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| Erschienen in Ausgabe: No. 8 (2/1995) | Letzte Änderung: 23. Januar '09 |
von Bernd Villhauer
TABULA RASA (TR): Was war denn eigentlich Ihr erster
Anstoß, Philosophie zu studieren, wie ist das Interesse für genau
diesen Wissenschaftsbereich entstanden ?
Brenda Almond (BA): Ich fürchte, das ist gleich eine
ziemlich schwierige Frage. Ich glaube, ich hatte schon immer eine Vorliebe
dafür, mich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen und politische,
soziale aber auch religiöse Fragen zu diskutieren. Ich fand ziemlich
schnell, daß viele Menschen so wie ich Interesse an Neuem, an völlig
neuen Sichtweisen hatten.
Um ehrlich zu sein, wußte ich nicht sonderlich viel über Philosophie
als ich begann, sie zum Gegenstand meiner Arbeit zu machen. Es war also mehr
eine glückliche Fügung als gut geplante Auswahl, daß ich
seinerzeit an das beste Institut in Großbritannien geriet, mit A.J. Ayer
als Lehrer. Selbstverständlich fand ich die Philosophie - nachdem ich sie
einmal kennengelernt hatte - außerordentlich interessant.
TR: Könnten Sie einige Philosophen angeben, die Sie besonders
beeinflußt haben ? Sehen Sie sich selbst als in einer ganz bestimmten
Tradition stehend ?
BA: Abgesehen von Ayer, würde ich als Philosophen, von denen ich
weiß, daß sie mich beeinflußt haben, D.J. O'Connor und
Gilbert Ryle nennen. Das heißt, ich bin schon ganz eindeutig und in einem
strikten Sinne in die analytische, sprachphilosophische und
verifikationistische Tradition eingeordnet und in die des Empirismus, eine
Tradition, die einfach sehr gut zur britischen Mentalität paßt.
Später dann aber begann ich die Grenzen dieses Denkens zu sehen, besonders
in Bezug auf moralische Fragen. Ich mußte schließlich feststellen,
daß ich gegen eben diese Art von Philosophie, in deren Geist ich
ausgebildet worden war, eine Haltung einzunehmen begann. Immer noch messe ich
der Klarheit einen großen Wert zu, aber ich finde, daß manche
Denker einen Grad von Klarheit erreicht haben, der sie schon wieder dunkel und
unverständlich erscheinen läßt; was zweifellos ein
interessantes Paradox in sich ist. Auch schienen mir damals die Philosophen
vielen drängenden Problemen den Rücken zuzukehren, die alle anderen
in der Welt sehr interessierten. Wie auch immer, mich selbst betrachte ich auch
jetzt noch als in der analytischen Tradition stehend - ich halte nichts von
obskurer Terminologie und denke, daß besonders der Einfluß der
Soziologie auf die Philosophie hier negativ und verdunkelnd gewirkt hat. Die
kritische Tradition der analytischen Philosophie hat meiner Meinung nach
bedeutendes beizusteuern auf dem Gebiet der Angewandten Philosophie.
TR: Welche einzelnen Probleme ließen es denn für Sie vor
allem vordringlich erscheinen, ein Projekt wie das der Angewandten Philosophie
zu beginnen ? Welche Probleme sind für Sie dabei die wichtigsten ?
BA: So seltsam das klingen mag: die Probleminteressen trafen stets sehr
genau zeitlich mit bestimmten Phasen meines Lebens zusammen. So war ich
beispielsweise sehr an Fragen der Erziehung interessiert und ungefähr in
dieser Zeit waren auch meine Kinder in dem Alter, daß ich mich intensiv
um sie zu kümmern und Entscheidungen über sie zu treffen hatte. Und
dann, als sich in meinen persönlichen Lebensumständen gerade sehr
viel änderte, begann ich auch intensiver über zwischenmenschliche
Beziehungen nachzudenken und über Themen in diesem Bereich zu schreiben.
