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| Erschienen in Ausgabe: No 47 (1/2010) | Letzte Änderung: 18. Dezember '09 |
Das Thema muss enger gefasst werden: Atheismus und Kirche.
von Notker Gloker
Gemeinhin nennen wir alle
Menschen, die Kirchenmitglieder sind (ob evangelisch oder katholisch) Christen.
Auch den Horror der Evangelikalen etc.. Christentum ist ein vielseitiges, oft
blutbeflecktes religiöses Bannerwort, das bei der Hälfte der Menschheit Furcht,
Schrecken und Terrorangst verbreitet, genau wie „Islamisten“. Alle berufen sich
auf Gott, den einzigen, wahren, für den sie sterben oder töten, gemäß dem Wort:
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben....“ Dafür sterben, dafür töten
die Monotheisten –auch heute noch.
Gott lebt! Er lebt, dieser
Kirchengott, dieser Allah, dieser Jahwe! In den Gehirnen von Abermillionen
Menschen.
Unsere Kirchen gehen hausieren
mit dem Wort „Gott lebt“. Und dulden keinen Zweifel, dass dem so sei. Woher nur
wissen sie es? Können sie nicht in demütiger Bescheidenheit sagen:
Wahrscheinlich existiert ein Gott. So wie die Atheisten sagen: wahrscheinlich
existiert kein Gott.
„Es gibt (mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ scheint mir für einen ehrlichen
Atheisten die treffendste Aussage, die auch einem Zweifel und damit
menschlicher Intelligenz noch Raum lässt. Zweifel, den jede exakte Wissenschaft
zulässt, die nicht dogmatisch bestimmt, dass etwas so und so zu sein hat. Warum
nur tut sich die Mehrzahl der Menschen so schwer, auch diese andere „Meinung“,
(nicht „Wahrheit“), anzuerkennen? Ja, mit Hassmails und unflätigen
Beschimpfungen auf eine Atheistenkampagne zu reagieren, die genau diese Meinung
äußert?
Offensichtlich erklärt sich die
obstinate Dummheit und Intoleranz vieler Zeitgenossen aus der Jahrhunderte
alten Indoktrination geistlicher und geistiger Manipulation, die einen Weg zum
freien Dialog mit Andersdenkenden, seit es Monotheismus gibt, versperrt.
(Versuchen Sie es doch einmal mit einem dergestalt seit seiner Kindheit manipulierten
Katholiken zu diskutieren.)
Nur so ist es zu verstehen, dass
keine einzige der 17angefragten deutschen Großstädte, anlässlich einer
Atheistenkampagne im Mai 2009, die neben Banalreklame durchaus auch
Christentums- und kirchenfreundliche Parolen durch die Strassen chauffieren,
bereit waren, auch atheistische Slogans zu präsentieren. Beispiel: „Ein
erfülltes Leben braucht keinen Gott“: Solch eine „Gottverachtende Werbung“
könne nicht geduldet werden. Das ist doch nicht „gottverachtend“ das ist
Lebens- und Menschenoptimismus und Mut. (Wir Atheisten trauen uns zu, ohne
geistigen Krückstock in Kreuzesform durchs Leben und in den Tod zu gehen. Wir trauen
uns zu, eine einigermaßen moralische Solidarität mit unseresgleichen zu
verwirklichen ohne „Gottesgebot“.) Die Verkehrsbetriebe einer Stadt sollten
stolz sein zu einer solchen Meinung zu stehen, statt sich dem Kirchendiktat zu
unterwerfen. Haben wir unter Bürokraten eigentlich nur Duckmäuser und
Kriecher??
Wenn doch diese hehren
Verteidiger ihrer Gottesvorstellung auch einmal hinter ihre Religionsfassade
einen Blick werfen würden, dann könnten sie feststellen, dass die Herkunft
ihres „Gottes“ und ihres Gottesbegriffs aus mehr als trüben Quellen sprudelt.
Ihr Gott ist entsprungen aus einem Heidengott! Einem Regengott aus der
Götterwelt der Sinaigegend, namens JAHWE!, der von einer einflussreichen und
machtgierigen Priesterschaft zu dem monotheistischen „Gott“ hochstilisiert
wurde. Und der nun im Kirchenchristentum seit zweitausend Jahren seine von
„Nächstenliebe“ und „Feindesliebe“ getränkten Untaten in der Welt vollbringt.
(Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverbrennungen, „Bekehrungen“ in Mittel- und
Südamerika. Knebelung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, Unterstützung aller
antidemokratischen, faschistischen Ideologien, Widerstand gegen die
sozialengagierten Kräfte im 19. und 20. Jahrhundert). Dieser
Bibel-Gottesbegriff ist auch heute noch die prägende Instanz in den Seelen der
Gottesanbeter, da mag Hans Küng, der ehrbare Streiter gegen den
Kirchen(un)geist noch so viel ins Feld führen, hier ist die Kirchendoktrin
unerschütterlich retrograd, resistent gegen jeden Vernunftgedanken. (Man stelle
sich vor, dass der Kirche oberster Pontifex Benedikt XVI doch tatsächlich
überzeugt ist, dass der verflossene Papst von einem Himmelsbalkon auf die
Menschheit blickt!). (Interview mit Hans Küng im Stern vom 15. 10. 2009. S. 124
–131)
Die aus dem Sud von Magischem
Denken, Nichtverstandenem, Machtgier der Hierokraten, der Verführbarkeit eines
ungebildeten Volkes entstandene psychische Realität des Gottesphantoms hat sich
materialisiert in den Taten und Untaten unserer Religionen. Gott, dieses
Phantom ist in die Realität übergetreten: Gott lebt! Dieser kirchliche Popanz
lebt!!
Wenn die Verteidiger dieses
Gottes, die meistenteils nicht einmal überzeugte Gottes- „Anbeter“ , sondern
abgestandene Mitläufer einer christlichen Ideologie sind, einen ehrlichen Blick
wagen würden auf sich selbst und die Hintergründe ihres Tuns, dann würden sie
feststellen, dass ihre geistige Trägheit und Feigheit sie hindert, frei zu
handeln und nicht nach der Pfeife einer verlogenen Tradition zu tanzen.
Die Kirche und die ihr Hörigen
sind flugs bei der Hand, atheistisches Denken als „aggressiv“ zu verteufeln und
barmend nach den weltlichen, „demokratischen“ Hilfstruppen zu rufen, die ihnen
solches Ungemach, solche Zumutung einer geistigen Auseinandersetzung aus dem
Weg räumen. Und nur zu gerne sind unsere demokratischen Strukturen helfend
tätig, zum Beispiel obengenannte „Gottverachtende Werbung“ zu verbannen,
während landauf landab „Worte zum Sonntag“ und Ähnliches an jedem Morgen in
Radio und Fernsehen den Zeitgenossen zugemutet wird, obwohl 30% der Bevölkerung
konfessionslos ist und nur 20% der sogenannten Kirchenmitglieder noch in einer
Gemeinde teilnehmen. (TAZ, 31.05.09
S.04). Hört man sich den Inhalt so mancher Ergüsse an, dann bleibt
einem, ob der erbärmlichen Gottgefühligkeit, bar jeder intelligenten
Hinterfragung, der Frühstückskaffee im Halse stecken. Offenbar fehlt aber nicht
nur der devot lauschenden Christenherde, sondern auch den Radiomachern der Sinn
für intellektuell Zumutbares. Meine Frage: Wer ist denn hier aggressiv?
Die Atheisten verteidigen sich
immer, sie wollen die Gläubigen nicht verletzen. Ich denke das ist ehrlich,
denn in jeder Kommunikation bestimmt der Empfänger die Botschaft. Wenn dieser
eine atheistische Information oder Argumentation als „aggressiv“ bestimmt, dann
hat er zunächst mit sich selbst ein Problem. Sei es dass er dermaßen unsicher
ist, dass er eine solche Argumentation nicht zulassen kann, ohne sein
Selbstverständnis infrage zu stellen, sei es dass er so indoktriniert ist, dass
er jeden freien Gedanken und freies Nachdenken über das Gottesphänomen als
Blasphemie betrachtet, oder dass ihn diese Fragestellung sowieso völlig kalt
lässt. (Bei Letzteren würde man sich wünschen, dass sie sich dann auch neutral
aus den Scharmützeln heraushalten, statt sich durch wohlwollendes Applaudieren
gegen die Andersdenkenden zu profilieren und damit bei den „Gottesanbetern“
Pluspunkte zu sammeln, wie es bei vielen Karrieretypen der Fall ist).
