Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No. 4 (1/1994) | Letzte Änderung: 21. Januar '09 |
Philosophische Betrachtungen von Nietzsche bis Tabori hg. v. Steffen Dietzsch, Leipzig 1993, 256 S.‚ 20, 00 DM
von Roberto Simanowski
Wann
eigentlich trat das lachen in die Welt? Als der HERR Luzifer aus dem
Himmel warf, diesen Geist, der stets verneint? Denn das lachen ist ja
die kleine Subversion, wie Odo Marquard im Einleitungsgespräch
des vorliegenden Buches versichert (12). Oder, wie Marquard mit Bezug
auf seinen Lehrer Joachim Ritter sagt: “Weil und wo die offiziell
herrschende und geltende Wirklichkeit andere Wirklichkeiten ausgrenzt
oder ausschließt oder als nichtig setzt, ist es das Lachen, das
geltend macht, das dieses offiziell Nichtige dennoch zu unserer
Wirklichkeit gehört. Dem Lachen gelingt es, die Identität
des Ausgegrenzten mit dem Ausgrenzenden wiederherzustellen...“
(11f.)
So
lachte also Luzifer, von Gott gemacht und von Gott verstoßen,
ihn und dessen Welt wach blieb ihm damit immer nah? Gott selbst,
versichert Marquard, lache nicht, denn: “wenn das Lachen das all
offiziell Ausgeschlossene geltend macht, braucht der nicht zu lachen,
der nichts ausschließt (...) Gott verdrängt nichts, darum
hat er nichts zu lachen, (13) Und Luzifer? Gab es mit dessen
Ausschluß nicht schon zwei Lachende im Universum? Steckte
dahinter vielleicht eine Absicht: das Lachen als Bestandteil des
Schöpfungsplans? Wann trat das Lachen in die Geschichte?
Und welche Funktion hat es?
Eine
Genealogie des Lachens will das Buch nicht liefern. Es sollen
philosophische Betrachtungen “aus unserer Gegenwart (seit
Nietzsche)“ präsentiert werden. Auch um Luzifer geht es nicht.
Er eröffnet das Buch im werbewirksamen Titel und verschwindet
sogleich. Das ist selbst schon zum Lachen; sofern Komik, wie ihre
allgemeine Definition lautet, im Unverhältnismäßigen
liegt, im Kontrast zwischen Erwartetem und Eingelöstem. Der
Herausgeber, der in Chemnitz geborene Steffen Dietzsch (1989
Professor für Philosophie in Berlin, seit 1991 in Marburg)
will mit dem vorliegenden Band, wie er betont, nicht repräsentative,
aber bemerkenswerte Texte zum Lachen vorlegen. Zum Lachen im
doppelten Sinne: zum Lachen als Handlung des Lesers und zum Verstehen
des Lachens. Der Weg zu ersterem ist weit, wenn man dem Fahrplan des
Buches folgt. Nach dem Einleitungsgespräch des Herausgebers mit
Odo Marquard, in dem bereits die Essenz einiger der folgenden Texte
geboten wird, und nach der Erwärmungsübung an verschiedenen
Nietzsche Aphorismen steht der Leser den nicht ganz einfachen, z. T.
sehr akribisch ausgeführten Beschreibungen und Klassifizierungen
des Lachens durch Henri Bergson, Friedrich Georg Jünger, Joachim
Ritter und Helmut Plessner gegenüber. Eine Theorie des Lachens
muß nicht zum Lachen sein. Lachen kann man nach diesen 175
Seiten dann für 10 Minuten bei Karl Valentin, ehe Dürrenmatt
mit seiner Überlegung zur “Freiheit als ironischem Begriff‘
erneute Disziplin erfordert und Manfred Frank zu einem Ausflug in die
Transzendentalphilosophie einlädt, indem er ganz harmlos mit ein
paar Witzen beginnt. Die letzten 20 Seiten gehören Woody Allen,
George Tabori und Max Frisch.
