Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 17. Oktober '09 |
von Mohssen Massarrat
14. Oktober 2009
Lieber Peter Strutynski, lieber Lühr Henken,
Ihr habt in Eurer Stellungnahme vom 9. Oktober für den
Friedensratschlag ( http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/themen/Friedenspreise/nobel2009-baf.html)
die Entscheidung des Osloer Friedensnobelpreis-Komitees für Obama als „einen kolossalen
Fehlgriff“ bezeichnet. Als Begründung führt Ihr eine Vielzahl von Fakten an,
die belegen sollen, dass Obama im Grunde die Politik der Neokonservativen fortschreibt,
diese Politik aber in wohlklingender Rhetorik verpackt. Er konnte – so Euer
Fazit – „vorerst nur mit guten Worten glänzen. Das gehört zum Job jedes Politikers
und Obama macht ihn nur besonders gut.“
Mich hat diese Eure Stellungnahme und die Verdammung Obamas
als eines besonders intelligenten Heuchlers zwar wegen ihrer Schärfe irritiert,
jedoch nicht ganz überrascht. Kritische Kommentare zu Obamas Außenpolitik,
gerade aus dem Lager eines Teils der Linken, sind mir nicht verborgen
geblieben. Tatsächlich kann man auch manche Argumente gegen Obama nicht von der
Hand weisen. Vor allem der Krieg in Afghanistan und das Fehlen einer
glaubwürdigen Exit-Strategie sind auch aus meiner Sicht beklagenswert.
Ich glaube aber, dass wir uns mit unserer
friedenspolitischen Verantwortung die Beurteilung von Obamas Politik nicht so
leicht machen sollten, indem wir alle Fakten, die eine Kritik an Obamas Außen- und
Sicherheitspolitik nahe legen könnten, selektiv aneinanderreihen. Selbst die
gute Absicht, eine bessere Politik anzumahnen, rechtfertigt dieses Vorgehen
nicht. Ich möchte etwas näher begründen, warum man Obamas bisherige Leistungen
anders sehen und die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis auch anders
beurteilen kann. Dazu wäre es, gerade aus einer materialistischen Sichtweise
heraus, m. E. geboten, ja zwingend, den Rahmen, in den Obamas Handeln eingebettet
ist, in Betracht zu ziehen:
- Obama gewann die Wahl zum Präsidenten gegen eine mächtige
Allianz von militärindustriellem Komplex, den Ölkonzernen und allen
Kapitalfraktionen, denen kurzfristige Interessen mittels einer aggressiven
Hegemonialpolitik der USA näher liegen als ein friedfertiges Amerika. Hinzu
kommen die Israel-Lobby, das gesamte Lager der Neokonservativen/Republikaner,
die christlichen Fundamentalisten und einflussreiche Massenmedien.
- Während des Wahlkampfes ließ Obama, gerade mit Hinblick
auf die gewaltigen Barrieren, die auf ihn warteten, keine Gelegenheit aus,
davor zu warnen, dass die Umsetzung seiner Visionen äußerst schwierig sein
würde. Er machte sich darüber keine Illusionen, um dann doch zu begründen, dass
die Barrieren besiegt werden könnten. Mit seinem Slogan „Yes we can“ wollte er zum
Ausdruck bringen, dass ein „Change“ trotz gewaltiger Herausforderungen möglich ist und dass man auch das, was unmöglich erscheint,
möglich machen kann. Obama hat damals keine populistischen Versprechungen gemacht,
wie er auch heute seine Anhänger für die Verwirklichung seiner Zusagen
gleichzeitig um Geduld bittet.
- Obama beerbte das Desaster der aggressiven
Hegemonialpolitik der Neokonservativen, die glaubten, Amerikas Stellung in der
Welt durch Kriege im Mittleren und Nahen Osten, im Irak, in Afghanistan und
vielleicht auch im Iran, durch sogenannte samtene Revolutionen in Osteuropa,
die von außen gesteuert wurden und die Aufstellung von weltraumgestützten Raketenabwehrsystemen wie bisher gegen den Rest der Welt
halten und ausbauen zu können.