Ich habe immer wieder festgestellt, daß, wenn ein Punkt mich sehr
beschäftigte, ein guter Weg des Umgangs damit war, das Problem in genau
der Weise zu durchdenken, in der man dies zu tun pflegt, wenn man sich
entschieden hat, einen seriösen philosophischen Artikel über das
Thema zu schreiben. Und dies verhielt sich natürlich nicht nur bei
persönlichen Problemen so, sondern auch bei drängenden politischen
Problemen, die mich sehr berührten. Und wieder gab es da oft eine ganz
direkte persönliche Verbindung. Beispielsweise begann ich mich für
Fragen der akademischen Ausbildung zu interessieren, als eine Reihe von
Veränderungen in den britischen Universitäten diskutiert wurden und
ich war persönlich auf eine sogar ziemlich dramatische Weise in eine
solche Veränderung verwickelt, als nämlich das Institut für
Philosophie an der Universität Surrey geschlossen wurde, wo ich damals
lehrte.
Ich hoffe, daß ich das mit der persönlichen Koinzidenz nicht zu sehr
auswalze! Es gab da aber auch ein anderes bemerkenswertes Zusammentreffen:
Immer wenn die Society for Applied Philosophy ein Konferenzthema gewählt
hat (was sie immer jeweils zwei Jahre im Voraus tut), stellte es sich heraus,
daß dies gerade das große Gesprächsthema in dem Moment war,
als die Konferenz stattfand. Zum Beispiel hatten wir einen Kongreß zum
Thema Terrorismus und dieser traf genau zusammen mit einem aufsehenerregenden
terroristischen Akt. Ein anderes Mal organisierten wir eine Bioethik-Konferenz,
die zu dem Zeitpunkt stattfand, als der 'Warnock-Report' veröffentlicht
wurde, der sich mit dem Status von Embryonen und neuen Reproduktionstechniken
beschäftigte. Wenn man so zurückblickt, kann man nur sagen, daß
wir sehr vorsichtig sein sollten bei der Festlegung von Terminen wenn wir uns
beispielsweise intensiver mit der Problematik des Nuklearkriegs
beschäftigen wollen !
TR: Kann und soll Philosophie denn Ausdruck ihrer Zeit sein ?
BA: Ja, ich denke doch, daß Philosophie über ihre Zeit
nachdenken und auf sie antworten sollte. Aber eben gerade weil sie als
Philosophie antwortet, sollte sie dies nicht auf eine Weise tun, die zu eng und
zu zeitbestimmt ist. Obwohl wir nun so viel über die Verbindungen zur
britischen empirischen Tradition gesprochen haben, würde ich sagen,
daß nach meinem Gefühl die Angewandte Philosophie auch viel zu
lernen hat von Modellen des Denkens in metaphysischen Mustern wie
beispielsweise bei Spinoza. Wenn Sie an ein Thema wie die Umweltzerstörung
denken, dann scheint es doch manchmal, als hätte eine tief metaphysische
Philosophie viel zu sagen darüber, eine Philosophie, die nicht im
mindesten zeitbezogen ist, sondern tatsächlich mehr außerhalb
jeglicher Zeit steht.
TR: Vorhin erwähnten Sie die 'Gesellschaft für Angewandte
Philosophie'. Sie selbst sind sehr involviert in die Aktivitäten dieser
Gesellschaft. Würden Sie ein bißchen darüber sagen, um den
deutschen Lesern einen Eindruck zu vermitteln, worum es dabei geht ?
BA: Sehr gerne. Begonnen hat das in Großbritannien vor nunmehr
ungefähr zehn Jahren. In Amerika war man schon sehr viel länger
bereit gewesen, sich mit praktischer Ethik, besonders medizinischer Ethik wie
auch mit philosophischen Problemen der Politik oder mit Unternehmens- und
Managementethik zu beschäftigen. Aber wir wollten nicht einfach den
Entwicklungen in den USA hinterherlaufen. Wir wollten eine Gesellschaft
gründen, die zwar auf diese verschiedenen Themen antworten sollte, aber in
ihrem Anspruch nicht zu sehr nur von diesen Themen her definiert wird. Wenn Sie
so wollen, haben wir angestrebt, dem Projekt eine schärfer umrissene
philosophische Gestalt zu geben, aber gleichzeitig zu vermeiden versucht,
daß man uns mit ganz bestimmten politischen Standpunkten identifiziert.
