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| Erschienen in Ausgabe: No 49 (3/2010) | Letzte Änderung: 02. April '10 |
von Michael Lausberg
1. Einleitung
Im alten
Indien liegt die Wiege eines der ältesten bekannten Zeugnisse der Philosophie
der Menschheitsgeschichte. Die Geschichte der indischen Philosophie in klar
abgetrennte Perioden einzuteilen, ist sehr schwer. Es existierte im damaligen
Indien keine Geschichtsschreibung wie im alten Ägypten, wo eine Aufzeichnung
exakter Daten vorgenommen wurde. Für die meisten Werke der indischen
Philosophie ist kaum mit Sicherheit das Jahrhundert anzugeben, in dem sie
entstanden sind. Im Gegensatz zum „Abendland“, wo alle Abschnitte und
Wendepunkte in der Geschichte der Philosophie durch historische Denker bestimmt
sind, treten in Indien die einzelnen Philosophen hinter ihren Schriften und Gedanken
zurück und sind meist nur dem Namen nach bekannt.[1]
Immerhin ist
es nach dem neuesten Stand der Forschung auf dem Gebiet der indischen
Geistesgeschichte möglich, eine Einteilung in mehrere Hauptperioden
vorzunehmen. Die erste Hauptperiode (1500-500 v. Chr.) wird als vedisches
Zeitalter bezeichnet nach dem Gesamtkomplex von Schriften, die mit dem
Sammelnamen der Veda bezeichnet werden. Es handelt sich dabei um eine ganze
Literatursammlung, die zu verschiedenen Zeiten und von verschiedenen Denkern
aufgezeichnet wurde. „Veda“ bedeutet theologisches Wissen, was in der ältesten
Zeit mit der Gesamtheit des der Aufzeichnung wert befundenes Wissen
gleichzusetzen ist. Es existieren vier unterschiedliche Abteilungen des Veda:
Rigveda-der Veda der Verse, des
Wissens von den Lobenshymnen,Samaveda-der Veda der Lieder, das
Wissen von den Gesängen,Yayurveda-der Veda der Opferformeln,Atharvaveda-der Veda des Atharvan,
das Wissen von den magischen Formeln.
Diese Veden
sind die Handbücher der alten indischen Priester, in denen diese das für die
religiösen Opferhandlungen erforderliche Material an Hymnen, Sprüchen, Formeln
usw. aufbewahrten. Die nach dem Veda benannte erste Hauptperiode der indischen
Philosophie wird nach der verschiedenen Entstehungszeit der einzelnen Teile
desselben in drei Abschnitte unterteilt.
Die altvedische oder Hymnenzeit
(1500-1000 v. Chr.)Die Zeit der Opfermystik (1000-750
v. Chr.)Die Zeit der Upanischaden (750-500
v. Chr.)
2) Die Hymnenzeit
Etwa um das
Jahr 1600 v. Chr. begann von Norden her die schleichende Eroberung Indiens
durch die aryas, die Arier.[2] Das
Wort bedeutete ursprünglich „edel“, so dass Arier „Edelleute“ bedeuten könnte.
Das Denken der Indo-Arier bildet den Inhalt der altindischen Philosophie. Von
der Geisteswelt der Menschen, die vor der Eroberung durch die Arier lebten,
gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse. Die Hymnen des Rigveda, der den ältesten
Teil der Veden und eines der ältesten literarischen Zeugnisse der Menschheit
überhaupt bildet, vermitteln ein Bild vom Leben und der religiösen Geisteswelt
der Indo-Arier in dieser Zeit, wo ihre Expansion erst den nordwestlichen Teil
Indiens erfasst hatte. Die Arier waren eine größere Gruppe von Bauern und
Viehzüchtern. Ihre religiösen Vorstellungen waren Kräfte und Elemente der Natur;
Himmel, Feuer, Wasser, Licht, Wind und Wasser wurden als Personen gedacht, die
nach Art der Menschen leben, handeln und Schicksale erleiden.[3] Die
Rigveda enthält Hymnen und Lobpreisungen wie zum Beispiel den Feuergott Indra
oder den Sonnengott Wischnu und Gebete an diese Götter, worin die Arier um eine
gute Ernte oder ein langes Leben bitten. Die ersten Ansätze philosophischen
Denkens liegen darin, dass folgende Fragen gestellt wurden: Liegt in der
Vielzahl der Götter ein letzter Weltgrund verborgen? Ist die Welt aus einem
solchen Urgrund entstanden?