Mit Obamas Wahl sind aber, wie jeder eigentlich sehen kann,
die mächtigen Gegnereines Politikwechsels, wie Obama ihn wollte, nicht plötzlich
vom Erdboden verschwunden. Ganz im Gegenteil, sie alle rafften sich nach
einer kurzen Atempause geradezu erst richtig auf und mobilisierten ihre Ressourcen,
um Obama bei der schrittweisen Umsetzung seines Programms mit aller Macht,
einschließlich der Mobilisierung rassistischer Ressentiments, Knüppel zwischen
die Beine zu werfen,ihn in den Augen seiner Wähler und der Weltöffentlichkeit
unglaubwürdig zu machen, letztlich auch scheitern zu lassen. Vor unseren Augen ist
die Kampagne eines Bündnisses aller Obama-Gegner in vollem Gange, um sein
erstes innenpolitisches
Projekt, nämlich die Gesundheitsreform, zu Fall zu bringen.
Und es dürfte auch schwer sein abzuschätzen, ob es Obama gelingt, diesen ersten
Kraftaktunbeschädigt zu überstehen.
Im Wissen, dass die Überwindung riesiger Lasten aus der
Vergangenheit viele Verlierer hervorruft, die sich gegen ihn verbünden würden,
entschied sich Obama ursprünglich für eine m. E. sehr kluge Strategie, eine
gebündelte Allianzbildung auf der gegnerischen Seite durch gezielte Zugeständnisse an die
eine oder andere Fraktion des gegnerischen Lagers zu durchkreuzen. Dazu
gehörte m. E. die Ernennung von Robert Gates zum Verteidigungsminister als ein
seinem eigenen Programm sogar nützlichem Zugeständnis an den
militärindustriellen Komplex in den
USA. Des weiteren koppelte er das Folterverbot für CIA und
Militärs mit der Straffreiheit für die Folterer, die im Irak und anderswo
Verbrechen begangen hatten.
Dient Obamas behutsame Doppelstrategie dazu, sein
Versprechen wahr zu machen und gleichzeitig die Aufgeregtheit der Opfer seiner Politik
in der CIA, im Militärapparat und anderswo in Grenzen zu halten,
denunzieren wir mit unserem „reinen“ Gewissen jedes - im historischen Kontext gesehen -
noch so kleine Zugeständnis von Obama als einen unverzeihlichen Verrat.
Dies gilt nicht nur für die oben genannten Beispiele, sondern auch für andere
Entscheidungen Obamas wiedas Hinausschieben der Auflösung von Guantanamo ebenso wie
für die Verzögerungen beim Rückzug aus dem Irak und die Fortsetzung
des Krieges in Afghanistan. Auch die Tatsache, dass unter der Verantwortung
Obamas nun ein Verteidigungsetat vorgelegt wurde, der der höchste in der US-Geschichte ist, lasten wir gern und ohne mit der Wimper zu zucken einfach Obamas
Politik an, obgleich dieser Etat eher als Ergebnis der langfristig angelegten Rüstungsprogramme der Vorgängerregierung zu deuten ist, die Obama nur Schritt für
Schritt rückgängig machen kann.
Ich halte Eure selektive Wahrnehmung von Fakten bei der
Beurteilung der Politik Obamas, liebe Friedensfreunde, für nicht hilfreich, im
Gegenteil sogar für kontraproduktiv. Ahistorische Analysen führten in der
Geschichte immer zu
Fehleinschätzungen, auch zu schwerwiegenden Folgen für
Emanzipation, Frieden und die Menschheit insgesamt. Beispielsweise hätte der
deutsche Faschismus nicht zwangsläufig über die Welt hereinbrechen müssen. Die
gegenseitig selektive Wahrnehmung und die ahistorische Betrachtung der jeweils
anderen durch linke und liberal-konservative Parteien und Strömungen in den 1920er
Jahren in Deutschland führte erheblich zur eigenen Schwächung eben dieser Kräfte
und schließlich zum Sieg der Nationalsozialisten als lachende Dritte. Ich habe
den Eindruck, dass viele von uns nicht bereit sind, aus der Geschichte zu lernen und
bei der Beurteilung von politischen Entwicklungen und deren Subjekten lieber eigene
Wünsche und idealistisch aus abgehobenen Prinzipien hergeleitete
Forderungen fernab der realen Rahmenbedingungen zum einzigen Maßstab machen. Deshalb sind
wir m. E. auch
im Begriff, die historische Chance, die mit der überraschenden Wahl von Obama in den USA für eine friedlichere Welt entstanden ist,
leichtfertig aus der Hand zu geben.