Es gibt da nämlich eine gewisse Tendenz, daß viele Leute, die sich
mit diesen ethischen Themen beschäftigen, automatisch in Verbindung
gebracht werden mit bestimmten einzelnen politischen Perspektiven und das
halten wir für unvorteilhaft. Das Besondere an der philosophischen
Herangehensweise ist doch gerade, daß man sich auf die Probleme
völlig offen und vorurteilslos einläßt, das bedeutet, daß
jedes einzelne Thema auf die ihm angemessene Weise und nach seiner Bedeutung
behandelt wird. So glauben ja manche beispielsweise, wenn man profeministische
Meinungen verträte, müsse man automatisch auch für den Schutz
von Tieren sein. Aber wir würden dagegen ein Denken bevorzugen, das auf
der einen Seite die Entwicklung von Theorien für den Feminismus erlaubt
und, getrennt und unabhängig davon, andere Bereiche des philosophischen
oder ethischen Denkens behandelt wie beispielsweise Tierrechte oder Fragen
vegetarischer Lebensweise. Das soll heißen, wir lehnen es ab, eine Art
'Paket-Lösung' anzubieten, mit der die Leute ein Set von Meinungen
übernehmen und als ethische Haltung einfach eine Reihe von wohlbekannten
'anti-establishment' - Standardmeinungen verinnerlichen. Auch steht die Society
for Applied Philosophy eben für einen spezifisch philosophischen Anspruch.
Die Statuten der Gesellschaft betonen bei diesem die Wichtigkeit einer
kritischen und analytischen Herangehensweise. In den Gründungsstatuten,
die jeder unterschrieben hat als die Gesellschaft sich formierte, sagten wir
auch, daß wir möglichst viele der drängenden aktuellen Probleme
behandeln wollen und zwar auf eine kritische und analytische Weise, die
für die Philosophie kennzeichnend ist. Aber wir waren ebenso der Ansicht,
daß wir der Idee gemeinsamer Werte folgen wollen, universaler Grundwerte,
die unterschiedliche Kulturen und Länder verbinden. Auf diese Weise haben
wir also in zweierlei Hinsicht, den kritisch-analytischen Ansatz und die Idee
der gemeinsamen Werte betreffend, positive Festlegungen formuliert und uns
dennoch keinem speziellen politischen oder religiösen Standpunkt
verschrieben.
Aber ich möchte noch erwähnen, daß bei der Niederlegung dieser
Grundsätze die Statuten auch Ayer vorgelegt wurden, der der erste
Gründungspräsident der Gesellschaft war, und daß ich sehr
erstaunt war, zu sehen, wie er ihnen, Zeile für Zeile, zustimmte. Auch
R.M. Hare, der der zweite Präsident war, wurde befragt und er unterschrieb
ebenfalls ohne Kritik. Beide dachten, daß es nichts Ablehnenswertes in
der Art und Weise gäbe, wie wir die Ziele der Gesellschaft formuliert
hatten; jedoch konnte ich nicht umhin, zu denken, daß die Statuten
eigentlich nicht vereinbar waren mit der emotivistischen Theorie, die man mit
Ayer in Verbindung bringt und ebensowenig mit Hares utilitaristischen
Tendenzen. Ich würde heute nicht mehr unbedingt behaupten, daß ich
recht hatte und die beiden unrecht. Sie würden wohl zweifellos so
argumentieren, daß man seine metaethische Grundposition sehr wohl von den
einzelnen ethischen Stellungnahmen trennen kann. Und wenn das der Fall ist,
liegt möglicherweise nichts Inkonsistentes darin, sowohl ein
utilitaristisches Denken zu vertreten wie die Idee gemeinsamer Werte.
