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Erschienen in Ausgabe: No 47 (1/2010)
Letzte Änderung: 18. Dezember '09
Manfred Lütz, Irre! Wir behandeln die Falschen, Unser Problem sind die Normalen, Mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen, Gütersloher Verlagshaus, München 2009, 190 Seiten, Preis: 17, 90 Euro
von Stefan Groß
Ganz so heiter und unbeschwert, wie es die einleitenden Worte
des gelernten Mediziners und wortgewandten Eckart von Hirschhausen mutmaßen
lassen, ist das neue Buch von Manfred Lütz dann doch nicht, was nicht heißt,
daß man zuerst über Hirschhausen und dann über Lütz nicht herzlich lachen kann.
Denn: „Ich möchte mir das Gehirn möglichst lange frisch halten, indem ich es
möglichst selten benutze“ oder: „Aristoteles dachte noch, das Hirn sei nur ein
Apparat, um das Blut zu kühlen. Und wie wir heute wissen, hat er bei vielen
Menschen recht behalten …“, bleiben schöne Kalauer.
Lütz, der als unterhaltsamer, geistreich-witziger Rhetoriker
oft und zu bester Sendezeit durch die Dritten Programme tourt, hat nach seinen
Bestellern Lebenslust – Wider die
Diätsadisten, den Gesundheitswahn und
den Fitneß-Kult (2002) und Gott –
Eine kleine Geschichte des Größten“ (2007) nun ein Buch vorgelegt, das es
sich zur Aufgabe macht, die gesamte Psychiatrie und Psychotherapie auf knapp
185 vorzustellen.
Daß sich Lütz dabei als Psychiater, Psychoanalytiker und
Theologe auf die Seite derer stellt, die gern von der Gesellschaft ausgegrenzt
werden, weil sie von ihr als unnormal und krank abgestempelt werden, macht den
eigentlichen Charme des Buches aus. Immer wieder zeigt sich, daß sich die
Normalen, ja, die wahnsinnig Normalen viel befremdlicher verhalten als die
sogenannten Unnormalen. Exemplarische Beispiele dieser Normalen sind dann, wie
könnte es anders auch sein, Dieter Bohlen und Paris Hilton, die für Lütz das
Zeug für „an sich richtig tragische Fälle“ hätten - nur "leider" sind sie nicht psychisch krank, also nicht therapierbar. Wie viel Schizophrenie im
Alltag der Normalen herrscht und wie dieses Verhalten noch kunstvoll stilisiert
und in Szene gesetzt wird, dies veranschaulicht Lütz, dessen kabarettistisches
Wesen sich dabei zur vollen Genugtuung aufbaut, immer wieder anhand jener
auffälligen Persönlichkeiten in der Medienlandschaft, die, wären sie nicht gesund,
doch in erster Linie zu den Unnormalen zählen würden. Die mäßig begabte
Pop-Ikone, der pseudo-humorvoll agierende Initiator von Deutschland sucht den Superstar ist für Lütz These, daß die Normalen
das Problem sind, die wir zur therapieren haben, dann auch das
Exzellenzbeispiel: „Keiner meiner Patienten ist so abgedreht wie Dieter Bohlen
und keine meiner Patientinnen so naiv wie seine Gespielinnen. Dennoch, so
verrückt das Ganze auch ist, weder Dieter Bohlen noch seine Alten/Neuen hätten
die Chance, in der Psychiatrie behandelt zu werden. […] So sehr Sie sich
dagegen sträuben, liebe Leser: Dieter Bohlen ist normal. Wer wird da noch meine
These bestreiten, dass unser Problem nicht die psychisch Kranken sind. An
diesem Beispiel von ganz normalen Blödsinn zeigt sich nur um so drastischer:
Unser Problem sind die Normalen“ (S. 15).
So sehr Lütz die lebenden Normalen kritisch in den Blick
nimmt, die Unarten des modernen Medienbetriebs in seiner ganzen platten
Abscheulichkeit analysiert, das Anliegen seines Buches bleibt ein anderes: Es belehrt
über den Unsinn und Sinn von Psychiatrie und Psychotherapie, gibt einen
Einblick in die Geschichte der Psychoanalyse und deckt deren Mängel auf, widmet
sich der Verhaltenstherapie, reflektiert über das Wesen der Diagnosen und warum
diese nie wahr sind, und zeigt letztendlich, à la Watzlawik, daß jede Krankheit
auch einen tieferen Sinn hat, das Gute am Schlechten die jeweilige Person sogar
weiterbringt, wenn sie über sich reflektieren kann. Auch lernt der Leser viel über
die „systemische Therapie“ und ihre eigene Vorgehens- und Frageweise, die
den Patienten meist dort einfängt, wo es dieser gar nicht erwartet, um ihn
dann, quasi durch sich selbst, wieder in die „Normalität“ zurückzuholen.