Dieses Suchen
nach einem Urgrund, aus dem die Welt entstanden ist, führte zu einem Zweifeln
an den Göttern. Diese Zweifel gegenüber den Göttern verdichten sich zu
spöttischen Bemerkungen. In einem Schöpfungshymnus des Rigveda hieß es:[4]
„Bringt schönes Lob dem Indra um
die Wette,
Wahrhaftiges, wenn er wahrhaftig
ist!
Zwar sagt wohl der und jener:
‚Indra ist nicht!’
Wer sah ihn je? Wer ist’s, daß
man ihn priese?“
Mit dem in
diesem Beispiel und in vielen anderen Stellen erkennenden Verfall des
altvedischen Götterglaubens entstand eine neue Stufe in der altindischen
Philosophie, die Zeit der Opfermystik.
3) Die Zeit der Opfermystik
In der Zeit,
in der die Indo-Arier ihr Herrschaftsgebiet nach Osten bis zum Ganges-Delta
ausdehnten, bildeten sich diejenigen sozialen Einrichtungen heraus, die von da
ab für das gesamte indische Leben charakteristisch waren: das Kastensystem und
die hegemoniale Stellung des Priesterstandes, der Brahmanen.
Es folgte die
Einteilung in die drei Hauptkasten:[5]
Brahmanen = Priester,Kschatriyas = Fürsten, Könige und
Krieger,Vaischyas = Freie (Kaufleute,
Händler usw.),
Unter diesen
standen die Tschudras, die von den Ariern unterworfenen Gesellschaften. Ganz
unten in diesem Kastensystem befanden sich die Parias, die Verstoßenen,
Kriegsgefangenen und Sklaven. Aus dieser Unterscheidung wurde im Laufe der Zeit
eine immer weiter fortschreitende Unterteilung in zahlreiche erbliche
Unterkasten, die jene streng voneinander abgeschieden für sich lebten.[6]
In der
altvedischen Zeit hatte noch die Kriegerkaste des Kschatriyas die führende
Stellung innerhalb der Gesellschaft inne. Bedingt durch den allmählichen
Übergang von kriegerischen Eroberungszügen zu einer sesshaft gewordenen, auf
Ackerbau und Viehzucht ruhenden Gesellschaftsordnung erhielt die im Gebet und
Opfer liegende Möglichkeit der Einwirkung auf die übernatürlichen Mächte eine
wachsende Bedeutung. Es wurde davon ausgegangen, dass das Gedeihen der Ernten
und damit das Überleben vom guten Willen der Götter abhingen. Nur die Brahmanen
besaßen das Wissen über den richtigen Umgang mit den Göttern, so dass sie aus
dieser Position ihre Macht über die restlichen Mitglieder der Gesellschaft
ausbauten. Hinzu kam, dass dieses priesterliche Wissen um die alten Formen des
Gottesdienstes mit der zunehmenden zeitlichen und räumlichen Entfernung vor
deren Entstehung eine gewisse dunkle Unverständlichkeit und geheimnisvolle
Weihe erhalten hatte. Bei Krieg und Friedensschluss, Königsweihe, Geburt,
Heirat und Tod, hing der Segen von der richtigen Darbringung des Opfers ab.
Zugleich besaßen die Brahmanen das Monopol auf die höhere Erziehung, die
ausschließlich in ihren Händen lag. Die Brahmanen wurden in Ermangelung einer
anderen geistigen Macht so zu unentbehrlichen Mittlern bei allen wichtigen
Entscheidungen des privaten und öffentlichen Lebens. Sie bildeten jedoch im
Unterschied zu der Herrschaft der katholischen Kirche im abendländischen
Mittelalter keine weltliche Macht oder eine geschlossene Organisation mit einem
geistlichen Oberhaupt. Sie blieben immer ein Stand von freien,
gleichberechtigten Einzelpersonen.[7]
Alle
Personen, die den Brahmanen zu irgendwelchen Gelegenheiten heranzogen, mussten
sich seine Gewogenheit durch Ehrerbietung oder Geschenke sichern, was wiederum
die Macht der Priester stärkte.