TR: Sie erwähnten den Zusammenhang zwischen Angewandter Philosophie
und der analytischen Tradition. Da auf dem Kontinent diese Art von Tradition
bei weitem nicht so präsent ist wie in England, könnte womöglich
ein ausschließlicher Bezug auf sie die britische Philosophie noch
stärker von der kontinentalen trennen. Aber gleichzeitig scheinen mir in
der Angewandten Philosophie Probleme wieder aufgegriffen zu werden, die auch in
der griechischen Philosophie eine große Rolle spielten. Könnte nun
also diese 'doppelte Erbschaft' vielleicht doch zu einem neuen Dialog zwischen
angelsächsischer und europäischer Theorie beitragen ?
BA: Ja, das ist wirklich eine interessante Art, es zu sehen. Es gibt da
noch andere Verbindungslinien, zum Beispiel über die Idee der Praxis. Dies
bringt uns sogar in eine scheinbare Nähe zum Marxismus, mit dem wir
eigentlich gar nichts zu tun haben. Tatsächlich aber haben Sie ganz recht,
wenn Sie davon sprechen, daß es um die Wiederaufnahme einer alten
philosophischen Tradition geht. Hinzukommen muß allerdings die
Bemühung, einen Prozeß in Gang zu setzen, der zur Ausarbeitung einer
ethischen Position führt, die konkret auf die reale Welt einwirkt. Dies
beinhaltet auch Konzeptionen davon, was ein moralisches Leben ist und wie eine
bessere Welt aussehen könnte. Ich denke, in unserem Land wäre ein
größeres Interesse an der Philosophiegeschichte nötig, als wir
es im Augenblick haben. Britische Studenten sind wahrscheinlich zu weit
gegangen in der Richtung, daß sie glauben, nichts wissen zu müssen
über die Geschichte ihres Faches; vor allem in Bezug auf die elementaren
Grundlagen und Themen. Zweifellos liegt das daran, daß man die Studenten
ermutigt hat, traditionelle philosophische Probleme für sich selbst zu
durchdenken, so als hätte nie jemand zuvor über sie nachgedacht. Ich
habe den Eindruck, daß die Studenten auf dem Kontinent dazu nicht in
dieser Weise ermutigt wurden, sondern mehr dazu, zu lernen, was wichtige
Autoritäten gesagt haben. Zwischen diesen beiden Extremen sollte es, so
denke ich, eine mittlere Haltung geben, so daß historische Philosophen
durchaus gekannt und gelesen werden, aber in einer Weise, die Bezug hat zu den
Problemen von heute. So könnte jeder das eigene Denken erweitern und
hinterfragen indem er zu verstehen versucht, was andere Denker, vielleicht
profundere Köpfe als er selbst, zu sagen hatten.
TR: Angewandte Philosophie soll nach ihren Worten nicht zu sehr mit
politischen Gruppen oder Schulen in Verbindung gebracht werden - bedeutet das
nicht, daß sie grundsätzlich einen Teil ihrer Wirksamkeit aufgibt ?
Wo könnte denn Angewandte Philosophie wirklich aktiv einwirken ?
BA: Das wird schnell Gegenstand von Kontroversen, aber ich habe stets
gedacht, daß, wenn man sich an der Idee der gemeinsamen verbindlichen
Werte orientiert und diese beispielsweise in die Form von Rechten bringt -
daß dann klar wird, daß es über bestimmte Probleme keine
unterschiedlichen Ansichten mehr geben kann. Wenn wir einmal etwas Extremes
nehmen, wie den staatlichen Gebrauch der Folter gegen Individuen, dann ist es
sehr schwierig zu sehen, wie Philosophen hier unentschieden sein könnten
wenn sie über das Thema nachgedacht haben. Und das hat
selbstverständlich ganz praktische Implikationen: es ist doch nicht
überraschend, wenn jemand, der an dieser Problematik Anteil nimmt,
Organisationen beitritt, mit deren Hilfe er die Zustände in der Welt,
zumindest in dieser einen Hinsicht, verbessern kann.
