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| Erschienen in Ausgabe: No 49 (3/2010) | Letzte Änderung: 26. Februar '10 |
von Lutz Rathenow
Diese Stadt glaubt vor allem an sich selbst – in jedem
Winkel immer an jenen Teil des Ortes, den sie von sich wahrnimmt. Zum Beispiel
in meinem kleinen Hochhaus – die Erbauer dürften nicht abergläubisch gewesen
sein, sonst hätten sie es nicht bei dreizehn Stockwerken belassen – glauben die
meisten an die Kraft der Bilder, die sie verbreiten und herstellen. Die dritte
oder vierte Film- oder Castingfirma residiert hier oder wandert gerade mit
Kameras plus Stativen durch die Stadt auf der Suche nach unverbrauchten
Aufnahmen. Zum Beispiel vom multikulturellen Leben in einer Stadt, die einfach
zu groß für eine Religion ist. Ich brauche e nur von meinem Wohnpunkt aus in
die vier Himmelrichtungen ca. 2 Kilometer zu gehen, da bin ich in vier
verschiedenen Städten.
Richtung Spree und über sie hinweg komme ich sehr rasch nach
Kreuzberg. Vielleicht vorher mit einem Abstecher über den Alexanderplatz, um
sich von den Bibeltreuen Christen noch mit ein paar Flugblättern inspirieren,
aber sicher nicht bekehren zu lassen. Schade, das die tanzenden
Chrishnar-Jünger nur noch selten auftreten oder offenbar an anderen Punkten der
Stadt ein dankbareres Publikum haben. Oder sind sie konvertiert? Dieser indisch
angehauchte Ton fehlt ein wenig im transparenten Labyrinth der
Sinndeutungsangebote. Und kann auch nicht wettgemacht werden durch abgespielte
Arbeiterkampflieder einer vierten oder schon von ihr abgesprengten fünften
Internationale. Erst aus einiger Entfernung bekommen sie den blechernen
vernuschelten Klang, der sie ähnlich den Weckgesängen auf der Insel Bali vor
den Staatsfeiertagen klingen lässt. Und eigentlich schon in Kreuzberg gibt dir
noch ein Zeuge Jehovas seinen Wachturm in die Hand, dessen tröge
moralisierender Inhalt dich beruhigt: jemand will etwas von Dir, ohne sich die
Mühe zu geben, Dich wirklich kennen lernen zu wollen. Da in dieser Stadt die
Mehrheit der Menschen an gar keinen Gott zu glauben vorgibtregen sie viele missionierungswillige
Menschen zu Bekehrungsversuchen an. Es riecht end-lich nach türkischen Speisen
und Süßigkeiten und eine Klangwolke orientalisch inspirierter Schlager umgibt
dein Ohr – auf Dauer würde Dich das genauso nerven wie deutsche Schlager oder
Marschmusik jeglicher Nationalität. Im Sommer kannst Du mit halbgeschlossenen
Augen eine Verlängerung Deines letzten Istanbul-Aufenthaltes träumen. Aber auch
die Stadt am Bosperus ist zu groß und kontrastreich, um in einem Begriff
wirklich treffend gespiegelt zu sein. Und so prächtig sind Kreuzberg und seine
Verlängerungen nach Neukölln hinein dann doch nicht wie Istanbul an seinen
schönsten Stellen. An denen hörst du in der Türkei dann wieder eher mehr
deutsche Touristen-Stimmen als hier in Berlin, wo sich kurdisch türkisch
arabisch persisch englisch polnisch und russisch mischt, aber Russisch gab es
in Istanbul punktuell auch sehr oft. Und du gehst einer russisch geprägten
Gruppe hinterher und wärest fast in einem orthodoxen Gottesdienst gelandet.
