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| Erschienen in Ausgabe: No. 7 (1/1995) | Letzte Änderung: 21. Januar '09 |
Ein Roman von Nicholson Baker (Rowohlt 1994)
von Roberto Simanowski
"Da war diese Frau, die über den Marktplatz lief, als habe sie es
eilig. Aber es war ein Zögern in ihrem Schritt, das dem geübten
Beobachter nicht verborgen blieb. Sie setzte alle Kraft daran, geradeaus zu
schauen, auf den Weg, auf irgendein Ziel. Ich wartete am Nordzugang des
Platzes. Als ich vor sie trat, blieb ich stumm. Ihr Blick verbat mir, auch nur
ein Wort zu suchen. Ich legte meinen Mittelfinger auf ihren Handrücken...
Sie drehte sich um. Wir überquerten den Platz in die entgegengesetzte
Richtung, betraten das Hotel und legten im Zimmer Stück für
Stück, im Wechsel, wie Gegner, die sich noch mißtrauen, auf den
Teppich."
Keine Einladung ins Cafè, kein Seelenvergleich, kein Alibi der kleinen
Schritte: aus der hilflosen Anonymität des öffentlichen Platzes tritt
der Sex mit einer wortlosen Plötzlichkeit in die anonyme Intimität
eines fremden Zimmers. Ein Fest des Augenblicks ohne das Wissen um Gestern und
ohne das Versprechen von Morgen. Ein Fest der Körper. Das sind die
niederen Instinkte, das ist das Verschwinden der Seele - würden diejenigen
ausrufen, die so gern vom "moralischen Notstand" unserer Zeit sprechen. Aber
erstens stammt diese Szene aus keinem Baker-Text und zweitens erscheint sie
gegenüber Bakers sexuellen Phantasien eher konservativ, geradezu als ein
moralisches Idyll.
Schon in Nicholson Bakers vorletzten Roman "Vox" (engl. 1992, dt. 1992) konnten
viele nur das niedere Treiben zweier "Telefonferkel" sehen (vgl. "Ein Volk im
Schweinestall" im "Spiegel" 2/1993). "Vox" ist der rund 190 Seiten lange
Mitschnitt eines Telefongesprächs, in dem ein Herr an der Ostküste
und eine Frau an der Westküste der USA sich ihre Masturbationsphantasien
und -erlebnisse erzählen: ein stundenlanges Vorspiel für den
"gemeinsamen" Orgasmus zweier Menschen, die sich nie begegnen. Bakers neuer
Roman (wieder von Eike Schönfeld übersetzt und im gleichen Jahr der
amerikanischen Ausgabe deutsch erschienen) greift das Phänomen der
abwesenden Anwesenheit des Sexualpartners auf. Mit der eingangs geschilderten
Szene teilt er zwar den Reiz der Plötzlichkeit und anonymen
Intimität, aber dieser Reiz wird nur von einem Partner erfahren:
der andere ist lediglich da, nicht anwesend. Es gibt nicht das Zimmer, in dem
zwei fremde Menschen plötzlich ihre Kleider ablegen, es gibt nur Arno
Strine, der kraft einer besonderen Fähigkeit die Zeit anhält und die
zu Marionetten erstarrten Frauen auszieht, um sie anzuschauen. Die Zeit bleibt
stehen im gesamten Universum, niemand wird um den Ruhepunkt im Lauf der
Geschichte jemals wissen. Arno Strine aber lebt in dieser Fermate und altert
genau um die Minuten und Stunden, die der Stillstand der anderen dauerte. Seine
eigentliche Geschichte spielt sich in der angehaltenen Zeit, in der "Furche"
ab. Das sexuelle Erlebnis ist hier geschichtslos nicht nur, weil es keine
Vergangenheit und keine Zukunft hat, es hat auch keine Gegenwart. Schon dieser
schwierigen Konstellation wegen ist Bakers Roman wieder nicht bei Beate Uhse,
sondern bei Rowohlt erschienen.
Beginnen wir anders. Nicholson saß in einer Bar in Greenwich Village. Er
beobachtete die Leute im Raum, nippte an seinem Zitronenwasser (nur altmodische
Männer wie Humphrey Bogart oder Armin Müller Stahl umgeben sich noch
mit Drinks und Zigaretten). Plötzlich tritt die Frau ein, zu der er Ja
sagt, noch bevor sie ihn ansieht. Ihr Blick gleitet an ihm vorbei, bleibt an
einem Typen mit Robert-Redford-Augen im hinteren Teil der Bar hängen.
