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| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 26. Januar '10 |
von Presseleitung Ullstein-Buchverlage
Von Johannes Paul II. hieß es, er wolle zwei Revolutionen
rückgängig machen: die russische und die französische. Joseph Ratzinger war der
Chefideologe dieses Kreuzzugs. Als Papst Benedikt XVI. will er ihn zu Ende
führen.
Die Anhänger des Papstes reden in diesem Zusammenhang von der
»benedettinischen Wende«. Alan Posener analysiert die Elemente dieser
geistig-moralischen Umkehr. In deren Zentrum stehen ein Rollback der
Aufklärung und eine Kritik der Demokratie. Darum geht der Kreuzzug Benedikts
XVI. nicht nur Katholiken an, sondern jeden Bürger und jede Bürgerin eines
säkularen Staates. Diesen Kreuzzug zu kritisieren bedeutet vor allem, sich der
geistigen Grundlagen unserer Demokratie zu versichern.
Für Benedikt XVI. ist die Geschichte Europas seit der
Reformation eine Geschichte des moralischen und geistigen Verfalls, die
Aufklärung ein Sündenfall. Er deutet den Begriff der Vernunft um. Die Vernunft,
die es jedem erlauben soll, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit
herauszutreten, wird so zu einem Instrument, das die Menschen in Abhängigkeit
von der Kirche halten soll.
Den Pluralismus der Demokratie kritisiert Benedikt XVI. als
»Diktatur des Werterelativismus«. Damit wird die Leistung der Aufklärung
negiert, die den weltanschaulich neutralen Staat hervorgebracht und die Religion
zur Privatsache erklärt hat. Indem der Papst behauptet, der
»Werterela-tivismus« führe zum ungehemmten Egoismus und zur Auflösung von
Familie, Moral und öffentlicher Ordnung, delegitimiert er die Demokratie.
Damit einher geht seine Kampagne gegen die neuzeitliche
Naturwissenschaft. Benedikt XVI. rechtfertigt das Urteil in Sachen Galileo
Galilei und kämpft gegen den Darwinismus.
Die zahlreichen sexuellen Skandale um Priester und
Seminaristen lassen Benedikt XVI. ungerührt. Stattdessen geht er weiterhin
gegen Homosexualität und die Emanzipation der Frau als »Kultur des Todes« vor.
Gleichzeitig revidiert der Papst die Geschichte des
Holocaust. Den Massenmord an den Juden sieht er nicht als Höhepunkt einer gegen
die Aufklärung gerichteten Rassenpolitik, sondern im Gegenteil als auf die
Spitze getriebene Aufklärung. Damit verfolgt er neben der Umdeutung der
Aufklärung das Ziel, den Anteil des christlichen Antijudaismus am
Antisemitismus herunterzuspielen und das moralische und politische Versagen
der Kirche vergessen zu machen. In diesem Zusammenhang ist auch die
Verschärfung des Tons gegenüber den Juden zu sehen, wie sie in der neuen
Karfreitagsfürbitte der Lateinischen Messe ebenso zum Ausdruck kommt wie in der
Kapitulation der Kirche vor den antisemitischen Pius-Brüdern.
Der Kreuzzug Benedikts XVI. gegen den »Werterelativismus«
und die Moderne erinnert auf unheimliche Weise an entsprechende Bestrebungen
im Islam. Er selbst hat wiederholt darauf hingewiesen, dass er den islamischen
Widerstand gegen den materialistischen Westen nachvollziehen könne. Mit dem
Islam teilt er das Bestreben, die Religion vor Kritik abzuschirmen.
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