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| Erschienen in Ausgabe: No 45 (11/2009) | Letzte Änderung: 18. Oktober '09 |
von Teresa Tammer
Der 8. Oktober 2009 war der zweite
Prozesstag im Fall „Stalins Enkel Dschukaschwili gegen die Nowaja Gazjeta“. Die
Zeitung wurde angeklagt, Lügen über Stalin verbreitet und seinen guten Ruf in
den Dreck gezogen zu haben. Insbesondere ging es um einen Artikel von A. J.
Jablokov, der unter der Rubrik „Die Wahrheit über den GULag“ erschien. Diese
Rubrik wird in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Memorial herausgegeben. Der
Kläger forderte die Zurücknahme von bestimmten im Artikel gemachten Äußerungen,
die Stalin als den Verantwortlichen für Verbrechen, wie das Massaker von Katyn
und den Großen Terror der 30er Jahre, bezeichneten.
Um 14:00 Uhr sollte
die Verhandlung beginnen. Bereits 13:30 Uhr war der Gehsteig vor dem Basmanny
Bezirksgericht gefüllt mit Menschen und Kameras. Interviews, Gespräche hinter
vorgehaltener Hand und meinungsstarke Zuhörer waren zu beobachten. Leise wurde
gefragt, wer hier wer ist, von wo und auf welcher Seite dieser oder jener stünde.
Ein wichtiger, großer, breiter Mann in Schwarz und mit Sonnenbrille, Juri I. Muchin,
erklärte den Journalisten seine Position, die er für Stalin ergriff. Er vertrat
im Gericht die Seite von Stalins Enkel. Die Journalisten wirkten mit ihren
Fragen so, als müsse ihnen von Grund auf die Person Stalin und seine
Heldentaten für das Land erläutert werden. Muchin erfreute sich der großen
Aufmerksamkeit und gab seine Meinung preis, dass es keine Beweise für die
Verbrechen Stalins gäbe. Dokumente, wie z.B. im Fall des Massakers von Katyn,
seien vom ersten bis zum letzten Blatt gefälscht.
Außer den
Journalisten waren fast nur ältere Herrschaften vor Ort, vor allem Frauen. Erst
im Gericht wurden ihre Bilder und Plakate sichtbar. Sie zeigten Stalin,
Aufschriften aus vergangenen Zeiten. Einige hatten Bücher mit Stalins Porträt
in der Hand, andere ein Kalenderblatt mit dem schnauzbärtigen Mann. Der
Gerichtsaal war kleiner als ein Klassenzimmer. Hinein durften nur die
Teilnehmer, die Angeklagten, Anwälte, Richter usw. und einige, denen der
Zutritt irgendwie gelang. Die Tür konnte kaum geöffnet werden, so dringlich versuchte
jeder sich Eintritt zu verschaffen. Aber die Milizionäre schienen die Lage völlig
im Griff zu haben. Sie wirkten nicht besonders besorgt über die vielen hoch
geladenen Menschen. Vergleichsweise waren es nicht sehr viele Menschen,
vielleicht 50. Auch die Kameras versuchten einen Blick ins Innere des
Prozessklassenzimmers zu werfen. Unbeteiligte Zuschauer, diejenigen die auf
anderen Stühlen vor anderen Gerichtsälen saßen, beobachten das Spektakel und überlegten, um
was es hier wohl gehen mag. Die Szenerie ließ auf etwas Wichtiges schließen.
Die Anzahl und der Altersdurchschnitt der Anwesenden spiegelte jedoch nicht das
Interesse an aktuellen Fragen der Gesellschaft, oder doch? Es war der erste
Prozess in Russland, bei dem es darum ging, ob Stalin als Verbrecher bezeichnet
werden darf oder nicht.
Eine älter
Dame mit feuerrot gefärbten Haaren sprach mich von der Seite an: „Er war
einfach genial. Er hat dieses Land nach vorne gebracht, hat unser Vaterland im
Krieg verteidigt.“ Im weiteren Gesprächsverlauf stellte sich heraus, dass ihre
Mutter und noch anderen Verwandte in stalinistischen Lagern saßen. Trotzdem stünde
sie noch heute hinter dem großen Führer. Er hätte nicht anders handeln können.
