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| Erschienen in Ausgabe: No 45 (11/2009) | Letzte Änderung: 17. Oktober '09 |
von Ulrich Büchler
Die Sicherung: das Ziel des Menschen
Der einzelne Mensch hat immer ein
Ziel. Mindestens eines, sein Minimalziel. Was auch immer er tut, sein Tun ist,
sofern es bewusst geschieht, zuerst auf die Sicherung des eigenen, des
reinenwie bloßen Daseins gerichtet.
Dieses Ziel bedeutet ihm absolut alles. Jedenfalls solange, wie es unerreicht
ist. Wenn es aber erreicht ist, bedeutet es ihm relativ nichts: dann ist dazu,
weil schon alles getan ist, auch alles gesagt. Das Faktum eigenen Daseins
beweist sich von selbst. Konkret dadurch, dass kein Mensch noch irgendein Wort
darüber verliert. Es sei denn im Luxus eigener Sentimentalität - wenn das
eigene Dasein längst gesichert ist.
Das Schweigen über das Leben an
sich offenbart nur, welchen Wert es schon gewonnen und zugleich verloren hat.
Kein Staunen darüber macht sich noch breit, dass überhaupt irgendwer ist und
nicht niemand. Nun endlich, wenn zum Mindesten alles getan und gesagt ist,
betritt der Einzelne seinen wie selbstverständlichen Lebensraum. Von nun an
dreht sich nichts wie zuletzt um das reine, das tatsächliche Leben. Es geht
zuerst und allein um das eigentliche, das gute Leben. Nein, um das beste aller
möglichen Leben. Was sich wiederum von selbst beweist. Kaum dass ein Minimum
erreicht ist, zählt nur noch das Optimum. Also endet das nichtige Schweigen und
weicht einem mächtigen Schwallen.
Der ertrotzte Sicherheitsstatus
enthebt schlagartig jeglicher Stille. Zwar herrscht nicht überall auf der Welt
die gleiche Lautstärke, solange vielerorts nicht mal ein Wimmern ertönt. Das
spielt aber formal keine Rolle. Wo immer ein einziger Mensch - und sei es mit
letzter Kraft -, die Minimallinie überquert, da wähnt er sich sogleich berufen,
im satten Brustton mitzuteilen, was ihn eigentlich umtreibt. Nicht umsonst hat
er gelernt, dass niemals ein heimliches Dasein, sondern überhaupt nur dessen
öffentliche Verkündung einen Zweck erfüllt. Darum heißt sein Auftrag: alles zu
tun, um es kundzutun. Je lauter und deutlicher umso besser.
Die Erkundung: das Heil des Menschen
Das synchrone Schwingen der Töne
verheißt ein schier endloses Treiben. Nichts lässt der Einzelne unversucht,
sein Dasein aufzuwerten. Das heißt, sein richtiges von seinem nichtigen
abzutrennen und mit aller Kulturgewalt emporzuheben. Was zumindest akustisch
ein Unding ist: der Schall verwischt alle Barrieren und Grenzen. Wie auch jeden
Unterschied zwischen dem reinen und dem bestmöglichen Leben. Bis auf einen
natürlich, das ist klar: jeder Mensch tönt entschieden zucht- und machtvoller,
wenn er von seinem gesicherten zum ungesicherten Dasein aufbricht - vom Altland
aus Neuland erkundet. Dann dröhnt sein Werk voller Ernst und Grimm, geht es
doch dem tiefsten Sinn auf die Spur. Dem höchsten Gut, dem edelsten Ziel
entgegen. Denn nun steht das Heil auf dem Spiel - da vergeht jeder Spaß.
Die Neulandnahme lässt die Erde
beben. Es hallt und schallt ein strenger Schritt. Die Wege zum Heil verlangen
Disziplin und Mut, wiewohl sie an sich überschaubar sind. Mit der Masse der
Menschen hat ihre Zahl nichts gemein. Im Gegenteil. Die Wegzahl verhält sich
zur Masse konträr. Im Grunde schon lächerlich konträr, so absolut spärlich ist
sie. Jedenfalls zeigt sich der Einzelne - wie besorgt auch immer -, alles
andere als erfinderisch, was Wege zum Heil betrifft. Schlussendlich hat die
Menschheit bis heute gerade zwei Strecken erkundet. Die eine offeriert ein
Normalleben kraft vernünftigen Handelns, die andere zusätzlich ein Skandalleben
kraft unvernünftigen Glaubens. Auf der ersten bleibt jeder der eine, der er für
sich immer schon ist. Auf der zweiten wird jeder noch ein anderer, der er von
sich aus nie sein wird.
