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| Erschienen in Ausgabe: No 48 (2/2010) | Letzte Änderung: 04. Februar '10 |
von Thomas Rießinger
Neben Joseph Ratzinger und Eugen Drewermann dürfte Hans Küng
wohl einer der bekanntesten deutschsprachigen katholischen Theologen sein, und
vermutlich liegt es daran, dass ihm das Magazin stern ein recht
ausführliches Interview gewidmet hat, in dem er seine Auffassungen über die
Kirche und den Glauben, über das Jenseits, das Leid und den Atheismus darlegen
konnte.[1]
Obwohl Küng von seinem Interviewer Arno Luik weder im Ton noch in den Akzenten
seiner Fragestellung übermäßig freundlich behandelt wird, schafft er es in
gewohnter Weise, seine schon seit langem vertraute Mischung aus
Selbstüberschätzung und schwacher Argumentation an den Mann zu bringen und
dabei so zu tun, als müsse man nur auf ihn hören, um eine Menge wichtiger
Probleme zu lösen. Wie er das macht, will ich im Folgenden zeigen.
Luik eröffnet das Interview mit einer Schilderung seiner Tante, die sich den
Kopf darüber zerbreche, in welchem Zustand sie wohl im Jenseits ihre
verstorbene Verwandtschaft und Bekanntschaft vorfinden werde. Dieses Problem
kann Küng zwar verstehen, aber er meint, man wisse nicht, „was einen hinter der
Tür des Todes erwartet, ich kann und will mir den Himmel nicht vorstellen.“ Und
damit hat er schon den ersten Widerspruch abgeliefert, denn indem er die
Existenz eines „Himmels“ voraussetzt, hat er immerhin schon die grundsätzliche
Erwartung geäußert, dass ihn hinter der „Tür des Todes“ überhaupt irgend etwas
erwartet, dass es eine Form der Existenz nach dem Tod gibt. Es ist zwar sein
gutes Recht, das zu glauben, aber was macht diesen Glauben besser als den von
Luik zitierten Glauben Ratzingers, Johannes Paul II stehe auf dem Balkon im
Hause des Herrn und sehe uns von oben zu? Küngs Meinung, das sei vormodern und
populistisch, mag zutreffen, allerdings kann man diesen Vorwurf ohne größere
Probleme auf jede Form des Gottesglaubens ausweiten, der die Menschen auf ein
Leben nach dem Tode vertröstet. Um es noch einmal zu sagen: nach Küngs durchaus
zutreffender Meinung weiß man nicht, „was einen hinter der Tür des Todes
erwartet.“ Es ist daher einigermaßen verwunderlich, wieso „aufgeklärte Christen
verstehen“ können, „dass im Jenseits keine Leiche aufgeweckt wird, sondern ...
eine völlige Veränderung der Daseinsweise stattfindet.“ Das weiß man aber auch
nicht, denn auch diese ominöse veränderte Daseinsweise findet schließlich
hinter der Tür des Todes statt, und nach Küngs eigenen Worten kann man über die
Gepflogenheiten hinter dieser Tür nichts wissen – es sei denn, man heißt Hans
Küng und weiß es eben doch. Immerhin äußert er ja auch am Ende des Interviews,
dass er an das ewige Leben glaubt und gerne Mozart und Thomas Morus kennen
lernen würde. Vielleicht treffen sie sich dann ja alle mit Johannes Paul II auf
dem Balkon im Haus des Herrn.
Nachdem nun das Problem des Jenseits abgehandelt ist, geht Luik zu der sehr
diesseitigen Frage nach Küngs Wirkung in dieser Welt über und meint, sein Leben
müsse doch angesichts der mangelnden Wirksamkeit eher enttäuschend gewesen
sein. Schon die erste Antwort Küngs auf diese einigermaßen provozierende Frage
ist bezeichnend. „Ich habe, in aller Bescheidenheit, schon einiges geleistet,
um das Christentum, Religion und Ethos dem heutigen Menschen wieder
verständlich zu machen.“ Die alte Beobachtung, dass Liebhaber der Formulierung
„in aller Bescheidenheit“ nur selten zu der viel beschworenen Bescheidenheit
neigen, findet hier wieder einmal eine Bestätigung. Dem heutigen Menschen hat
Küng das Christentum und die Religion, wie er sie versteht, tatsächlich nahe
gebracht durch Formulierungen wie: „Gott in der Welt, die Transzendenz in der
Immanenz, die Jenseitigkeit in der Diesseitigkeit“[2]
oder durch Beschreibungen von Gott als „die absolut-relative,
diesseitig-jenseitige, transzendent-immanente,
allesumgreifend-allesdurchwaltende wirklichste Wirklichkeit im Herzen der
Dinge, im Menschen, in der Menschheitsgeschichte, in der Welt.“[3]
Ich möchte darauf hinweisen, dass er solche definitorischen Leistungen in
seinem Buch „Existiert Gott?“ als ein konsequentes Denken bezüglich des
antiquierten Gottesbildes bezeichnet hat[4], woraus ich wohl die
Folgerung ziehen muss, dass seine Formulierungen und Beschreibungen zum
Gottesbegriff genau das sind, was er als seine ureigenste Leistung in Anspruch
nimmt: die Religion „dem heutigen Menschen wieder verständlich zu machen“, weil
auch der heutige Mensch von alleine wohl kaum auf die Idee gekommen wäre, so
etwas wie den Küngschen verbalen Gemischtwarenhandel zu produzieren, wenn er
denn das Bedürfnis hat, von einem wie auch immer gearteten Gott zu sprechen.
Eine genauere Analyse von Küngs Gottesbegriff und Argumentationsweise kann man
in Hans Alberts Buch „Das Elend der Theologie“[5] in unüberbietbarer
Deutlichkeit finden; hier muss ich es mit diesen kurzen Bemerkungen gut sein
lassen.
Zurück zu der Sternstunde unseres Theologen, der gleich im nächsten Satz sein
Talent zu Missverständnissen unter Beweis stellt. Luik macht nämlich einen
weiteren Anlauf zum Nachweis der Vergeblichkeit von Küngs irdischen Mühen, den
er mit den Worten „Ihrem Eifer zum Trotz ...“ einleitet, wird aber sofort
unterbrochen: „Ich war und bin kein Eiferer, kein Heiliger.“ Hat das jemand
behauptet? Man kann mit Eifer bei einer Sache sein, was übrigens auch im Fall
Küng kaum jemand bestreiten wird, ohne damit gleich zum Eiferer zu werden, und
schon gar nicht zum Heiligen. Wie es scheint, kann oder will Küng nicht
zwischen einem Eiferer und einem Eifrigen unterscheiden, und da ihm die
Richtung der Frage nicht passt, macht er sich den Gleichklang zu Nutze: so kann
man dem heutigen Menschen vielleicht die Religion nahe bringen, nicht aber die
Vernunft. Luik lässt sich von diesem Manöver denn auch nicht beeindrucken,
ersetzt einfach das Wort „Eifer“ durch „Einsatz“ und weist darauf hin, dass
trotz Küngs Bemühungen die Anzahl der Kirchenmitglieder im Schwinden begriffen
sei und alles Küng’sche Schreiben für den Glauben nichts gebracht habe. Das
weist Küng natürlich weit von sich. „Nein, ich hatte Erfolg! Ungezählte
Menschen schreiben mir – täglich –, was ich für eine Hilfe für sie gewesen
bin.“ Das mag schon sein. Fernsehköche bekommen auch viel Post. Muss man
deshalb annehmen, dass ihre Zuschauer besser kochen können? Und, was noch viel
schlimmer ist, kann man daraus wenigstens schließen, dass die vor der Kamera
agierenden Köche ihr Handwerk einigermaßen verstehen? Für beide Annahmen sind
keine Gründe zu erkennen, und bei schreibenden Theologen sieht die Lage nicht
anders aus als bei Köchen, die in Kameras lachen. Niemand bestreitet, dass Küng
viele Bücher verkauft hat, und auch die Briefe, die ihn erreichen, will ich
nicht anzweifeln, wobei ich doch anmerken möchte, dass er hier anstatt
„ungezählt“ offenbar „unzählig“ hätte sagen müssen, denn auch zwei Menschen
können ungezählt sein, sofern sich keiner die Mühe machen möchte, bis zwei zu
zählen. Daraus kann man aber nur folgern, dass in vielen Regalen und
Bücherschränken der Name Küng auftauchen wird und dass etliche seiner Leser ihm
Briefe geschrieben haben. Ich kann nicht erkennen, inwieweit Küng damit die
Auflösungserscheinungen der Kirche, die sich in schwindenden Mitgliederzahlen
äußern, aufgehalten hätte, denn – um das nicht ganz aus den Augen zu verlieren
– darauf bezog sich die ursprüngliche Frage, die Küng zum Anlass genommen hat,
sich über die Anzahl der ihn erreichenden Briefe zu verbreiten.