Wäre sie an seiner Stelle gewesen, sie hätte es genau so gemacht. Dann sagte
sie etwas von einer jüdischen Weltverschwörung. Die Juden hätten auch Hitler an
die Macht gebracht, um schlussendlich ihr eigenes Land zu erzwingen. Eine
andere Frau trat hinzu und sprach mich an: „Sie kommen aus Deutschland? Das ist
ja klar. Ihnen brauchen wir nichts zu erzählen. Sie haben ja ihre Kanzlerin
Merkel selbst gewählt.“ Ich antwortete mit einem fragenden Blick. „Sie ist
Jüdin. Wussten sie das nicht?“, gab sie mir zu verstehen. „Nein das wusste ich
nicht. Nach meinem Wissen, stimmt das auch nicht. Und mir ist es auch, ehrlich
gesagt, egal“, versuchte ich so gelassen und neutral wie möglich zu antworten.
Sie nickte mit dem Kopf, zog den linken Mundwinkel nach oben und fügte
zufrieden hinzu: „Sehen sie! Nun wissen sie es.“ Im weiteren Verlaufe des
Gespräches fühlte ich eine Ohnmacht in mir aufsteigen. Ich konnte auf die Äußerungen
nicht antworten. Ich hörte mir an, dass Juden keine Menschen seien, sondern
Tiere in Menschengestalt. Sie würden am achten Tag nach der Geburt beschnitten,
wodurch ihnen das Wurzel-Chakra entfernt würde. Sie fühlten nicht wie „wir“
normale Menschen. Hier und da hörte man die Frauen Interviews geben. Es spielte
schon keine Rolle mehr, was im Gerichtssaal passierte. Vor der Tür ließen sich
alte Frauen, selbstbezeichnete, überzeugte „Stalinistinnen“, mit Stalinporträts
fotografieren und filmen. Die niederländische Journalistin fragte ihre
russische Dolmetscherin, ob man nun jemanden interviewen könnte, der für die
andere Seite ist. Die Dolmetscherin antwortet: „Es gibt niemanden.“ Ich ging
aus dem Gebäude.
Woran liegt
es, dass im heutigen Russland, eine der schrecklichsten Epochen der Geschichte
eine solche Popularität genießt? Sicherlich ist es nicht die Mehrheit der
Gesellschaft, die sich aufmacht, um vor einem Bezirksgericht für ihren Helden
zu demonstrieren. Aber diese aktive Gruppe ist getragen von einer größeren
passiven, die vielleicht den Kopf schüttelt, wenn sie in der Metro-Station
„Kurskaja“ von den im Sommer restaurierten Worten: „Stalin hat uns zur
Vaterlandstreue und zur Arbeit erzogen und zu Heldentaten inspiriert“ begrüßt
wird. Doch großer Protest gegen solchen Zynismus bleibt aus.
Am 13. Oktober
2009 lehnte das Basmanny Bezirksgericht die Klage von E. J. Dschukaschwili ab. Für
die Zeitung „Nowaja Gazjeta“ ist es eine Erleichterung, für die
Menschenrechtsorganisation Memorial ein großer Erfolg und für die Aufarbeitung
der gesellschaftlichen Vergangenheit in Russland ein wichtiger Schritt. Bis
jetzt war es nur das Bezirksgericht, das die historischen Fakten als Grundlage
für eine solche Entscheidung anerkannte, die umfassende juristische Bestätigung
der Verbrechen des Kommunismus steht noch aus.
Die westliche
Sichtweise ist erschrocken über die immer noch zahlreichen Anhänger Stalins,
den Putin´schen Kurs und die Passivität der russischen Bevölkerung. Vor allem
wenn die Verherrlichung eines Diktator gemischt mit Antisemitismus und
Verschwörungstheorien auf ein deutsches Ohr treffen, dann scheint es nur noch
Böses in dieser Welt zu geben. Welche Erklärungsansätze gibt es für eine solche
Weltsicht? Sind es die schönen Erinnerungen an einstige Jugendlichkeit? Ist es
der Versuch einer menschenverachtenden Zeit irgendeinen Sinn zu geben oder
vielleicht sogar die Angst vor der Gewissheit, Opfer, nicht von einer
abstrakten jüdischen Weltverschwörung, sondern der eigenen, sehr fassbaren
politischen Führung geworden zu sein?
Der Westler beobachtet
sehr genau und interessiert sich für das Geschehen in Russland. Fast ist er ein
wenig neidisch, dass neue Umdeutungen, Bewegungen und vielleicht sogar
gesellschaftliche Veränderungen, wie man sie aus dem Deutschland der 60er Jahre
kennt, nun im großen Russland beginnen könnten.
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