ebnen heute die Pfade für ihr
Wohlergehen von morgen. Je klüger und schneller sie das tun, desto mehr
werden sie von den neuen Chancen profitieren. Dabei ist Zusammenarbeit
nötig - keine Nation kann mehr auf Kosten anderer ihr Glück machen,
alle müssen auf das Gleichgewicht der Welt achten - und dabei ist
Anstrengung nötig, denn die Zukunft ist aus Bildung, Ideen und Fleiß
gemacht und aus der Bereitschaft, lebenslang zu lernen, statt am
gewohnten Trott festzuhalten und an überkommenen Vorrechten.
Bange
sein muss uns in Deutschland vor den Herausforderungen nicht, das
zeigen unsere bisherigen Leistungen. Aber die neue, die ökologische
Soziale Marktwirtschaft wird erarbeitet werden müssen, wie alles bisher
erarbeitet werden musste, und auch diese Transformation wird Gewinner
und Verlierer haben - darum sind unser aller Achtsamkeit und
Solidarität gefordert.
Treiben wir also den Wandel voran,
technologisch und auch in unseren Überzeugungen vom guten Leben und vom
richtigen Lebensstil. Der Wandel ist ökologisch nötig, er ist
wirtschaftlich chancenreich, und er bietet viele Möglichkeiten, in
besserem Einklang mit der Umwelt und in besserem Einvernehmen mit sich
selbst und mit den anderen zu leben.
Umweltschutz zum Beispiel
bedeutet ja längst nicht immer nur Auflagen, Kosten, Einschränkungen.
Gerade in Deutschland erleben wir doch, dass Umweltschutz Arbeitsplätze
schafft und den Himmel wieder blau, die Kinder wieder gesund und die
Flüsse wieder sauber macht. Wir exportieren unsere Umwelttechnik in
alle Welt und genießen die Wettbewerbsvorteile des Vorreiters. Wir
müssen uns selbst und unseren Mitbürgern deutlich machen, dass solch
ein Wandel, wenn wir ihn klug angehen, nicht Einschränkung und
Wohlstandsverlust bedeutet, sondern neue Arbeit und ein Mehr an
Lebensqualität. Dabei wünsche ich mir ganz wesentlich auch das
Mitmachen der Gewerkschaften: Seien auch Sie bitte Boten und Vermittler
dieser Transformation.
Wissenschaftler wie Professor Ernst
Ulrich von Weizsäcker rechnen uns vor, dass wir unsere
Ressourcenproduktivität um den Faktor 4 oder 5 verbessern können - ohne
ökonomische Verluste, aber mit ernormen Verbesserungen für das Klima
und damit die Lebensqualität auf diesem Planeten. Was wir tun müssten?
Möglichst viel vom Gewohnten neu und besser erfinden - von der
Revolutionierung der Material- und Energiewirtschaft bis zu ganz neuen
Mobilitätskonzepten für Stadt und Land.
Gewerkschaften können
und sollten sich an vielen Stellen dafür einsetzen, dass wir nicht
weiter Ressourcen verschwenden. Das kommt allen zugute. Es muss aber
erklärt werden, denn es bedeutet natürlich Veränderung und Verzicht auf
Gewohntes, und das macht vielen Menschen Angst. Wir müssen daran
arbeiten, unnötige Ängste und Vorbehalte abzubauen und Zuversicht zu
stiften. Ich bitte die Gewerkschaften: Machen Sie mit dabei.
Ich
möchte noch einen Schritt weiter gehen. Es ist Zeit darüber
nachzudenken, ob ein schlichtes "immer mehr"-Denken die Zukunft
gewinnen kann. Unser Blick verengt sich leicht auf das Wachstum dessen,
was man kaufen kann. Aber Lebensqualität ist mehr als Konsum. Lassen
Sie uns deshalb den Blick weiten: Es gibt gute Gründe, auch andere
Indikatoren für das Wohlbefinden der Bürger und die Weiterentwicklung
der Gesellschaft anzuschauen.
Die Diskussion ist ja nicht
neu: Das Sozialprodukt ist ein ziemlich ungenauer Indikator für das
Wohlergehen einer Gesellschaft. Trotzdem richten sich auf seine
Wachstumsrate in der Öffentlichkeit immer noch alle Blicke. Dabei sind
wir eigentlich schon weiter: Seit 1990 gibt es den Human Development
Index der Vereinten Nationen, der neben der Einkommensentwicklung auch
misst, wie es um Gesundheit und Bildung bestellt ist. Und die OECD, die
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat
ein umfangreiches Projekt ins Leben gerufen, das sich damit
beschäftigt, wie der Fortschritt von Gesellschaften besser eingeschätzt
werden kann als durch das statistische Bruttoinlandsprodukt. Auch die
EU-Kommission will künftig Fortschritt jenseits des BIP messen. Ich
finde, das sind interessante Ansätze, die unsere - die Ihre -
Aufmerksamkeit verdienen. Dabei geht es mir nicht darum, dass wir die
alles umfassende Maßzahl für Fortschritt entwickeln. Denn die gibt es
nicht. Es geht mir darum, dass wir anderen Entwicklungen in unseren
Gesellschaften - "Jenseits von Angebot und Nachfrage" (Wilhelm Röpke) -
mehr Aufmerksamkeit widmen; dass wir genauer hinschauen. Die OECD weist
mit Recht darauf hin, dass es bei der Suche nach den Maßeinheiten für
Lebensqualität auch um politische Kontrolle geht: Wir müssen besser
beschreiben und messen lernen, was eine gute Gesellschaft ausmacht,
damit die Wähler Politiker und die Ergebnisse ihrer Politik genauer
beurteilen können. Der Mensch ist nicht allein Konsument oder Produzent
- so wichtig das auch ist. Er ist auch Bürgerin oder Bürger, Nachbar,
Mutter, Vater oder Kind. Er hat Wünsche und Träume und er trägt
Verantwortung - für seine Mitmenschen, die Schöpfung und auch für
künftige Generationen. Haben wir das schon ausreichend im Blick? Haben
wir die richtigen Maßstäbe dafür?