Nicholson ist trotzdem der Schweiß ins Gesicht getreten. Vielleicht
treibt ihm das soeben erinnerte Wissen um seine Halbglatze und sein etwas
rundes Gesicht das Wasser aus den Poren. Vielleicht ist es die Gewißheit,
wie die Sache mit der Frau und dem Redford-Typen weitergehen wird. Als Redford
den Oberkörper strafft und in Richtung Tresen schaut, greift Nicholson
sich verunsichert und verbittert an die Brille, die auf dem nassen
Nasenrücken runtergerutscht war. Er wünschte sich, er könnte
durch diese Bewegung die Bilder verrücken und ganz anders arrangieren. In
diesem Moment wurde sein neuer Roman geboren. - Was würde er denn tun,
wenn mit dem Griff zur Brille wirklich die Zeit stehenbliebe und alle zur
Salzsäule erstarrten, alle außer er? Er würde zu jener Frau
hintreten, ihre Bluse öffnen und ihre Brüste in die Hand nehmen. Er
würde sie schließlich ganz ausziehen (was etwas schwierig wäre,
weil sie im Moment des Zeitstops gerade zum Schritt angesetzt hatte) und sich
unter ihre Beine legen. Oder nein, er würde sie nicht ausziehen! Er
würde ihre Handtasche öffnen, in der er ein Buch von Mary E. Braddon
fände mit der handschriftlichen Notiz: "Erotik von Männern, die in
der Öffentlichkeit die Uhr abnehmen". Er würde sich ihre Adresse
notieren, eine Kerze auf seinen Tisch stellen, in die Apotheke auf der anderen
Straßenseite gehen, um ein Abführmittel zu holen. Wenn Redford dann
auf der Toilette sitzt und Luisa in seine Richtung schaut, wird er die
linke Hand heben, um mit aufreizender Langsamkeit am Bandende seiner Uhr zu
ziehen, bis der winzige Dorn der Schnalle aus dem leicht länglichen
zweiten Loch freikommt. Wie ein Stripper, der den letzten Entkleidungsschritt
hinauszögert, wird er die losgeschnallte Uhr eine Zeitlang so halten wie
sie war, wobei er das Handgelenk langsam in seiner gelösten Umschlingung
dreht; schließlich wird er die Schnalle vom Band herabschieben und das
Gehäuse der Uhr auffangen, als sie ihm vom Arm fällt. Einige Tage
später wird er vor Luisas Haus stehen. Er folgt ihr durch mehrere
Straßen, hält kurz vor ihrem Betreten einer Buchhandlung die Zeit
an, um an ihr vorbei in den Laden zu schlüpfen und sie mit einem Buch von
Mary E. Braddon in der Hand zu erwarten. Als sie sich dem Regal nähert,
schaut er sie zunächst stirnrunzelnd an und zeigt nach einigen Sekunden
die Geste des Erkennens, wobei er das Buch so hält, daß seine Uhr
voll sichtbar ist... Wie es nach dem anschließenden
"Waren-Sie-nicht-vor-ein-paar-Wochen-in-Ricks-Bar?"-Dialog weitergeht, kann man
sich unschwer vorstellen.
Wir sind mitten im Text. Die Fähigkeit, die Zeit anzuhalten, gibt
natürlich Anlaß zu den kuriosesten Geschichten, und ein so
phantasiereicher und detailbesessener Autor wie Baker versteht es, in einer
Mischung aus Sachlichkeit und Obszönität seinen Lesern 400 Seiten
lang zu unterhalten. Arno rächt sich an Straßenräubern, die
großkotzig sein Geld fordern, er schreibt den Kunden einer Buchhandlung
obszöne Sätze in die Bücher, die sie gerade aus dem Regal ziehen
wollen, er tauscht während eines Higwayflirts der Fahrerin im Nachbarauto
die Susanne-Vega-Kassette gegen eine Porno-Kassette aus, er steckt einer
fremden Frau einen Vibrator in die Tasche usw., usw. Zugegeben, einige Seiten
weniger hätten dem Roman nicht geschadet. Die Grundidee verleitet dazu,
eher Episoden zu sammeln, als einen zusammenhängenden Plot zu entwickeln,
und so hagelt es lauter Samenergüsse, statt daß ein Kind gemacht
würde. Dennoch verweist der Leser, der gelangweilt pornographische
Monotonie beklagt, eher auf seine eigene Hilflosigkeit vor dem Text. Denn die
"Fermate" ist wie jeder gute pornographische Roman auch ein philosophischer.
