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| Erschienen in Ausgabe: No. 4 (1/1994) | Letzte Änderung: 21. Januar '09 |
von Dr. Klaus Vieweg und Dr. Thomas Grüning
Vielfältig
wie die Denkansätze und Denkwege der europäischen
Geistesgeschichte sind, auch die Versuche, sie durch
Ordnungsprinzipien und Klassifizierungen durchschaubarer und faßbarer
zu machen. Da geht die Philosophie betreffen die Rede von Empiristen
und Rationalisten, Dualisten und Monisten, Spiritualisten und
Naturalisten oder bei Karl Jaspers von den ‚maßgeblichen
Denkern’, ‚fortzeugenden Gründern’, ‚radikalen
Erweckern’ oder ‚schöpferischen Ordnern’. Ein
Unterscheidungskriterium aber, welches die Philosophen vom Fach nicht
ausgewittert haben, liefert Stefan Zweig in seinem Werk „Der Kampf
mit dem Dämon. Hölderlin Kleist Nietzsche“, in welchem er
zwischen dämonischen und antidämonischen Denkern
unterscheidet und den ‚fruchtbaren Gegensatz zwischen den Herrn und
den Dienern des Dämons’ poetisch beschreibt.
Dämonisch
ist „die ursprünglich und wesenhaft dem Menschen eingeborene
Unruhe, die ihn aus sich selber heraus, über sich hinaus ins
Unendlichen, ins Elementarische treibt, gleichsam als hätte die
Natur von ihrem geistigen Chaos ein unveräußerliches
unruhiges Teil in jeder einzelnen Seele zurückgelassen, das mit
der Spannung und Leidenschaft zurück will in das
übermenschliche, sinnliche Element. Der Dämon verkörpert
in uns den Gärungsstoff, das aufquellende, quälende,
spannende Ferment, das zu allem Gefährlichen, zu Übermaß,
Extase, Selbstentäußerung, Selbstvernichtung das sonst
ruhige Sein drängt.“i
Bei den ‚gemessenen’, ‚mittleren’ Menschen wird dies
Dämonische neutralisiert. In den ‚höheren’,
‚produktiven’ Menschen waltet die Unruhe schöpferisch fort,
jeder gerät in den titanischen Kampf mit seinem Dämon, den
einen gelingt mit eisernem Willen die Zähmung des
Widerspenstigen, die dämonischen Naturen leben und denken stetig
Unruhige, das ewig Sich – selbst – Überbietenwollen. Sie
werden unzeitgemäß, ja zu Unverstandenen ihrer Zeit. Sie
wehren sich gegen ‚das Erfrosten in Gewißheiten’, sie sind
permanente Störer der Schläfrigkeit von Individuen und von
ganzen Kulturen.
„Der
Dämon kann seine Heimat, sein Element, die Unendlichkeit, nur
dadurch erreichen, daß er midleidlos das Endliche, das
Irdische, in dem er wohnhaft weilt zerstört: er hebt an mit der
Erweiterung, aber drängt zur Zersprengung.“ii
Der ältere Hegel hat anders über das Unendliche gedacht, er
schien auch des Dämons Herr und nicht, wie sein Freund
Hölderlin, dessen Knechtgeworden zu sein. Aber Hegel „entbehrte
– so Karl Rosenkranz – des dämonischen Wesens in sich nicht,
suchte es aber zur Klarheit des an und für sich seienden
Begriffs zu befreien und zu läutern.“iii
Hegel hat sich aus seiner Frankfurter Hypochondie herausgearbeitet,
hat mit dem Meißel der Vernunft den Fels ‚Moderne’ behauen
und in den ‚Be-Griff’ bekommen. Er hat seine Frankfurter Jahre
(in denen er sich oft in die „Arme der Natur ..., dieser treuen
Mutter ... flüchtet ..., um bei ihr mich mit den Menschen, mit
denen ich in Frieden lebe, wieder zu entzweyen, um mich unter ihrer
Ägide von ihrem Einfluß zu bewahren, und einen Bund mit
ihnen zu hintertreiben“iv
- in sehr aufschlußreicher Weise charakterisiert als „den
nächtlichen Punkt der Kontraktion seines Wesens, durch dessen