Ich denke: Wer sich die Frage
stellt: "Was bringt mir ein Mehr an Lebensqualität?", der blickt
wirklich nach vorn. Der fragt aus eigenem Antrieb: Wie können wir dem
Klimawandel begegnen? Wie gehen wir mit dem demographischen Wandel um?
Wie machen wir die Städte weltweit menschenfreundlich? Wie bekämpfen
wir Krankheit und Armut? Wer solche Fragen stellt, der wird gute
Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht vorwiegend an der Wachstumsrate
des BIP festmachen. Der wird die Fragen nach dem Wohlergehen der
Menschen stellen. Und darum sollte es uns gehen.
Vor 60 Jahren
gab Hans Böckler seiner Grundsatzrede beim Gründungskongress des DGB
die Überschrift: "Die Aufgaben der deutschen Gewerkschaften in
Wirtschaft, Staat und Gesellschaft". Ich finde, dieser Titel passt
heute nicht minder. Die Gewerkschaften tragen für alle drei Bereiche
Mitverantwortung, sie sollten auch Mitgestalter sein. Das lässt bloße
Klientelpolitik nicht zu. Sie ist auch unklug, denn sie fordert
Misstrauen und Widerstände heraus. Wer dagegen deutlich macht, dass er
um die Situation der anderen weiß und ihre Interessen mit im Blick hat,
wird ernst genommen und kommt weiter. Wirtschaft und Gewerkschaften
sitzen in einem Boot. Das klingt ein wenig nach Zwangsgemeinschaft, in
Wahrheit ist es das Zukunftskonzept einer Lern- und Arbeits- und
Gewinngemeinschaft. Gute Unternehmensführer wissen: Dauerhafter Erfolg
lässt sich nur mit motivierten Mitarbeitern erreichen, und Motivation
setzt mehr denn je angemessene Mitsprache voraus.
Die
Gewerkschaften und der DGB sind in den vergangenen Jahrzehnten den Weg
des Einsatzes für alle gegangen, den Hans Böckler gewiesen hat: mit
ihrem Engagement für die politische Bildung zum Beispiel, mit der
gewerkschaftlichen Unterstützung der Europäischen Union und mit ihrem
Einsatz für den Umweltschutz. Dass die Gewerkschaften Wandel
mitgestaltet haben, das kann man auch regelrecht sehen - im Ruhrgebiet
zum Beispiel. Dort habe ich in der vergangenen Woche den Botschaftern
aus aller Welt gezeigt, wie Deutschlands Industrie sich in den letzten
Jahrzehnten verändert hat. Und ich habe ihnen gesagt: Diesen
beeindruckenden Strukturwandel haben wir auch deshalb so gut bewältigt,
weil es bei uns eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen
Arbeitgebern und Gewerkschaften gibt, die sich auch in Zeiten der Krise
und des Umbruchs bewährt hat.
Die Interessen der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gerade auch in schwierigen Zeiten zu
vertreten, den Belegschaften zur Seite zu stehen, das ist das
Kerngeschäft der Gewerkschaften. Zur Interessenvertretung gehört dabei
auch, der eigenen Mitgliederschaft gelegentlich unbequeme Wahrheiten zu
sagen, zum Beispiel, dass es ohne lebenslanges Lernen in der heutigen
Arbeitswelt einfach nicht mehr geht, dass Neugier und permanente
Wandlungsfähigkeit überlebensnotwendig sind, weil Wirtschaften - wie
alles Leben - Veränderung bedeutet, wenn wir nicht alle in einem
Industriemuseum enden wollen. Und zur Interessenvertretung gehört über
den Einzelfall oder den einzelnen Betrieb hinaus eben auch,
gesellschaftliche Entwicklungen mit zu beeinflussen. Eine
funktionierende Sozialpartnerschaft bleibt ein Standortvorteil
Deutschlands, gerade in Zeiten des Umbruchs. Suchen Sie den Dialog und
bringen Sie in den Wandel Ihren Sachverstand ein. Ich bin jedenfalls
davon überzeugt: Für die Bewältigung der großen Zukunftsaufgaben
brauchen wir auch weiterhin starke Gewerkschaften und
Gewerkschaftsführer, die den Blick fürs Ganze haben.
Wir haben
eine Zeit der Vereinzelung erlebt. Das haben auch die Gewerkschaften zu
spüren bekommen. Ich glaube, auch hier ändern sich die Zeiten. Menschen
entdecken, dass zum Wohlergehen immer auch die anderen gehören.
Menschen sind soziale Wesen, und Gewerkschaften sind Orte der
Solidarität. Das macht die Gewerkschaften attraktiv - besonders, wenn
deutlich wird, dass diese Solidarität auch das Gemeinwohl fördert. Denn
dann sind sie glaubwürdig und bleiben durchsetzungsstark.
Nutzen
Sie Ihre Stärke zum Wohle Aller. Seien Sie Anwälte derer, die etwas
leisten wollen, und derer, die den Wandel voranbringen. Vielen Dank
Mit freundlicher Genehmigung: www.bundespraesident.de
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