Baker schreibt über einen Sex, der dem Zeitalter der elektronischen Medien
und der Aids-Gefahr angemessen zu sein scheint: es gibt kaum noch die
körperliche Vereinigung der Partner, Sex läuft vorwiegend im Kopf ab.
Das wirkt zugleich wie eine Antwort auf die "sexuelle Revolution" der 70er
Jahre, die mit der Enttabuisierung der Sexualität auch zu deren
Entsublimierung führte und den Sex zu einer Art Sport verkommen
ließ. Gegen diese Animalisierung setzte Baker in "Vox" die Rückkehr
der Phantasie: bedeutsam wird das Reden über Sex. Die
Telefonierenden gewinnen ihre Lust aus der Einbildungskraft, die den kalten
Buchstaben im Rezeptionsprozeß belebt und sinnlich erwärmt. In
dieser Verwandlung des Wortes in Bilder wird zugleich das ästhetische
Vermögen des Menschen angesprochen. Der Rezeptionsprozeß ist ein
Symbol für die Befreiung des Menschen aus der Tyrannei des Hier und Jetzt,
an die alle anderen Lebewesen stets gebunden bleiben. Wer das Fazit des Romans
deswegen darin sieht, daß die menschliche Gattung sich in der wortreichen
Masturbation des Telefonsexes weit mehr feiert als in der stummen
Ausführung des Beischlafes, muß allerdings noch den Schluß
erklären, in dem die "gemeinsame" Masturbation am Telefon auf einer sehr
poetischen Beischlaf-Phantasie basiert. "Vox" ist, bei aller pornographischen
Eindeutigkeit, am Ende ein sehr ambivalenter Roman. Man wird ihm jedoch
keineswegs gerecht, indem man die "unsauberen" Wörter zählt, die in
einem solchen Gespräch über Sex gehäuft auftreten. Damit
übersieht man, daß die Telefonpartner in ihrem mehrstündigen
Dialog eine Beziehung zueinander aufbauen, die mehr Intimität und weniger
Egoismus aufweist als manche Begegnung in nächtlichen Schlafzimmern.
Der Sex außerhalb des Beischlafes scheint für Baker zu einer
Obsession geworden zu sein und bestimmt auch seinen neuen Roman. Während
der Sex in "Vox" an die Sprache gebunden war, liegt er jetzt im Blick. Dieser
Wechsel bringt einen wesentlichen Unterschied mit sich: Arno Strine steht
seinem Sexualpartner zwar leiblich gegenüber, aber es gibt keinen
sexuellen Dialog mehr. Seine Lust ist die des Voyeurs. Wie vielschichtig der
Voyeurismus jedoch eingesetzt ist, zeigt ein Text, den Arno selbst im Roman
schreibt. Dieser Text beschreibt den "lastergenerierten Orgasmus" (186) einer
Frau, der aus dem Zusammentreffen eines Dildos mit der Unebenheit eines
Feldweges und der "Stotterbremse" eines LKW's resultiert. Die Geschichte ist
originell und, wie der gesamte Roman, voller Witz und Augenzwinkern. Das
eigentlich Interessante jedoch ist die Funktion, die sie im Roman einnimmt.