Dieses Problem löst er aber sofort selbst, denn er meint, viele hätten ohne ihn
die Kirche aufgegeben und seien nur noch geblieben, weil er es dort aushalte.
Das ist nun aber eine eigenartige Einschätzung seines Erfolges. Ist er
tatsächlich daran interessiert, dass Menschen in der Kirche bleiben, nur weil
er sie noch nicht verlassen hat? Bisher war ich der Meinung, man sei deshalb
Kirchenmitglied, weil man sich mehr oder weniger mit der dort vorherrschenden
Spielart des Christentums identifizieren könne, und nicht, weil ein Tübinger
Professor sich noch nicht zum Kirchenaustritt hat durchringen können. Sollte
Küng tatsächlich die Anzahl der wegen seiner Person in der Kirche Verbliebenen
als Gradmesser seines Erfolges ansehen, so muss ihm für die Zukunft der Kirche
nach seinem Tod angst und bang werden.
Vielleicht liegt es auch an dieser etwas seltsamen Einschätzung seiner
historischen Rolle, dass Luik gleich anschließend meint, Küngs Gegenspieler
Ratzinger sei Papst geworden, während er selbst nur eine Fußnote darstelle –
immerhin kann, wenn man Küngs eigene Worte ernst nimmt, seine Bedeutung für
Kirche und Religion über seinen Tod hinaus nur eine ausgesprochen geringe sein,
womit die Charakterisierung als Fußnote problemlos gerechtfertigt wäre. Das
sieht Küng natürlich ganz anders, er bezichtigt seinen Interviewer der
Unverfrorenheit, weil er schließlich nicht in die Zukunft schauen könne, obwohl
er ja selbst zu Anfang des Interviews sich sogar über die Zeit nach dem Tode
geäußert und den auf dem himmlischen Balkon stehenden Johannes Paul schlicht
abgestritten hat. Luik hat nichts weiter als eine Prognose gewagt, die zwar
nicht sehr schmeichelhaft für Küng sein mag, aber auch keineswegs unverfroren
oder beleidigend ist, denn üblicherweise bringen es die wenigsten Menschen und
auch die wenigsten Theologen auch nur zu einer Fußnote in der Geschichte.
Dennoch scheint sich Küng im Rahmen einer historischen Fußnote nicht
ausreichend gewürdigt zu finden. Um den Unterschied zwischen sich und Ratzinger
zu verdeutlichen, greift er auf den Kirchenlehrer Thomas von Aquin, der nie ein
wichtiges Amt bekleidet habe, und den zu seiner Zeit regierenden Papst Innozenz
III zurück. Er wolle sich zwar nicht auf eine Stufe mit Thomas von Aquin
stellen, aber der mächtige Papst Innozenz sei heute eine Fußnote unter
Historikern, während Thomas von Aquin weiterhin als Autorität zitiert werde.
„Nein,“ sagt er dann, „ich fühle mich nicht als Verlierer.“
Schon wieder muss der Leser ein wenig stutzen in Anbetracht von Küngs
Argumentation. Es steht ja ohne Frage fest, dass die Wirksamkeit in der
Geschichte nicht unbedingt davon abhängt, ob eine historische Figur Papst,
Kirchenlehrer, Schriftsteller, Physiker oder Attentäter gewesen ist. Das
bestreitet auch Luik nicht, der Küng immerhin den Rang einer Fußnote in der
Geschichte zugestehen wollte, was mehr ist, als die meisten Menschen jemals
erreichenkönnen. Aber warum muss Küng den Vergleich mit Thomas von Aquin
heranziehen, der auf mehreren Füßen hinkt? Man kann nicht einerseits sagen, man
wolle sich nicht auf eine Höhe mit einer Vergleichsfigur stellen, um dann im
gleichen Atemzug den historischen Rang dieser Vergleichsgestalt als Argument
für die eigene Bedeutung einzusetzen. So etwas kann man bestenfalls als
undurchdacht bezeichnen. Aber selbst wenn ich von diesem Punkt einmal absehe,
scheint auch Küngs historisches Beispiel nicht sehr glücklich gewählt zu sein.
Es ist unbestritten, dass Innozenz III vor allem in das Interessengebiet
bestimmter Historiker fällt, die sich für die Zeit des späten zwölften und des
frühen dreizehnten Jahrhunderts interessieren. In diesen Kreisen kann man ihn
allerdings kaum als eine Fußnote bezeichnen, er spielte sowohl in theologischer
als auch in politischer Hinsicht eine erhebliche Rolle, weshalb er auch heute
noch als bedeutsame historische Persönlichkeit bezeichnet werden kann. Was
erwartet Küng von einer historischen Figur, die mehr als eine Fußnote verdient?
Er wird kaum behaupten wollen, dass die thomistische Theologie und Philosophie
bevorzugte Themen in deutschen Wohnzimmern sind. In Theologenkreisen
interessiert man sich natürlich auch heute noch für Thomas von Aquin, genauso
wie man in Historikerkreisen Interesse für Innozenz III aufbringt. Wie nun aber
die Wirkungsmächtigkeit der einzelnen Personen einzuschätzen ist und was das
mit dem Erfolg Hans Küngs zu tun hat, das konnte unser Theologe nicht
verdeutlichen. Vielleicht sollte man ihn darauf aufmerksam machen, dass Thomas
von Aquin Ende 1273 in das so genannte „Schweigen des Thomas“ eingetreten ist
und nichts mehr verfasst hat, was auch manch einem Theologen unserer Tage gut
zu Gesicht stehen könnte.
Küng ist allerdings vom Schweigen weit entfernt, denn gleich im nächsten Absatz
enthüllt er seine eigentliche Mission. Es sei nämlich sehr betrüblich, dass
Ratzinger „nicht denselben Weg weitergegangen ist wie ich. Dann hätten wir
jetzt wahrscheinlich nicht diese Spaltung der katholischen Kirche in Ober- und
Unterkirche. Ich repräsentiere die Unterkirche, er steht für die Oberkirche.“
Seine Arbeit sei darauf gerichtet gewesen, dass sich die autoritäre Oberkirche
ändere. Da haben wir es schon. Hätte nur Ratzinger auf Küng gehört und wäre er
den gleichen Weg gegangen wie Küng, dann ginge es der katholischen Kirche gut.
Er sagt zwar nicht, was man unter einer Unter- und Oberkirche zu verstehen hat,
abgesehen davon, dass die Oberkirche autoritär ist, er sagt nicht, welchen „Weg
der Reform“ man hätte beschreiten sollen und wie er auf die Idee kommt, dass
auf seinem Weg die „Spaltung der katholischen Kirche“ nicht hätte stattfinden
müssen. Wenigstens eine Andeutung hätte man dem Leser schon zumuten können, die
schlichte Proklamation, dass Küngs Weg der Reform der bessere gewesen wäre,
reicht nicht aus. Im Übrigen muss man sich fragen, wieso er eigentlich die
Unterkirche repräsentieren soll. Hat man ihn zum Repräsentanten gewählt? Wenn
ja: wovon? Oder ernennt er sich hier einfach zum Repräsentanten seiner
„Unterkirche“, von der der Leser erst einmal gern gewusst hätte, was er
darunter verstehen soll. Immerhin schwingt er sich noch zu der Aussage auf, man
könne „die alte Zeit nicht zurückholen“. Dagegen ist nichts zu sagen,
allerdings hätte es nicht geschadet, diese Einsicht auch auf sich selbst
anzuwenden. Was soll man beispielsweise von der Formulierung halten, der
biblische Gottesglaube habe sich in einer mehrtausendjährigen Geschichte
bewährt, der Gott Israels sei für die Glaubenden der eine und einzige Gott, „er
trägt unverwechselbar den einen Namen Jahwe; an ihn allein soll der Mensch
glauben“?[6]
Ein direkter Rekurs auf den biblischen Gottesglauben, der nicht allein schon
deshalb der alten Zeit nicht mehr zuzurechnen ist, weil Küng behauptet, er habe
sich Jahrtausende lang bewährt und sei zudem rational verantwortbar. Man darf
hier nicht übersehen, dass Küng das alte biblische Gottesbild propagiert, einen
einzigen Gott, eine Wesenheit, die einen bestimmten Namen trägt und von den
Menschen erwartet, dass sie an ihn glauben. An anderen Stellen seiner
Publikationen versucht er zwar immer wieder, sich vor den damit verbundenen Problemen
zu schützen, etwa indem er behauptet, Gott sei „weder personal, noch
apersonal“, sondern transpersonal[7] – ein Begriff von schönster
Küngscher Unbestimmtheit, der ohne Frage dazu beitragen kann, dass der heutige
Leser die antropomorphe biblische Gottesvorstellung nicht mehr den alten,
sondern Küngs neuen Zeiten zuordnet. Sein Anspruch, ein Gottesbild zu
vertreten, das nicht mit den Problemen der „alten Zeit“ belastet ist, löst sich
immer wieder auf, sobald man einen genaueren Blick auf seine hoch klingenden
Wortschöpfungen wirft.