Die
Struktur des Buches verrät eine didaktische Absicht: erst die
Theorie, dann die Praxis. Genauer gesagt: die Anwendung der Theorie
in der Praxis; z. II. an Woody Allens Kommentar zur schwarz
aufscheinenden Zukunft: “Die Überbevölkerung wird die
Probleme bis zum äußersten verschärfen. Die Zahlen
sagen uns, daß es schon heute mehr Menschen auf der Erde gibt,
als. wir gebrauchen kämmen, um selbst das schwerste Klavier zu
heben.“ Darüber sollten wir bereits als Wissende lachen: im
Bewußtsein des Lachens als Reaktion auf eine Unangemessenheit,
auf die “unerwartete Subsumtion eines Gegenstandes
unter einem ihm übrigens heterogenen Begriff‘, wie es bei
Schopenhauer heißt (192). Oder, mit Kant zu reden: als Affekt
“aus der plötzlichen Verwandlung, einer gespannten Erwartung
in nichts“ (193). Die gezielte Banalisierung des demographischen
Desasters zum Phänomen des Klaviertransportes ist eine solche
Subsumtion und Ent-Spannung zweifellos.
Wie
gesagt: der Weg des Lesers zum Lachen ist weit. Erst die Arbeit, dann
das Vergnügen; ein deutsches Buch. Gewissermaßen ein
ostdeutsches Buch, gewidmet den Landsleuten in den neuen
Bundesländern. Der Bezug ist indirekt, aber deutlich genug, wenn
Dietzsch in der Nachbemerkung vom Lachen als einem angeratenen
„Umgang kein “Aufarbeiten“!) mit Geschichte“ spricht, als
Mittel gegen ein neues, aus “dem Personalakten Wahn“
produziertes, endgültig definitives “Wissen wie es mit UNS
eigentlich gewesen sei“. Oder wenn er unter Anspielung auf den
Verlust der DDR Identität vier therapeutische Funktionen des
Lachens markiert: “Lachen rettet vor Wahnwitz“, “Lachen
erleichtert Abschiednehmen“, “Lachen ist zweifeln, um nicht zu
verzweifeln“ und “Lachen tötet die Macht der Vergangenheit“
(256). Sicher hat Dietzsch nicht unrecht, wenn er sich mit seinem
Plädoyer für das Lachen gerade an die soeben aus der
Verbissenheit einer stattlichen Indoktrination entlassenen
Bundesbürger im Osten wendet. Die Suche nach einer anderen
ldentität sollte in Partnerschaft mit dem Lachen geschehen und
viel zu schnell sind schon wieder biedere Übereinkünfte mit
neuen Wahrheiten getroffen. Aber die Akzentuierung dieses
Adressatenkreises darf nicht als Einschränkung verstanden
werden. Das “Training des Lachens“ geht alle etwas an. Und
nachdem Descartes Selbstbewußtseinsversicherung “cogito ergo
surn“ schon in ein “dubito ergo sum“ ich zweifle, also bin ich
(Ulrich Beck) umformuliert wurde und manch einer in Nordamerika und
Europa bereits das “rideo ergo sum“ probiert ich lache, also bin
ich (so auch der deutsche Titel eines Buches von J. A. Paulos)‚
gibt es wohl kaum ein wichtigeres philosophisches
(und ethisches) Thema als das Lachen und die Ironie und kein
wichtigeres Buch als eine Sammlung von philosophischen Betrachtungen
zum Lachen. Dieser Hypothek wird das Buch nicht gerecht.
Daß
der Herausgeber sich bei der Auswahl der Texte auf das Kriterium der
Zufälligkeit verließ, muß man akzeptieren. Selbst
mit der vorgenommenen Begrenzung des interessierenden Zeitraumes
hätte die Intention eines repräsentativen Kompendiums den
Rahmen des Machbaren gesprengt. Auf vakante einschlägige Texte
(wie Freuds „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“
von 1905) wird z.T. in den abgedruckten Aufsätzen Bezug
genommen, zudem listet der anregende Anhang weiterführende
Literatur auf. Der Verzicht auf die Aufnahme oder zumindest Erwähnung
eines Textes wie Dieter Wellerhoffs „Infantilismus als Revolte. Zur
Theorie des Blödelns“ von 1974 bleibt dennoch zu bedauern,
ebenso das gänzliche Schweigen über den Dadaismus als
programmatisches Auslachen gewohnter Moral, Ästhetik und
Vernunft. Das inszenierte Blödeln der Lautgedichte hätte
Valentins noch recht logisch verfahrene Logikkritik komplementieren
können. Unverständlich bleibt jedoch, warum kein Text aus
dem Umfeld der Postmoderne-Diskussion in das Buch aufgenommen wurde.