Arno schreibt seine Pornogeschichte in der "Furche" für eine Frau,
die am Strand halbnackt und bewegungslos vor ihm liegt. Um sich zu inspirieren,
zieht er der Frau mitunter das Bikinihöschen aus und setzt sich auf sie,
um "Arsch an Arsch mit meiner künftigen Leserin [...] fast eine Form der
Kommunikation" zu spüren (167). Er läßt sie den fertigen Text
im Sand neben sich finden, beobachtet ihre Lektüre aus einiger Entfernung
mit dem Fernglas und masturbiert dabei: "Jede Zeile, die sie las, war für
mich ein persönlicher Triumph; jedesmal, wenn sie eine Seite
weiterblätterte, war ich im siebten Himmel" (188). Die Frau, die sich als
heimliche Leserin fremder pornographischer Phantasien scheinbar voyeuristisch
verhält, ist in Wirklichkeit selbst Objekt eines Voyeurs in zweifacher
Hinsicht: als eigentliche Heldin des Textes und als Leserin. Ihr
stillgestellter, halbnackter Körper war Ausgangsort der Schreibphantasie,
ihre Rezeption dieser Phantasie ist nun Ausgangsort für die
Masturbationsphantasie. Sie wird jedoch ein weiteres Mal zum Objekt, als der
Romanheld ihr nach Hause folgt und ihre von seiner Phantasie verursachte
Masturbation beobachtet. Er verstärkt ihren Objektstatus noch dadurch,
daß er sie mitten im Orgasmus anhält, um "ihr Höhepunktgesicht
aus jedem Winkel" zu betrachten und sich "sein kurzlebiges extremes Aussehen
einzuprägen" (199).
Die sexuelle Lust des Romanhelden basiert hier schließlich auf der
Beobachtung sexueller Lust, die selbst aus der Beobachtung sexueller Lust
resultierte. Der vom Leser beobachtete Arno Strine beobachtet seine Leserin,
die die Figuren des gefundenen Textes beobachtet. In dieser raffinierten
Anordnung verschiedener Handlungs- und Erzählebenen treffen sich die
pornographische und die philosophische Seite des Romans; unter der
Oberfläche obszöner Wörter und Szenen wird die
Objekt-Subjekt-Frage verhandelt.
Arno Strine ist ein Mann, der Frauen beobachtet. In dieser allgemeinen
Formulierung ist der Satz banal; er verweist auf ein altes Thema. Der
Feminismus hat den männlichen Blick verschiedentlich diskutiert und die
Geschlechterdifferenz mit den Formeln Sehen und Gesehen-Werden beschrieben:
während der Mann in diesem Zusammenhang oft als "Jäger" bezeichnet
wird, bleibt der Frau der Opferstatus reserviert. Mit dieser simplifizierten
Verteilung der Objekt-Subjekt-Positionen entmündigt der Feminismus selbst
die Frauen und sorgt dafür, seine stärksten Gegner immer wieder im
eigenen Geschlecht zu finden. Denn die meisten Frauen und Männer wissen,
daß der Beobachtete immer auch zurückblicken kann. Von dieser Macht
des "Objekts" spricht Roland Barthes, wenn er den ritualisierten Tanz beim
Striptease als eine "Maske aus Gesten" bezeichnet, die die nackte Frau
unausgesetzt bekleidet: während die Stripteuse sich gleichsam in das
Gewand ihrer Gewandtheit hüllen kann, ist es der an diesem Ort fremde
Beobachter, der sich unter der Beobachtung der Tänzerin unsicher
fühlt. Das Wortspiel zwischen Gewandtheit und Gewand besitzt freilich
seinen tieferen Sinn über das Milieu des Striptease-Lokales hinaus.
Nacktheit und Objekthaftigkeit ist keine Frage der Kleidung, sondern der
Souveränität. Das "Objekt" des Blicks kann die Beobachtung beobachten
und den Voyeur selbst zum Objekt einer Szene machen, die er nicht mehr
beherrscht. (Ebenso wie der "Verführte" den "Verführer" einer
Prüfung unterstellt, um die dieser weiß.) Die Machtfrage wird nicht
an der Oberfläche entschieden. Wie aber entkommt der Voyeur der
Beobachtung? Indem er sein Auge dem Auge entzieht. Arno besitzt diese
Fähigkeit; in der "Furche" setzt er alle anderen Augen im Universum
außer Kraft. Daß er im Zimmer seiner Leserin schließlich
direkt auf die fest geschlossenen Augen der erstarrten Frau "kommt", wirkt
abstoßend, ist in dieser Struktur von Sehen und Gesehen-Werden aber nur
konsequent. Sein Samen auf ihren Augenlidern ist das unüberbietbare
Zeichen seiner Macht.