Nein, der dauert dir zu lange und Du triffst einen Bekannten, der als Lehrer an
der Europa-Schule in Kreuzberg arbeitet, die nach dem türkischenSatiriker benannt ist, der sich gern mit dem
türkischen Staat und Militär anlegte, was lange Zeit ja fast eins war. Aber
auch das stimmt heute nicht mehr ganz und die deutsch-türkischen Schule, die
Kinder bis zum Abitur zweisprachig unterrichtet, bietet ein Beispiel für
funktionierendes Neben- und Miteinander. Wie in der ganzen Stadt bemühen sich
eigentlich die besonders gläubigen unter den Muslimen besonders unauffällig zu
sein und halten sich zurück. Kopftuchträgerinnen weichen im Zweifelsfall auf
dem Fußweg aus und bestehen nie auf ihrem Platz in einer Bahn oder
Anstehschlange. Anders die anderen, die sich und ihrer Umwelt und ihren
Freunden und vielleicht sogar ihrer Gang zeigen wollen und müssen wie cool und
unabhängig sie sind. Einmal in der U-Bahn auf einer der Kreuzberg-Linien die
junge, sehr reizvolle Türkin, die sehr laut vom Bruch erzählte, den sie heute
noch machen wolle.Und ihrem
gleichaltrigen siebzehn- oder achtzehnjährigen Begleiter aufforderte gleich mit
ihr auszusteigen und am Hermannplatz das Kaufhaus Karstadt ein wenig zu
entleeren. Er zischelte ihr auf Türkisch etwas zu – sie konterte „Sprich
Deutsch. Ich will, das Du deutsch mit mir sprichst. Wenn Du mich meinem Vater
abkaufen willst, musst Du schon noch 50 000 zusammenklauen. Darunter gibt es
mich nicht.“ Er versuchte sie mit Worten leiser zu stellen, sie will gesehen,
gehört, taxiert und geschätzt werden. Hätte mich nicht gewundert, wenn sie die
anwesenden Männer aufforderte zu bekunden, was sie denn so wert sei. Es hätte
ein Stück sein können, wenn es ein Stück gewesen wäre. Also ich erlebe alles
mögliche hier – außer islamischen Fundamentalismus. Könnte es aber sein, das
be-stimmte Inszenierungen eine Reaktion auf einen sanft undbeständig zunehmenden Fund-amentalismus
innerhalb einer Religion darstellen? Diese zunehmende Verweigerung der
Religiösität tritt deutlicher an die städtische Öffentlichkeit als die Religion
selbst, auf die sie vielleicht reagiert. Und die sich außer an den Schulen oft
zu verstecken versucht.
Darüber rede ich mit dem Lehrer und wir verabschieden uns am
Kottbusser Tor - ich bin in der Nähe der islamischen Grundschule, die nicht die
letzte private dieser Orientierung in Berlin bleiben wird. Das dort aus dem
Schuldienst ausgesonderte DDR-Lehrer mit Stasi-Verstrickung gern genommen
werden, könnte nur ein Gerücht sein, aber auch Gerüchte sagen etwas aus über
ein Bedürfnis danach und instabile Tatsachen. Lehrer sind auch dort wie an
allen Grundschulen fast nur Lehrerinnen. Ein Handwerkerfreund reparierte eine
Heizung und ließ sich extra Zeit. Der Unterricht schien ihm wie überall zu sein
– nur in den Koran-Stunden (Religionsunterricht) waren Disziplin und
Aufmerksamkeit sehr schlecht. Die Schüler quasselten miteinander. Intensiv zu
glauben heißt längst nicht über die Fähigkeit zu verfügen, diesen Glauben auch
zu vermitteln.
Die Stadt verführt immer wieder zu Toleranz und
Fundamentalisten haben hoffentlich Mühe, es zu bleiben. Alles Misstrauen baut
sich versehentlich ab und eher ungeplant. Ein Problem löst sich manchmal
dadurch, in dem es bei näherer Betrachtung in zwei ganz andere Probleme
zerfällt. Und da gerade Sonntag ist, läuten die Glocken einer der vielen
evangelischen oder der wenigen katholischen Kirchen, die gleichmäßig über die
Stadt verteilt sind. Beide haben gemeinsam, das sie zu den sonntäglichen
Gottesdiensten kaum genutzt werden. Es sei denn für den Heiligabend oder eine
Hochzeit oder ein Gospelkonzert und irgendeine spektakuläre Veranstaltung.
