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| Erschienen in Ausgabe: No 48 (2/2010) | Letzte Änderung: 21. Januar '10 |
Die Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald streitet über ihren Namenspatron
von Constantin Graf von Hoensbroech
Zu den vielen
Prominenten, die auf dem Alten Bonner Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden
haben, gehören auch der bedeutende Schriftsteller, Historiker und Politiker
Ernst Moritz Arndt (1769 bis 1860) sowie dessen Frau Anna Maria, eine Schwester
des berühmten Theologen Friedrich Schleiermacher. Doch in Frieden ruhen kann das
bekannte Paar aus dem 19. Jahrhundert schon seit einigen Monaten nicht mehr.
Das liegt aber nicht daran, dass das Wurzelwerk der großen Eiche zwischen den
Gräbern der Eheleute derart ausgeschlagen hat, dass die Standfestigkeit der
beiden Kreuze nachhaltig erschüttert worden ist. Vielmehr ist es ein
erbitterter Streit, der im vorpommerschen Greifswald ausgetragen wird. Die
dortige Universität, 1456 gegründet und damit eine der ältesten deutschen Universitäten
überhaupt, ist nämlich nach dem aus Groß Schoritz auf der Insel Rügen
stammenden Ernst Moritz Arndt benannt.
Das soll sich aber nach
dem Willen der Studenteninitiative „Uni ohne Arndt“ demnächst ändern. Ihrer
Meinung nach sei Arndt ein Antisemit und Franzosenhasser, ein Rassist und
Verfasser „unsäglicher völkischer Elaborate“, so ein Sprecher der Initiative.
Nicht genug damit: Viele Kritiker sehen in Arndt, der in Greifswald unter
anderen evangelische Theologie studierte und später dort Geschichte und
Philologie lehrte, einen frühen Vordenker des Nationalsozialismus. Auf Antrag
des deutschnationalen Frontkämpfervereins Stahlhelm wurde die Universität im
Jahre 1933
in „Ernst
Moritz Arndt Universität Greifswald“ umbenannt, die entsprechende Urkunde wurde
vom damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring unterzeichnet.
Doch das Vorhaben der
Initiative, mit einer Abstimmung unter der Studentenschaft ein eindeutiges
Votum für die Umbenennung zu erhalten und damit die letztlich entscheidende
Instanz, den Senat der Universität, zur Umbenennung in „Universität Greifswald“
zu motivieren, ist gescheitert. Von den 23 Prozent der 12 300 Studierenden, die
zur Wahl gingen, votierten 43 Prozent für eine Umbenennung, 49 Prozent stimmten
für die Beibehaltung des Namens. In absoluten Zahlen ist das zwar nur ein
Vorsprung von 181 Stimmen, doch für die Vertreter der Initiative, die mit rund
60 Prozent Zustimmung gerechnet hatten, ist das eine empfindliche Schlappe.
Kein Wunder, dass die
Gegner der Umbenennung das Ergebnis mit Freude und Genugtuung aufgenommen
haben. Ihre Argumentation, etwa vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten
vorgetragen, stellt Arndt als frühen Demokraten dar und hebt dabei insbesondere
dessen Engagement in der Frankfurter Paulskirche hervor. Wie viele andere
Personen – Martin Luther, Heinrich von Kleist, Richard Wagner - müsse auch die
Person und das Wirken von Arndt in seinen historischen Kontext eingeordnet
werden. So würden etwa sein Kampf gegen die Besatzung durch Napoleon und sein
Eintreten für die nationale Einheit erklärlich. „Der Rhein, Deutschlands Strom,
aber nicht Deutschlands Grenze“ ist sicherlich eine der bekanntesten Schriften,
die dieses Engagement ebenso illustrieren wie etwa der „Geist der Zeit“, in der
er Grundzüge einer deutschen Verfassung skizzierte. Dass Arndt mit seinen Schriften
zudem wesentlich dazu beigetragen hat, dass die Leibeigenschaft sowie die
Patrimonialgerichtsbarkeit im damaligen Schwedisch-Vorpommern aufgehoben wurde,
mag einer der Gründe sein, warum der universal gelehrte Arndt auch die DDR unangetastet
überdauerte, ja dort oftmals als beispielhafter Kämpfer gegen den Feudalismus
benannt wurde.