Arno will die Situation bestimmen. Als er einmal für längere Zeit
seine "Furchenfähigkeit" verloren hat, beklagt er seine Lage mit den
Worten: "Entsetzlich. Ich wollte kontrollierte Nacktheit, und zwar sofort"
(130). Daß heißt nicht, daß er die Blicke anderer
fürchtet. Er sucht sie regelrecht, um sich ihnen bewußt
auszuliefern. In seiner eigenen Nacktheit äußert sich dabei nur ein
weiteres Mal sein Festhalten an der Machtposition. Baker beschreibt dies in
einer unüberbietbar grotesken Szene, in der Arno unter den Augen einer
Ärztin und ihrer beiden Assistentinnen masturbiert. Das ganze geschieht
innerhalb einer Magnetresonanztomographie, wird computergesteuert aufgezeichnet
und soll den Zusammenhang seiner Handgelenkschmerzen mit dem Rhythmus der
Masturbationsbewegung klären. Arno verführt nicht nur die Ärztin
zu dieser Untersuchung, er beherrscht auch die Situation, erzählt eine
pornographische Geschichte und hält zwischendurch die Zeit an, um erfreut
feststellen zu können, daß Frau Dr. Orowitz-Rudmans Brustwarzen sich
aufgerichtet haben.
Die Gewißheit der absoluten Kontrolle kann Arno in der traditionellen
Sexualität nicht haben. Er muß die Zeit anhalten, er muß seine
Partner stillstellen. Seine Exfreundin Rhody nennt die Lust der "Furche" eine
"implizite Nekrophilie" (229) und lehnt sie mit den Worten ab: "Was du da
erzählst, ist so statisch. Ich will verführt werden. Das ist es
nämlich. Ich will verführt werden" (222). Das ist es
nämlich, in dieser Formulierung spricht die "Beute" als Subjekt: sie
will verführt werden. Karl Kraus pointierte die Macht des
Unterworfenen einmal von der anderen Seite her: "Der Sklave! Sie macht mit ihm
rein was er will." Und wenn sie genau das will?! Das Spiel aus
Täuschung und Verdacht läßt sich unendlich weiterspinnen. So
lange sich Sexualität als Dialog ereignet, gibt es eine klare Trennung von
Beherrschen der Situation und Sich-Ausliefern nicht. Macht und Unterwerfung
gehen ineinander über, umlauern sich, lösen einander ab. Die
völlige Kontrolle kann es nur in der "Furche" geben.
Aber wer wie Arno immer die Fäden in der Hand behält, wer im
Subjekt-Objekt-Roulette immer unangefochtener Sieger bleibt, ist
schließlich so einsam wie Gott. Oder so einsam wie der
Single-Souverän der heutigen Gesellschaft. In der seelischen Struktur des
überzeugten Single findet die "Furche" ihr reales Analogon. Im Grunde
schreibt Baker mit seinen 400 Seiten sexueller Phantasien über die moderne
(amerikanische) Gesellschaft. Und insofern ist er, wie die Los Angeles
Timesschrieb, tatsächlich ein Anwärter auf die
Nachfolge Updikes - ein Nachfolger freilich, der in einer anderen Zeit anders
an die aktuellen Themen herantritt. Arno Strine ist ein Held unserer Zeit;
einer Zeit, die nicht zuletzt durch Genmanipulation und
Schönheitsoperationen die absolute Kontrolle über das Unwägbare
zu erringen sucht.
Die Einsamkeit ist für Arno, wie er sagt, zwar kein beklagenswerter
Zustand, trotzdem sieht er eine Beziehung zwischen ihr und der "Furche": "Meine
Fertigkeit, die Zeit zu tauen, hängt vielleicht sogar von einem
fließenden Emotionsgemisch ab, darunter Neugier, sexuelles Begehren und
Liebe, die alle im Lösungsmedium Einsamkeit suspendiert sind" (81). Da
betrachtet Arno die "Furche" noch als einen Ausgleich der Einsamkeit seines
Realdaseins. Im Innersten weiß er aber schon, daß sie nur deren
Verlängerung ist. Vermutlich fängt er deswegen an, seine Erlebnisse
aufzuschreiben (der gesamte Roman ist ja nichts anderes als eine
Autobiographie). Im Schreiben findet er zumindest die Möglichkeit, sich
mitzuteilen und kann das Bewußtsein der Einsamkeit hinauszögern.