Die aus
dieser Zeit stammenden Aufzeichnungen, die so genannten Brahmana-Texte,
beziehen sich demgemäß hauptsächlich auf dieses gehütete Priesterwissen um
Opfer und Zeremoniell.[8] Sie
sind deshalb als philosophische Quellen nur teilweise zu verwenden. Immerhin
lassen sie gewisse Rückschlüsse darauf zu, wie sich die religiösen und
philosophischen Vorstellungen, die beide im Indien der damaligen Zeit eine
Einheit bildeten, inzwischen gewandelt hatten. Die beiden Begriffe, die den
Angelpunkt alles weiteren hinduistischen Denkens bilden, kristallisierten sich
schon zu dieser Zeit heraus: Brahman und Atman.[9]
4) Das Zeitalter der Upanischaden
Auf Dauer
konnten die Formelsammlungen der Brahmanen, die eine gewisse Erstarrung mit der
Zeit erkennen ließen, die geistige Weiterentwicklung im alten Indien nicht
stoppen. Seher und Asketen in den Wäldern forschten weiter und schufen die
Upanischaden, von denen Schopenhauer gesagt hatte:[10] „Es
ist die belohnenste und erhebenste Lektüre, die in der Welt möglich ist. Sie
ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein.“
Die
Upanischaden bildeten kein geschlossenes System, sondern Gedanken und Lehren
vieler verschiedener Persönlichkeiten. Das Wort Upanischad lässt sich ableiten
von upa=nahe und sad=sitzen. Es bedeutete demnach die Lehre für diejenigen, die
„in der Nähe (des Meisters) sitzen“, also eine geheime, nur für Eingeweihte
bestimmte Lehre.[11]
Unter den
Verfassern der Upanischaden ragen zwei Personen heraus: eine Frau namens Gargi
und Yagnavalkya, eine mythische männliche Gestalt, von der anzunehmen ist, dass
er wirklich gelebt hat. Yagnavalkya führte nach der Sage das Leben eines
reichen brahmanischen Hausvaters und hatte zwei Frauen, Maiteryi und Katyayana.
Als er beide verlassen wollte, um in der Einsamkeit nachzudenken und die
Wahrheit zu ergründen, bat ihn Maitreyi, sie mitzunehmen. Daraus entwickelte
sich folgenden Gespräch:[12]
„Matreyi, sagte Yagnavalkya, siehe, ich bin im Begriffe, von diesem Staate
fortzuwandern. Ich will nun für dich und für Katyayana eine endgültige Regelung
treffen. Da sprach Maitreyi: Wenn nun, mein Herr, diese ganze Erde mit allen
ihren Reichtümern mein wäre, würde ich dadurch unsterblich sein? Nein, nein,
sagte Yagnavalkya, es gibt keine Hoffnung auf Unsterblichkeit durch Reichtum.
Da sprach Maitreyi: Was soll ich tun mit dem, was mich nicht unsterblich machen
kann? Was du weißt, Herr, das erkläre mir.“
Die
Grundstimmung der Upanischaden ist die Bewertung alles Daseins als Leiden und
steht damit im Gegensatz zu der ganz dem Diesseits zugewandten Stimmung in den
Hymnen der altvedischen Zeit. Es wird von einem König berichtet, der sein Reich
verließ und in die Wälder zog, um das Rätsel des Daseins zu ergründen. Nach
einiger Zeit näherte sich ihm ein Weiser, den der König bat, ihm von seinem
Wissen mitzuteilen. Dann sprach der Weise:[13] „O
Ehrwürdiger! In diesem aus Knochen, Haut, Sehnen, Mark, Fleisch, Samen, Blut,
Schleim, Tränen, Augenbutter, Kot, Harn, Galle und Phlegma zusammengesetzten,
übelriechenden kernlosen Leibe – wie mag man da nur Freude genießen! In diesem
mit Leidenschaft, Zorn, Begierde, Wahn, Furcht, Verzagtheit, Neid, Trennung von
Liebenden, Bindungen an Unliebes, Hunger, Durst, Alter, Tode, Krankheit und
dergleichen behafteten Leibe – wie mag man nur Freude genießen! Auch sehen wir,
daß die ganze Welt vergänglich ist und so wie diese Bremsen, Stechfliegen und
dergleichen, diese Kräuter und Bäume, welche entstehen und wieder verfallen.“
Zwei
philosophische Hauptgedanken ziehen sich durch die Lehren der bedeutendsten
Upanischaden: die Lehre von Atman und Brahman und der Gedanke von
Seelenwanderung und Erlösung.
