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Erschienen in Ausgabe: No 48 (2/2010) Letzte Änderung: 22.01.10

Der Mohismus im alten China

von Michael Lausberg

Die dritte wichtige Geistesströmung in der altchinesischen Philosophie war neben dem Konfuzianismus und dem Taoismus der Mohismus. Diese Strömung wurde abgeleitet von dem zwischen 500-396 v. Chr. lebenden Philosophen Mo Tse. Er verbrachte wie Konfuzius einen großen Teil seines Lebens auf Reisen durch das damalige China. Mo Tse war auf der Suche nach einem Herrscher, der seine Lehren in die Praxis umsetzen sollte. Der Hauptgedanke des Mohismus war die Förderung der allgemeinen Wohlfahrt und die „Bekämpfung des Übels“.[1]
Mo Tse äußerte sich folgendermaßen zur allgemeinen Wohlfahrt:[2] „Die alten Herrscher zielen bei der Verwaltung des Reiches auf zwei Dinge - Reichtum für das Land und Vermehrung der Bevölkerung. Jede Theorie und jede praktische Maßnahme sind an dem Maßstab zu messen, ob sie Wohlstand und Wachstum der Bevölkerung hemmt oder fördert.“ Mo Tse sprach sich vor allem gegen den Krieg aus, der den Reichtum zerstört, die Familien auseinander bringt und die Bevölkerung vermindert.[3] Die konfuzianische Hochschätzung der Musik und der Künste lehnte Mo Tse ab. Er begründet dies mit höheren Steuern und Belastungen für die Bevölkerung, wenn sich die Regierenden diesen Beschäftigungen hingaben. Falls das wirtschaftliche Rückrad der Gesellschaft (Beamte, Bauern und Kaufleute) sich den Künsten hingeben, werden sie dadurch von produktiver Beschäftigung ferngehalten.
Diese utilitaristische Sichtweise bestimmt die gesamte Philosophie des Mohismus. Alles ist auf die tatsächliche Lebenserfahrung abgestellt. Jede philosophische Theorie muss laut Mo Tse drei Erfordernissen genügen: Sie muss erstens eine tragfähige Grundlage haben, sie muss weiterhin einer kritischen Prüfung standhalten und drittens praktisch angewendet werden können. Als Basis jeder Theorie kommen für Mo Tse nur „die Taten der alten weisen Herrscher“ in Betracht. Als Prüfstein einer kritischen Untersuchung soll die tatsächliche Erfahrung der Menschen dienen. Ein Beispiel dafür ist die Frage nach dem „Schicksal“. Ob es so etwas wie „Schicksal“ gibt, muss diese Frage danach entschieden werden, ob dieses Schicksal in der tatsächlichen Erfahrung der Menschen vorkommt:[4] „Wenn die Leute es gesehen und gehört haben, so werde ich sagen, es gibt ein Schicksal. Wenn keiner es gesehen oder gehört hat, so werde ich sagen, es gibt kein Schicksal.“. Die praktische Erprobung einer Lehre soll so vor sich gehen, dass sie in Gesetzgebung und Verwaltung einführt und dann prüft, ob ihre Auswirkungen der allgemeinen Wohlfahrt nützen, d.h. die Vermehrung des Reichtums und der Bevölkerung.
Sein Prinzip der allgemeinen Menschenliebe enthielt die Forderung:[5] „Behandle andere Länder wie sein eigenes, behandle andere Familien wie seine eigene, behandle andere Menschen wie sich selbst.“ Wenn dieses Gebot allgemein befolgt würde, so wäre Frieden und allgemeine Wohlfahrt die Folge; die Nichtbeachtung wäre die Ursache der gesellschaftlichen Unordnung. Aber auch dieser ideale Grundsatz der allgemeinen Menschenliebe war von utilistaristischen Erwägungen nicht frei:[6] „Diejenigen, die andere lieben, werden wieder geliebt werden.“
Der althergebrachten chinesischen Religion stand Mo Tse positiv gegenüber. Er verteidigte sie aus praktischen Gründen:[7] „Wenn jedermann an die Macht der Geister glaubt, das Gute zu belohnen und das Schlechte zu verdammen, so wird es keine Unordnung geben.“
Die weitere Entwicklung der mohistischen Philosophie nach dem Tode ihres Gründers erfolgte in scharfer Auseinandersetzung und enger Wechselwirkung mit den wiederauflebenden sophistischen Lehren. Die mit gewaltsamen Mittel durchgeführte Bekämpfung der Sophisten zur Zeit des Konfuzius konnte deren Geistesrichtung nicht auf Dauer unterdrücken. Die Sophisten, unter denen Hui Schih und Kung sun Lung die bekanntesten waren, beschäftigten sich mit Begriffen wie Raum und Zeit, Bewegung und Ruhe, Substanz und Qualität. Die Neomohisten empfanden aber nun dabei die Notwendigkeit, ihre eigene Lehre gegen die kritischen Einwände der Sophisten zu sichern, indem sie ihr selbst eine tragfähige logische Grundlage gaben. Diese erzwungene Durchdringung ihrer eigenen Grundbegriffe öffnete dem neomohistischen Denken neue Wege. Dementsprechend begaben sich die Neomohisten auf das Gebiet der Logik und Erkenntnistheorie, um am Ende beweisen zu können, dass Logik und Erkennen den Zwecken des praktischen Handels untergeordnet sind. Sie vertraten die These, dass der Mensch in allem Erkennen, sei es Forschen, Experimentieren, Lernen oder bloßes Verstehen, in der Auseinandersetzung mit seiner leibhaftigen Umwelt steht und dass die einzige Funktion des Wissens diejenige ist, die ihm die richtigen Entscheidungen ermöglicht. Die richtige Möglichkeit, die es zu erkennen und zu begreifen gilt, ist aber diejenige, die der „allgemeinen Wohlfahrt und der Bekämpfung des Übels“ am besten dient- womit der Anschluss an die Lehren Mo Tses wiederhergestellt war. Seit dem 2. Jahrhunderts v. Chr. nahm die Anziehungskraft der Lehre Mo Tses rapide ab und der Konfuzianismus setzte sich immer mehr durch.
[1] Moritz, R.: Die Philosophie im alten China, Berlin 1990, S: 40
[2] Deussen, P.: Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Religionen, Leipzig 1906, Band 1, S. 202
[3] Vgl. dazu Schmidt-Glintzer, H. (Hrsg.): Mo Ti. Gegen den Krieg, Düsseldorf/Köln 1975
[4] Deussen, Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer Berücksichtigung der Religionen, a.a.O., S. 206
[5] Ebd., S. 211
[6] Ebd., S. 212
[7] Ebd., S. 209

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