Sein Interviewer Luik will das denn auch nicht so einfach stehen lassen,
sondern fragt, warum man nach mehr als zweihundert Jahren der Aufklärung noch
an Gott glauben solle. Küngs erste Antwort lautet, tatsächlich gebe es tausend
Gründe dagegen, aber man ahnt schon, dass er dabei nicht stehen bleiben wird.
Man könne, fährt er fort, „angesichts des Elends in der Welt und im eigenen
Leben ... entweder an Gott verzweifeln oder auf Gott vertrauen.“ Hier begegnen
wir einem Muster seiner Argumentationstechnik, dessen er sich schon immer gerne
bedient hat: dem Alternativ-Radikalismus, der Erpressung mit der einzigen
Alternative.[8]
Es ist nämlich keineswegs so, dass man in Anbetracht des Elends der Welt nur
die von ihm apostrophierten Möglichkeiten hätte. Selbst wenn man die Existenz
Gottes voraussetzt, könnte man ohne jede Verzweiflung darüber nachdenken, warum
er sich so eigenartig zu seinen Geschöpfen verhält, oder man könnte – wie das
auch oft unter Menschen geschieht –sein Verhalten mit einem gesunden Misstrauen
quittieren und versuchen, mit der Welt zurecht zu kommen, ohne deshalb gleich
in Verzweiflung zu verfallen. Und selbstverständlich besteht immer die
Möglichkeit, von der Nichtexistenz eines Gottes auszugehen, der Elend und Leid
in der von ihm geschaffenen Welt zulässt: an Gott erst gar nicht zu glauben ist
nicht das Gleiche, wie an ihm zu verzweifeln.
Anscheinend war Küng diese scheinbare Alternative gar nicht so wichtig, da er
anschließend meint, man könne die Existenz Gottes nicht mit logisch zwingenden
Argumenten begründen, worin ihm mit Ausnahme des katholischen Philosophen
Robert Spaemann vermutlich keiner widersprechen wird. „Gottes Existenz,“ meint
er, „ist eine Frage des vernünftigen Vertrauens.“ Auf dieses Vertrauen wird er
kurz darauf noch einmal zu sprechen kommen, weshalb ich die Diskussion seines
so genannten Grundvertrauens auf später verschiebe. Zunächst ist es interessant
zu sehen, wie er auf die ihm von Luik entgegengehaltene Äußerung Mark Twains
reagiert, der Glaube bedeute, an etwas zu glauben, von dem man wisse, dass es
nicht wahr sei. Küng scheint das nicht zu gefallen, er bezeichnet Twains Bonmot
als sehr schlechten Scherz, obwohl es sich doch nur um die etwas zeitgemäßere
Formulierung des bekannten „Creo quia absurdum“handelt: ich glaube, weil es
absurd, weil es widervernünftig ist. Immerhin hat Tertullian, einer der
Kirchenväter, die Auffassung vertreten, der Auferstehungsglaube sei gewiss,
weil er unmöglich sei. Küng nennt also die Lehrmeinung eines Kirchenvaters
einen sehr schlechten Scherz – vielleicht war ja Tertullian im Gegensatz zu
Thomas von Aquin auch nur eine Fußnote in der Geschichte. Er will es aber
offenbar beim Abqualifizieren nicht bewenden lassen, sondern setzt Mark Twain
ein Zitat aus dem Hebräerbrief des Apostels Paulus entgegen: „Der Glaube ist
ein Feststehen in dem, was man erhofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die man
nicht sieht.“ Ist das besser? Man kann natürlich wider alles bessere Wissen in
einer illusorischen Hoffnung verhaftet bleiben, und wer das als Glaube
bezeichnen will, der darf das gerne tun. Eine Illusion bleibt trotzdem eine
Illusion, auch wenn man in der Hoffnung auf sie verharrt. Und um von Dingen,
die man nicht sieht, überzeugt zu sein, braucht man ganz sicher keinen
religiösen Glauben. Jeder von uns wird ständig von Sachverhalten überzeugt
sein, die man nicht sieht, wie zum Beispiel der Tatsache, dass sich die Erde um
die Sonne dreht, obwohl der Augenschein das Gegenteil behauptet. Der Grund für
Zustimmungen dieser Art liegt aber oft genug in der Existenz einer plausiblen
oder gar wissenschaftlichen Erklärung für die beobachteten Phänomene, die zwar
der Alltagsinterpretation der direkten Wahrnehmung widersprechen mag, aber
durch ihre Erklärungskraft überzeugen kann. Um von Dingen überzeugt zu sein,
„die man nicht sieht“, muss man also keineswegs auf den religiösen Glauben
zurückgreifen, sondern kann sich auf die irdische Wissenschaft beschränken.
Dennoch schafft es Küng, aus seinem Pauluszitat die Schlussfolgerung zu ziehen,
es gebe tausend Gründe, warum ein Mensch „trotz aller Widrigkeiten des Lebens
an Gott glauben kann.“ Glaube sei „zunächst eine Frage des Grundvertrauens. Des
Lebensvertrauens.“ Da haben wir also das bereits angekündigte Grundvertrauen,
das Küng schon seit Jahrzehnten als wesentlichen Stützpfeiler seines rational
verantwortbaren Gottesglaubens ansieht. Ebenfalls seit Jahrzehnten könnte er
wissen, dass seine Denkkunststücke zur rationalen Rechtfertigung der Existenz
Gottes gescheitert sind, wenn er nur die vorliegende Kritik an seinen
angeblichen Argumenten zur Kenntnis genommen hätte. In seinem Interview äußert
er sich über seine Theologie des Grundvertrauens so vage, dass man nur schwer
sehen kann, was er wohl mit dem Satz, Glaube sei zunächst eine Frage des
Grundvertrauens, gemeint haben könnte. Ich will daher kurz seine darauf
bezogenen Argumente darstellen, die er in seinem Buch „Existiert Gott?“
entwickelt hat und nach wie vor vertritt. Eine ausführliche Untersuchung dieses
Themas hat Hans Albert vorgenommen[9], der unter anderem Küngs
Ableitung eines rational vertretbaren Glaubens aus dem erwähnten Grundvertrauen
analysiert und einer durchschlagenden Kritik unterzogen hat.
Was hat es nun mit diesem Grundvertrauen auf sich? Der Mensch, so meint Küng,
habe nur die Wahl zwischen einem grundlegenden Misstrauen und einem
grundlegenden Vertrauen in die „fragliche Wirklichkeit“.[10]
Sofern er sich für das konsequente Misstrauen entscheide, könne er es aber
nicht konsequent durchhalten, weil es auf eine „nihilistische Fixierung auf die
Nichtigkeit der Wirklichkeit“ und eine „abgründige Ungewissheit“ hinauslaufe.
Dagegen öffne man sich im Grundvertrauen eben dieser fraglichen Wirklichkeit
und erhalte eine „antinihilistische Grundgewissheit“. Man sieht schon an der
Beschreibung der beiden – angeblich grundlegenden – möglichen Positionen, wo
Küngs Sympathien liegen. Albert hat aber zu Recht darauf hingewiesen, dass hier
wieder einmal eine durch nichts begründete „Erpressung mit der einzigen
Alternative“[11]
vorliegt, die eine beliebig große Zahl von Zwischentönen völlig willkürlich
ausschaltet. Schließlich kann beispielsweise auch „der Misstrauische ... hin
und wieder vertrauen, und der Vertrauende kann hin und wieder misstrauen.“[12]
Üblicherweise pflegt man im Verlauf seines Lebens oder auch nur innerhalb eines
Tages manchen Aspekten der „fraglichen Wirklichkeit“ ein gewisses Maß an
Vertrauen entgegen zu bringen, weil sonst zum Beispiel kein einigermaßen
geregelter Straßenverkehr mehr stattfinden könnte, während man anderen Aspekten
mit einem durchaus begründeten Misstrauen begegnet, was nicht nur für
Steuerbescheide und Wahlkampfversprechen gilt, sondern vermutlich auch für die
radikalen Alternativen mancher Theologen. Es kann daher überhaupt nicht die
Rede davon sein, dass man sich für ein positiv akzentuiertes Grundvertrauen
oder ein negativ belastetes Grundmisstrauen entscheiden müsste, um mit dem
eigenen Leben zurecht zu kommen. „Man kann ... durchaus die Fraglichkeit der
Wirklichkeit sehen, aber dennoch bis zu einem gewissen Grade darauf vertrauen,
dass unter Umständen ein sinnvolles Leben möglich ist,“[13]
wenn auch vielleicht auf andere Weise, als Küng es gerne hätte.
