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| Erschienen in Ausgabe: No. 6 (3/1994) | Letzte Änderung: 21. Januar '09 |
Zum Problem des Absoluten in Fichtes Wissenschaftslehre von 1804, zweiter Vortrag.
von Christian Danz
Das Frühjahr 1801 war in mehrfacher Hinsicht für Jena von Bedeutung.
Nicht nur kam im Januar Schellings ehemaliger Studienkamerad Hegel nach Jena,
sondern es erschien im Frühjahr 1801 auch Schellings erste
identitätsphilosophische Druckschrift "Darstellung meines Systems". Schon
der Titel macht unmißverständlich klar, daß es hier nicht um
Philosophie überhaupt geht, sondern um Schellings eigenen Entwurf eines
Systems. Ganz folgerichtig nimmt dann auch die "Vorerinnerung" des Systems von
1801 eine mögliche Abgrenzung von Fichtes philosophischem Standpunkt -
für Schelling ist dies die Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre von
1794 - vor. Schelling schreibt hier: "Fichte z.B. könnte den Idealismus in
völlig subjektiver, ich dagegen in objektiver Bedeutung gedacht haben;
Fichte könnte sich mit dem Idealismus auf dem Standpunkt der Reflexion
halten, ich dagegen hätte mich mit dem Princip des Idealismus auf den
Standpunkt der Produktion gestellt". (IV, 109)[1] Freilich formuliert Schelling vorsichtig,
Fichte 'könnte' auf dem Standpunkt der Reflexion stehen. In dieser
vorsichtigen und andeutenden Formulierung spricht sich die Hoffnung Schellings
aus, durch den Standpunkt, wie er ihn mit der identitätsphilosophischen
Schrift "Darstellung meines Systems" bezogen hat, mit Fichte in Einklang zu
gelangen. Jedoch täuschte sich Schelling mit seiner Hoffnung. Fichtes
Antwort auf Schellings System von 1801 war vernichtend. Das Absolute, von dem
Schelling in jener Darstellung spricht, ist in der Perspektive Fichtes
"überhaupt gar kein möglicher Gedanke, sondern nur eine finstere
Ausgeburt" seiner "schwärmenden Phantasie". (SW VIII, 363)[2]
Was Fichte an Schellings Ansatz kritisiert, ist die über sich selbst im
unklaren verbleibende Reflexion, die vermeint, die Reflexion hinter sich
gelassen zu haben. Der Reflexion ist nicht zu entrinnen, und daher kann Fichte
als Haupteinwand gegen Schelling die Verobjektivierung der Vernunft
erklären. Das Absolute ist nur im Gedanken zu vergegenwärtigen, da es
selbst die Wahrheit des Denkens ist. Aber jeder Gedanke verobjektiviert das
Absolute und verfehlt es damit. Wie ist mit diesem Dilemma umzugehen?
Über das Zutreffen von Fichtes Einwand ist hier nicht zu streiten. Was uns
hier interessiert, ist die Frage, wie Fichte mit dem Problem des Absoluten
umgeht. Seine Konzeption des Absoluten, wie sie in der Wissenschaftslehre von
1804 durchgeführt ist, bekommt ihre besondere Würze dadurch,
daß sie als Gegenentwurf zu den philosophischen Entwürfen der
Jenenser Fraktion von Schelling und Hegel zu lesen ist. Insofern haben wir es
hier mit einer Reaktion auf das für Jena so bedeutungsvolle Frühjahr
1801 zu tun.
Mit Fichtes Systementwurf von 1804, der im Folgenden in seinem entscheidenden
Gedankengang rekonstruiert werden soll, liegt eine Theoriegestalt vor, die als
eine eigenständige Endgestalt des idealistischen Denkens betrachtet werden
kann.