Bisher gab seinem Leben die "Furche" Halt genug. Dort konnte er seine sexuelle
Lust wie ein unbeschränkter Herrscher ausleben, dort konnte er seine
sexuellen Erlebnisse in der Realität arrangieren (wie etwa die Begegnung
mit Rhody, die auf die Erotik abgenommener Armbanduhren steht). Ohne die
"Furche" ist Arno eher hilflos, was sicher auch damit zusammenhängt,
daß er als 35jähriger Zeitarbeiter (sein Job ist es,
Geschäftsbriefe u. ä. vom Band abzutippen) nicht gerade auf eine
glänzende Karriere verweisen kann. Sein Selbstvertrauen ist
dementsprechend schwach. Als er etwa seine Arbeitskollegin Joyce, deren Texte
er tippen muß, zum Essen einladen will, fehlt ihm der Mut, da sie gerade
"mit einem witzigen, charmanten, stellvertretenden Direktor" redet (79). Das
Risiko einer Ablehnung will Arno nicht eingehen, sie würde ihn zum Objekt
machen. Die "Furche" hilft Arno über seine Komplexe hinweg, sie ist seine
Souveränität. Bevor er, am Ende des Romans, Joyce schließlich
doch zum Essen einlädt, überlegt er deswegen, ob er sie zunächst
in der "Furche" ausziehen solle, denn dann, das bekennt er, würde er seine
"Bitte um einen Abend mit ihr mit mehr Selbstvertrauen formulieren" (369). Er
tut es nicht, und man könnte dies den ersten Schritt zur Besserung nennen.
Überhaupt ändert sich durch die nähere Bekanntschaft mit Joyce
einiges für Arno.
Arno erzählt Joyce von der "Furche". Er erzählt ihr auch, daß
er sie schon einmal im Büro ausgezogen hat, daß er mit ihrem
Schlüssel in ihre Wohnung eingedrungen war, daß er sie liebt. Er
liefert sich aus. Er nimmt sie schließlich in die "Furche". Das geschieht
dadurch, daß beide miteinander schlafen, um der "Furche" ein
Individuum vorzutäuschen. Da der Kontakt total sein muß, kommt ein
Kondom nicht in Frage. Auch darin steckt ein Moment der Auslieferung. Als sie
sich küssen, wird Arno zugleich klar, daß es keinen
zufriedenstellenden autoerotischen Ersatz für einen Kuß gibt. Mit
dieser Feststellung verläßt die Lust das Gehirn und siedelt sich
erneut im Fleisch an. Über Arnos und Joyce' Erlebnisse in der "Furche"
erfahren wir kaum etwas. Arno muß sie nicht mitteilen, da sie nichts mehr
mit seiner früheren Einsamkeit zu tun haben - sein Leben hat eine neue
Richtung bekommen. Arno nimmt sich die Unterlagen für seine Magisterarbeit
wieder vor und denkt mit Joyce laut über das Heiraten nach. Der Roman
zielt auf ein plötzliches happy end - und da es sich um Arnos
Autobiographie handelt, verwundert es gar nicht, daß der Text sehr
schnell endet, geradezu abbricht.
Arno wird partnerfähig, als er beginnt, sich Joyce auszuliefern. Die
Pointe besteht darin, daß er durch einen Zufall seine
Furchenfähigkeit auf Joyce überträgt. Nun ist sie es, die
über die "kontrollierte Nacktheit" verfügt, nun kann sie Arno zum
Objekt der Beobachtung machen, nun beherrscht sie, wie Arno dem Leser noch kund
gibt, das sexuelle Spiel zwischen beiden. Da Joyce ihn jederzeit ausziehen und
die verdecktesten Wahrheiten seines Körpers und seiner Wäsche
erfahren kann, hat Arno alle Macht verloren. Aber das bereitet ihm keine
Probleme, denn er liebt Joyce; der vormalige Meta-Souverän hat sich
aufgelöst. Arno genießt das Glück, ein Objekt zu sein, er
genießt das Glück, einen "Gott" zu haben. Bakers obszöner Roman
läuft, eindeutiger als "Vox", in ein moralisches happy end aus.
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