Mit seiner radikalen Alternative zwischen Grundvertrauen und Grundmisstrauen
ist Küng also gescheitert. Tun wir aber um das Argumentes Willen einmal so, als
hätten wir das nicht bemerkt und sehen zu, warum nun dieses Grundvertrauen zum
Glauben an Gott führt, denn genau das hat er ja im Interview behauptet: „Glaube
ist zunächst eine Frage des Grundvertrauens.“ Küngs Argument ist recht einfach,
und man muss sich wundern, warum vor ihm noch niemand darauf gekommen ist. Er
definiert sich einen Gottesbegriff zusammen, der darauf hinausläuft, dass Gott
„als der Tragende, Haltende, Geleitende uns in allem Leben und Bewegen,
Scheitern und Fallen schon immer gegenwärtig“ sei[14],
und stellt dann einen Satz auf, den er für eine Hypothese zur Existenz Gottes
hält: „Wenn Gott existierte, dann: wäre die gründende Wirklichkeit selbst nicht
mehr letztlich unbegründet; wäre die sich haltende Wirklichkeit nicht mehr
letztlich haltlos...“[15],
und zwar deshalb, weil ja der von Küng definierte Gott der „Ur-Grund“ und der
„Ur-Halt“ sei. Da nun aber der Mensch ohne das oben angeführte Grundvertrauen
nicht so recht auskommen könne, müsse er auch die Existenz Gottes akzeptieren,
denn „das Nein zu Gott bedeutet ein letztlich unbegründetes Grundvertrauen zur
Wirklichkeit“, während das Ja zu Gott natürlich dieses Grundvertrauen ohne
Weiteres begründen könne.[16] Deshalb sei der Gottesglaube ebenso
wie das Grundvertrauen in die Wirklichkeit rational verantwortbar.
Das hält er tatsächlich für ein Argument, es ist nicht einfach nur eine
intellektuelle Jugendsünde aus der Zeit von „Existiert Gott?“, sondern er
spricht auch in seinem Interview noch immer vom Glauben als einer Frage des
Grundvertrauens und spricht die Einladung aus, „Gott als Hypothese“ zuzulassen.
Dabei hat er nicht einmal eine Hypothese aufgestellt, wie man sofort sieht,
wenn man seinen Gottesbegriff mit der angeblichen Hypothese vergleicht. Küngs
Gott ist als das Tragende und Haltende, als der Ur-Grund und der Ur-Halt
definiert. Ersetzt man nun in der „Hypothese“ den Begriff „Gott“ durch
„Ur-Grund und Ur-Halt“, dann lautet sie: Wenn der Ur-Grund und Ur-Halt existierte,
dann wäre die gründende Wirklichkeit selbst nicht mehr letztlich unbegründet,
wäre die sich haltende Wirklichkeit nicht mehr letztlich haltlos. Kürzer
gesagt: wenn es einen Ur-Grund und Ur-Halt gibt, dann gibt es einen Grund und
einen Halt. Das ist nicht überraschend und von einer Hypothese weit entfernt.
Wenn es einen rosa Elefanten gibt, dann gibt es auch einen rosa Elefanten; auf
genau diesem Argumentationsniveau bewegt sich bedauerlicherweise Küngs
Hypothese von der Existenz Gottes. Mit einem völlig inhaltsleeren Satz, der nur
aussagt, dass aus einer bestimmten Voraussetzung eben diese Voraussetzung
folgt, kann man nichts begründen, nicht einmal Küngs ohnehin zweifelhaftes
Grundvertrauen. Und was noch schlimmer ist: mit dem gleichen Verfahren lässt
sich schlichtweg jede Art von Gottesvorstellung als rational verantwortbar
deklarieren. Wer beispielsweise zur Gewalttätigkeit neigt und der Auffassung
ist, mit Gewalt ließen sich alle Probleme lösen, dem kann man guten Gewissens
ein Grundvertrauen in die Gewaltsamkeit unterstellen. Nun kann er aber seinen
Gott, wenn er denn an einer Begründung seines Grundvertrauens interessiert sein
sollte, als die Ur-Gewalt, den Ur-Hass oder auch den Ur-Zwang definieren –
hinreichend viele Bibelstellen dürften übrigens eine solche Definition nahe
legen. Ist man aber erst einmal so weit gelangt, dann liegt nichts näher als
eine Hypothese vom Küng-Typ aufzustellen: wenn Gott existierte, dann wäre die
grundlegende Gewalt selbst nicht mehr letztlich unbegründet, wäre die
hasserfüllte Wirklichkeit eingebettet in einen allumfassenden, allesumwaltenden
Hass. Die Struktur ist genau die gleiche wie in Küngs Darlegungen, das Resultat
allerdings ein anderes, das Küng wohl kaum wünschen würde. Menschliches
Wunschdenken ist aber kein gutes Argument.
Ich gebe gern zu, dass mich bei Küngs gedanklichen Taschenspielertricks nicht
so sehr der Umstand stört, dass er mit dem Gestus des großen Denkers
Banalitäten oder gar Fehlschlüsse als Erkenntnisse produziert. Das haben auch
schon andere getan. Schlimmer ist, dass er es besser wissen könnte, denn die
oben angeführte Kritik an seiner Konstruktion ist keineswegs neu, sondern liegt
bereits seit dreißig Jahren in Form der Analysen von Hans Albert vor. Dass Küng
die fundierte Kritik großzügig ignoriert und so tut, als könnte er seine längst
gescheiterten Thesen einfach so aufrecht erhalten – das verdient den Vorwurf,
den er seinem Interviewer grundlos vorgehalten hat, den Vorwurf der
Unverfrorenheit.
Nun könnte man natürlich die Hoffnung hegen, dass Küng mittlerweile neue Gründe
für einen rational verantwortbaren Glauben an Gott gefunden hat, die er in
seinem Interview darlegt. Das ist aber leider nicht der Fall, er verweist auf
die „philosophische Grundfrage, warum etwas ist und nicht nichts, oder die
unerklärbare Herkunft der fundamentalen Naturkonstanten oder der
Lichtgeschwindigkeit“, ganz zu schweigen vom „Unendlichkeitsproblem in der
Mathematik“ und den „Spuren von Transzendenz in der Musik – all das kann
Einladung sein zum Glauben an Gott.“ Warum das so sein soll, verrät uns der
Theologe nicht. Sicher würde er seine philosophische Grundfrage mit dem Hinweis
beantworten, dass eben Gott dieses „Etwas“ geschaffen habe und deshalb nicht
nichts sei, aber das führt nur zu der weiteren Frage, warum denn wohl Gott
existiere und nicht nichts. Die Annahme eines das Universum schaffenden Gottes,
der zur Bewerkstelligung dieser heiklen Aufgabe sicher noch ein wenig komplexer
und unbegreiflicher sein müsste als das Universum selbst, macht das Problem nur
noch schwieriger und undurchschaubarer. Gleiches gilt für die unerklärbare
Herkunft der Naturkonstanten: soll sich Gott wirklich damit vergnügt haben, in
der Frühzeit des Universums den Wert der Lichtgeschwindigkeit oder der
Feinstrukturkonstanten festzulegen, nur damit nach einigen Milliarden Jahren in
irgend einem Winkel des Alls so etwas wie menschliches Leben entsteht? Und wenn
ja: wieso sollte das die Herkunft der Naturkonstanten erklären, wenn doch Gott
unergründlich ist und sich nicht in die Karten schauen lässt? Was das
„Unendlichkeitsproblem in der Mathematik“ mit der Gottesfrage zu tun haben
soll, ist mir nicht so recht klar geworden; vermutlich meint Küng, man könne
das so genannte aktual Unendliche nur verstehen, wenn Gott im Hintergrund steht,
der die Existenz dieses Unendlichen gewährleistet, aber auch dieser Ansatz
würde schon daran scheitern, dass man Gott nicht verstehen kann. Und was er
schließlich unter den „Spuren der Transzendenz in der Musik“ verstehen will,
versuche ich erst gar nicht zu ergründen, es ist in jedem Fall weit entfernt
von einem nachvollziehbaren Argument. All seine angeblichen Einladungen zum
Glauben an Gott sind also nichts weiter als Wortgeklingel, das sich bei näherer
Betrachtung in nichts auflöst.