Im Einleitungsgespräch macht Dietzsch zwar eine Anspielung in
die Richtung des postmodernen Lachens durch das Octavio Paz-Zitat:
“Geboren aus der Verneinung des Absoluten endet das Lachen in der
absoluten Verneinung“ (14). Der Ball wird jedoch sehr schnell
fallengelassen. Marquard bezeichnet Dietzsch gegenüber seiner
eigenen Philosophie als “Abschied vom Prinzipiellen“, als
Vermeidung absoluter Positionen und spricht von der gefährlichen
Humorlosigkeit der finalisierenden Weltverbesserungstheorien
(einschließlich der ‘68er Bewegung). Da wünschte man
sich eine Zuspitzung der Unterhaltung durch die Thematisierung
der aktuellen nicht finalen, spiel- und lachorientierten
„Weltverbesserungstheorien“ und der ethischen Konsequenzen
ihres Abschieds vom prinzipiellen, Allgemeinen,
Verbindlichen Die ironische Geste der postmodernen Philosophie
wird nur kurz erwähnt, die Auseinandersetzung mit Ihr erfolgt
weder im Gespräch, noch wird sie dem Leser durch die Aufnahme
eines entsprechenden Textes nahegelegt. Eine schmerzhafte Leerstelle.
Denn die nicht nur modische, sondern (unter der Annahme
unentrinnbarer Dissonanz und Relativität des Wahrheitsbegriffs)
auch adäquate ironische Haltung der postmodernen Philosophie hat
ihre Abgründe. Ihre teuflischen Ambivalenz von Toleranz der
Heterogenität und gefährlichem Einfallstor für
Beliebigkeit, Oberflächlichkeit und Kritikverlust hätte in
einem philosophischen Buch der neunziger Jahre über das Lachen
nicht so leichthin übergangen werden dürfen.
Trotzdem
sei das Buch jedem empfohlen, der sich in die Materie des Lachens
einlesen will. Die vorgelegten Texte bieten jede Menge Anregungen zu
interessanten Gedankenfolgen. Da wird das Lachen mit seinem
kritischen Impuls z.B. als „Modellfall dessen, was Vernunft ist“
verstanden (Marquard) und als Zur Rede Kommen des normativ
Ausgegrenzten (Ritter). “Was mit dem Lachen ausgespielt und
ergriffen wird“, schreibt Ritter, “ist diese geheime
Zugehörigkeit des Nichtigen zum Dasein ...“ (104) “Im
Unsinn, im ausgelassenen Treiben, „ist Spiel, im Scherz werden die
Seiten des Lebens als zu ihm gehörig ergriffen, die für den
Ernst immer nur als Ausgegrenztes und Nichtig Widerständiges
faßbar sind.“ (109) Jünger leitet den Humor aus dem Reiz
an der Übertreibung und am sonderbaren her und bindet ihn
deswegen an das Häßliche. Denn das Schöne besitzt
keinen Ausnahmecharakter, es ist die Erfüllung einer Norm, es
bedarf nicht des Humors als Entschädigung so gibt es auf dem
Theater zwar die Rolle der komischen Alten, nicht aber die der
schönen Komischen.
Den
Witz als Medium der Sprachkritik wiederum analysiert Plessner, der
eine ganze Reihe von Anlässen des Lachens untersucht: den
Kitzel, das Spiel, die Komik, den Witz, die Verlegenheit, die
Verzweiflung.