Über die Schwierigkeit der Wissenschaftslehre auf ihrem Weg zum Absoluten
als Prinzip des Wissens bemerkte Fichte einmal:
"Dieser Einheitspunkt kann nun allerdings unmittelbar, und in demselben
verschwebend und aufgehend realisirt werden, und was wir als W.=L. innerlich
(ich sage innerlich, und uns selber verborgen) sind, ist diese Realisation;
aber er kann in seiner Unmittelbarkeit nicht ausgesprochen oder nachconstruirt
werden; denn alles Aussprechen oder Nachconstruieren = Begreifen, ist in sich
mittelbar." (33 = SW X, 114f.)[3] In
prägnanter Weise wird in dieser Passage aus dem wichtigen vierten Vortrag
die Lagerung des Problems benannt. Worin besteht die Schwierigkeit? Sie besteht
grob gesagt im Problem des Bewußtseins selbst. Ist es nämlich die
Aufgabe der Wissenschaftslehre, die absolute Einheit aufzusuchen, so findet sie
faktisch immer eine Differenz vor. Diese Differenz, die sich faktisch einstellt
und welche erhellt werden soll, läßt sich beschreiben als eine
Differenz von Vollzugsaktualität und Bestimmtheitsmoment. Für den
Denkvollzug ist jene Differenz konstitutiv. Besteht die Eigentümlichkeit
des Denkens gerade darin, daß es eine Aktualität im Vollzug ist, so
ist es doch nur in der Bestimmung oder im Gedanken 'Denken' zu
vergegenwärtigen. Aber eben in dem Gedanken 'Denken' ist es nicht mehr die
Aktualität des Vollzuges, die mit Denken eigentlich gemeint ist. In einer
näher auf Fichte zurückkommenden Terminologie kann man sagen, in der
Vergegenwärtigung des Vollzuges des Begreifens im Begriff entzieht sich
der Vollzug immer dem Begriff.Gleichwohl ist der Begriff Produkt des
Begreifens, und zwar so, daß sich der Vollzug im Begriff manifestiert.
Ohne den Gedanken Denken zu haben, wüßten wir nicht, daß wir
denken. Wie ist mit dieser Differenz umzugehen, die sich zeigt, wenn wir das
Denken analysieren? Scheinbar ist ihr nicht zu entrinnen, und doch muß
sich eine Lösung finden lassen, wenn die Wissenschaftslehre ihre Aufgabe
erfüllen soll, absolute Einheit als Grund des Wissens nachzuweisen. Um
sich dem Niveau von Fichtes Lösungsvorschlag zu nähern, ist es
sinnvoll, den Begriff noch etwas tiefer zu analysieren. Der Terminus Begriff
steht in Fichtes Wissenschaftslehre für die Form des Bewußtseins
oder die Form des Ich. Wesentliches Merkmal des Begriffs ist die Trennung, die
Negation, da die Bestimmung von etwas immer ein Absondern ist. Seine Form
läßt sich daher als Form der Differenz bezeichnen.Aber indem der
Begriff sondert, verknüpft er auch gesonderte zu einer Einheit. Als
Manifestation des Begreifens hatte sich der Begriff schon gezeigt, und
Begreifen ist ja nichts anderes als der Vollzug einer Einheit, die sich dadurch
konstituiert, daß eins durch das andere zusammengefügt wird.
Entzieht sich zwar die Einheit des Denkvollzuges ihrer begrifflichen
Vergegenwärtigung, so nimmt doch andererseits der Begriff die Einheit
immer schon in Anspruch, wenn er gesonderte zu einer Einheit verknüpft. Es
gilt also, zwei Aspekte aufzuklären, einmal die Einheit, die der Begriff
faktisch in Anspruch nimmt, und zum anderen die Differenz, welche sich faktisch
einstellt. Für den Begriff ist dies nicht zu leisten, da sich einer am
Begriff orientierenden Selbsterhellung des Denkvollzuges dieser nur in der
begrifflichen Vergegenwärtigung zeigt und damit in einem Objekt des
Bewußtseins. Wichtig ist es jedoch zu sehen, daß es keinen anderen
Weg zur Selbstvergewisserung des Denkvollzuges gibt, und so gesehen ist es
gerade diese Iteration der Spannung von Vollzugsaktualität und
begrifflicher Fixierung, die die Wissenschaftslehre vorantreibt. Stellt sich
nämlich die Einsicht ein, daß das Absolute nur durch eine Analyse
der Vollzugsaktualität des Bewußtseins zu begreifen ist, jedoch die
Form des Begreifens oder die Form des Ich das Absolute immer verfehlt, weil es
den Vollzug nur in der Form des Ich repräsentiert und damit tötet, so
wird eine Lösung gerade durch diese Einsicht möglich. Wir müssen
vom Bewußtsein absehen, um das Absolute zu sehen, oder pointierter: Wir