Offenbar ist das auch dem Interviewer Luik aufgefallen, der einwendet, Richard
Dawkins würde solche schön klingenden Worte als Unsinn bezeichnen. Das ist
natürlich ein gutes Stichwort für Hans Küng, der zunächst einmal den Einwand
produziert, es handle sich hier nicht um schön, sondern um wahr klingende
Worte. Sehen wir einmal davon ab, dass nicht Worte wahr sein können, sondern
nur Aussagen, so muss man sich trotzdem fragen, wie man die Wahrheit eines
Wortes oder eines Satzes an seinem Klang erkennen kann. Wie es scheint, stehen
einem Theologen da Möglichkeiten zur Verfügung, die mir fehlen. Unabhängig von
Schönheit oder Wahrheit muss er aber darauf reagieren, dass man ihn mit Richard
Dawkins konfrontiert, dessen Buch „Der Gotteswahn“[17]
eine hohe Popularität erlangt hat und der gerne mit dem so genannten neuen
Atheismus in Verbindung gebracht wird. „Kommen Sie mir doch nicht mit diesen
neuen Atheisten!“ ruft Küng empört aus. Dawkins sei „ein Ideologe, der auf ein
überholtes Gottesbild reagiert und überaus polemisch argumentiert, ohne
allerdings neue Erkenntnisse herbeizuschaffen.“ Er, Küng, habe sich mit „den
großen klassischen Atheisten auseinandergesetzt, Feuerbach, Marx, Nietzsche,
Freud analysiert. Sie sind für mich intellektuell herausfordernd, nicht dieser
...“
Damit ist Küngs Analyse von Dawkins Auffassungen beendet. Selbst wenn ich für
den Augenblick einmal davon ausgehe, dass sich Küng tatsächlich mit den „großen
klassischen Atheisten“ auseinandergesetzt hat – was man tatsächlich nur mit
viel Wohlwollen behaupten kann, – so ist das noch lange kein Grund, einen
kleineren neuen Atheisten auf diese arrogante und ignorante Weise zu behandeln.
Dass man Dawkins auf vielfältige Weise fundiert kritisieren kann, gestehe ich
sofort zu. Das setzt aber voraus, dass man auf seine Thesen eingeht, dass man
zur Kenntnis nimmt, was er zur Religionsproblematik zu sagen hat, und nicht
einfach pauschal behauptet, er habe keine neuen Erkenntnisse herbeigeschafft
und reagiere polemisch auf ein überholtes Gottesbild. Warum sollte man nicht
polemisch formulieren, solange solche Formulierungen in einen argumentativen
Kontext eingebettet sind, wie es in Dawkins „Gotteswahn“ tatsächlich der Fall
ist? Selbstverständlich hätte Küng wie jeder andere das Recht, die
vorgetragenen Argumente, etwa zur evolutionsbiologisch begründeten Entstehung
des Gottesglaubens, zu analysieren und zu kritisieren. Die Mühe mag er sich
aber nicht machen, weil er ja schon die klassischen Atheisten analysiert hat.
Im Übrigen zeigen auch und gerade Küngs Bemühungen um ein neues, nicht mehr
überholtes Gottesbild, die auf so etwas wie
„Gott in der Welt, die Transzendenz in der Immanenz, die Jenseitigkeit in der
Diesseitigkeit“[18]
hinauslaufen, dass man polemisch anmutende, aber dennoch sachlich begründete
Argumente nicht nur in Bezug auf überholte Gottesbilder anführen kann.
Wie sieht es aber aus mit der Analyse der klassischen Atheisten, mit denen sich
Küng auseinandergesetzt haben will? Das hat er in seinem Buch „Existiert Gott?“
tatsächlich, aber an dieser Auseinandersetzung ist er genauso gescheitert wie
an seiner Herleitung eines rational verantwortbaren Gottesglaubens. Ich will
dem Leser hier die Einzelheiten von Küngs Analyse ersparen und darf wieder auf
die eingehenden und präzisen Untersuchungen von Hans Albert[19]
verweisen. Nur kurz das Folgende. Die von Küng so genannten klassischen
Atheisten wie Feuerbach, Marx oder Freud, die man wohl besser als
Religionskritiker bezeichnen würde, haben – jeder auf seine Art – Erklärungen
für das Entstehen religiöser Glaubensüberzeugungen vorgeschlagen, ohne dabei
auf göttliche Wesenheiten zurückgreifen zu müssen, also Erklärungen im Sinne
eines naturalistischen Forschungsbegriffs geliefert. Es war weder ihr Interesse
noch ihr Ziel, den Atheismus zu beweisen, sondern zu erklären, wie so etwas wie
eine Gottesvorstellung entstehen konnte. Selbstverständlich sind solche
Erklärungen wie alle wissenschaftlichen Erklärungen hypothetisch und haben
keinerlei endgültige Beweiskraft, weshalb insbesondere eine naturalistische
Erklärung des Gottesglaubens nicht beweist, dass es keinen Gott gibt. Das hat
auch keiner der „klassischen Atheisten“ behauptet. Küng hat ihnen in seiner
Analyse aber vorgeworfen, dass sie nicht in der Lage seien, den Atheismus zu
beweisen und dass somit auch der Atheismus nur ein reines Postulat darstelle.
Damit verkennt er aber vollständig die Problemsituation. Schließlich sind es
nicht die Atheisten, von denen die Existenz eines göttlichen Wesens postuliert
wird, sondern die Vertreter des Gottesglaubens. Üblicherweise sollte man dann
auch von diesen Vertretern erwarten, dass sie gute Gründe für ihr Postulat
vorbringen und sich nicht zurücklehnen mit dem Hinweis, die Gegner des
Existenzpostulats könnten ja ihre Position auch nicht beweisen. Mit dem
gleichen Recht könnte man auch behaupten, Zeus sei nach einer langen Periode
des Ruhens wieder aktiv geworden, habe sich aber leider entschlossen, nicht
mehr auf der Erde zu wandeln, sondern werde nur noch aus unerreichbarer
olympischer Ferne das Geschehen begleiten. Auch so etwas ist durch nichts zu
widerlegen, da die unerreichbare olympische Ferne ebensowenig überprüft werden
kann wie die Küng‘sche Transzendenz in der Immanenz. Wer die Existenz von Zeus
oder auch die Existenz eines anderen Gottes postuliert, setzt „sich damit der
Frage aus, inwiefern ein solches Postulat berechtigt ist.“[20]
Der Atheist, sei es nun ein klassischer oder ein neuer, reagiert nur auf die
Problemsituation, die der Gottgläubige schafft, und muss keineswegs den
Nachweis erbringen, dass ein solcher Gott nicht existiert, zumal der Beweis der
Nichtexistenz irgend einer Entität ohnehin kaum möglich ist, egal ob es sich um
Götter oder um grüngelbe Elefanten handelt. Dagegen kann der Atheist nach
Erklärungen suchen, wie denn das Postulat von der Existenz Gottes entstanden
sein könnte, nach Erklärungen, die sich nicht mit dem Existenzpostulat belasten
müssen, sondern es als Phänomen der realen Welt ansehen, das wissenschaftlichen
Untersuchungen zugänglich ist. Wer natürlich Küngs Gottesbild propagiert, kann mit
solchen Erklärungen nichts anfangen, er sollte aber die Beweislast in der
Diskussion nicht auf seine Diskussionsgegner schieben.
Küngs Auseinandersetzung mit den klassischen Atheisten zeigte also nur sein
Unverständnis ihrer Argumentation, was in seiner bemerkenswerten
Schlussfolgerung gipfelte, Vernunft und Glauben gehörten zusammen, man dürfe
sie weder voneinander trennen noch miteinander identifizieren.[21]
So analysiert man also Autoren, die man als „intellektuell herausfordernd“
empfindet.