Die erste Führung: die Wegstrecke eines Normallebens
Das eigene Heil zu suchen, ist
ein Akt der Normalität. Wenn das reine, das so nichtige Leben es nur eben
zulässt, macht sich der Einzelne sofort auf die Spur, sein Haben und Können zu
mehren: um sein Dasein zu vollenden. Nicht einmal, nicht zehnmal macht er sich
auf. Nein, weil das Heil ihn allzeit lockt und fordert, zieht es ihn immerzu
hinaus. Mal mit, mal ohne Gezeter. Aber stets mit dem Marschbefehl im Genick,
es suchen zu müssen. Sein Aufbruch ist sicher, und wäre es noch so ungewiss,
das Heil zu fassen. Wie magisch zieht es ihn an. Und es nähme ihn selbst dann
noch gefangen, wenn sein Weg in die Irre führte. Wenn es mitnichten bestünde
und niemals bestanden hätte. Weder seines noch überhaupt eines. Keines.
Die Heilssuche mag so unsinnig
wie unvernünftig sein. Das besagt und ändert aber nichts an aller Suche selbst.
Absolut nichts. Letztlich genauso nichts, wie sich umgekehrt jemals etwas
dadurch ändert, dass der Einzelne sein Heil tagtäglich findet. Millionen- und
milliardenfach. Alles belanglose Normalität: weder das Suchen noch das Finden
lässt ihn wirklich zur Ruhe kommen. Was er auch tut und lässt - er bleibt ein
Getriebener, der ernst wie lautstark um sich kreist. Ein Akustiker, der sich
auf viel Lärm um nichts versteht. Denn so weit sein Weg im Alleingang auch
führt, so fern von sich gelangt er nie, als dass er jemals kundtun könnte, sein
Spiegelbild zu übersehen und sein Echo zu überhören.
Der Unsinn des ganzen Treibens
kommt niemandem in den Sinn. Seit Jahrtausenden ist es dieNorm, sich nach dem eigenen Heil zu strecken.
Und dabei immerzu auf derselben Stelle zu treten. Das entspricht schon
menschlicher Urnatur. Zur Veredelung ihres monotonen Klanges ertönt ein
Kulturdogma. Es ruft zur Verantwortung, auf der je eigenen Stelle alles für das
Heil zu geben. Den Trittschall dieser Lehre tragen Milliarden von Menschen als
Taktlaut im Ohr: nur aufzubrechen, das Heil zu suchen - das sei mitnichten
genug. Es dann zu finden, wenn es bestünde. Auch das werde es nicht sein. Es
selbst zu erwirken, selbst zu erschaffen - das sei es, worum es geht. Selbst
sei der Mensch und selbst sein Heil. Das sei es, was zählt.
Die penetrante Lehre keine
Grenzen. Ihr Anspruch auf Hegemonie treibt sie überall hin. Wo sie ankommt, da
führt sie das Wort - wo sie Gehör findet, da siegt sie. Bis zum letzten Winkel
jedes Gehirns dringt sie vor. Sodann regiert sie vom Thron der Vernunft, um
sich mit aller Vollmacht immer neu zu verbreiten. Was ihr ganz mühelos gelingt.
Ihre zahllosen Varianten reproduzieren sich selbst - bilden immer weitere
Glieder einer Kette biegsamer Sprechblasen. Passend für jedes Menschenleben,
alle Momente und Vorlieben. Jedes Gehör. Damit auch keiner in Abrede stellt,
dass er seines eigenen Glückes Schmied sei. Und jeder im Rhythmus seines
Hammers bekennt, dass es ohne Fleiß keinen Preis gäbe.
Die zweite Führung: die Wegstrecke eines Skandallebens
Der Erfolg dieser Lehre gründet
nicht in ihrer logischen Qualität oder empirischen Faktizität. Das reicht
nicht, seinen Schallgrund auszumachen. Nein, ihr Erfolg erklärt sich vielmehr
aus ihrer moralischen Plausibilität. Nach Regeln der Moral darf es keineswegs
anders sein, als dass allein der Tüchtige der Glückliche sein kann: nur er hat
das Glück verdient. Dass es jemandem zukommt, obwohl er nichts dafür getan hat,
obwohl er nicht aufgebrochen ist, nichts gesucht und nichts gefunden hat, wirkt
schon unmoralisch. Regelrecht pervers klingt es, dass jemand gerade und allein
darum sein Heil erlangt, weil er nichts dafür tut: weil er es sich bequem
macht, die Füße ausstreckt. Und entspannt an sein Heil glaubt. Ein
Hirngespinst! Unglaublich - unerhört!