Seine heitere Seelenlehre, wie Lütz diese nennt, seine
historischen Einblicke in die Geschichte der Psychiatrie, kommen dabei
keineswegs im Stile enthobener Gelehrsamkeit und als professorales Herrschaftswissen
daher, wie man es aus dem akademischen Betrieb hinreichend und entwürdigend
kennt, sondern behutsam, bedächtig. Man sieht: Lütz ist keiner, der mit dem
Hammer therapiert, sondern er ist jener emotionale Geist, der sich auf sein
Gegenüber einzulassen gewillt ist, der Diagnosen korrigiert und immer wieder
vom Einzelfall inspiriert nach den Ursachen des Krankheitsverlaufes sucht; daß
er dabei oft witzelnd aus seiner therapeutischen Praxis erzählt, gehört zu
seinem rheinisch-humorvollem Wesen. „Darf man aber überhaupt über psychisch Kranke
humorvoll reden? Ich finde ja. Denn Humor ist eine Form, Dinge und Menschen
liebevoll ins Leben einzubeziehen" (S. XV).
Eine a priori Diagnose – wie in der Psychotherapie oft
üblich – lehnt Lütz vom empirischen Standort rigoros ab, denn worum es letztendlich
geht, ist nicht die Diagnose, sondern ein problemorientierter Lösungsansatz –
Ziel bleibt nicht die lebenslange Therapie, wie er seinen Kollegen aus der
Psychoanalyse vorwirft, wobei man zwischen den Zeilen heraushört, daß Therapie
oft Selbsttherapie, der Therapiebedürftige der Therapeut selber ist, sondern
die völlige Gesundung des Patienten.
Daß Lütz dabei der Kranke in seinen „Handlungen“ oft
normaler erscheint als der sich gesund wähnende und emotionslos agierende
Gesunde zeigt sich in den ausführlich dokumentierten Patientengesprächen immer
wieder, die einen Großteil des Buches ausmachen, das damit zugleich eine
therapiepraktische Relevanz gewinnt. Denn der Clou ist und bleibt es: Die Unnormalen
sind gar nicht so unnormal wie ihnen von der Gesellschaft attestiert wird, und
die Normalen sind oft weitaus befremdlicher als sie dies gerne zugeben oder gar
sich eingestehen würden. Mit seinem umgekehrten Blick, vom Unnormalen auf den
Normalen, gelingt dem Chefarzt des Krankenhauses von Köln (Ortsteil) „Wahn“ eine beißende
Gesellschaftsanalyse und scharfzüngige Satire.
Daß Sucht, Demenz, Panik, Depression, Angststörung und
Schizophrenie Phänomene sind, die keinesfalls nur in der „faszinierenden
Psychowelt“ (Hirschhausen) anzutreffen sind, hat das Beispiel des Vorzeige-Normalen
Robert Enke gezeigt – und wie sehr diese Phänomene und Probleme den Alltag der
Normalen beherrschen, selbst wenn man versucht ist, diese lange Zeit
erfolgreich zu verdrängen, auch. Nach Enkes Tod ist das Thema Depression in
aller Munde, hat eine Diskussionswelle von Focus
bis FAZ ausgelöst, die sich nunmehr
mit diesem Krankheitsbild überhaupt wieder auseinandersetzt, denn für die
Normalen gehört es sich einfach nicht, nicht zu funktionieren. Diese Dysfunktionsphobie, dieses sich um jeden Preis anpassen, um bloß
nicht aufzufallen, endet für viele Normale und Gestreßte letztendlich in
„Wahn“, wo sie dann Herr Lütz begrüßt. Der Wahn, dem Wahn zu entgehen, ist eben
auch ein Wahn – nur eben der ganz normale Alltagswahn, der ganze Praxen tagtäglich
zum Überbersten bringt.
Kurzum: Der Unterschied zwischen den Normalen und den
Unnormalen ist also keineswegs so groß, wie manch einer denkt. Unnormales
Verhalten findet sich beim Normalen und normales beim Unnormalen. Dies gezeigt
zu haben, dafür hat das Buch von Lütz einen wesentlichen Beitrag geleistet und
kam „komischerweise“ zum rechten Augenblick. Denn wie sehr die Gesellschaft
letztendlich mit ihren Kranken umzugehen weiß, das bleibt die Nagelprobe für
ihre Menschlichkeit. Und daß die großen, unnormal Normalen, wie Hitler, Stalin,
die Terroristen, die Kriegshetzer und die schamlosen Egomanen nicht behandelt
werden, ist eine traurige Einsicht in den geschichtlichen Weltverlauf. Wenn man
hier hätte therapieren können, wäre uns einiges erspart geblieben.
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