Beziehungsvoll
ist seine Replik über das Lachen aus Verlegenheit. So werde der
Mensch in Situationen, mit denen er “nichts mehr anzufangen weiß,
weder mit sich noch mit der Welt, in denen er mit seinem Latein zu
Ende ist und im Leeren steht wie vor einer Mauer oder vor einem
Abgrund auf sich zurückgeworfen und erlebt eine höchst
fatale Pause, einen Abbruch seines Daseins, der ihm das Mißverhältnis
zwischen sich und der Umwelt offenbart. Ein Mißverhältnis,
das die Quelle seiner Not und zugleich ihrer Linderung, Fessel und
Befreiung wie in einem sein kann, wenn er sich von der Komik des
Deplaciertseins packen läßt. Diese Flucht in die Komik
erklärt zu einem guten Teil das Lachen in Verlegenheit (und
Verzweiflung). Und doch gibt es daneben das echte verlegene oder
verzweifelte Lachen“ (166). Das „echte“ Lachen aus Verlegenheit
oder Verzweiflung ist das Lachen, das mit Erröten,
Schweißausbrüchen u.ä. einhergeht. „Verlegenheit
kann über kein Ausdrucksreservat verfügen. Sie würde
sich dann im Ausdruck selbst verleugnen, der Ausdruck ihr selbst
untreu zu werden. Verlegenheit muß um Ausdruck verlegen sein
...“ (169) Das Lachen über die Komik der Verlegenheit wäre
als Ausdruck und Überwindung der Verlegenheit zu unterscheiden
vom „roten“, „schweißigen“ Lachen aus Verlegenheit.
Pointiert gesagt: In welcher Weise der unsichere Liebhaber oder der
angeschlossene Staatsbürger im neuen Bewährungskontext
mit der Verlegenheit umzugehen versteht, wird sich an der Farbe
seiner Ohren zeigen. Über das Lachen als Krisenmanagement
bemerkt Plessner außerdem, „daß das Lachen mit
zunehmender Distanz des Menschen zum Anlaß Freiheit und
Heiterkeit, Fülle und Tiefe gewinnt, mit schwindender Distanz,
d. h. wachsender Mitgenommenheit und Benommenheit aber sie
verliert. Affektive Beteiligung kann die Eindeutigkeit des Lachens in
Frage stellen.“(174) Hier rückt das Lachen in die Nähe
der Gefühlskälte, zumindest aber der Oberflächlichkeit:
„Der Mensch antwortet mit ihm direkt, ohne sich in die Antwort mit
einzubeziehen. Im Lachen wird er gewissermaßen anonym ...“
(175).
Franks
referiert u. a. Kant, Schopenhauer und Ludwig Tieck begreift die
Erscheinung des Komischen als das Bewußtsein einer Inkongruenz
zwischen Wesen und Wirklichkeit bzw. zwischen dem Sein eines Menschen
und seinem Entwurf von sich. “Diesen Widerspruch bringt die
Situationskomik von außen ins Spiel, während die
Charakterkomik dem unangemessenen Überstieg eines Bewußtseins
über ‘sich selbst‘ entspringt.“ So ist “ein Betrunkener
an sich nicht lächerlich, aber er wird es, sobald ihm ein guter
Freund begegnet, der sich ganz ernsthaft einen vernünftigen Rat
von ihm ausbäte“ (200). Der Begriff der Inkongruenz gibt nach
Franks Meinung auch den kleinsten gemeinsamen Nenner aller
philosophischen Theorien des Lachens an: Das Lachen reagiert auf den
Kontrast zwischen Erwarteten und Eingelöstem. Deswegen lacht man
z. B. über einen kunstvoll geschorenen Hund, wie Plessner
erklärt: die „Idee der Norm, die wir in unserer
Einbildungskraft (aus Gründen der Gewohnheit und ästhetischer
Vorurteile) an die Erscheinung herantragen“, entspricht nicht dem
Phänomen Hund als Kunde des Schönheitssalons. Noch nicht,
möchte man heute sagen, denn mit den Normen ändert sich
auch das Lachen. Das Lachen verschwindet und entsteht andernorts neu.
Vielleicht wird irgendwann gerade der Hund ohne Frisur ein Objekt der
Komik sein.
Der
vorliegende Sammelband ist also durchaus lesenswert und läßt
nur insofern unbefriedigt, als er das Verlangen nach einem zweiten
bewirkt. Mit diesem hätte dann die ethische Diskussion zu
folgen. Die Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen des
Lachens. Das diabolische Motto für den zweiten Band könnte
Max Frisch liefern, der den vorliegenden abschließt: „Haben
Sie Humor, wenn Sie allein sind?“
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.