Enge er hindurchgezwängt und zur Sicherheit seiner selbst
befestigt worden ist,“ wodurch er „zur Sicherheit einer inneren
edleren Existenz“v
gelangte. Für Hegel ist dies Dämonische ‚notwendiger
Durchgangspunkt’, er versuchte ‚den Gegensatz zwischen der
ekstatischen Seligkeit des contemplativen Moments und der prosaischen
Nüchternheit des gewöhnlichen Lebens zu überwinden’
(Karl Rosenkranz)vi
Am Schicksal Hölderlins und der Romantiker hat er die
Überzeugung gewonnen, daß es mehr als persönliches
Unglück, nämlich ‚Unwahrheit’ und das härteste
‚Schicksal der Schicksalslosigkeit’ sei, wenn sich der Mensch in
keiner Welt zu finden ‚und’ einzuhausen ‚wisse’.vii
Er geht seinen Bund mit Zeit und Welt ein, im Unterschied zur
‚Unverbundenheit’ der Dämonischen.
Noch
mehr aber als Hegel ist freilich Goethe das geradezu klassische
Beispiel für den polaren Typus zu jener Menschenart, die dem
Dämonischen verfallen ist. Er hat sowohl als Naturforscher als
auch als Künstler „das Evolutive über das Eruptive
gestellt und alles Gewaltsam-Krampfhafte, alles Vulkanische, kurz,
alles Dämonische mit einer bei ihm seltenen und geradezu
erbitterten Entschiedenheit bekämpft.“viii
Und wie Hegel in Frankfurt, so muß auch Goethe „einmal Stirn
an Stirn zu einer Entscheidung über Leben und Tod
gegenübergestanden haben – Werther bezeugt es, in dem er
Kleistens und Tassos, in dem er Hölderlin und Nietzsches
Schicksal prophetisch von sich fortgebildet hat! ... Er Weiß,
wie es endet, wenn man sich dem Dämon hingibt, darum wehrt er
sich, darum warnt er vergeblich die anderen: Goethe verbraucht
ebensoviel heroische Kraft, um sich zu erhalten, wie die Dämonischen,
um sich zu verschwenden. Auch ihm geht es in diesem Ringen um die
höchste Freiheit: er kämpft um sein Maß gegen das
Maßlose, um seine Vollendung, indes jene einzig um die
Unendlichkeit.“ix
Wieder
spricht Stefan Zweig von jener Unendlichkeit, die ohne Maß ist,
die das Endliche ausschließt. Was hat es hinsichtlich der
dämonischen Naturen wie Hölderlin, Kleist, Nietzsche, und
was hinsichtlich der antidämonischen Naturen wie Goethe und
Hegel auf sich mit der Unendlichkeit? Bevor wir unsere These zur
Beantwortung dieser Frage aufstellen, sollen noch einige wichtige
Nuancen der Zweigschen Darstellung der Polarität des dämonischen
und antidämonischen Denkers – bei ‚innerster
Verwandtschaft im Genius’ – angedeutet sein. Die einen stehen dem
Druck des Zentrifugalen am ‚äußersten Rand des Lebens’,
als Einsame, als verglühende Meteore, sie sehen die Realität
als stets Unzulängliches, als Zerissenheit, die Empörung
und Rebellion herausfordert. Ihre Lebensformel symbolisiert sich in
der geometrischen Figur der Parabel. Bei einem anderen dominiert das
Zentripetale, sie stehen in der Mitte des Lebens und zielen auf
Harmonie und Selbstbeschränkung, sie versuchen die Versöhnung
in die Entzweiung, der Kreis ist ihre Lebensformel.“x
Nun
aber zum Versuch einer Antwort auf die Frage, aus welchem Grund sich
die Heroen der europäischen Geistesgeschichte – in der neueren
noch deutlicher als in der älteren – unter anderem auch in
jene zwei von Stefan Zweig unterschiedenen Gattungen einordnen lassen
und welche unterschiedliche Bedeutung für sie ‚Unendlichkeit’
besitzt. Die europäische Kultur ist eine zu einer bestimmten
Vollkommenheit strebende Kultur, sei dies nun im Sinne der Antike
