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| Erschienen in Ausgabe: No 45 (11/2009) | Letzte Änderung: 09. November '09 |
von Horst Köhler
Die Mauer war ein Bauwerk der Furcht. Am 9. November vor 20 Jahren wurde sie
zu einem Ort der Freude. 28 Jahre lang durften sich die Ostdeutschen ihr nicht
einmal nähern. Am 9. November 1989 tanzten die Menschen auf ihr. Und die Welt
sah anders aus danach.
Meine Frau und ich, wir sind glücklich, die Erinnerung an diesen Tag mit
Ihnen gemeinsam begehen zu können. Damals waren wir beide noch Westdeutsche,
und wir staunten über den Tanz auf der Mauer. In ganz Deutschland fielen sich
die Menschen in die Arme und sie dachten an die Vielen in der DDR, die mit Mut
und Beharrlichkeit und ohne Gewalt eine friedliche Revolution in Deutschland möglich
gemacht haben.
Diejenigen, die sich nicht mehr einschüchtern ließen und in den Wochen und
Monaten vor dem 9. November zu Tausenden und Abertausenden in Leipzig, Berlin,
Dresden und anderswo für ihre Rechte auf die Straße gingen, haben ihre Freiheit
und die Einheit unseres Landes errungen. Sie riefen: "Wir sind das
Volk", und sie entwaffneten ein Regime, das längst nicht mehr vom Willen
der Regierten getragen war.
Im Nachhinein können wir viele Gründe für die friedliche Revolution
benennen. Aber sie bleibt auch ein Wunder, und alles hätte anders kommen
können, wenn nicht eine mutige Bürgerrechtsbewegung, kluge Staatsmänner wie
George Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl, aber wohl auch eine
glückliche Fügung den Weg geebnet hätten.
Helmut Kohl kann heute leider nicht hier sein. Er bat mich aber, Ihnen
herzliche Grüße zu übermitteln.
Viele haben dazu beigetragen, dass die Mauer fallen konnte: Die Gewerkschaft
Solidarität in Polen, die mutige Regierung in Ungarn, die unerschrockene
Freiheitsliebe der Völker in Mittel- und Osteuropa, die Bereitschaft der
Demokratien des Westens, ihre Werte zu behaupten, die Einsicht der sowjetischen
Führung in die Notwendigkeit des Wandels.
Dass die Mauer fiel, war das Zeichen für eine Epochenwende. Eine
Epochenwende zu Freiheit und Demokratie. Der Wandel, der folgte, hat das
Gesicht unseres Kontinents und das Leben von Millionen von Europäern
grundlegend verändert. Die Europäische Union und die NATO haben sich nach Osten
und Südosten erweitert. Zwischen Ländern, die vor 20 Jahren noch auf
verschiedenen Seiten des Eisernen Vorhangs lagen, gibt es heute praktisch keine
Grenzkontrollen mehr. Im Euroraum benutzen wir eine gemeinsame Währung. Die EU
und Russland verbinden vielfältige Beziehungen, ein neues grundlegendes Abkommen
wird gerade verhandelt. Mit ihren Nachbarn im Osten und im Süden hat die EU
enge Partnerschaften geknüpft.
Ich glaube, das Glück der europäischen Vereinigung, der gewonnenen
Sicherheit und des gemeinsam erreichten Wohlstands birgt auch eine Verpflichtung
für uns Europäer zur Verantwortung in der Welt. Die Europäische Union als
einzigartiger Staatenverbund mit 500 Millionen Einwohnern und einer enormen
Wirtschaftskraft hat allen Grund, sich mit Selbstbewusstsein in die Gestaltung
einer besseren Welt einzubringen.
Denn nicht alle Hoffnungen der euphorischen Zeit nach 1989 haben sich
erfüllt. Das Ende des Kalten Krieges hat keineswegs alle Probleme gelöst, denen
sich die Welt gegenübersieht. Vielmehr hat sich gezeigt, dass der
Ost-West-Konflikt grundlegende Probleme wie Armut, Hunger und Unterentwicklung
in unserer Aufmerksamkeit nur in den Hintergrund gedrängt hatte.
In der in Chancen und Problemen vernetzten Welt von heute lassen sich die
Menschheitsaufgaben nicht mehr unter den Teppich kehren. Der Kampf gegen die
Armut und der Kampf gegen den Klimawandel, das ist ein gemeinsamer Kampf für
Frieden und für eine lebenswerte Welt. Und die internationale Finanzkrise
fordert uns auf, Geld und Kapital wieder in eine dienende Rolle für die
Menschen zu bringen. Machen wir uns klar: Der Fall der Mauer hat uns frei
gemacht, gemeinsam eine neue Politik zu wagen. Heute stehen nicht mehr das
Gegeneinander von Gesellschaftssystemen im Vordergrund, sondern die Chancen
einer kooperativen Weltpolitik zum Nutzen aller.
Auch das Vertrauen unserer Freunde und Partner hat uns Deutschen die
Wiedervereinigung in Freiheit gebracht. Im Namen aller Deutschen sage ich
Ihnen: Danke, diese Nation wird das nicht vergessen.
www.bundespraesident.de
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