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| Erschienen in Ausgabe: No. 3 (3/1993) | Letzte Änderung: 21. Januar '09 |
von Christian Danz
Am
Ende des Jahres ist es vielleicht erlaubt, auf die Diskussion des
Jahres einzugehen. Als Botho Strauß im Februar dieses Jahres im
Spiegel (6/47., S. 202-207) den Artikel “Anschwellender
Bocksgesang“ veröffentlichte, entfachte er einen Diskurs,
der, pauschal gesagt, die Identität der deutschen Linken zum
Thema erhob Nach Strauß scheinen die traditionellen Kategorien
‘Links-Rechts‘ angesichts der Problematik der Gegenwart
zu versagen. Mit dem Ende des ‘Eisernen Vorhangs‘ wurde
dieses Muster der Identitätsfindung von der gesellschaftlichen
Entwicklung überholt. Diese Diskussion ist nun kein spezifisch
deutsches Phänomen, wie ein Blick auf die europäischen
Nachbarländer belehrt. Insofern ist es durchaus berechtigt, den
Aufsatz von Strauß als eine seismographische Stimme zur
gegenwärtigen Lage zu bezeichnen.
Im
Folgenden soll nach den Implikationen des Verhältnisses von
Besonderem und Allgemeinem gefragt werden, wie es sich im Anschluß
an Strauß darstellt.
Auf
den ersten Blick machen seine Ausführungen den Eindruck, als
wolle er der modernen Kultur, die sich durch rationale Aufklärung
konstituiert, den Krieg erklären. Er kritisiert die
Herkunftsvergessenheit der westeuropäischen Gegenwart. “Die
Überlieferung verendet vor den Schranken einer hybriden
Überschätzung von Zeitgenossenschaft, verendet vor der
politisierten Unwissenheit jener für ein bis zwei Generationen
zugestopfter Erziehungs- und Bildungsstätten, Horste der
finstersten Aufklärung, die sich in einem ewig ambivalenten
Lock- und Abwehrkampf gegen die Gespenster einer
Geschichtswiederholung befinden“ (S. 207). Liegt hier
nicht der Schluß nahe, daß Strauß eine Alternative
aufzeigt, und zwar die von Tradition oder Aufklärung? Ist nicht
die Aufklärung der Inaugurator dieser Herkunftsvergessenheit der
Gegenwart? Besteht dann nicht die Rettung darin, sich der Tradition,
der Herkunft zuzuwenden? “Wir warnen etwas zu selbstgefällig
vor den nationalistischen Strömungen in den osteuropäischen
und mittelasiatischen Neu-Staaten. [...] Daß ein Volk sein
Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist,
Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht und halten es in
unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und
verwerflich.“(S. 202)
Um
hier klarer zu sehen, ist es notwendig, das Verständnis von
Tradition bei Strauß zu klären. Ihr entscheidendes Profil
gewinnt die Tradition oder die Überlieferung durch ihre
Polarität zur kritischen Rationalität der Aufklärung.
Daraus geht hervor, daß die Überlieferung hier in einem
funktionalen Sinne verstanden ist. Mit Überlieferung ist nicht
in erster Linie ein Katalog an Inhalten gemeint, sondern ein Vollzug.
Die Überlieferung ist so die “oberste Hüterin des
Unbefragbaren, des Tabus und der Scheu“ (S. 204). Wird in der
Überlieferung die Unvordenklichkeit des Seins bewahrt, also
gerade das, was die Rationalität nicht inszenieren kann, so ist
sie unverzichtbar für die Rationalität selbst. Deutlich
wird dies am Verständnis dessen, was der Mensch ist. Ist der
Mensch nicht mehr als das, was man durch allgemeine rationale
Strukturen beschreiben kann, so ist er verfügbar. Man kann dann
sagen, wer er ist. Damit ist jedoch seine Würde als Einzelner
aufgehoben, er ist Glied einer allgemeinen Masse. Der Andere ist dann
nicht mehr der Fremde, sondern immer schon das Bild, welches ich von
ihm habe. Er wird funktionalistisch eingebunden in unsere
Wunschvorstellungen. Es ist kein Zufall, daß Strauß in
seinem literarischen Werk die intimsten Beziehungen von Menschen als
Begegnung von Fremden beschreibt. Diese Dimension der Fremdheit des
Anderen kann von der Rationalität nur um den Preis
vernachlässigt werden, daß sie selbst totalitär wird.
Was
für den Menschen gilt, dies gilt auch für die
gesellschaftliche Identitätsfindung. Wo Ereignisse nicht in
ihrer Fremdheit gewahrt werden, kommt es zur Funktionalisierung
derselben und damit zur Handhabung. “Die Verbrechen der Nazis
sind jedoch so gewaltig, daß sie nicht durch moralische Scham
oder andere bürgerliche Empfindungen zu kompensieren sind. Sie
stellen den Deutschen in die Erschütterung und belassen ihn
dort,‘ unter dem tremendum; ganz gleich, wohin er sein Zittern
und Zetern wenden mag, eine über das Menschenmaß
hinausgehende Schuld wird nicht von ein, zwei Generationen einfach
‘abgearbeitet‘.“ (S. 204) Eine Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit, die die, größte Schuld als
negativen Wert in die eigenen positiven Werte einbaut, verfehlt nicht
nur die eigene Vergangenheit, sondern auch die eigene Identität.
In seinem Roman “Der junge Mann“ (1984) beschreibt Strauß
die bundesdeutsche Gesellschaft als einen Leichenzug, der sich um den
Sarg des großen Königs Hitler formiert. Der Vorwurf, der
sich hier ausspricht, nämlich, daß die gesamte
bundesdeutsche Gesellschaft ihre Identität in negativer
Abgrenzung zum Dritten Reich gewinnt, besagt nichts anderes als die
Funktionalisierung von Vergangenheit, die zugleich deren Aufhebung
impliziert.
Es
wäre also verfehlt, würde man Strauß auf die einfache
Alternative von Überlieferung oder Aufklärung festlegen
wollen. Auch die Überlieferung für sich genommen bietet
kein Rezept für die Bewältigung der gegenwärtigen
Probleme. In dem Roman “Kongreß“ (1989) formuliert
Strauß genauer Umkehrung zu Hölderlins metaphysischem
Trost: “Wo soviel Rettendes wächst, ist die Gefahr, daß
es sich um Unkraut handelt, groß.“ Gerade da, wo man
einfache Lösungen anbietet, sei es, daß man in der
Überlieferung das Rettende erblickt oder in einer einseitigen
Aufklärung, befindet man sich in der höchsten Gefahr.
Worauf es ankommt, ist eine Rationalität, die sich der
Unvordenklichkeit des Seins bewußt ist, und dies kann nur
eine solche sein, die die abstrakte Alternative von Überlieferung
und Aufklärung überwindet. Daß dies nicht einfach ist
und ebensowenig auf eine Harmonie hinausläuft, ist auch Strauß
klar: “Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen
des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens
wird es Krieg geben.“ (203) Aber diese Auseinandersetzung ist
in einem doppelten Sinne not-wendig.
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