oder der Neuzeit verstanden als Gestaltung einer möglichst
vollkommenen Welt sowie der Bildung eines möglichst vollkommenen
Menschen als Selbstzweck, oder sei es im christlichen Sinne
verstanden als möglichst vollkommene Selbst- und Weltüberwindung
als Mittel zur Vorbereitung des Reiches Gottes. So gleicht die
europäische Kultur einer Ellipse: ihre beiden Brennpunkte bilden
die traditionelle Kultur der Antike und die ihr entgegentretende
Kultur des Christentums, welche in der Neuzeit in verschiedenen
Formen ‚fusioniert’ werden. Es findet sich in der europäischen
Geistesgeschichte der Widerstreit zwischen den Denkern, deren Thema
das Werden der Versöhnung ist, das Werden der Vollkommenheit des
Menschen als Versöhnung mit dem Unendlichen, und anderen, deren
berechtigtes Thema das Sein der Entzweiung ist, das Sein der
Unvollkommenheit des Menschen als Unversöhntheit mit dem
Undenlichen. Und wie ihr Denken, so war – in aller Regel – ihr
Leben.
Nietzsches
Ideal war die Kultur der Antike. Sie war es in einer
Ausschließlichkeit, daß er das Christentum als „das
Verhängnis von Jahrtausenden“, al „bisher das größte
Unglück der Menschheit“ kennzeichnete.xi
Die antichristliche Hellenogenität läßt Nietzsche die
antike Kultur als das Fundament des Europäertums sehen. Das
Christentum versteht er als die „Religion des altgewordenen
Altertums“, dieser „letzte Römerbau“ habe allerdings auch
„wider seinen Willen helfen müssen, die antike Welt
unsterblich zu machen.“xii
Im oder mit der christlichen Kultur kam ‚antike Substanz’ in die
europäische Neuzeit. Statt Jenseitsglauben und Verdüsterung
der modernen Welt geht es ihm um die Wiedergewinnung des Diesseits
als des ‚heiligsten Menschenlandes’.
Zwar
ohne diese antichristliche Polemik, aber genau der gleichen
pro-antiken, genau der gleichen pro-griechischen Begeisterung bildete
auch für Hölderlin die Kultur der Griechen das Ideal, das
Maß aller Dinge, das Wahre und Gute, wonach – aristotelisch
gedacht – alles strebt. „Kein deutscher Dichter hat jemals so
sehr an die Dichtung und ihren göttlichen Ursprung geglaubt wie
Hölderlin, so sonderbar das klingt, diese zarte protestantische
Pfarreraspirant aus Schwaben hat eine absolute antikische Einstellung
zum Unsichtbaren, zu den Mächten, er glaubte viel gläubiger
an den Vater Äther und das waltende Schicksal als seine
Altersbrüder, als Novalis und Brentano an ihren Christus.“xiii
– „Nicht Zufall treibt ihn gerade nach Weimar: dort sind Goethe
und Schiller und Fichte und ihnen zur Seite wie die leuchtenden
Trabanten um die Sonne Wieland, Herder, Jean Paul, die Schlegels,
Deutschlands ganzer nektarisch einzusaugen und in dieser Agora des
Geistes, in diesem Koloseum dichterischen Ringens die eigene Kraft zu
erproben.“xiv
Doch
wie e sauf dem Boden der europäischen Kultur nicht anders sein
kann, fordert und gewinnt auch der zweite Brennpunkt der Ellipse sein
Recht – das Christentum. Stefan Zweig hat Novalis und Brentano als
die deutschen Antipoden nahmhaft gemacht, das große europäische
Gegengewicht zu Friedrich Nietzsche aber, das ebenso ausschließliche
Geltendmachen des Christlichen (und zwar des ‚reinen’ und
‚ursprünglichen’ Christentums) als den einzig wahren Dreh –
Angelpunkt der europäischen Kultur, als einzig wahres Ideal –
die verkörpert freilich der Däne Sören Kirkegaard.