Auf der anderen Seite gibt es eben auch andere Felder, auf denen widerstrebende
Ansichten ausgehalten werden müssen und dann wäre es schade, wenn
eine philosophische Gesellschaft mit einem bestimmten Standpunkt identifiziert
würde. Aber schon die Benennung solcher Problemfelder ist Gegenstand sehr
kontroverser Debatten. Denken Sie beispielsweise an das aktuelle Thema des
Exportes von lebenden Tieren. Nur ein halbes Jahr früher hätte man
gesagt, daß dies ein Problem ist, über das verschiedene Leute eben
verschiedene Ansichten haben, ohne daß sie deshalb miteinander in
Konflikt geraten müssen. Was beispielsweise den Vegetarismus betrifft,
würden die Vegetarier akzeptiert haben, daß andere Leute
natürlich frei sind, Fleisch zu essen, sofern sie das wollen. Aber wenn
nun die Leute frei sind, Fleisch zu essen, dann scheint dies auch zu
beinhalten, daß sie frei sind, Tiere zu halten, zu verkaufen und zu
transportieren. Hier genau beginnen aber die Auseinandersetzungen; es ist eben
doch so, daß Menschen, die bestimmte Ansichten haben darüber, wie
man Tiere behandeln sollte, auch nach Möglichkeiten suchen, in der
Realität dafür zu sorgen, daß die Tiere so behandelt werden.
Dies ist nur ein Fall, der zeigt, daß ein Thema sehr schnell den Bereich
des Nichtstrittigen verlassen kann, um zum Gegenstand kontroverser Debatten zu
werden.
TR: Sehen Sie Möglichkeiten, die beratende und kommentierende
Funktion der Angewandten Philosophie zu institutionalisieren; ich meine in der
Weise, daß verantwortliche Entscheidungsträger gegebenenfalls von
den Debatten der Philosophen profitieren können ?
BA: Ja, besonders in der Medizin. Ich denke, es ist mittlerweile schon
so ziemlich zum Standard geworden, daß man auch einen Philosophen
auswählt, wenn es um die Zusammensetzung einer Kommission zu schwierigen
ethischen Fragen geht. Ich bin selbst gerade im Augenblick dabei, mich mit
einigen Fragen über die Behandlung von Sterbenden zu befassen und
bearbeite das Thema der neuen Reproduktionstechnologien und der
dazugehörigen medizinischen Probleme. Es ist heutzutage wirklich schwer,
sich vorzustellen, daß ein Komitee, das solche Themen behandelt, dies
tut, ohne Gesichtspunkte aus ethisch-philosophischen Diskussionen zu
berücksichtigen. Auch was die Genforschung betrifft, scheint man allgemein
bereit zu sein, dies in philosophischer wie ethischer Perspektive zu sehen. Ja,
also ich denke, die Angewandte Philosophie wird sich in der Tat
institutionalisieren und hoffentlich in einer nützlichen Art und Weise.
TR: Was denken Sie über die Gefahr, daß sich zwischen Ethik
und Philosophie eine Lücke auftut, so daß ethische Probleme mehr und
mehr ohne philosophische Hintergründe diskutiert werden ?
BA: Ich glaube, dies ist eine sehr ungute Tendenz und das ist auch der
Grund, warum ich den Anspruch der 'Society for Applied Philosophy', von der
weniger auf theoretische Reflexion gegründeten Bewegung einer angewandten
Ethik in den Vereinigten Staaten abheben wollte. Zum Teil nannten wir auch
deshalb die Gesellschaft bewußt eine Gesellschaft für Angewandte
Philosophie und nicht für Angewandte Ethik; aus diesem Grund haben wir
auch einen Sammelband mit Beiträgen aus unserem Journal unter dem Titel
'Morals and Metaphysics in Contemporary Debate' veröffentlicht.
