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| Erschienen in Ausgabe: No. 9 (3/1995) | Letzte Änderung: 23. Januar '09 |
von Bernd Villhauer
'Exploring Philosophy' ist die überarbeitete Fassung von 'The Philosophical Quest', einer Einführung in die Philosophie, die 1988 erstmals erschien. Obwohl es sich um ein philosophisches Buch handelt, finden sich unterschiedliche 'Erzählebenen' in ihm. Es treten im wesentlichen zwei Personen auf: die Erzählerin selbst, deren Fortschritte in der Philosophie wir begleiten und eine ältere Freundin (die bezeichnend den Namen 'Sophia' trägt). In den Briefen, die Sophia an die Erzählerin schreibt, werden verschiedene Epochen der Philosophiegeschichte mit ihren Problemstellungen erläutert. Brenda Almond versteht es aber, das erste Stellen der letzten Fragen, die Neugier und Ungeduld der Schülerin so zu schildern, daß man an einigen Stellen ganz erstaunt wahrnimmt, wie sich plötzlich die Perspektive wandelt und deutlich wird, daß die Autorin schon auf eine Fülle von Erfahrungen mit dem Fach zurückblicken kann. So haben wir es im Grunde mit drei Sichtweisen zu tun, die einander gegenüberstehen und sich ergänzen: Mit der Schülerin, der weisen Freundin Sophia (die selbstverständlich auf einem Schloß wohnt) und der erwachsenen Philosophielehrerin, die auf ihre eigene Entwicklungsgeschichte zurückblickt. Spannend und faszinierend wird das Buch nicht aufgrund irgendeiner Handlung, die der Behandlung von philosophischen Problemen noch angehängt wird, sondern an jenen Stellen, an denen man spürt, daß persönliche Entwicklung und philosophische Einsicht einander berühren.
Will man 'Philosophie verkaufen', dann reicht es nicht, neue Formen und Medien
zu wählen oder mit flotter Schreibe auf veränderte
Rezeptionsbedingungen einzugehen. Man muß vielmehr ein Auge dafür
haben, wo philosophische Fragen die Menschen selbst berühren und auf
diejenigen Grundfragen verweisen, welche heutzutage zu oft und zu vorschnell
von den falschen Heiligen des 'New Age' oder den Seelenklempnern aller Art
beantwortet werden.
Die Philosophie selbst muß diese Fragen aufgreifen und sich nicht zu fein
sein, die Ängste und Hoffnungen der Menschen (auch außerhalb der
Universität!) zu ihrer Sache zu machen. Besonders wichtig ist hierbei,
daß einige Bestandteile der Massenkultur von sich aus schon eine
bestimmte Dynamik hin zu tiefergehenden Fragen haben. So wie manche
Literaturformen, die man traditionell zur Massenkultur zählt,
Anschluß- und Erweiterungsflächen für die Philosophie
aufweisen, so wird man auch im Bereich der neuen und neuesten Medien
philosophische Relevanz ausmachen und zwar meist da, wo man sie nicht erwartet.
So wie die Spionageromane John le Carrés existenzphilosophische
Argumente anführen oder in fast jeder Folge der amerikanischen
Science-Fiction-Serie 'Star Trek' ('Raumschiff Enterprise') Fragen zur
philosophischen Begründung von Demokratie und Toleranz sowie den ethischen
Aspekten technologischen Fortschritts gestellt werden, so kann man sicher auch
in der schönen neuen Welt der Computernetze und virtuellen Realitäten
das Fragen (und zwar das bohrende Fragen, das den Philosophen so unsympathisch
und die Philosophie so notwendig macht) nicht ganz vermeiden.
Was zeichnet nun aber die sogenannten klassischen, philosophischen
Einführungswerke aus? Nach meiner Erfahrung gibt es im wesentlichen zwei
Typen: die 'subjektiven' und die 'objektiven'. Unter den 'subjektiven' verstehe
ich solche, die im Grunde nur der Einführung in eine spezielle Philosophie
dienen; der Autor erklärt in ihnen auf möglichst leichtfaßliche
Art und Weise seinen speziellen philosophischen Ansatz und macht klar, wie er
zur Philosophie kam und zu welchen Schlüssen er bisher gelangte. Die
'objektiven' Einführungsbücher bemühen sich, einen
vollständigeren Überblick zu geben, sie listen brav alle
philosophiegeschichtlich relevanten Autoren auf; in ihnen überlassen die
Autoren gerne anderen das Wort und halten mit der eigenen Meinung hinter dem
Berg.
In 'Exploring Philosophy' wird eine Art Mittelweg eingeschlagen mit dem
Versuch, persönliches Anliegen und philosophiegeschichtliche Diskurse in
ein Gleichgewicht zu bringen. Almonds Lieblingsthemen wie die Entwicklung der
Familie unter dem Einfluß technologischer Neuerungen (beispielsweise
durch Verpflanzung von Embryonen) und der Zusammenhang zwischen Ethik und
analytischer Philosophie spielen natürlich eine zentrale Rolle.
Länger wird auch die Theorie der Rechte diskutiert.
Bei der Idee der Rechte, wie sie Brenda Almond hier ausführt, ist
nicht vor allem ausschlaggebend, 'woher die Rechte kommen' oder wie sie
begründet werden, sondern welchen Zweck sie in der moralischen Reflexion
einer Gesellschaft erfüllen können. Eine Gemeinschaft einigt sich auf
Rechte als Grundlage des gegenseitigen Respekts.
Aber besteht nicht ein direkter Zusammenhang zwischen der Begründbarkeit
der Rechte (wie auch anderer moralphilosophischer Setzungen ) und ihrer
Wirksamkeit? Damit eine Person A die Rechte anderer Personen B, C, ...
respektiert, muß sie daran glauben, daß diese Rechte mit den
objektiven Realitäten, die Person A anerkennt, in einem Zusammenhang
stehen. In schwierigen Entscheidungssituationen wird das 'Recht' nur dann
handlungsleitend wenn es Teil einer individuellen Weltbeschreibung ist.
Die Wichtigkeit, die Brenda Almond in ihrem neuen Buch einer solchen Frage
zubilligt, zeigt unter anderem auch, welchen Stellenwert die öffentliche
ethische Diskussion im angelsächsischen Sprachraum mittlerweile hat
Die Anfragen, die an die Philosophie gerichtet werden, sind nun einmal auch
weitaus stärker ethischer Natur als viele Philosophen das wahr haben
wollen. Wenn 'Normalbürger' sich beginnen für Philosophie zu
interessieren, dann sehr oft aus der Erfahrung persönlicher moralischer
Dilemmata oder nicht allein zu bewältigender Lebenskrisen heraus. Die
Philosophie muß die Ethik ernst nehmen, um selbst in der Gesellschaft
ernst genommen zu werden.
Und da ein gemeinsames Wertefundament nicht mehr besteht, der Konsens einer
(auch noch so verdünnten) christlichen Moral aber hinfällig geworden
scheint, sollte die kritische Neubegründung von ethischen Perspektiven,
wie sie beispielsweise in der analytischen Ethik versucht wird, auch
außerhalb von Amerika und England ernst genommen werden.
Brenda Almond: Exploring Philosophy, Blackwell, Oxford 1995
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