“…der eine ist Christ, der andere ist ‚Anti-Christ’; der eine
will das Christentum erneuern, der andere will es vernichten; der
eine erreichte eine Philosophie aus dem Grundverhältnis zur
Transzendenz, der andere aber aus der unbedingten treue zur Erde.“xv
Und doch: „Die Verwandtschaft zwischen Kierkegaard und Nietzsche
ist so auffallend, daß Georg Brandes seinen Freund Nietzsche
auf die Schriften Kierkegaards aufmerksam gemacht hat.“ Beide
kämpfen „für das Recht des einzelnen, konkreten und
geschichtlichen Menschen; beide sind leidenschaftliche Gegner der
Masse; beide sind scharfe Kritiker ihres Zeitalters; beide sind
Künstler; beide sind kranke Menschen, die schließlich an
ihrer Aufgabe zerbrochen sind.“xvi
Alle
Merkmale die Stefan Zweig, den dämonischen Naturen zuschreibt,
treffen auf Kierkegaard zu: ‚all diese dämonischen Menschen
also dichten, denken und leben, erleben und erleiden wesentlich die
Entzweiung, die Kluft zwischen der Vollkommenheit ihres Ideals und
der Unvollkommenheit ihrer Wirklichkeit. Aber selbst wenn ‚das
Dämonische auch am äußersten Rande des Lebens steht
und sich schon darüber hinausbeugt ins Unbetretbare und
Unbetretene, so ist es doch immanente Substanz des Menschlichen“.xvii
Das Thema der anti-dämonischen Natur ist gleichsam die andere
Seite der Medaille, eben eine Zeit werdende Versöhnung der
Wirklichkeit mit dem Ideal. Letzterres darf nicht in dieser Polarität
und Ausschließlichkeit – ‚reines’ Christentum contra
‚reines’ Griechentum – gedacht sein, sondern es muß
selbst schon als synthetisches, als eine Vereinigung gesehen werden.
Der ältere Hegel (der junge Hegel stand eine Zeitlang dem
Griechentum nicht minder da und dem Christentum nicht minder fern wie
sein Jugendfreund Hölderlin) ist ein Meister solchen Denkens. Er
ist es so sehr das a) sein Verständnis der Kultur Europas
hinsichtlich ihrer Struktur gar nicht durch eine Ellipse
versinnbildlicht werden kann. Vielmehr gleicht die Hegelisch gedachte
einem Kreis, dessen alleiniger Mittelpunkt nicht ‚Antike’ und
auch nicht ’Christentum’, sondern ‚Vernunft’ heißt; und
b) kann sein Verständnis der Kultur Europas hinsichtlich
annähern ohne sie je zu erreichend, versinnbildlicht werden.
Vielmehr ist es bei Hegel so, daß die an sich seiende Vernunft,
aus dem Orient kommend, wo nur einer sich als frei wußte, in
der antiken Welt für sich seiend im Sich-frei-Wissen Einiger und
schließlich in der germanischen Welt auf dem Boden der Idee des
Christentums im Sich-frei-Wissen Aller an und für sich seiende
Realität gewinnt.
