Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No 49 (3/2010) | Letzte Änderung: 12. November '11 |
Schmerz als komplexe Sinneswahrnehmung, gehört sicherlich
wie auch die Liebe zu einem sehr subjektiven Gefühlszustand, der nicht alleine
von den neuronalen Signalen aus den Schmerzfasern an das Gehirn bestimmt wird,
sondern auch unabhängig von körperlichen Schädigung bestehen kann. Aber im
Gegensatz zur Liebe ist der Schmerz keine reine Emotion, denn es fehlt ihm die
Qualität emotionale Erinnerung hervorzurufen, „ die uns im Nachfühlen zu
Mitleidenden machen könnte, wie das bei den reinen Emotionen der Fall ist.“ (S.
4. ,zitiert aus Dreitzel, 1997, S. 859). Wie es ist, an Schmerzen zu leiden,
kann erst nachvollzogen werden, wenn man selbst betroffen ist, egal wie hoch
das Maß an persönlicher Empathie ist. Deshalb bleibt stets eine Kluft zwischen
dem Schmerzhabenden und dem Therapeuten und somit eigentlich jegliche
Auseinandersetzung mit dem Thema zunächst blanke Theorie. Schmerz ist demnach
das, was der Einzelne als solchen empfindet und nicht selten kommt es zu
Verständigungsschwierigkeiten zwischen ihm und dem Behandelnden über das Leiden.
Und das unabhängig davon, wie stark der Betroffene in der Lage ist, die
Schmersymptome verständlich und eindeutig mitzuteilen. Problematisch erscheint
es auch, wenn der Schmerz, eigentlich als akutes Geschehenmit dem Charakter eines Warnsignals, dieses verläßt
und chronisch wird. Deshalb ist es notwendig, dass dieses sogenannte chronische
Schmerzsyndrom, wobei das Wort Syndrom die Komplexität seinerseits belegt, als
eigenständiges Krankheitsbild gesehen und behandelt werden muß. In jedem Fall
stellt der Schmerz eine Bedrohung der menschlichen Existenz dar, denn egal ob
akut oder chronisch, überschattet er alle anderen Wahrnehmungen. Das Mittel der
Wahl stellt immer die Ausschaltung und Betäubung dar, um ein gewisses Maß an
Lebensqualität so schnell wie möglich zurückzuerlangen. Je komplexer sich die
Schmerzbehandlung darstellt, desto höher ist der Leidensdruck sowohl für den
Betroffenen als auch für sein Umfeld. Und so bilden nicht zuletzt Schmerzbegleitung
und Mitleiden ein weites Problemfeld, wobei gegenseitiges Verständnis,
Hilfeleistungund Unterstützung zwischen
Betroffenen und Angehörigen thematisiert werden sollten.
All diesen Ansätzen trägt die kleine Artikelsammlung „Schmerz“ aus der Reihe
Psychologie & Gesellschaftskritik, herausgegeben vom Verlag Papst
Science Publishers, in angenehmer Kürze Rechnung. In fünf kleinen Aufsätzen
nähern sich Psychologen, Philosophen und Medizinsoziologen allen Facetten diesem
Thema und beleuchten je nach Fachgebiet Schmerz und Einsamkeit, Sinnhaftigkeit von Schmerz, das Gefühl des
Mitleidens und Schmerz und Rollenübernahme in der Rehabilitation und
Sterbendenversorgung. Ziel der unterschiedlichen Annäherungen ist es, eine
prinzipielle Kontrollierbarkeit von Schmerz zugunsteneiner Lebensbegleitung zurückzustellen, so
daß der individuelle Mensch lernen kann, in seiner ganz konkreten Situation mit
dem Schmerz zu leben. Dieser Lernprozess auf der Basis neurologischer und
biologischer Erkenntnisse schafft eine neue Vertrauensebene zwischen
Betroffenen, Angehörigen und Therapeuten und eröffnet neue Möglichkeiten
bezüglich Schmerz und Alltagsbewältigung.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.