Die beiden
Begriffe Brahman und Atman erlangen in den Upanischaden eine alles
beherrschende Bedeutung.[14]
Brahman, was ursprünglich „Gebet“ oder „heiliges Wissen“ bedeutete, wurde im
Lauf der Zeit über verschiedene Zwischenstufen schließlich zu einem allgemeinen
schöpferischen Weltprinzip, der großen Weltseele, die in sich selber ruht, aus
der alles hervorgegangen ist und in der alles ruht. So heißt es in einem Text:[15]
„Der Brahman
ist das Holz, der Baum gewesen,
Aus dem sie
Erd’ und Himmel ausgehauen!
Ihr Weise,
euch im Geiste forschend, meld ich:
Auf Brahman
stützt er sich und trägt das Weltenall!“
Auch der
Begriff Atman machte eine lange Entwicklungsphase durch. Ursprünglich mit der
Bezeichnung „Hauch“ oder „Atem“ erlangte er schließlich den Inhalt „Wesen“ oder
„das eigene Ich“. Atman ist also der innerste Kern unseres Selbst, wenn man vom
Menschen als Erscheinung zunächst die körperliche Hülle wegdenkt.[16]
Der
entscheidende Schritt, der in den Upanischaden über diese Begriffsentwicklungen
getan wurden, bestand in der Erkenntnis, dass Brahman und Atman eines sind, in
der Gleichsetzung Brahman=Atman.[17]
Damit gibt es überhaupt nur eine wahre Wesenheit in der Welt, die im Weltganzen
betrachtet, Brahman, im Einzelwesen erkannt, Atman heißt. Das Weltall ist
Brahman, Brahman aber ist der Atman in uns.
Dies soll
symbolisieren, dass der Zugang zum Wesen der Welt tief in unserem eigenen
Innern liegt und nur durch Versenkung in dieses zu erschließen ist.[18] Die
Erkenntnis der äußeren Wirklichkeit besitzt keinen Wert. Die Welt der Dinge in
Raum und Zeit ist nicht das eigentliche Wesen, ist nicht Atman, sondern nur
Illusion (Maya). Ihre Kenntnis ist kein wahres Wissen, sondern nur ein
Scheinwissen.[19]
Die Wahrheit
ist nicht dem Verstand zugänglich, sie ist nicht in Worte zu fassen, sie ist
auch nicht für alle zugänglich. Nur Auserwählte können nach einem langen Weg zu
ihr vordringen. Fasten, Ruhe, Schweigen, Selbstdisziplin, Isolation von der
Außenwelt sind die Vorbedingungen, die den Geist befähigen sollen, durch alle
täuschenden Hüllen der Maya zum Kern des Selbst, zum Atman, zu kommen.[20] Der
hier schon durchschimmernde Begriff der Askese spielte im alten Indien eine
wichtige Rolle.
Die Einsicht
konnte erst im Verlaufe des ganzen menschlichen Lebens erreicht werden. Vier
Stufen, jede etwa 20 Jahre umfassend, soll der Weise durchlaufen, um endlich zu
ihr zu gelangen.[21] Der Weise beginnt als
lernender Brahmacarin mit dem Vedastudium unter der Anleitung eines von ihm
selbst gewählten Lehrers. Die Unterweisung erfolgte auf mündlicher Basis und
der Schüler musste die heiligen Texte wortgetreu auswendig lernen. Als
Grihastha (Hausvater) gründete er eine Familie, erzog Söhne und Töchter und
erfüllte seine Pflichten als Glied der Gesellschaft. Im dritten Stadium zog er
sich, wenn die Kinder sich selbst versorgen konnten, meist mit seiner Ehefrau
in die Einsamkeit zurück, und begann, sich von der äußerlichen Welt ab- und dem
Ewigen zuzuwenden. Als vierte Stufe konnte er im hohen Alter alles Eigentum
aufgeben, seine Frau verlassen und nun in vollkommener Entsagung als wandernder
Bettler (Sannyasi) versuchen, Weisheit und Vergeistigung zu erreichen, das ihn
am Ende zum Eingehen in den göttlichen Brahman befähigte.