Wie es scheint, können Küngs Bemerkungen über den klassischen Atheismus auch
Luik nicht zufrieden stellen, denn er konfrontiert Küng nun mit einem
ausführlichen Marx-Zitat zur Religion: sie sei „der Geist geistloser Zustände“,
„das Opium des Volkes“, „die Aufhebung der Religion als des illusorischen
Glücks des Volks ist die Forderung seines wirklichen Glücks.“ Deutlicher konnte
Marx es wohl wirklich nicht mehr ausdrücken, aber Küng bringt es fertig, Marx
zu attestieren, seine Analysen drückten „vielleicht gegen seinen Willen doch
auch etwas Positives aus: nämlich, dass Religion viel mehr sein kann – ein
Protest gegen die Verhältnisse, die wir haben.“ Es ist schön, dass Küng Marx‘
Intentionen anscheinend besser kennt als Marx selbst; wo er in seinen
Äußerungen auch nur den geringsten Hinweis auf eine positive Rolle der Religion
findet, bleibt aber ein Geheimnis. Auch mit dem weiteren Marx-Zitat seines
Interviewers, die Kritik der Religion sei die Kritik des Jammertals, dessen
Heiligenschein die Religion sei, kann unser Theologe nicht viel anfangen, er
versteht es nicht einmal richtig und meint, Religion sei nicht nur ein
„Widerschein“, da begehe Marx einen Kurzschluss. Interessant, dass Küng
Heiligenscheine mit Widerscheinen verwechselt. Marx‘ Äußerung hat offenbar nicht
viel mit Feuerbachs These von Religion als Projektion zu tun, sondern bezieht
sich darauf, dass oft genug durch religiöse Verbrämung das real vorhandene
Jammertal mit einem freundlichen Heiligenschein versehen worden ist. Dagegen
setzt Küng die These, Religion könne „ein außerordentlich starkes Motiv sein,
um ... die Welt nicht nur verschieden zu interpretieren, sondern zu ändern.“
Das wird kaum jemand bestreiten, denn Ähnliches gilt für alle möglichen
Weltanschauungen oder Auffassungen verschiedenster Art. Auch Stalin und Hitler
hatten einen starken Antrieb, die Welt zu ändern. Die Intensität und
Wirkungskraft eines religiösen Veränderungsmotivs sieht man in unseren Tagen
leider nur allzu deutlich an den weltverändernden Aktivitäten der islamischen
Terroristen, die deutlich machen, dass die pure Veränderung kein Wert an sich
ist, sondern es auch noch ein wenig darauf ankommt, in welche Richtung man denn
die Entwicklung der Welt bewegen möchte. Ich möchte übrigens darauf hinweisen,
dass Marx einer der klassischen Atheisten ist, mit denen sich Küng
auseinandergesetzt hat, weil sie ihn intellektuell herausgefordert haben. Ob
man nun diese Art der Auseinandersetzung, die ich nur als Immunisierung durch
Weichspülung bezeichnen kann, als sehr erfolgreich beurteilen will, mag der
Leser entscheiden.
In jedem Fall eröffnet der Bezug auf die nötige Veränderung der Welt Luik die
Möglichkeit, eines der wichtigsten Probleme der Theologie zur Sprache zu
bringen: das Problem der Theodizee, also die Frage, warum Gott wohl so viel
Leid auf der Welt zulässt. Er spricht davon, dass „ohne Unterlass die
Leichenberge“ wachsen und führt an, dass alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger
und Durst stirbt. Welche Frage daraus folgt, ist Küng schon klar: „Warum hat
Gott das Übel nicht verhindert?“ fragt er selbst, aber gleich darauf schränkt
er sein Verständnis wieder ein: „Aber vielleicht sollten wir zuerst fragen:
Warum haben die Menschen das Übel nicht verhindert?“ Nein, das sollten wir
schon deshalb nicht zuerst fragen, weil es in dieser Debatte um Gott geht und
um seine Mitverantwortung am Schicksal der Menschen. Das ist aber nicht der
einzige Grund. Unter Theologen ist es eine beliebte Denkfigur, Gott unter
anderem mit dem Verweis auf die Schuld der Menschen von seiner Verantwortung zu
entlasten. Es wäre mir allerdings neu, dass Menschen Tsunamis auslösen, die zu
vieltausendfachem Tod und Leiden führen, oder dass Menschen Vulkanausbrüche und
Erdbeben initiieren, deren Folge Schmerz, Leid und Tod sind. An all dem sind
die Menschen in aller Regel völlig unschuldig, das sind Übel, die sie nicht
verhindern konnten. Selbst wenn man, wie es Küng später anführen wird, darauf
verzichten will, Gott als aktiven Weltenlenker darzustellen, so bleibt er doch
wohl auch nach Küngs Auffassung immer noch der Weltenschöpfer, und für einen
allmächtigen Weltenschöpfer wäre es ein Leichtes gewesen, bei der Konzeption
der Erde auf so etwas Überflüssiges wie Erdbeben und Tsunamis zu verzichten.
Küng ist da auch in seinen Auslassungen nicht sehr konsequent, denn kaum hat er
die Verantwortung den Menschen zugeschoben, stellt er wieder die Frage, „warum
Gott das Leiden nicht verhindert hat. Das unverschuldete Leiden von Kindern“
sei „durch kein Argument zu rechtfertigen.“ Dennoch sei es auch ein Rätsel,
„warum die Menschen nicht mehr gegen das Leid tun. Man kann jedenfalls nicht
alle Schuld auf Gott schieben.“ An dieser Stelle hätte man gerne ein Argument
gehört, warum man das denn nicht tun dürfe, wo doch Gott angeblich nach Küngs
eigenen Worten allesumgreifend-allesdurchwaltend ist, aber das Argument bleibt
leider aus zugunsten der lapidaren Bemerkung, das Rätsel des Leids lasse sich
nicht mit den Mitteln der Vernunft lösen, „Gott bleibt der Unbegreifbare.“
Jetzt wissen wir es genau. Das menschliche Leid ist zwar durch nichts zu
rechtfertigen, aber weil Gott eben Gott und damit unbegreifbar ist, muss man es
so nehmen, wie es ist. Dass es eine Alternative gibt, auf die genau die
verworfenen Mittel der Vernunft hinweisen, nämlich den Gedanken, dass ein Gott,
wie ihn Küng gerne hätte, nicht existiert und damit die Frage, warum er all das
unbestreitbare Leid zulässt, gar nicht erst auftauchen kann – auf diese Idee
kommt Küng nicht.
Es spricht für Luik, dass er sich damit nicht zufrieden gibt. Auf seine Frage,
ob Gott wohl in Auschwitz gewesen sei, antwortet Küng – in diesem Fall
wenigstens einmal konsequent: „Klar, wenn Gott existiert – und daran glaube ich
–, dann war er auch in Auschwitz.“ Und doch kann er es nicht lassen, Gott
wieder von aller Verantwortung freizusprechen, denn „für das Grauen des
Holocausts ist Gott nicht verantwortlich.“ Das ist schon eine bemerkenswerte
Theorie. Wir haben es also mit einem allesumgreifenden-allesdurchwaltenden
Wesen zu tun, das nach der Aussage eines seiner Apologeten sich in Auschwitz
aufgehalten, aber es nicht für nötig gehalten hat, etwas gegen das Morden zu
unternehmen. Warum man das eigentlich auch nicht von ihm erwarten konnte, wird
uns der Theologe Küng gleich noch erklären, aber für den Augenblick scheint er
von seinem eigenen Zugeständnis so beeindruckt zu sein, dass er meint, hier
gezieme sich eine „Theologie des Schweigens“. Ich muss zugeben, dass diese
Stelle mein persönlicher Favorit im gesamten Interview ist. Die Theologie steht
vor dem grundlegenden Problem, dass sie einen Gott postuliert, von dem man ein
gewisses Maß an aktiver Menschenfreundlichkeit erwarten könnte, weil er
angeblich die Menschen liebt und zudem allesumgreifend-allesdurchwaltend ist,
dass dieser Gott aber seit mehreren tausend Jahren immer wieder Leiden und
Grausamkeit, Tod und Schmerz duldet. Klarer kann ein Widerspruch nicht mehr
sein, und alles, was der Theologe zu bieten hat, ist – Schweigen. Diese Methode
ist der Nachahmung wert. Wie man beispielsweise in der Physik zugeben muss,
besteht ein Widerspruch zwischen der aktuellen Quantenphysik und der
Allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins, beide Theorien wollen nicht so recht
zueinander passen. Aber warum plagen sich die theoretischen Physiker seit Jahr
und Tag damit ab, diesen Widerspruch zu beseitigen? In Anlehnung an Küng darf
ich ihnen eine Physik des Schweigens empfehlen, die sich bei der Behandlung von
Widersprüchen zu geziemen scheint.