müssen vom Sehen absehen, wenn wir sehen wollen. Diese Auskunft mag
zunächst überraschen, sie scheint jedoch Fichtes Argumentation sehr
nahe zu kommen. Dies mag ein Zitat belegen:"Es fand sich, daß das Ansich
einleuchte, als ein absolutes Vernichten der Gültigkeit alles Sehens, in
Beziehung auf sich: daß es in unmittelbarer Evidenz sich selber
construire, und eben die unmittelbare Evidenz oder das Licht mit seiner
Sichconstruction zugleich herauswerfe" (156 = SW X, 209)Indem der Begriff
versucht, das Absolute zu vergegenwärtigen, verfehlt er es, und dies macht
deutlich, daß der Begriff eigentlich nicht von uns negiert wird, sondern
daß er durch die Selbstkonstitution des Absoluten in unserer Einsicht
negiert wird. Das Absolute konstituiert sich in unserem unmittelbaren Vollzug
des Denkens als Negation des Begriffs. Faktisch bleibt zwar der Begriff oder
das Bewußtsein als die Instanz, für die die Einsicht ist, jedoch als
Prinzip wird der Begriff abgesetzt und in der Selbstkonstitution des Absoluten
als Prinzipat gesetzt. Aus diesem Grunde haben wir das Absolute faktisch nur im
Begriff, aussagbar ist es nur vermittels des verobjektivierenden Sagens. Aber
sowie dieser Mechanismus des Bewußtseins eingesehen ist, so
verschlägt es nichts, dies als Schein vom unmittelbaren Vollzug
abzuziehen. Was bleibt, ist nur die unmittelbar zu vollziehende Faktizität
des Vollzuges, der immer schon ist, wenn wir Bewußtsein sind. Dies
bedeutet jedoch, daß das Absolute immer schon die Differenz geleistet
haben muß, wenn Bewußtsein sein soll. Faktisch finden wir uns schon
immer in der Einheit und Differenz des Bewußtseins. Die Unmittelbarkeit
des zu realisierenden Denkvollzuges, die nicht zu vermitteln ist, wird zur
Gewähr dafür, daß Absolutes und Begriff nicht zusammenfallen,
obwohl das Bewußtsein die Urerscheinung des Absoluten ist. In dieser
Pointe liegt eine der grundlegenden Einsichten der Wissenschaftslehre von
1804.Expliziert man die Struktur dieser Einsicht, so lassen sich Absolutes und
Begriff gegenläufig als Spiegelbilder darstellen. Die unhintergehbare
Faktizität des Denkvollzuges stellt, wenn man diese Struktur in einem
Schema darstellen wollte, die Spiegelachse dar. Entscheidend ist für diese
Struktur die Einsicht, daß der Begriff als Differenzform, die eine
Einheit beansprucht, nur ist, sofern das Absolute als Einheit die Differenz
leistet, und zwar die von Vollzug und Begriff, oder mit den Worten Fichtes, die
Differenz von innerem und äußerem Licht. Das äußere Licht
baut sich wiederum über eine Differenzform auf, und zwar derart, daß
das äußere Licht das innere Licht voraussetzt. Dieser Sachverhalt
wiederholt sich am Ort des Begriffs, für den die Differenzform konstitutiv
ist. Erst die Vernichtung des Begriffs durch die Selbstkonstitution des
Absoluten im unmittelbaren Denkvollzug läßt das Absolute als inneres
Leben erscheinen. Da diese Einsicht jedoch eine Einsicht für ein
Bewußtsein darstellt, so erliegt die Erscheinung des inneren Lebens der
Verobjektivierung. Fichte gewinnt dieses Resultat durch die Orientierung an der
Vollzugsaktualität des Denkens. Dies bedeutet, daß jegliche externe
Relation ausgeschlossen ist, über den internen Vollzug kann nicht
hinausgegangen werden. Die Abstraktion vom Sehen des Bewußtseins
behält daher den in sich stehenden reinen Vollzug übrig, das Absolute
als "von sich, in sich, durch sich" (151 = SW X, 205), eine Einheit, "die nicht
ausser sich sein kann, nicht herausgehen [kann] aus sich selber zur Zweiheit"
(152 = SW X, 206). Ersichtlich ist, daß diese Figur, die von
entscheidender Bedeutung für die Wissenschaftslehre von 1804 ist, ihre
Plausibilität allein durch ein duplizitäres Modell gewinnt. Eben weil
die Urspaltung des Absoluten für die Rationalität uneinsichtig ist,
können Begriff und Absolutes nicht zusammenfallen, oder m.a.W., eben weil
die Rationalität sich nicht selbst inszenieren kann, verweist sie auf ein
Absolutes, welches für sie selbst irrational ist.
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