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| Erschienen in Ausgabe: No 47 (1/2010) | Letzte Änderung: 18. Dezember '09 |
von Thomas Junker
Wer
Zweifel hatte, ob eine weitere Kritik am Papst und an der katholischen Kirche
notwendig und zeitgemäß ist, der wurde durch das ‚Philosophische Quartett’ vom
29. November 2009, bei dem Alan Posener geladen war, eines Besseren belehrt. Es
war schon ein eindrückliches Schauspiel, wie sich dort die Elite deutscher
Meinungsmacher, als solche darf man Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski und
Daniel Deckers (FAZ) sicher ansprechen, darum wetteiferten, wer das
mittelalterliche Weltbild der Kirche und die reaktionäre Politik des
gegenwärtigen Papstes am verständnisvollsten verteidigte und wer Poseners
intelligente und mutige Kritik am wirkungsvollsten zu zerreden wusste.
Was
ist der Stein des Anstoßes? In acht flüssig geschriebenen Kapiteln seziert Alan
Posener in ‚Benedikts Kreuzzug‘ anhand von Originalzitaten das Weltbild des
Führers der katholischen Kirche: Es geht um seine Ablehnung der Meinungs- und
Religionsfreiheit, seine Bestrebungen, die Vernunft religiösen Dogmen zu unterwerfen,
seine Umdeutung und Vereinnahmung des Holocaust (der ein Angriff auf das
Christentum (!!!) gewesen sein soll), seine Verleugnung katholischer
Judenfeindschaft, seine schlecht verhohlene Sympathie mit der rechtsradikalen
Piusbruderschaft, seine menschenfeindliche Aids-Politik und Sexualmoral, seinen
Versuch, die Wissenschaften zu gängeln (Darwins Evolutionstheorie), wobei er
auch die Androhung von Folter für akzeptabel hält (Galilei), seine Kumpanei mit
muslimischen Gewalttätern und seine weltfremden Vorschläge zur Familien- und
Gesellschaftspolitik.
All
dies ist spannend und zugleich beklemmend zu lesen. Es wird nicht nur Bekanntes
auf den Punkt gebracht, sondern wer will, kann auch viel Neues erfahren (ich
habe selbst im Abschnitt über die Kritik der Kirche an der Evolutionstheorie, mit der ich mich im
Zusammenhang mit Schönborns Schulterschluss mit der Intelligent design-Bewegung befasst habe, aufschlussreiche, neue
Details gefunden). Pointiert und akribisch belegt Posener, wie fassadenhaft die
Bekenntnisse der Kirche zu Demokratie, religiöser und weltanschaulicher
Toleranz, Menschenrechten und Wissenschaft sind, wie widerwillig selbst diese
Lippenbekenntnisse geleistet werden und was wir zu erwarten haben, wenn es der
Kirche gelingen sollte, weiter an Macht zu gewinnen.
Natürlich
ist das Ergebnis erschreckend, und da nicht sein kann, was nicht sein darf,
wurde und wird nicht nur im ‚Philosophischen Quartett’ darüber räsoniert, dass
die deutschen Bischöfe nicht mit allem einverstanden seien, was der Papst so
verlauten lässt, dass er oft missverstanden werde, dass er schlechte Berater
habe, dass der ganze reaktionäre Humbug letztlich ein wichtiges Gegengewicht zu
den Fehlentwicklungen der Moderne sei usw. usf.
Es
lässt sich kaum bestreiten, dass Poseners Analyse für viele Anhänger der
katholischen Kirche schmerzhafte Einsichten bereithält. Und es ist das Recht
eines jeden, seine liebgewonnenen Illusionen zu hegen und zu pflegen, aber
sobald sie politischen Einfluss auf unser aller Leben zu nehmen beginnen,
müssen sie sich der Kritik stellen und können sich nicht hinter der nebulösen
Forderung nach ‚Respekt‘ verstecken. Andere religiöse Ideologien, Scientology
beispielsweise, werden ja auch nicht unter Naturschutz gestellt. Und
selbstverständlich gibt es auch andere Stimmen in der Kirche und ‚moderne’
Theologen, aber welche Relevanz haben diese Stimmen wirklich? Sind sie mehr als
Zuckerguss auf der bitteren Pille?
Die
katholische Kirche ist eine Macht, gerade auch in Deutschland, und so sollte
man seine Augen nicht verschließen, denn wenn Posener Recht hat, dann ist
Benedikts Denken ‚irregeleitet, gefährlich und in letzter Instanz
menschenverachtend‘ (S. 14). Ich denke, er hat Recht. Wer diese Analyse aber
für unfair und übertrieben hält, der sollte zumindest die Fakten und Argumente
kennen, wird sich vielleicht überzeugen lassen und dann feststellen, dass
Benedikts Kirche nicht die eigene Kirche ist und die Konsequenzen ziehen. Und
so ist ‚Benedikts Kreuzzug‘ nicht nur eine höchst interessante und anregende
Lektüre, sondern auch ein idealer Prüfstein, um die eigene Meinung über den
Papst und seine Kirche zu überprüfen, zu schärfen und gegebenenfalls zu
korrigieren.
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