Diese oberste
Stufe war allein der Kaste der Brahmanen vorbehalten. Die unteren Kasten
blieben in der Regel auf der Stufe des Hausvaters stehen. Diese brahmanische
Lebensordnung versuchte die Erfordernisse des realen und gesellschaftlichen
Lebens in Einklang zu bringen mit den im alten Indien starken Tendenzen zur
Weltabwendung und Askese.[22]
Der damit in
engem Zusammenhang stehende zweite Grundgedanke der Upanischaden war die Lehre
von der Seelenwanderung und Erlösung, die die religiösen und philosophischen
Vorstellungen Indiens von jener Zeit bis heute mitbestimmt und geformt hat.
Yagnavalkya erläuterte den Gedanken der Seelenwanderung:[23]
„Dann nehmen ihn das Wissen und die Werke bei der Hand und seine vormalige
Erfahrung. – Wie eine Raupe, nachdem sie zur Spitze des Blattes gelangt ist,
einen anderen Anfang ergreift und sich selbst dazu hinüberzieht, so auch die
Seele, nachdem sie den Leib abgeschüttelt und das Nichtwissen losgelassen hat,
ergreift sie einen anderen Anfang und zieht sich selbst dazu hinüber. – Wie ein
Goldschmied von einem Bildwerke den Stoff nimmt und daraus eine neue, andere,
schönere Gestalt hämmert, so auch diese Seele, nachdem sie den Leib
angeschüttelt und das Nichtwissen losgelassen hat, so schafft sie sich eine
andere, neue, schönere Gestalt, sei es der Väter (…) oder der Götter (…) oder
anderer Wesen (…). Je nachdem einer nun besteht aus diesem oder jenem, je
nachdem er handelt, je nachdem er wandelt, danach wird er geboren: Wer Gutes
tat, wird als Guter geboren, wer Böses tat, wird als Böser geboren, heilig wird
er durch heiliges Werk, böse durch böses.“
Die Aussicht,
je nach Bewährung im jetzigen Leben auf höherer oder niederer Stufe immer neu
wiedergeboren zu werden, konnte aber diejenige Person, die den Leidenscharakter
allen Daseins durchschaut hatte, nicht sehr verlockend sein. Deshalb richtete
sich das Bestreben nicht darauf, durch eine gute Lebensführung eine
Wiedergeburt auf höherer Stufe zu erlangen, sondern darin, dem ständigen
Kreislauf und Wechselspiel von Sterben und Wiedergeburt überhaupt zu entrinnen.
Dies ist der Sinn des indischen Begriffs der Erlösung (Mokscha).[24]
Da es die
Werke (Karma) sind, die das Band zur neuen Existenz bilden und diese bestimmen,
so ist Askese eine Vorbedingung der Erlösung. Eine weitere Voraussetzung war
das Wissen, das mit Atman gleichzusetzen ist: Nur wer das Unvergängliche kennt,
wird der Erlösung teilhaft. Ist aber der Atman im Menschen selbst, so bedarf es
keines Hingebens, sondern nur dieser Erkenntnis. Yagnavalkya führt aus:[25] „Wer
ohne Verlangen, frei von Verlangen, gestillten Verlangens, selbst sein
Verlangen ist, dessen Lebensgeister ziehen nicht aus; sondern Brahman ist er,
und in Brahman geht er auf.“ Die individuelle Existenz wird bei dieser Form der
Erlösung nicht bewahrt, sondern geht in der großen Weltseele unter: „Wie
fließende Ströme im Meer verschwinden, ihre Namen und ihre Form verlieren, so
schreitet ein weiser Mensch, von Namen und Gestalt befreit, in die göttliche
Weisheit ein, die über allem steht.“
5) Fazit
Schon im
vedischen Zeitalter bildeten sich die beiden Begriffe Brahman und Atman heraus,
die den Mittelpunkt alles weiteren hinduistischen Denkens bildeten. In der
Philosophie der Upanidschaden überragte ein Gedanke alles weitere: die
Identität Gottes und die Seele. Im Denken des alten Indiens ging es darum, dem
ständigen Kreislauf und Wechselspiel von Sterben und Wiedergeburt überhaupt zu
entrinnen und zur Erlösung (Mokscha) zu gelangen.