Aber
auch die dämonischen Naturen hätten unsere Gleichnisse
zurückgewiesen, weil auch sie nicht zwei Brennpunkte,
sondern nur einen nur einen Mittelpunkt der europäischen Kultur
anerkannten weil sie im Verlauf der Menschheitsgeschichte gerade
keine Annäherung an ihr Ideal, sondern vielmehr Abfall von
demselben konstatierten. Wir haben dieses Gleichnisse bewußt
gegen eine jede dieser Gattungen als jeweils besonderen, nur einen
Teil eines kulturellen Ganzen repräsentierend, gewählt, um
damit die tiefere Wahrheit dieses Ganzen aufzuhellen.
Doch
zurück zu den antidemonischen Gedanken. Es kommt überhaupt
nicht auf den relativ unerheblichen Unterschied etwa zwischen Kant
und Hegel hinsichtlich der Bewertung des unendlichen Progresses an,
sondern auf die Kontraposition, die beiden gleichermaßen
gegenüber der anderen Fraktion darstellen. Wie nämlich Kant
der Meinung war, daß sich die Geschichte der Menschheit als
beständiges Fortschreiten zum Besseren deuten läßt,
so galt für Hegel die Weltgeschichte als Fortschritt
im Bewußtsein der Freiheit. Geschichte wird als Geschichte der
Menschheit und ihres Sich-Annäherns (oder Sich-Vereinigens) an
das (mit dem) Ideal verstanden; das Endliche wird als ‚aufgehend’,
als sich-aufhebend im Unendlichen, begriffen. „Es ist die Natur des
Endlichen selbst über sich hinauszugehen, seine Negation zu
negieren und unendlich zu werden“.xviii
Nietzsche
und Kierkegaard hingegen philosophieren ausgehend von der je eigenen
Existenz des Individuums und seiner Unterschiedenheit vom Ideal der
Freiheit und Vollkommenheit.
Sie
behaupten das Recht, ja die Pflicht der Unaufhebbarkeit und
Unauflösbarkeit je eigener existentieller Endlichkeit als
Bedingung einer Vereinigung mit dem, was für sie das Ideal, die
Freiheit, die Vollkommenheit, das Unendliche bedeutet. So kommt es
bei ihnen zu einer Umwertung der Werte vor Endlichkeit und
Unendlichkeit. Hegel hatte in seiner Kritik an perennierenden Sollen
und am unendlichen Progreß im Denker Kants bemerkt: “Diese
Unerreichbarkeit“ (des Unendlicher durch das Endliche)“ ist aber
nicht seine Hoheit, sondern sein Mangel, welcher seinen letzten Grund
darin hat, daß das Endliche als solches seiend festgehalten
wird.“xix
Kierkegaard und Nietzsche setzen dem de facto entgegen: ‘Das das
Endliche als solches seiend festgehalten wird, ist nicht sein Mangel,
sondern seine Hoheit. Darin allein besteht die Bedingung der
Erreichbarkeit des Unendlichen.‘ Es war dies auch der Versuch einer
Rettung der Kultur Europas, deren Krise von Nietzsches
‘weiterdenkendem Blick’ gesehen wurde, er hat “die Gewalt des
kommenden Kataklysmas unserer Kultur vorausgefühlt“, die
“entsetzliche Katastrophe unserer Kultur verkündet“.xx
In der Gegenwart Ihrer Welt, in dieser geschichtlichen Endlichkeit,
wurde nicht wie von Hegel jene gelungene Synthese aus antiker
Rationalität und christlichem Glauben an die Gleichheit - in
Folge gleicher Gottesebenbildlichkeit — aller Menschen erkannt,
einer Fusion, woraus die moderne bürgerliche Rechtsordnung als Garant
der Freiheit Aller, des Aufgehobenseins alles Endlichen im
Unendlichen hervorgegangen wäre - sie sahen demgegenüber
weit eher wie der von Nietzsche so außerordentlich geschätzte
Heinrich Heine in ihrer Gegenwart nichts anderes als ein
„Zwitterwesen“.