Ich möchte nicht polemisieren und die aus dem deutschen
Friedenslager sicherlich mit guter Absicht vorgetragene Kritik an Obama mit der
massiven Propaganda-Schlacht aller reaktionären Kräfte in den USA und in der
Welt gegen den USPräsidenten auf dieselbe Stufe stellen. Für Obamas Gegner in den USA
sind inzwischen offensichtlich keine noch so dreisten Attacken
mehr tabu. Sie beschimpfen ihn als Sozialisten und verunglimpfen ihn
gleichzeitig auch als
Faschisten, von Aufrufen im Internet zu seiner Ermordung
ganz zu schweigen.
Mich treibt jedenfalls sehr ernsthaft die Sorge um, dass
auch bei der Bewältigung der gegenwärtigen globalen Herausforderungen erneut linke
Ungeduld und rechte
Beharrungskräfte eine unheilige Allianz eingehen, die am
Ende das Scheitern von Obama und den erneuten Sieg der Neokonservativen zur Folge
haben könnte.
Möglicherweise trug Obamas eigene Ungeduld, alle innen- und
außenpolitischen Projekte gleichzeitig und innerhalb von wenigen Monaten nach
seiner Wahl zu starten, auch zur Bündelung der Kräfte gegen seine innen-
und außenpolitischen Projekte bei, die er mit seiner Doppelstrategie eigentlich
vermeiden wollte.
Tatsächlich steht Obama gegenwärtig mit dem Rücken zur Wand.
Mit seiner Auszeichnung wollte das norwegische Komitee vermutlich Obama
gerade jetzt den Rücken stärken. Lasst uns aber, liebe Freunde, aus unserer friedenspolitischen Verantwortung und ohne Scheuklappen genauer überprüfen, ob
und warum diese Entscheidung nicht nur richtig, sondern von historischer
Bedeutung ist. Bei einer
nüchternen Betrachtung braucht sich m. E. Obama mit seiner
friedenspolitischen Bilanz nicht zu verstecken:
- In seiner historischen Rede in Kairo am 4. Juni hat Obama
Huntingtons Krieg der Kulturen und damit der ideologischen Grundlage der
aggressiven Hegemonialpolitik der USA den Kampf angesagt. Alle, die es
verstehen wollten, haben Obamas Botschaft der Absage an die Vertiefung
von
Gegensätzen und die Bereitschaft zur Kooperation verstanden.
Vor allem die islamische Welt reagierte positiv auf Obamas Angebot. Indem
er bei dieser Rede auch Iran das Angebot machte, ohne Vorbedingungen
direkte
Gespräche wg. des aktuellen Atomkonflikts zu führen, stellte
Obama unter Beweis, die Arroganz der Hegemonialmacht, die für die
Vorgängerregierungen gegenüber Staaten der Dritten Welt selbstverständlich war,
aufgeben zu wollen. Gleichzeitig versicherte er glaubwürdig,
diplomatischen Lösungen von Konflikten höchste Priorität einzuräumen.