Die Botschaft eines unverdienten
Heils ist ein Skandal: ein pauschales Ärgernis, das schon im Ansatz derben
Protest erzeugt, weil es allen Normen eines vernünftigen Daseins widerspricht.
Zwar eher leise, aber im Untergrund doch klar vernehmlich. Jedenfalls für den,
der bereit ist, sich immer wieder mit einem Skandalfall zu befassen. Und das
auch dann noch, wenn das Ärgernis trotz intensiver Anhörung schlechterdings
nichts von seiner Schärfe einbüßen will. Im Gegenteil. Seine Bedeutung erweist
sich regelrecht darin, dass es jedem Menschen nur umso schwerer fällt, das
Unerhörte zu greifen, je häufiger er es vernimmt und wirklich bedenkt. Ganz
anders als die eingängige Normallehre von der Selbstbeglückung.
Der Normenbruch vollzieht sich
exakt an der Nahtstelle aufgeklärten Denkens: wo die selbst verschuldete
Unmündigkeit mit der selbst verdienten Freiheit kollidiert. Auf dem
Schlachtfeld der Vernunft mit seinem finalen Gefechtslärm. Obwohl die Gefechte
weithin ein Produkt der Unvernunft darstellen: sie lassen annehmen, beide
Heilsentwürfe würden direkt miteinander konkurrieren. Doch weit gefehlt. Würden
sie daraufhin befragt, welches Heil sie eigentlich versprechen, so würde beim Absinken
des Lärmpegels klar, dass sie zwei verschiedene Wege belagern: der erste, der
moderne Normalentwurf, besetzt den Weg der Vernunft - der zweite, der antike
Skandalentwurf, besetzt den Weg des Glaubens.
Die beiden Wege sind, trotzdem
sie zu unterscheiden sind, nicht voneinander zu trennen. Es wäre darum nur
illusorisch zu meinen, in aller Ruhe ein Skandalleben führen zu können, ohne
sich noch um ein Normalleben scheren zu müssen. Nein, diese Flucht in nur ein
Leben ist versperrt. Das Skandalleben bezeichnet vielmehr ein Doppelleben
voller Dialektik, die nicht aufzuheben, sondern auszutragen ist. Wobei das
Zugleich von Lärm und Stille für jenes Leben nur ein Beispiel liefert: das
Leben eines Doppelgängers in Gestalt eines einzigenMenschen, der sich auf zwei Wegen zugleich
befindet. Auf dem Weg der Vernunft, auf dem er noch alles richten und erwirken
muss. Und auf dem Weg des Glaubens, auf dem er - zumindest was sein Heil angeht
-, gar nichts richten und erwirken kann. Bis auf das eine, dass er sich den
Glauben in allem Getöse seines Daseins als Geschenk eines anderen überreichen
lässt.
Die Überbietung: die Wegschneise - ein Spezialfall
Die bisherigen Ausführungen zur
Heilsthematik bedürfen freilich einer Ergänzung. Schon um nicht unwahrhaftig
aufzutreten, ziemt es sich nachzureichen, dass die Zweizahl der Wege
keinesfalls ohne Ausnahme besteht. Immerhin, so erfinderisch sind zumindest
einige wenige Menschen, dass sie sich in Zeiten einer Krise auf einen dritten
Weg besinnen. Eine wuchtige Schneise sogar, die zu anderen Zeiten versperrt
bleibt. Unlängst noch war ihr Streckenverlaufnicht mehr einzusehen, weil vollständig von Schuttmassen begraben.
Geschichtsgeröll, das tonnenweise in aller Stille verstreut lag. In Jahren zu
gigantischen Halden getürmt.