„Von jenem Gamaschenrittertum,
das ekelhaft ein Gemisch ist,
Von gothischem Wahn und modernen Lug,
Das weder Fleisch noch Fisch ist.“xxi
Die Moderne ist eben nicht verwirklichtes Christentum und ebenso nicht realisiertes Griechentum. War daher Kierkegaards ‘Fort mit den zweitausend Jahren‘ und zurück zum reinen, ursprünglichen Christentum schon eine kräftige und deftige Provokation für das Publikum, so war Nietzsches ‘Fort mit dem Christentum überhaupt!‘ eine ungeheure. Aber beider Philosophieren war nichts als eine Antwort an den an sie in tiefster Eindringlichkeit ergangenen Aufruf: “lhr sollt vollkommen sein!“ Jedoch es war in ihrem Falle eben der ‘Dämon‘, der sie da an-rief (‚Achsenzeit’ hat Karl Jaspers gesagt) entsprungenen, reinen und unvermischten, einem Punkt auf dem tiefsten Grund menschlicher Existenz berührenden und den Menschen bis an die äußersten Grenzen seiner Möglichkeiten herausfordernden Moral, ein Anspruchs der aber einen Menschen der Moderne (einen ‘Spätgeborenen‘ hat Martin Heidegger gesagt) erreicht, ergreift und in den Bann zwingt. Goethe und Hegel sind ihm in ihrer Jugend mit knapper Not, aber auf Dauer, entkommen; Hölderlin und Kleist, Kierkegaard und Nietzsche nicht. Kant - der ‘Königsberger Chinese‘ - stand Zeit sein Lebens wohl nicht nie in Gefahr, ihm zu erliegen. Die Heroren beider Fraktionen verspotten den Philister , welcher ihm weis machen möchte, es sei
„… ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzten,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wirs dann zuletzt so herrlich weit gebracht.“xxii
Sie
würden dann mit dem bitteren Sarkasmus Fausts antworten: „O
ja, bis an die Sterne weit!“xxiii
Aber
die Differenz tut sieh im Verständnis von Wahrheit auf. Die
einen sind die zielstrebig-klardenkenden Weltenforscher
und-ent-decker, die mit logischer Stringenz und ausgeprägte
Ordnungswillen eine klarkonturierte ‘Land und Seekarte‘ des Seins
entwerfen; mit den anderen; besonders mit Nietzsche aber „erscheint
die schwarze Freibeuterflagge des Piraten zum erstenmal auf den
Meeren der deutschen Erkenntnis“xxiv,
Nietzsches Leidenschaft zur Erkenntnis kommt aus der ‚antipodischen
Welt des Gefühls‘. “Seine Einstellung zur Wahrheit ist eine
durchaus dämonische, eine zitternde, atemheiße,
nervengejagte, neugierige Lust, die sich nie befriedigt und nie
erschöpft“.xxv
Dies ist der Weltbezug des Künstlers, der unaufhörlich neue
Schöpfungen versucht, ‚im Übergefühl des Daseins‘
neue Formen zu gewinnen trachtet‚ sich selbst stets überbieten
wollend. Die Kunst allein vertrieb Nietzsche als Refugium, nachdem er
alle anderen Götter verstoßen hatte, bleibt “sein Nektar
und Ambrosia, das die Seele erfrischt und ewig verjüngt:“xxvi
Mit dieser Stellung zur Wahrheit und Kunst wird die Faszination für
Nietzsches seitens vieler Künstler des 20. Jahrhunderts
verständlich. Wahrscheinlich bleibt es “ein Wortirrtum,
Nietzsche einen Philosophen, also einen Freund der Weisheit, zu
nennen … Er ‚bracht und verbraucht’ Überzeugungen, wirft
wieder weg, was er gewinnt, und wäre darum besser ein Philaleth
genannt, ein leidenschaftlicher Passionierter der Aletheia …
Wahrheit, wie Nietzsche sie versteht, ist eben keine starre, keine
kristalline Form der Wahrheit, sondern der feurig glühende Wille
zum Wahnsinn und Wahrbleiben, eine Lebenserfüllung im Sinne der
höchsten Fülle“xxvii.