- In Prag verkündete Obama am 5. April seine Vision einer
atomwaffenfreien Welt. Mit der gleichzeitig gemachten Feststellung, er selbst
würde die Früchte dieser Vision wahrscheinlich nicht erleben, bewies er durch
eine realistische Warnung vor Illusionen seine Glaubwürdigkeit. Doch blieb es
hier, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, nicht bei der bloßen
Verkündung der Vision, sondern er stellte auch baldige Abrüstungsverhandlungen mit
Russland und anderen Atommächten in Aussicht. Um diese Perspektive zu
fundieren, unterbreitete er am 23. September im UN-Sicherheitsrat
seinen Plan einer atomwaffenfreien Welt, der vom Sicherheitsrat als eine
Resolution einstimmig
angenommen wurde. Diese Resolution kommt einer
Selbstverpflichtung der USA und anderer Atomwaffenstaaten gleich, die nicht so ohne
weiteres ad
acta gelegt werden kann und deshalb als Grundlage für
spätere Verhandlungen angesehen werden müsste.
- Unmittelbar nach seiner Amtseinführung im Januar kündigte
Obama die Überprüfung des neokonservativen Aufrüstungsprojekts eines Raketenschutzschildes in Tschechien und Polen an. Am 17.
September stoppte er schließlich dieses Zukunftsprojekt, das der
militärindustrielle
Komplex und die Neokonservativen unbedingt realisieren
wollten. Obamas gegen den Rüstungssektor gerichtete Entscheidung verkündete
kein geringerer als Robert Gates, eben der Verteidigungsminister
der Bush-Regierung – aus meiner Sicht eine taktische Meisterleistung,
die Obama mit
der von uns so geschmähten Berufung von Robert Gates
offensichtlich gut vorbereitet hatte.
Ich bitte Euch, liebe Friedensfreunde, lasst uns gemeinsam
zunächst einmal die Hintergründe dieses heimtückischen Projektes uns vor
Augen führen. Die US-Rüstungsindustrie beabsichtigte mit diesem Projekt, für
das nukleare Wettrüsten auch nach dem Ende des Kalten Krieges für weitere
Jahrzehnte eine strategische Option zur Rüstungsexpansion
sicherzustellen. Denn Russland hätte durch die Installierung der
Raketenabwehrsysteme sicherheitspolitisch keine andere Wahl gehabt, als ein
ähnliches System aufzustellen, was von der russischen Regierung tatsächlich
und folgerichtig als Reaktion auch angekündigt worden war. Die Welt hätte –
ganz im Sinne
der weltweiten Rüstungsindustrie - erneut einen Wettlauf um
die Rüstungsarsenale zwischen den großen Atommächten und die
Zerstörung von Ressourcen erleben müssen. Dieses Waffensystem sollte
russische Reaktionen – übrigens wie bei der Nachrüstung Anfang der
1980er Jahre – geradezu provozieren. Damit wären auch Westeuropas Staaten
erneut zur Zielscheibe der russischen Atomarsenale geworden, wären so
die Kalte-Kriegs-Strukturen vollständig restauriert worden und
schließlich wäre Westeuropa für weitere Jahrzehnte zur sicherheitspolitischen
Geisel der USA
verdammt gewesen. Die Wiederbelebung der halben Leiche NATO
wäre dann ein willkommenes Nebenprodukt, um die Entstehung einer
gemeinsamen Sicherheitsarchitektur für die Staatenwelt auch in ferner
Zukunft zu verhindern.