Nein, jetzt wollen wir einmal nicht an die Zeiten überfüllter Ostberliner
Kirchen zu Zeiten der Fast-Revolution 1989 denken. Ich stehe vor dem Neubau
einer Moschee, die höher geriet als in der ursprünglichen Planung. Wer hier
seinen zu festen Glauben hat, begreift vielleicht die ganze Welt auf seine
Weise, vor der Stadt und seinen Nachbarn zieht er sich eher zurück. Und wer
keinen festen Glauben sein eigen nennen kann, sucht sich halt einen flexiblen
und toleranten und neugierbereiten zusammen. Und lernt plötzlich jemand kennen,
der einen kleinen Tempel im Wohnzimmer hat - und Buddha verehrt. Real ist die
Polizei- Streife auf der anderen Straßenseite. Mitten in Kreuzberg:
Hausbesetzung oder Nazijagd oder wurde ein zu teures Auto abgefackelt? Nein,
hier ist nicht die Sekte der autonomen Aktivisten mit ihrer Theologie der
Luxusbekämpfung zu Gange, nicht mal das Graffiti-Einsatzkommando der Polizei
versucht das Dauergespräch über die Stadt per Spraydose einzuschränken – es
geht nur um die diskret bewachte jüdische Synagoge, fast gegenüber dem Urban-Krankenhaus
mit seiner psychiatrischen Abteilung und den Psychosen der dort Verweilenden.
Im Vergleich zum süddeutschen Raum eher mit einer unterdurchschnittlichen Zahl
von Gotteserscheinungen. ((Jetzt müsste ich die wunderschön hergerichtete und
gern besuchte große Synagoge in der Oranienstraße herbeiassoziieren samt der
jüdischen Schule in der Nähe, die alle besuchen dürfen, die aber doch Gefahr
läuft von sehr vermögenden russischen Zuwanderern zu sehr dominiert zu sein.
Oder ich könnte über die Eigenarten der Steinerschen Walldorf-Pädagogik in
Kreuzberg nachsinnen. Freimaurer und vegetarische Fundamentalisten verdienten
auch eine Erwähnung.)) Ist Berlin für einen Gott zu groß? Ein Babel, das nicht
in die Höhe wachsen will. Der Turm ist längst gefallen und hat sich als Stadt
verbreitet. Irgendwie sind hier alle infiziert vom Fundamentalismus der
allgegenwärtigen und ansteckenden Toleranz. Anders kann man sich in dieser
Stadt gar nicht bewegen. Das wäre doch eine schöne Vision, wenn Visionen nicht
langweilten.
Biografie: Lutz Rathenow, geb. 52 in Jena, seit 1977 in (Ost)Berlin.
Abseits von Lyrik, Kindertexten, Glossen, Analysen und dramatischen Versuchen
vor allem Autor glänzender kurzer Prosa: Sisyphos, Berlin Verlag 1995 (4
Auflagen), Ostberlin (Prosa-Collage mit Fotos von Harald Hauswald), Jaron, 2005
(5. Auflage 2010), Der Liebe wegen. Geschichten in einem Vere-nigungsbuch,
2009, edition buntehunde, Regensburg (Illustrationen Frank Ruprecht). Für 2011
plant der Verlag Ralf Liebe die Neuauflage von Rathenows Prosaerstling „Mit dem
Schlimmsten wurde schon gerechnet“(1980).
Neue Bücher 2010 „Gelächter, sortiert. Neue Folge.
Gedichte“, Verlag Ralf Liebe, 0„Ein Eisbär aus Apolda. Geschichten für Kinder“
Zweite veränderte Auflage (mit Illustrationen von Egbert Herfurth), LeiV
Verlag, Leipzig.
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