Bedauerlicherweise hält sich Küng selbst nicht an seine Empfehlung und versucht
doch noch, das Problem der Theodizee los zu werden. Zunächst bemüht er sich, in
bewährter Manier die Last des Arguments auf den Gegner abzuschieben. „Und Sie
Ihrerseits,“ fordert er auf, „müssen sich fragen: Erklärt denn Ihr Atheismus
den Holocaust? Erklärt Ihr Unglaube die Welt, vermag er in sinnlosem Leid zu
trösten?“ Mit ist bisher nicht klar gewesen, dass der Atheismus den Anspruch
erhebt, den Holocaust erklären zu können oder gar die ganze Welt. Solche
Ansprüche pflegen vielmehr die Anhänger des Gottesglaubens mit der Existenz
eines Gottes zu verbinden, dem sie die dazu notwendigen Eigenschaften
andefinieren, und es ist einigermaßen unredlich, den Diskussionsgegnern die
eigenen zweifelhaften Methoden zu unterstellen. Darüber hinaus ist es natürlich
nicht auszuschließen, dass man nach naturalistisch orientierten
Erklärungsmodellen für so etwas wie den Holocaust sucht, indem man etwa
Resultate der psychologischen Forschung heranzieht, die nicht auf Spekulationen
über göttliche Wesenheiten angewiesen sind. Es ist daher gerade außerhalb des
religiösen Denkens durchaus möglich, bestimmte Formen menschlichen Verhaltens,
die zu Leid und Schmerz führen, zu erklären.
Nachdem er nun also seinen Gegnern attestiert hat, dass auch sie das Problem
des Bösen auf der Welt nicht lösen können, weist er vehement die Vorstellung,
der christliche Gott sei ein allmächtiger Gott, der sämtliche Ereignisse im
Kosmos steuere, als mittelalterlich zurück. Gott sei vielmehr „Geist, der in,
mit und unter den Menschen wirkt, aber ihre Freiheit respektiert. Und diese
Freiheit schließt unvermeidlich das Böse ein.“ Lassen wir einmal die Frage
beiseite, wieso nach modernem Verständnis Gott anscheinend seine Allmacht
eingebüßt hat, denn die verweist Küng ja in den Bereich der mittelalterlichen
Vorstellungen. Sein Freiheitsargument allein ist schon schlimm genug, und es
wird nicht dadurch besser, dass es seit langer Zeit von Theologen
verschiedenster Art unverdrossen vorgetragen wird. Erstens kann der Verweis auf
die menschliche Freiheit nicht im Mindesten das beispielsweise durch
Naturkatastrophen verursachte Leid erklären, bei dem kein Mensch seine Finger
im Spiel hatte. Immerhin gibt auch Küng zu, dass Gott „unter den Menschen
wirkt“, und obwohl man in der Allmachtsfrage mittlerweile anscheinend
vorsichtig sein muss, sollte Gott schon noch so viel Einfluss haben, dass er
einen Tsunami vermeiden könnte. Zweitens ist es ja schön, dass Gott die
Freiheit der Menschen respektiert, aber es wäre noch schöner, wenn er sich
dabei nicht immer wieder auf die Freiheit der Täter konzentrieren und die Opfer
sich selbst überlassen würde. In Auschwitz gab es nicht nur die Mörder, deren
Freiheit Gott offenbar ohne jede Einschränkung walten lassen musste, sondern
auch ihre Opfer, die in ihrer Freiheit ganz entschieden durch die Täter eingeschränkt
wurden. Auch Küng wird nicht annehmen, dass es zur Freiheit der Opfer gehörte,
sich quälen und abschlachten zu lassen. Wieso bringt es Gott fertig, die
Freiheit der Täter nicht anzutasten, während es ihm offenbar völlig egal ist,
dass die Freiheit der Opfer mit Füßen getreten wird? Und drittens ist es mit
der Freiheit selbst so eine Sache. Dass sie „unvermeidlich das Böse“
einschließen muss, liegt ja nur daran, dass der Mensch so ist, wie er ist. Sie
schließt zum Beispiel nicht die Möglichkeit ein, ohne Sauerstoff auszukommen,
sodass man sich als Mensch unter Wasser nicht frei bewegen kann. Sie schließt
nicht die Möglichkeit ein, Gedanken zu lesen, sodass man sich als Mensch nicht
von den Einschränkungen der verbalen Kommunikation befreien kann. Es gibt eine
Unmenge von naturgegebenen Einschränkungen der Freiheit bis hin zu der
Unfähigkeit vieler Menschen, andere Menschen einfach so umzubringen. Warum
sollte also die Freiheit zum Bösen so unglaublich wichtig sein, wenn doch so
viele andere mögliche Freiheiten dem Menschen verwehrt sind? Das
Freiheitsargument war noch nie zur Lösung des Theodizeeproblems geeignet, und
Küngs Ausführungen können daran nichts ändern.
Noch abenteuerlicher wird es, wenn Küng meint, „der leidende Mensch kann nicht
hinter das Geheimnis des Weltenplans des Schöpfers kommen.“ Man sollte denken,
dass die Durchführung eines Plans, der sich auch noch auf die ganze Welt
bezieht, ein hohes Maß an Einflussmöglichkeiten voraussetzt, sodass schließlich
auch Küng der mittelalterlichen Vorstellung des allmächtigen Gottes, der die
Ereignisse im Kosmos steuert, wieder bedenklich nahe gekommen ist. Das ficht
ihn aber nicht an, er verweist zu seiner Unterstützung auf das Buch Jiob oder
auch Hiob aus dem Alten Testament, in dem eben jener Jiob unschuldig – man
könnte auch sagen: durch göttliche Willkür – alles verliere, Gott anklage und
damit zeige, dass der Mensch das Leid nicht hinzunehmen brauche. Er dürfe
„revoltieren gegen einen Gott, der ihm grausam ... erscheint – und Jiob findet
durch diese Prüfungen wieder zu Gott!“ Geht Küng davon aus, dass sich niemand
die Mühe machen wird, die Geschichte von Jiob im Alten Testament nachzulesen?
Jiob wird mit allen möglichen Übeln geschlagen, weil Gott Satan beweisen will,
dass sein Anhänger auch im Leid noch treu zu ihm halten wird; es sind
keineswegs zufällige Schicksalsschläge, die Jiob um alles bringen, oder gar die
Schlechtigkeit der Menschen – dieses Leid ist ohne jede Frage von Gott selbst
verursacht, damit er Satan eine Lektion erteilen kann. Ich kann nicht
behaupten, dass eine solche Verhaltensweise moralisch sehr hochstehend wäre.
Nun ist es sicher wahr, dass Jiob im Verlaufe seiner Plagen dazu übergeht,
seine Unschuld zu betonen und, wenn man es so formulieren will, gegen Gott zu
revoltieren. Aber die Auffassung, er finde „durch diese Prüfungen wieder zu
Gott“, geht meilenweit am Text des Buches Jiob vorbei. Denn wie reagiert Gott
auf Jiobs Klagen? Er, der das gesamte Elend Jiobs verursacht hat, findet keine
bessere Antwort als eine prahlerische, ausladende und letzten Endes Angst
erregende Darstellung seiner Macht und Größe, vor der gefälligst alles andere
zu verblassen habe. Gott weist darauf hin, dass er die Erde erschaffen habe,
dass er alles könne und alles wisse und dass dem gegenüber Jiob gar nichts
könne und gar nichts wisse. Wer einmal sehen möchte, wie man einen Schwächeren
erfolgreich einschüchtert, der findet in den Kapiteln 38 bis 42 des Buches Jiob
ausgezeichnete Anregungen. In Anbetracht dieser Machtdemonstration hat denn auch
Jiob kaum eine Wahl. „Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? ...
Einmal habe ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet
und will’s nicht mehr tun,“ sagt er im vierzigsten Kapitel. Und später, im
zweiundvierzigsten: „Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und
Asche.“ Nur gut, dass er es nicht weit hat zu Staub und Asche, da ihn sein
gnädiger Gott schon vorher in Staub und Asche geworfen hatte!
Und diese Geschichte interpretiert Küng so, dass Jiob durch seine Prüfungen
wieder zu Gott findet. Selbst wenn ich einmal davon absehe, dass er erst gar
nicht „wieder“ zu Gott hätte finden müssen, wenn der ihn nicht zum Objekt
seiner Absprache mit Satan gemacht hätte – das angebliche Zurückfinden zu Gott
stellt sich in aller Deutlichkeit dar als eine Kapitulation vor der
unvergleichlich stärkeren Macht. Gott steht mit der Waffe in der Hand, mit der
geballten Kraft seiner Allmacht vor Jiob: was kann der ohnehin schon geplagte
Mann anderes tun als alles zugeben und sich in den Staub werfen? Ein
Zurückfinden zu Gott aus freien Stücken stelle ich mir anders vor.