Das einstige Sperren der Schneise
zeugt jedoch nicht von einer Absenz des Heils. Jedenfalls keiner prinzipiellen
- mitnichten. Es war nur unter Verschluss: wie schalldicht von jeglichemfremden Zugriff abgeschirmt. Von besonderen
für besondere Menschen reserviert. So wie es eben üblich ist, wenn es um alles
in der Welt gilt, etwas eminent Spezielles, ein Reserveheil, einen höchst
heiligen Schatz zu bewahren. Oder wieder zu bergen und dorthin zu
zurückzuführen, wo er hingehört - was bei Ausbruch der aktuellen Krise ad hoc
geschah. Der hysterische Aufschrei, den er hervorrief, verlangte nach einer
standrechtlichen Räumung der Schneise. Sowie der sofortigen Bergung und
Rückführung des Schatzes an seinen einen, ureigenen Platz im Tresor heiligster
Stille. Kaum dass der Schrei verhallte, war der Schatz an Ort und Stelle: das
Heil wieder unter festem Verschluss.
Das kurzfristige Räumen der
Schneise diente nur einem Zweck: ihrer jüngsten neuerlichen Schließung nach
Überbringung des Schatzes. Ohne Zweifel ist er in den Händen und Fingern jener
gut aufgehoben, die schon seit je her zu seiner Bewahrung berufen sind. Eben
besonderen Menschen mit Spezialkenntnissen der Mehrung von Hab und Gut. Ihres
eigenen zumal. Wenngleich was sie ihr eigenes nennen, niemals nur mit ihnen
selbst zu tun hat. Nein, ihr Heil resultiert zuvorderst aus fremder Menschen
Werk und Lärm: sie profitieren nur vom Aufbruch aller anderen. Also im Grunde
davon, dass überhaupt niemand außer ihnen anders kann, als aufzubrechen, um das
Heil selbst zu suchen und selbst zu finden. Denn für alle diese anderen gilt
bis auf weiters eines: ihr Normalleben - ob mit oder ohne Skandal - begründet
das Spezialleben einiger weniger, zu deren Profitdiensten sie unterwegs sind.
Die Auflösung: die Wege und die Schneise - eine Schlussbemerkung
Die hiesige Erkundungstour der
möglichen Wege zum Heil sollte freilich nicht einfach sang- und klanglos zu
Ende gehen, ohne zum Schluss noch einen kurzen Vergleich durchzuführen. Dabei
im Mittelpunkt stehen die Unterschiede zwischen dem Normal- und dem Spezialweg
einerseits sowie dem Skandal- und dem Spezialweg andererseits.
Der Vergleich zwischen dem ersten
Weg und der Wegschneise bringt schon akustisch einen extremen Unterschied
zutage: was die Heilsthematik berührt, so erschallt im Normalleben die Lehre
vom selbst verdienten Heil nahezu immer bis zum Anschlag. Im Spezialleben
dagegen erzeugt allein das zeitweilige Entkorken einer Flasche einen messbaren
Laut. Ansonsten stört nichts die phantastische Stille, die nur exemplarisch
jene Differenz anzeigt, die zwischen dem einen und dem anderen Lebensweg
besteht. Da gibt es kein Vertun. Die Realität in Sachen des Heils verhält sich
auf beiden Wegen immer exakt entgegengesetzt: heißt es hier, ein Jeder schmiede
sein eigenes Glück, so heißt es dort, ein Anderer schmiede mein eigenes Glück.
Und immer so weiter - bis hin zu der wundersamen Einsicht, dass nur im
Normalfall der Hund zum Knochen kommt, im Spezialfall aber der Knochen zum
Hund.
Der Vergleich zwischen dem
zweiten Weg und der Wegschneise endet überhaupt ohne ein messbares Ergebnis.
Die scheinbar identische Stille erklärt sich schlicht daraus, dass auf beiden
Wegstrecken schon für das Heil gesorgt ist. In einem Skandalleben partizipiert
jemand durch seinen Glauben am Heil. In einem Spezialleben hingegen durch sein
Geld und seine Macht. Und falls ihm der Heilsschatz - wie in Zeiten der
jüngsten Krise - mal kurzfristig abhanden kommen sollte, so ist doch Verlass
darauf, dass ein Dritter ihn bergen und wieder zurückführen wird. Denn obgleich
jener Dritte kaum Geld besitzt, verfügt er doch über Macht. Nämlich über die
Gesetzesmacht, die besagte Schneise zu räumen, die für die Bergung und Rückführung
so unentbehrlich ist. Das allein macht ihn genehm. Das bringt ihn schon in die
Nähe eines anderen Dritten, der ebenfalls ein Heil verschenkt. Nur mit dem
Unterschied, dass dieser auf dem Skandalweg selbst ein Kamel zum Heil gelangen
lässt; auf dem Spezialweg jedoch nicht einmal eine Maus. Und erst recht keine,
die bereits an einem Nadelöhr scheitert.
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