Kann man, liebe Friedensfreunde, angesichts dieser Bilanz,
guten Gewissens Obamas friedenspolitische Schritte in nur neun Monaten
Amtszeit als „wohl klingendeVersprechungen“ denunzieren, wie Ihr es in Eurer
Stellungnahme tut? Sollten wir uns in der Friedensbewegung, sollte Europas politische Klasse
sich nicht zunächst selbst an die eigene Nase fassen und fragen, welche
friedenspolitische Bilanz von historischer Bedeutung wir und sie hier in Europa
vorweisen, bevor wir so leichtfertig über die bisherigen Bilanzen von Obama herziehen? Als die
neokonservative Vorgängerregierung Obamas, statt mittels Diplomatie die
globalen Konflikte
einzudämmen, diese geradezu schürte und einen Krieg nach dem
andern vom Zaun brach, zogen die meisten Regierungen Europas mit den
US-Neokonservativen an einem Strang. Als dieselbe US-Regierung damit begann, das
heimtückische Projekt des US-militärindustriellen Komplexes, eben die
weltraumgestützten Raketenabwehrsystemen vor der Haustür Europas zu
installieren, hat Europas politische Klasse geschwiegen und gierig danach geschaut,
wie sie ein paar Krümel vom neuen Rüstungskuchen abbekommt. Indem sie den absurden
Vorwand dieses Projektes, nämlich die Gefahr iranischer Raketen, auch noch
propagandistisch übernahm, erklärte Europas Elite vollends ihren
außenpolitischen Bankrott, ja sie offenbarte ihre Gesichts- und Identitätslosigkeit. Und als
Obama dieses Projekt stoppte, begnügte sich dieselbe gesichtslose Elite Europas
mit einer leisen Zustimmung. Mir ist allerdings auch weder eine entschlossene
Ablehnung desselben Projektes durch die deutsche und europäische
Friedensbewegung bekannt noch
dass diese nach der Bekanntgabe von Obamas Stornierung
dieses Projekts in Jubel ausbrach.
In Wirklichkeit aber bewahrte Obama mit seiner Entscheidung
die USA, Russland und die ganze Menschheit vor einem neuen Desaster. Diese Tat
als bloßes
Lippenbekenntnis klein zu reden, ist m. E. kleinlich und
sicherlich auch ungerecht.
Tatsächlich ist diese Entscheidung Obamas eine herausragende
friedenspolitische Leistung, die eine vollendete Handlung darstellt und daher
für sich genommen allein
schon den Friedensnobelpreis rechtfertigt. Auch sein
Zugeständnis, durch seegestützte Raketenabwehrsysteme im Mittelmeer anstelle der
landgestützten Systeme an den Grenzen Russlands diente eher dazu, dem US-Rüstungssektor den Wind aus den Segeln zu nehmen. Denn mögliche iranische
Raketen könne man – so
Obamas Begründung – billiger und wirkungsvoller mit
seegestützten Abwehrsystemen bekämpfen. Dieses Zugeständnis – sollte es je
in die Tat umgesetzt werden - ist sicherlich der Preis, den Obama zur
Verhinderung jenes
gigantischen Projektes für den neuen Rüstungswettlauf hat
bezahlen müssen.
Nichtsdestotrotz nehmt Ihr, liebe Freunde, Obamas
Kompromiss, der hinsichtlich seiner Folgen für den Rüstungswettlauf mitnichten mit den
Folgen der gestoppten
Alternative vergleichbar wäre, zum Anlass, um nicht nur
seine Leistung für nichtig zu erklären, sondern auch wider besseren Wissens zu behaupten,
Obama verfolge weiterhin den alten Anspruch der USA zu „Planungen einer
umfassenden see- und landgestützten Raketenabwehr in und um Europa“. Die
russische Regierung hat offensichtlich Obamas Entscheidung besser begriffen als
viele von uns. Sie stornierte einen Tag nach Bekanntgabe dieser Entscheidung das russische
Gegenprojekt, das in Kaliningrad aufgestellt werden sollte.
FAZIT: Das Komitee für den Friedensnobelpreis begründet die
Auszeichnung Obamas mit dessen „Bemühungen zur Stärkung der
internationalen Diplomatie“. In den Medien wurde sein „Einsatz für Völkerverständigung“
gewürdigt und die Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis nicht für seine
bisherigen Leistungen, sondern lediglich als Vorschuss und Verpflichtung für die
Zukunft interpretiert. Ganz in diesem Lichte setzte die Frankfurter Rundschau Obama auf
der Titelseite ihrer Ausgabe vom 10./11. Oktober einen Lorbeerkranz auf den Kopf.