Zum Problem der Indoktrination
hier noch einige Anmerkungen: Jedermann weiß, wie bildsam und formbar junge
Menschen sind: Alle autoritären Herrschaftsformen machten sich diese Kenntnisse
zu nutze: Nur wenige Beispiele: Nazis: Jungvolk und Hitlerjugend, DDR: Freie
Deutsche Jugend, China: die Jugend der Kulturrevolution etc. Sie alle waren von
Parolen, die ihnen eingehämmert wurden, die in ihrem Lebensumfeld wirkten, die
begeisterten, weil sie ein Ziel aufzeigten, das in einer Gemeinschaft
verwirklicht werden konnte, gefangen. Sie waren später die überzeugtesten
Anhänger der jeweiligen Ideologie und waren weitestgehend immun gegenüber
Argumenten rationaler Art. Ist es bei den Kirchengläubigen anders? Gläubig im
katholischen und evangelischen Sinn ist ja der Inbegriff der irrationalen
Verhärtung und geistigen und intellektuellen Abdankung, die es nicht mehr
zulässt, sachlich zu diskutieren über Bibel und ihre in weiten Teilen
menschenfeindliche Gottesherrschaft, über das darauf fußende Christentum, dem
die Kirche vieles von seiner im Kern des Neuen Testaments angelegten
Menschenfreundlichkeit ausgetrieben hat und über die Theodizee und die
persönliche Stellungnahme zu diesen Problemen. Man hält sich eben lieber in der
kuscheligen wolligen Schafherde auf, um nicht den kalten Wind der Konfrontation
zu ertragen. Kann man es ihnen verübeln, ihnen, die seit dem Kleinstkindesalter
der Einflussnahme der „Hirten“ ausgesetzt sind, die durch
Höllenstrafen-Androhungen und grandiose Liebeserklärungen in Wechselbäder der
Gefühle gestürzt werden? Die das Gift der Gottesferne als Verworfene auslöffeln
müssen oder das Hecheln nach dem Auserwähltsein durchleben? Einen Begriff davon
möge man sich bei Tilmann Mosers „Gottesvergiftung“ machen. Es ist eine
rabenschwarze Abrechnung einer geschundenen Seele mit diesem aufgepfropften
Kirchengott, der von verantwortungsvoll unbarmherzigen Erwachsenen in die
Kinderseele eingepflanzt wurde.
Ich habe noch keinen Atheisten
gehört oder gesehen, der mit einem vergleichbar aggressiven Vokabular gegen
Gläubige und Ungläubige vorgegangen ist, wie das die Kirche über Jahrhunderte
gegen Andersdenkende (in Worten und Taten) getan hat. (Die Revolution von 1789
sah die Krone und den Adel als ihren Hauptgegner und die Kirche als die Hure
der Mächtigen, die das Volk in Botmäßigkeit brachte und sich als Büttel der
Mächtigen verstand. Die Untaten gegen sie waren, mit Verlaub gesagt, ein
Kollateralschaden der Geschichte.)
Ich denke, es gehört zu jeder
Diskussion eine differenzierte Darstellung und es ist gewiss ein Unterschied ob
ich über „Kirche“ und Kirchen-(Bibel-)Gott diskutiere oder über „Gott“ im Sinne
einer (noch) nicht durchschaubaren Realität. Leider ist aber das Wort „Gott“
von der Kirche oder besser: vom Monotheismus usurpiert, sodass viel zu oft und
unzulässigerweise ein bibel- und kirchenfreier „Gott mit diesem Monotheos in
eins gesetzt wird. Und damit wird jeder fruchtbare Ansatz durch beleidigte
Attitüden verfälscht. Kirche und Gottesglaube in diesem Sinne sind nicht
identisch: sie sind geradezu kontradiktorisch in ihrer Begrifflichkeit. Auch
Kirche und Christentum schließen sich bei ehrlicher Betrachtung aus.
Kirche ist ein
aus dem Griechischen abgeleitetes Wort: kyriake oikia und heißt soviel wie
„Haus des Herrn“ also zunächst einmal ein ganz konkreter Wohnsitz des Herrn,
der als Gott verehrt wird. In der Kirchengeschichte findet eine Identifikation
zwischen „Wohnsitz“ und „Gott“ d. h. Jesus statt, -(...est ecclesia) später
wird dies abgeschwächt in (...subsistit in ecclesia). Ein Angriff auf „Kirche“
in ihrer weltlichen Ausformung und ihren unmenschlichen Schwächen ist also
nicht eo ipso ein Angriff auf das jesuanische Christentum. Kritik an der Kirche
und Kritik am Kirchengott ist Kritik an ihrem Verrat am Christentum, das etwas
ganz anderes in der Welt bewirken wollte. Wobei wir allerdings nicht vergessen
sollten, dass auch ein Jesus von Nazareth grausamste geradezu schizophrene
Äußerungen getan hat über ewige Höllenstrafen einerseits und Feindesliebe
andererseits. Eine Religion der Liebe sollte anders aussehen. Immerhin könnte
man hier selektiv das Menschliche in den Vordergrund stellen. Die „Kirche“
macht es nicht. Es sind die idealistischen Menschen, die hier menschlich sind
und darunter sind viele, wenn nicht die meisten, die es ohne ein Gottesgebot
machen, sondern aus moralischen Gründen und menschlichem Mitleiden,
Solidarität. Dazu braucht man keinen Gott und keine göttliche Vorschrift und
schon gar keine kirchliche. Und was aus Jesus würde, wenn er heute in die Hände
der Una Sancta geriete, das wissen wir auch nicht.