Stefan
Zweig aber hat wahrscheinlich recht, wenn er erkennen läßt,
daß beide Typen, Dämonische und Anti-Dämonische,
gleichermaßen wichtig, legitimiert und unentbehrlich für
die Selbsterkenntnis des heutigen Menschen sind. Vielleicht bilden
sie sogar die entscheidenden Brennpunkte der Ellipse, aus denen die
Kultur unserer heutigen Zeit wesentlich lebt. “Es ist das Leben
gleichsam auf dem Grat,“ so Karl Jaspers, “von dem ich abstürze
entweder in den bloßen Betrieb oder in ein wirklichkeitsloses
Dasein. neben dem Betrieb.“xxviii
Die undämonischen Naturen stehen in der Gefahr, in den reinen
Betrieb; die dämonischen stehen in der Gefahr, in ein
wirklichkeitsloses Dasein hinabzufallen.
Ohne
den Hiatus zwischen beiden Denkungsarten überwinden zu können
und zu wollen, wäre das Voranbringen des Gesprächs der
jeweiligen Vertreter sicher von Gewicht, gerade da wo heute
manche Stärken wie manche Schwächen der europäischen
Kultur deutlich hervortreten.
i
Stefan Zweig, Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin –
Kleist – Nietzsche. Frankfurt a.M. 1983, S. 11.
ii
Ebenda. S. 12.
iii
K. Rosenkranz, Aus Hegels Leben. In: C. Jamme/ H. Schneider, Der Weg
zum System. Frankfurt 1990, S. 61.
iv
G.W. Hegel. Brief an Nanette Endel. Zitiert nach: F. Rosenzweig,
Hegel und der Staat. München und Berlin 1920, S. 73.
v
Ebenda, S. 102.
vi
K. Rosenkranz, Aus Hegels Leben, A.a.O., S. 61.
vii
K. Löwith, Von Hegel zu Nietzsche. Stuttgart 1950, S. 180.
viii
St. Zweig, Der Kampf mit dem Dämon. A.a.O.
S. 15.
ix
Ebenda, S. 16.
x
Ebenda, S. 19-22.
xi
F. Nietzsche , Der Antichrist. In: F. Nietzsche, Werke in drei
Bänden. Bd. 2. München 1977, S. 1218.
xii
Ders., Menschliches, Allzumenschliches. In: Werke in drei Bänden.
A.a.O. Bd. 1. S. 824; ders., Die fröhliche
Wissenschaft. In: Werke in drei Bänden. A.a.O.
Bd. 2. S. 230; ders. Menschliches, Allzumenschliches. A.a.O.
S. 825.
xiii
St. Zweig, Der Kampf mit dem Dämon. A.a.O.
S. 50
xiv
Ebenda, S. 69.
xv
J. Fischl., Idealismus, Realismus und Existentialismus in der
Gegenwart. Graz Wien Köln 1954, S. 255.
xvi
Ebenda, S. 255.
xvii
St. Zweig, der Kampf mit dem Dämon. A.a.O.
S. 23.
xviii
G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik, Berlin 1975. S. 126.
xix
Ebenda, S. 138.
xx
St. Zweig, Der Kampf mit dem Dämon. A.a.O.
S. 284.
xxi
H. Heine, Deutschland – Ein Wintermärchen. In: H. Heine Werke
in fünf Bänden. Zweiter Band. Berlin und Weimar 1978. S.
133.
xxii
J.W. Goethe, Faust. Gesamtausgabe. Leipzig 1969. S. 149.
xxiii
Ebenda, S. 149.
xxiv
St. Zweig, Der Kampf mit dem Dämon. A.a.O.
232.
xxv
Ebenda, S. 272.
xxvi
Ebenda, S. 268.
xxvii
Ebenda, S. 240.
xxviii
K. Jaspers, Die geistige Situation der Zeit. Berlin 1949. S. 201.
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