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| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 08. Dezember '09 |
von Horst Köhler
Deutschland hat in diesem Jahr allen
Grund zur Dankbarkeit. Wir sind dankbar für 60 Jahre geglückte Demokratie. Wir
sind dankbar dafür, dass vor 20 Jahren in einer friedlichen Revolution die
Mauer fiel und sich der Weg für die deutsche Einheit in Freiheit öffnete. Und
da sind unsere Gedanken natürlich auch bei Papst Johannes Paul II.
Er hat den Menschen vor mehr als 30 Jahren zugerufen: "Habt keine
Angst! Öffnet, ja, reißt die Tore weit auf für Christus. Öffnet die Grenzen der
Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der
Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht!"
Johannes Paul II. hat sich nicht an einzelne Staatsmänner gewandt, sondern
direkt an die Völker. "Habt keine Angst!" Wie viel Kraft hat er den
Menschen damit gegeben. Seine Worte waren eine große Ermutigung für die
Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa.
Für mich bleibt auch das folgende Wort von Johannes Paul II. eine bleibende
Wegweisung: "Es ist Gottes Wille, der Deutschland und Polen zu Nachbarn
gemacht hat." Ich verstehe dieses Wort als Verpflichtung, gerade auch die
gute Zusammenarbeit und Versöhnung mit unseren polnischen Nachbarn voran zu
bringen. Wir haben auf diesem Weg schon viel Gutes erreicht. Und unsere
gemeinsame Mitgliedschaft in der Europäischen Union erleichtert die weiteren
Fortschritte.
Vor 20 Jahren schwammen die Völker Europas auf einer Welle der Euphorie.
Doch nicht alle Erwartungen von damals haben sich erfüllt. Probleme, die der
Ost-West-Konflikt in den Hintergrund gedrängt hatte, fordern jetzt unsere
Aufmerksamkeit. Ich nenne Armut, Hunger und Unterentwicklung. Und ich nenne
neue Herausforderungen wie den Klimawandel und eine nachhaltige Bewältigung der
Finanzkrise.
Sie, Eure Heiligkeit, haben die Staaten der Welt aufgefordert, bei diesen
Fragen gemeinsam zu handeln. "Die Entwicklung der Völker hängt vor allem
davon ab, sich als eine einzige Familie zu erkennen, die in einer echten
Gemeinschaft zusammenlebt (...)", heißt es in Ihrer Sozialenzyklika. In
einer echten Familiengemeinschaft muss niemand beiseite stehen, und alle achten
und helfen einander. Für die Völkergemeinschaft heißt das: Afrika muss sich mit
den gleichen Rechten und Pflichten in sie einbringen können. Sie haben das
schon oft hervorgehoben, Eure Heiligkeit, und ich bin dankbar dafür. Uns eint
der Wunsch und die Forderung, eine "echte politische Weltautorität"
zu schaffen, damit alle Menschen unserer Erde ein gutes Leben haben können.
Vernunft und Glaube begründen eine kooperative Weltpolitik. Der Kampf gegen
Armut und der Kampf gegen den Klimawandel sind ein gemeinsamer Kampf für
Frieden und für eine lebenswerte Welt.
Denken wir an unsere gemeinsamen Verpflichtungen. Denken wir an das Glück,
das der Mauerfall und die europäische Einigung uns gebracht haben. Denken wir
daran, wenn wir gleich die Augsburger Domsingknaben und das Münchner
Residenzorchester spielen hören. Mit den Kantaten aus dem Weihnachtsoratorium
von Johann Sebastian Bach entbieten wir Ihnen, Eure Heiligkeit, zugleich die
besten Grüße aus der Heimat. Wir wünschen Ihnen Gesundheit und Kraft. Mit Ihrem
Wirken tragen Sie zum Zusammenhalt der Welt bei. Das macht uns froh und
dankbar.
www.bundespraesident.de
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