Meine
Diskutanten, meist aus dem gehobenen Großstadtbürgertum, deren Denken sich
hauptsächlich um Geld und wie man es möglichst schnell erwirbt, dreht, die also
mit religiösen Gedanken überhaupt nichts am Hut haben, sind auf der anderen
Seite wiederum so kirchenfreundlich, dass sie viele tausend Euro Kirchensteuer
zahlen und ihre Kinder taufen lassen, in christliche Kindergärten stecken.
Warum?? Die wohlbürgerlichen Freunde machen es alle so! Und man will nicht
außen vor stehen. Und außerdem will man nicht, dass die Kinder schon in
frühester Jugend sich ausgeschlossen fühlen aus einer Gemeinschaft.
Diskriminierung à la Christentum! Schon hier wird der Samen der Intoleranz
gelegt. Schon hier beginnt die Indoktrinierung: wir sind die Kinder Gottes und
die anderen? Und als Wichtigstes kommt hinzu, dass die Eltern selbst seit ihrer
Kindheit so indoktriniert sind, dass sie selbst ihre Lammfrömmigkeit gar nicht
mehr merken und eine solche Bemerkung weit von sich weisen würden.
Wenn die Menschheit akzeptieren
würde, dass wir, trotz aller wissenschaftlicher Erkenntnisse in Astrophysik,
Quantentheorie und Kosmologie noch nicht hinter alle Fragen gekommen sind,
vielleicht nie kommen werden, ohne daraus den Schluss der Rattenfänger zu
ziehen, dass der Weisheit letzter Schluss dann nur noch Gott sein kann, (ein
Bibelgott!), dann wäre unsere Welt frei von dogmatischer Gängelung, frei sich
geistig zu entfalten, frei zu neuen Ufern, die wir finden (oder auch nicht),
Ufern, die nicht von der mentalen Mauer eines Phantoms Namens Gott
verbarrikadiert wäre. Begnügen wir uns, dass es (vorläufig noch) Geheimnisse
gibt und nennen wir sie auch so.
Warum müssen die meisten Menschen
einer Vorstellung eines allgütigen, allweisen allmächtigen Gottesphantoms
anhängen, das im Lauf der Geschichte hinieden millionenfach enttäuscht hat, wo
nur unter groteskesten theologischen Verbiegungen eine Gotteswahrscheinlichkeit
postuliert wird, die dann schrecklicherweise in ein Dogma umgemünzt wird. Warum
suchen wir immer das Leid, das in der Welt geschieht, Pilatusgleich auf jemand
anderen zu schieben, statt ehrlich zuzugeben und dazu zu stehen, dass wir
Menschen so zwiespältig von der Natur gepolt sind, dass wir das „Böse“ in uns
tragen wie auch das Gute. Dass man keinen Gott für Auschwitz verantwortlich
machen kann, die Gräuel zugelassen zu haben, sondern Menschen. Und wir Menschen
töten und morden weiter ob Stalin, Pol Pot, ob die Franzosen in Algerien, ob
die Chinesen in ihrer Kulturrevolution etc. etc.: Unsere ganze Geschichte ist
vom Tötungsirrsinn geprägt. Und der allgütige, allmächtige, allwissende
Bibelgott war uns im Alten Testament, das von der Kirche als unsere geistige
Wegzehrung aufgedrängt wurde, ein grandioser Lehrmeister in diesen Dingen und
ist es heute noch.
Sagen Sie mir, bitte, wo
gottesferner, der Aufklärung verpflichteter Atheismus es verdient, von
„rechtgläubigen Schafen“, die sich obstinat jeglicher intellektuellen
Hinterfragung verweigern, so verteufelt zu werden. Vielleicht weil sie keine
Dogmatiker sind? Weil sie nicht auf Biegen und Brechen sinnfreie Behauptungen
aufstellen? Weil sie den Finger in Wunden legen, auf die geistige Selbstgenügsamkeit
aufmerksam machen? Die Atheisten sind Ärgernis und vielleicht das Salz, um das
Leben zu würzen: Das Salz der Erde?
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