Auch später blieb der
weit gereiste und in unterschiedlichsten verantwortlichen Stellen tätige Arndt
seinen Überzeugungen treu. Am 18. Mai 1848 war der inzwischen im Rheinland
beheimatete Mann aus Pommern als Abgeordneter für Solingen in das Frankfurter Paulskirchenparlament
eingezogen und amtierte darüber hinaus als Alterspräsident. Zudem war er
Mitglied der sogenannten Kaiserdeputation, die dem preußischen König Friedrich Wilhelm
IV. – erfolglos – die Kaiserkrone angetragen hatte. Trotz des Scheiterns der
Versammlung blieb Arndt als patriotischer Schriftsteller tätig. Sein berühmtes
Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?“ war für viele Jahre die inoffizielle
Hymne der deutschen Einheitsbewegung.
Noch zu Lebzeiten wurde
Arndt hoch verehrt und geachtet. In Bonn, wo er an der dortigen Universität
lange Jahre als Rektor gewirkt hatte und seinen Lebensabend in einem
malerischen klassizistischem Haus mit Rheinblick verbrachte, feierte er unter
großer öffentlicher Anteilnahme seinen 90. Geburtstag. Wenige Wochen darauf
starb er, am 29. Januar jährt sich sein Todestag zum 150. Mal.
Wie unterschiedlich die
Rezeption und Inanspruchnahme von Arndt in der jüngeren Vergangenheit immer wieder
ausgefallen ist, verdeutlicht auch ein Hinweis auf die Gegner von Adolf Hitler
in der Wehrmacht. Auf der Gründungsversammlung des Nationalkomitees Freies
Deutschland im Jahr 1943 beriefen sie sich auf einen Ausspruch von Ernst Moritz
Arndt: „Denn wenn ein Fürst einen deutschen Soldaten befiehlt, Gewalt zu üben
gegen die Unschuld und das Recht, (...) müssen sie nimmer gehorchen.“
Ob Arndt tatsächlich mit
seinem Nationalismus des 19. Jahrhunderts zu den geistigen Wegbereitern des
Nationalsozialismus im 20. Jahrhundert zu zählen ist und daher der
Universitätsname abgeschafft werden sollte, muss nun der Senat des Alma Mater
entscheiden. „Eine eigens eingesetzte Namenskommission mit sechs Historikern
und vier Senatsmitgliedern wird im Februar eine Empfehlung abgeben, und Mitte
März wird es dann hoffentlich einen Senatsbeschluss geben“, erklärt die
Senatsvorsitzende Maria-Theresia Schafmeister auf Anfrage. Ab April amtiert ein
neuer Senat und dem solle diese „Altlast“ nicht unbedingt mitgegeben werden. Zur
Meinungsbildung habe es daher auch mehrere öffentliche Debatten sowie eine
wissenschaftliche Anhörung gegeben. Im Übrigen sehe sie die Diskussionen mit
Gelassenheit, den Namensstreit habe es schon vor Jahren einmal gegeben und
werde es wohl auch immer wieder einmal geben.
Ob die Professorin
womöglich die Tafel an Arndts Grab im Hinterkopf hatte? Tröstlich lesen sich
die Worte, geradezu eine Mahnung zur Gelassenheit: „Gute Nacht, ihr meine
Freund‘/ihr meine Lieben/alle, die ihr um mich weint/Lasst euch nicht
betrüben/Diesen Abstieg, den ich thu/in die Erde nieder/Seht die Sonne geht zur
Ruh/kommt doch morgen wieder.“
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