Nun steht das Buch Jiob aber im Alten Testament, und es ist deshalb klar, dass
Küng auch noch nach Unterstützung aus dem Neuen Testament sucht, die er
unschwer findet: „Jesus, der ausgeliefert, ausgepeitscht, der verhöhnt wird,
der langsam am Kreuz dahinstirbt,“ habe „die furchtbare Erfahrung der Opfer des
Holocaust vorausgenommen.“ Sein Tod weise „über das Elend, den Schmerz, den Tod
hinaus.“ Aber wenn das denn so ist: warum hat das dann alles nichts genützt?
Zur Not könnte man vielleicht noch das Argument gelten lassen, Jesus habe durch
seinen Tod das Leid auf sich genommen und seither sei die Menschheit vom Leid
erlöst, auch wenn die barbarische Opferung einer einzelnen Person durchaus
fragwürdig ist. Aber mit dem Tod Jesu hat das Leid keineswegs aufgehört, es hat
sich im Gegenteil munter weiter entwickelt und sich nicht im Mindesten darum
gekümmert, dass da jemand „die furchtbare Erfahrung der Opfer vorausgenommen“
hat. Dem aktuellen Opfer nützt es gar nichts, wenn jemand eine ähnliche
Erfahrung schon zweitausend Jahre vorher durchleiden musste. Hätte man nicht
die Erlösung ein wenig gründlicher durchführen können, wenn man schon seinen
eigenen Sohn qualvoll am Kreuz sterben lässt?
Auch Horkheimer, den Küng anschließend bemüht, kann ihm da nicht weiter helfen.
Nur weil Horkheimer die Auffassung geäußert hat, es sei „unerträglich zu
glauben, dass das Elend das letzte Wort hätte“, und es müsse „eine letzte
Gerechtigkeit geben“, folgt daraus weder für die Kinder dieser Welt noch für
sonst irgend jemanden, dass „dieses Leben nicht alles ist, sondern dass sie ein
leidloses Leben vor sich haben.“ Ob man das nun als Vertröstung oder, wie es
Küng vorzieht, als Trost bezeichnen will, ist nur ein leerer Streit um Worte.
Bestehen bleibt die Tatsache, dass die meisten Menschen den Wunsch haben, die
offensichtlichen Ungerechtigkeiten dieser Welt könnten nicht das letzte Wort
sein, da müsse es noch eine Art von Ausgleich geben, wenn nicht in dieser, dann
in der nächsten Welt. Wünsche gibt es aber viele, und weil viele Menschen eine
bestimmte Hoffnung hegen, muss diese Hoffnung noch lange nicht in Erfüllung
gehen. Es gibt leider nicht die geringsten Anzeichen für eine überirdische Gerechtigkeit,
die zu gegebener Zeit die offenkundigen Schwächen der irdischen Gerechtigkeit
ausgleichen wird, das ist reines und durch nichts begründetes Wunschdenken. Im
Gegenteil: da wir vor der unbestreitbaren Tatsache stehen, dass es in der von
Gott geschaffenen irdischen Welt, die von nach seinem Bilde erschaffenen
irdischen Menschen bevölkert und gestaltet wird, ausgesprochen ungerecht und
oft genug auch grausam zugeht, liegt der Gedanke nahe, dass es der Schöpfer
dieser Welt in einer eventuellen anderen Welt, die man erst nach dem Tode
betritt, auch nicht besser einrichten kann als hier. Denn wenn er dort die
menschliche Grausamkeit verhindern kann, ohne dabei die menschliche Freiheit
einzuschränken – warum hat er dann die nötigen Methoden nicht schon hier, in
unserem gegenwärtigen Jammertal, angewendet? Der Dank der Gläubigen wäre ihm
sicher.
Der Rest des Interviews widmet sich Fragen nach Küngs Vorstellungen von seinem
„irdischen Ende“ und ist im Wesentlichen seine Privatsache, weshalb ich meine
Analyse hier abschließe. Was haben wir nun aus dem Gespräch mit dem Theologen
gelernt? Über das Jenseits weiß man nichts, es sei denn, man heißt Hans Küng
und kann zumindest manche Vorstellungen ausschließen. Was seine Wirksamkeit im
Diesseits angeht, so dürfte sie nach seiner Auffassung über eine Fußnote in der
Geschichte hinausgehen, allerdings wäre die Kirche in einem deutlich besseren
Zustand, wenn sie auf Küng gehört hätte. Das liegt unter anderem daran, dass er
den heutigen Menschen ein modernes und nicht mehr mittelalterliches
Gottesverständnis nahe gebracht hat, über dessen Ausprägungen und vor allem
dessen Klarheit ich mich oben geäußert habe. In diesem Zusammenhang ist auch
sein Werben für den Gottesglauben als Hypothese zu sehen, die auf einem begründeten
Grundvertrauen beruht und zu einem rational verantwortbaren Glauben führt – es
ist deutlich zu sehen, dass er keinen Anlass sieht, seine alten und längst
einer durchschlagenden Kritik unterzogenen Auffassungen zu revidieren. Auch in
Bezug auf die neuen und alten Atheisten leistet er sich eine eigenartige
Haltung: die alten glaubt er, für seine Zwecke instrumentalisieren zu können,
die neuen ignoriert er. Zum Theodizeeproblem schließlich hat er außer
altbekannten und unhaltbaren Allgemeinplätzen nichts anderes beizutragen als
eine Theologie des Schweigens, die man ihm ebenso wie beispielsweise Joseph
Ratzinger für die Zukunft nur wärmstens empfehlen kann.
Literatur
Albert (1979): Hans Albert, Das Elend der Theologie, Alibri Verlag,
Aschaffenburg, 2005 (Erstauflage 1979)
Albert (2006): Hans Albert, Hans Küngs Rettung des christlichen Glaubens, in:
Aufklärung und Kritik 1/2006, S. 7 – 39, Nürnberg, 2006
Dawkins (2007): Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Ullstein, Berlin, 2007
Küng (1978): Hans Küng, Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der
Neuzeit, München/Zürich, 1978 (Neuauflage 2002)
Küng (2009): „Wenn es Gott gibt, dann war er auch in Auschwitz“, in: stern 43,
2009
Anmerkungen
[1] Küng (2009). Zitate, bei
denen nicht auf andere Quellen verwiesen wird, entstammen diesem Interview
[2] Küng (1978), S. 193
[3] ebd., S. 216
[4] ebd., S. 211
[5] Albert (2005)
[6] Küng (1978), S. 685
[7] ebd., S. 693
[8] Albert (2005), S. 57 ff.
[9] Albert (2005)
[10] Küng (1978), S. 491 ff.
[11] Albert (2005), S. 69 ff.
[12] ebd., S. 71
[13] ebd. S. 72
[14] Küng (1978), S. 216
[15] ebd., S. 622
[16] ebd., S. 627 f.
[17] Dawkins (2007)
[18] Küng (1978), S. 193 f.
[19] Albert (2005), S. 76 – 87
[20] ebd., S. 81
[21] Küng (1978), S. 369
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Muesse 17.11.2009 09:19
Schon der Eingangssatz ist Unfug: Hans Küng verdankt seine internationale Bekanntheit keineswegs einem einzelnen Stern-Interview. Oder hat der Autor seinen Eingangssatz nur mißverständlich formuliert? Und die Idee, einem Theologen mit der Theodizee-Frage an den Kragen zu gehen, erscheint wenig originell. Dies ist auch kein spezifisches Küng-Problem. Zum Theodizee-Problem wurden ganze Bibliotheken gefüllt, ob die richtige Antwort etwas mit dem Problem der Freiheit zu tun hat, ist umstritten; es gibt die verschiedensten Lösungsversuche. Wer hat die Beweislast für die Existenz Gottes? Eine unsinnige Diskussion, es gibt keine dem Verstand zugängliche Beweiskette. Sonst wäre es nicht Glauben, sondern Wissen. Dass die Erfahrung des Absoluten nicht dem Verstand, sondern nur der Vernunft zugänglich ist, hat schon Platon mit dem Liniengleichnis zu sagen gewußt. Das Absolute ist jenseits des Seins und damit für den Verstand nicht faßbar. Der Einzelne dringt zu ihm in einem Offenbarungserlebnis durch und ist dann von einer subjektiven Gewißheit erfüllt - oder eben nicht. Mit Wissenschaft, Beweisbarkeit und objektiver Erkenntnis hat dies alles jedenfalls nichts zu tun. Persönliche Zeugnisse von Menschen, die ein subjektives Erleben des Absoluten schildern, gibt es aber tausendfach. Küng ruht in dieser Gewißheit. "Selbstüberschätzung" und "schwache Argumente" ... Naja. Die Polemik ist intelligent, aber ohne Substanz - und inhaltlich eine selbstwidersprüchliche Fehleinschätzung Küngs. Wäre Küng nur eine Fußnote, wozu dann die ganze Polemik?[br /]