Ich denke, es ist wirklich sehr unvorteilhaft wenn sich die Ethik von den
Ursprüngen in der Philosophie ablöst. Medizinethik beispielsweise
wird in einigen Fällen von praktischen Ärzten wie Ausbildern für
Krankenschwestern gelehrt und nicht von Philosophen. Das ist in gewisser Weise
verständlich weil diese Ausbilder genau wissen, wo sie auf die praktischen
Probleme ihrer Hörerschaft eingehen müssen. So ist es begreiflich,
wenn sie manchmal glauben, daß sie ihren eigenen Ethikunterricht machen
könnten, aber es ist einfach unglücklich, wenn man mit aller Gewalt
Ethik ohne die notwendigen Verbindungen zur philosophischen Basis zu betreiben
versucht. Denn dann besteht doch die Gefahr, daß sie sich leicht zu einer
Art 'Faustregel' oder bloßen Etikette entwickelt. Und gerade diese Gefahr
ist in der Mitte des 20. Jahrhunderts sowieso schon in der Weise angewachsen,
daß sich die Philosophen - zumindest in unserem Land - geweigert haben,
Ethik wirklich ernst zu nehmen. Aber gleichzeitig wurde die Ethik immer
wichtiger in den Augen von Menschen, die nicht philosophisch gebildet waren.
Diese Absonderung und Trivialisierung der Ethik war ein großer Fehler
denn mit ihr wird ebenso die Tendenz der Philosophie verstärkt, zu einer
Sammlung von einzelnen Spezialgebieten zu werden. Aber wenn in der Philosophie
so etwas wie Einheit zu finden ist, dann muß diese Einheit zumindest
teilweise auch ethisch sein. Es läßt sich einfach kein umfassender
metaphysischer Zusammenhang im Rahmen eines Systems finden, wenn dieses nicht
auch ethische Implikationen hat. Und schließlich - das ist wohl leichter
zu sagen - kann man auch keine ethischen Themen behandeln ohne diese aus den
tieferliegenden philosophischen Problemen heraus zu verstehen, von denen einige
epistemologischer Natur sind, manche die Analyse von Sprache betreffen und
andere mit der philosophischen Logik zu tun haben.
TR: Vielleicht könnten wir das Interview mit einer Frage nach den
Zukunftsperspektiven beenden. Was, meinen Sie, werden die wichtigsten Themen
der nächsten Jahre sein und welche Probleme der Angewandten Philosophie
werden Ihre Interessen in nächster Zeit bestimmen ?
BA: Persönlich werde ich mich auch weiterhin mit Problemen wie
Familien- und Verwandtschaftsbeziehungen beschäftigen, besonders in
Hinsicht auf soziale und politische Entwicklungen, die die familiären
Strukturen beeinflussen wie der Feminismus. Ebenso werde ich versuchen, ein
klareres Bild über die Auswirkungen der neuen Reproduktionstechnologien zu
gewinnen. Aber ich denke, daß vor allem auch die Entdeckungen über
menschliche Genstrukturen in den nächsten Jahren viele Fragen auswerfen
werden und ebenso - obwohl kaum jemand die philosophischen Aspekte davon
wahrnimmt - daß die neuen Kommunikations- und Informationssysteme einen
großen Veränderungsprozeß einleiten werden.
TR: Abgesehen von der modischen 'Medienphilosophie' gibt es da noch kaum
ernstzunehmende philosophische Ansätze, nicht wahr ?
BA: Ja, zweifellos mangelt es an Bewußtheit, was diese Probleme
angeht. Dabei sind wir sicher in der Mitte einer revolutionären
Veränderung von etwas so Neuartigem wie in der Situation als die
Druckerpresse erfunden wurde und die Menschen auch nicht vorhersehen konnten,
was das alles mit sich bringen würde.
TR: Frau Professor Almond, haben Sie vielen Dank für dieses
Gespräch.
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