Ich aber bin der Meinung, dass Obama schon jetzt auch beträchtliche Erfolge
vorweisen kann. Er setzte der aggressiven Atmosphäre in der Weltpolitik, die
frühere US-Regierungen – nicht nur aus dem Lager der Republikaner – in den letzten
Dekaden systematisch geschürt hatten, ein Ende und schaffte den Anfang für ein
weltpolitisches Klima der Hoffnung zur Bewältigung von globalen Herausforderungen.
Obama stoppte an einem neuralgischen Punkt den Beginn eines neuen Wettrüstens
und leitete nach langer Pause in den Ost-West-Abrüstungsverhandlungen die
Voraussetzungen für neue Abrüstungsinitiativen ein.
Richtig bleibt allerdings die Feststellung, dass die bisher
durch Obama eingeleiteten kleinen Schritte zur Veränderung der Welt – Anlass für viele
Enttäuschungen - weit hinter den Möglichkeiten zurück geblieben sind. Mir liegt
fern – dies möchte ich hier vorbeugend besonders herausstellen - Obama zu idealisieren
und für unfehlbar zu erklären. Vielmehr geht es mir darum hervorzuheben, dass die
vollständige Ausschöpfung aller Möglichkeiten eine Herausforderung für
alle Friedenskräfte in der Welt ist. Obama wird nie und nimmer allein dazu in der Lage
sein. Es ist schon im Ansatz eine grandiose Illusion, alle unsere Erwartungen auf
eine Person – selbst wenn diese der Präsident des mächtigsten Staates der Welt
ist – zu projizieren.
Solche idealistischen Vorstellungen erklären m. E. auch die
kuriose Haltung, diese eine Person dafür verantwortlich zu machen, dass die eigenen
Erwartungen nicht in Erfüllung gehen.
Die gigantischen Aufgaben - wie umfassende nukleare
Abrüstung, Umleitung der frei gewordenen Ressourcen für die Bewältigung des Hungers in der
Welt und die Verhinderung des Klimawandels, die Bemühungen zur Lösung des
Nahostkonflikts, zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Atomwaffen, zur
Schaffung regionaler
Sicherheits- und Kooperationsstrukturen im Mittleren und
Nahen Osten, in Lateinamerika, in den asiatischen Regionen und in Afrika -
alle diese Aufgaben können nur das Werk vieler Staaten, gesellschaftlicher
Gruppen und globaler
Netzwerke sein. Obama hat für diese Perspektive bereits den
Stein ins Rollen gebracht. Andere müssen jetzt folgen, damit aus all dem eine
unumkehrbare Dynamik entsteht. Beispielsweise könnten Europas
Atomwaffenstaaten selbst mit der Abrüstung eigener nuklearer Arsenale beginnen. Und wir aus
der Friedensbewegung müssten durch eigene Kampagnen zur atomaren Abrüstung in
Europa die
Regierungen dazu drängen und darüber hinaus auch
zivilgesellschaftliche Initiativen – beispielsweise die deutsche Initiative für eine
zivilgesellschaftliche Konferenz für
Sicherheit und Zusammenarbeit im Mittleren und Nahen Osten
(KSZMNO) – stärken und selbstverständlich uns auch weiterhin für den Abzug der
Truppen aus Afghanistan einsetzen. Dabei sollten wir ehrlicherweise
allerdings in Rechnung stellen, dass ein geordneter Abzug aus Afghanistan wohl
überlegt sein muss. Er darf jedenfalls nicht das Chaos hinterlassen, das die
Neokonservativen und die Nato mit
ihrem Krieg erst hervorgerufen haben. Sinnvoll erscheint m.
E., den Truppenabzug an eine neue nationale Regierung in Afghanistan unter
Beteiligung der Taliban zu koppeln und deren Pluralismus für die nahe Zukunft zu
sichern. Aus all dem, was man zwischen den Zeilen liest, bemüht sich Obamas Mannschaft
hinter den Kulissen anscheinend um genau diese Art von Exit-Strategie.
Die Rückmeldungen auf diesen Offenen Brief werde ich gern
auf meine website stellen (www.m-massarrat.com - Debatten, Krieg und Frieden -)
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.