Das vedische
Zeitalter bis zu den Upanidschaden hatte einen verhältnismäßig einheitlichen
Grundton; die brahmatische Philosophie bildete den Hintergrund alles
philosophischen Denkens. Kritische Äußerungen über diese waren zwar auch in der
vedischen Literatur zu finden. Im Großen und Ganzen hatten es aber die Priester
verstanden, Zweifel und Kritik entweder zu unterdrücken oder abweichende
Anschauungen in den weiten Rahmen ihres Systems einzugliedern.
6) Literatur
-
Deussen, P.: Allgemeine Geschichte der Philosophie mit besonderer
Berücksichtigung der Religionen, Band 1, Leipzig 1906
-
Frauwallner, E.: Geschichte der
indischen Philosophie, 2 Bde. Salzburg 1953-56
-
Halbfass, W.: Philosophie. VII.
Ostasien. - B. Indien, in: Ritter, J. u.a. (Hrsg.): Historisches
Wörterbuch der Philosophie, Bd. 7, Basel 1989, S. 867-879
-
Hiriyanna, M.: Vom Wesen der indischen
Philosophie, München 1990
-
Kind, R.: Alte Kulturen, Tübingen 1993
-
Lorenz, K.: Indische Denker. München 1998
- Mohanty, J:N.: Reason and tradition in Indian thought,
Oxford 1992
- Roeder, C.: Hinduismus, Berlin
1995
-
Schmitt, I.: Geschichte der Mythen, Hamburg 1993
- Smart, N.: Doctrine and argument in Indian philosophy, ,2. Auflage, Leiden. 1992
- Surendranath, N. Dasgupta, A.: History of Indian Philosophy (5 Bde.). Cambridge 1922.
-
von Glasenapp, H.: Die Philosophie der
Inder, Stuttgart 1949
- Zimmer, H.:
Philosophie und Religion Indiens, 2. Auflage Frankfurt/M.1973
[1] Kind, R.: Alte Kulturen,
Tübingen 1993, S. 57
[2] Zimmer, H.: Philosophie
und Religion Indiens, 2. Auflage Frankfurt/M.1973, S. 21
[3] Ebd., S. 22
[4] Deussen, P.: Allgemeine Geschichte der Philosophie
mit besonderer Berücksichtigung der Religionen, Band 1,Leipzig 1906, S. 97
[5] von Glasenapp, H.: Die Philosophie der Inder, Stuttgart
1949, S. 65
[6] Frauwallner, E.: Geschichte der indischen Philosophie,
Band ,. Salzburg 1953-56, S. 121
[7] Ebd. S. 124
[8] Surendranath, N. Dasgupta, A.: History of Indian Philosophy , Band 1, Cambridge 1922, S. 235
[9] Roeder, C.: Hinduismus,
Berlin 1995, S. 14
[10] Schopenhauer, A.: Sämtliche
Werke, 6. Band: Pearga und Paralipomena, Leipzig 1891, S. 427
[11] Halbfass, W.: Philosophie. VII. Ostasien. - B. Indien,
in: Ritter, J. u.a. (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 7,
Basel 1989, S. 867-879, hier S. 869
[12] Deussen, P.: 60
Upanischads des Veda aus dem Sanskrit übersetzt, Leipzig 1897, S. 481
[13] Ebd., S. 316
[14] Zimmer, Philosophie und Religion
Indiens, a.a.O., S. 63
[15] Deussen, Allgemeine Geschichte der Philosophie mit
besonderer Berücksichtigung der Religionen, a.a.O., S. 247
[16] Lorenz, K.: Indische Denker. München 1998, S: 42
[17] Smart, N.:
Doctrine and argument in Indian philosophy, ,2. Auflage, Leiden. 1992, S. 65
[18] Schmitt, I.: Geschichte
der Mythen, Hamburg 1993, S. 68
[19] Hiriyanna, M.: Vom Wesen der indischen Philosophie,
München 1990, S: 79f
[20] Ebd., S. 82
[21] Mohanty, J:N.: Reason
and tradition in Indian thought, Oxford
1992, S. 46f
[22] von Glasenapp, Die Philosophie der Inder, a.a.O., S.
65
[23] Deussen, Allgemeine Geschichte der Philosophie mit
besonderer Berücksichtigung der Religionen, a.a.O., S. 297
[24] Hiriyanna, Vom Wesen der indischen Philosophie,
a.a.O., S. 86
[25] Deussen, Allgemeine Geschichte der Philosophie mit
besonderer Berücksichtigung der Religionen, a.a.O., S. 366
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