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| Erschienen in Ausgabe: No 45 (11/2009) | Letzte Änderung: 04. November '09 |
Der Dokumentarfilmer Joris Ivens
von Sophie Bartholome
In den letzten Jahren
kehrte das Kino wieder zu seinem Ursprung zurück – zum
Dokumentarfilm. Das Besondere bei diesem ist, dass die Authentizität
beim Filmemacher liegt. Die Bilder sollen nicht werten, sondern
versuchen dem Rezipienten die Möglichkeit offen zu lassen, sich ein
Urteil bzw. eine eigene Meinung über das Thema zu bilden. Die
Filmemacher tragen die Verantwortung für das Zeigen und die
Zuschauer für das Hinterfragen. Das Interesse an Dokumentarfilmen
ist in den letzten Jahren gestiegen, daher verwundert es nicht, dass
das 52. Internationale Leipziger Filmfestival für Dokumentar- und
Animationsfilm in diesem Jahr ihren Besucherzahlenrekord mit 34.200
Zuschauer gebrochen hat. Im Jahr 1955 öffnete sich zum ersten Mal
der Vorhang in einem Kinosaal des Leipziger Filmfestivals und damit
ging es als das erste unabhängige Filmfest der DDR in die Geschichte
ein.
In den Tagen vom 26.
Oktober bis zum 1. November öffnete sich dann 330 Mal der Vorhang.
Zuschauer um Zuschauer saßen in den zwölf Kinosälen nebeneinander
und sahen 'hinter' die Bilder, welche ihnen die Regisseure
präsentierten. Teilweise verließ man den Saal mit gemischten
Gefühlen. Zum Nachdenken angeregt und aufgefordert, ebenso betroffen
von verschiedenen gezeigten Erlebnissen : Die Bilder der Filme
zirkulierten am nächsten Tag oft noch im Kopf herum. Besonders
eindrucksvoll waren Filme wie The Genome Chronicles von John
Akomfrah, Between Dreams von Iris Olsson, Book of Miri
von Katrine Philp und die Animationsfilme Never drive a car when
you're dead von Gregor Dashuber und Aanaat von Max
Hattler. Nicht nur die Kunst der Inszenierung der Filme war beim
Filmfestival zentral, sonder auch das Thema Kunst im Film. In
dem bedeutungsvollen Dokumentarfilm Die Kinder vom Friedrichshof
widmete sich Juliane Großheim der Kommune des Wiener
Aktionskünstlers Otto Mühl. Hierbei offenbaren fünf Kinder, die in
dieser Kommune lebten, ihre Erlebnisse und Erinnerungen. Die Kommune
ist im Jahr 1971 von dem Künstler Otto Mühl gegründet worden,
welcher in dieser wie ein Monarch herrschte. Es war ein
gesellschaftliches und künstlerisches Experiment, indessen die
Aufhebung von Familienbeziehungen und die gemeinsame Sexualität
zentral waren. 1988 wurde dieses Experiment durch ein Strafverfahren
gegen den Künstler beendet. Im Film zeigen fünf Kinder der Kommune,
wie sie vom Künstler Otto Mühl und seinen Vorstellungen geblendet
worden sind. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Aufarbeitung
der Erlebnisse der Kinder.
Diese
vielen guten Filme deckten fast alle Themen von A bis Z ab. Doch es
wurden auch spezielle thematische Sonderreihen, in denen aktuelle
Ereignisse und Geschehnisse zentral waren, dem Zuschauer geboten. Bei
„Transit' 89. Danzig-Leipzig-Bukarest“ drehten sich die Filme
rund um das Jahr 1989. Sie beschäftigten sich mit dem Fall der
Berliner Mauer und dem damit entstandenen Wandel. „This is Africa“
ist eine weitere Sonderreihe, welche afrikanischen Filmemachern die
Möglichkeit bot, ihre Sicht auf die afrikanischen Nationen zu
zeigen. Für bedeutende Dokumentarfilmer wurden ebenso Sonderreihen
im Programm etabliert ...
Herbst 1964, Leipzig,
Festivalkino „Capitol“ : Joris Ivens und viele weitere
Filmemacher befinden sich bei der 7. Inernationalen Leipziger
Dokumentar- und Kurzfilmwoche. Einer der bedeutendsten Filmemacher
des 20. Jahrhunderts nahm selbst am Filmfestival teil. Er gab viele
Inspirationen und engagierte sich bei diesem Event. Doch aufgrund von
politischen Differenzen blieb Joris Ivens mehr als zehn Jahre dem
Leipziger Filmfestival fern. Erst in den 80er Jahren kam man sich
durch einzelne Vorführungen wieder näher. Mit der Sonderreihe
„Joris Ivens 1898-1989 - Das Unmögliche zu filmen“ konnte das
Publikum anlässlich seines 20. Todestages beim diesjährigen
Filmfest auf seine Werke zurückblicken. Die Dominanz der Inhalte und
die Authentizität seiner Filme standen für Joris Ivens immer im
Mittelpunkt. „Der Film wird erst richtig lebendig [...] bei den
regelmäßigen Vorführungen, wenn ein Dialog entsteht zwischen der
Leinwand und den Menschen. Dialog im geistigen Sinne, der
Gedankenwechsel, Widersprüche, der Protest; nicht damit
einverstanden sein oder wohl damit einverstanden sein und zum Denken,
zur Aktion kommt. Ein Film muß so stark sein, so nachwirken, daß er
vier oder fünf Tage später, wenn im täglichen Leben allerlei Dinge
passiert sind, einen Zusammenhang herstellen kann mit dem
Alltäglichen“, so Ivens. Ob in den Niederlanden, in Spanien,
Indonesien, Italien, Afrika, China oder in den USA: Ivens Rolle war
meist die des 'Filmemachers an den Fronten der Weltrevolution'. In
seinen Arbeiten thematisierte er oft den Kampf gegen Unterdrückung,
Ungerechtigkeit und politische Willkür. Ein besonderes Interesse
hegte Joris Ivens für China. Beim Leipziger Filmfestival wurden
Filme, wie beispielsweise Regen, The Spanish Earth, À
Valparaiso, A Tale of the Wind und Peace Tour
1952/Drive for Peace Warsaw-Berlin-Prague von ihm gezeigt. Joris
Ivens Filme sind die Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts.
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