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| Erschienen in Ausgabe: No. 9 (3/1995) | Letzte Änderung: 23. Januar '09 |
Lutz Rathenows Buchdebüt im neuen Berlin Verlag
von Udo Scheer
Lutz Rathenow mußte nicht überzeichnen, als er in einem Gedicht
schrieb:
"...Dem Problemkind mache er,
treu vorm Frühstück, einen Hitlergruß,
dann ist der Junge lieb, erledigt alle Wege.
Langsam schläft dein rechter Arm dir ein."
Nachzulesen in dem Gedichtband "VERIRRTE STERNE oder WENN ALLES WIEDER MAL GANZ
ANDERS KOMMT". Der erschien im Merlin Verlag - soeben in seiner zweiten
Auflage.
Im Erzählband "Sisyphos" werden potentielle und unvermittelt ausbrechende
Gewalt ebenfalls thematisiert. In der Geschichte "Drei Leute und einer freut
sich immer" ist die unbestimmte Freude des auf der Straße gehenden L.
Anlaß für einen, sein "Messer mit allerlei Klingen" zu zücken.
"Der zweite zeigt seinen auffälligen Schlagring..." Pistole, Wurfmesser
und Schlagstock kommen im weiteren Verlauf zum Vorschein. Die Bedrohung wird
zum Muster für das Eskalieren und Kippen der Situation. Wer Rathenows
ersten, 1980 erschienenen Erzählband unter dem Titel "Mit dem Schlimmsten
wurde schon gerechnet" kennt, wird feststellen, diese Parabel ist nicht neu.
Damals nannte er sie "ein Vormittag". Der Unterschied: Die Bedrohung kam noch
ohne Messer und Schlagring aus. Sie war diffuser und rein verbal und las sich
so: "Da tritt der eine zwei Schritte zurück, die geöffnete Faust in
die Hosentasche steckend. Sein spöttischer Blick, Sekunden nur der. Dann
die beiläufige Rede. Er solle gehen, und zwar besser schnell als
langsam."
Indem Rathenow einige seiner früheren Erzählungen fortschreibt,
erlangen sie Gültigkeit über ihre DDR-Bezogenheit hinaus. Seine
einstigen Spötteleien und bissigen Satiren gegen die perverse Macht im
Staate DDR sind in der vorliegenden Auswahl kaum noch berücksichtigt.
Diese Texte haben ihr Ziel verloren. Rathenow kommt zu dem Schluß: In
Zeiten, da in der Satire jedem fast alles erlaubt ist, gelinge selten mehr, als
oberflächliche Polemik. Seine Konsequenz: Er reflektiert genau beobachtete
Alltagsbegebenheiten und persönlich geprägte Kindheitserinnerungen.
Der Ton wirkt nachdenklicher als früher. Ironische Auslassungen klingen
weniger radikal. Mehrere Geschichten spüren der Frage nach: Welche
Entwicklung nimmt einer, der unter den abgeschotteten Bedingungen der DDR
aufwuchs? Sie erzählen von den Sorgen, Nöten und Phantasiegegenwelten
eines Heranwachsenden, der von den Medieneinwirkungen der West-68er Bewegung
politisiert wurde. Dadurch lebte er nicht nur in der DDR, im elterlichen Haus
in Jena und in der Schule, die er wegträumte. Als eine frühe Form des
Versuchs auszubrechen, bastelte er mit Freunden die Weltkarte neu.
Machtgelüste, erotische Obsessionen und politische Verweigerung bestimmen
die Erlebniswelt des jungen Kopfrebellen. In der Eröffnungsgeschichte "Der
Weg hin und der zurück" heißt es "...Wenn ich keinen Studienplatz
bekomme, bekomme ich eben keinen. Dann werde ich etwas anderes oder gar
nichts... Ich muß lächeln und begreife meinen Ernst noch nicht."
"Ich lerne glaubhaft zu lügen", bekennt der Junge, den der Schuldirektor
überführen will, Westfernsehen gesehen zu haben. Das ist der
Nährboden, der Gegner hervorbringen kann. Wut treibt an. Das Durchstehen
von Konflikten wird zur Kernfrage der literarischen Gestaltung. Immer wieder
durchdringen sich bei Rathenow private und politische Ebenen. Er wechselt die
Perspektiven, verknüpft Ernstes mit Komischem, Reales mit Absurdem. Als
eine "gespaltene Persönlichkeit" mit einer Axt im Schädel darauf aus
ist, dem Icherzähler die Haare zu stutzen, wirkt sogar im Traum die
Unfehlbarkeit des verblüffenden Arguments: "Geh voraus!... Ich warte auf
Regen, feucht hacken sich die Haare besser." Es sind traumatische Erlebnisse
alltäglicher Monstrosität, aus denen sich schon das Kind durch seine
Aufmüpfigkeit löst. Rathenow schreibt: "Er bringt die Zäune zum
Klingen. Konzert für verschiedene Latten, nuancenreich, dumpf bis schrill.
Dies aufmunternde Konzert entschädigt für die Schule. Nun brauchen
die Lehrer wieder zwei, drei Stunden, alle geweckten Energien
einzuschläfern."
Zunehmend rücken Großstadterlebnisse ins Zentrum, unter ihnen
Erzählungen über Einsamkeit, Geschichten, die Spannungen und
Entfremdung zwischen Partnern bloßlegen. Nicht immer gelingt es dem
Autor, sich in seiner Lust am Spiel mit den Figuren und Situationen völlig
zurückzunehmen. Wo er es schafft - am klarsten interessanterweise in den
Frauengeschichten - entstehen überzeugende Texte. "Lieblos Leben" wird so
zu einer fesselnd quälenden Studie über eine, die ihren Liebhaber und
vielfachen Vergewaltiger ins Gefängnis bringt. Doch während er an der
Haft zerbricht, gelingt es ihr nicht, sich von ihm zu lösen. Denn, Zitat:
"Perversion ist die normale Art, auf den Alltag zu reagieren."
Dieser Satz könnte als Motto über den meisten der 27 Geschichten
stehen, egal ob sie davon erzählen, wie ein Vater die Katze umbringen will
und die Tochter die Vorbereitungen immer wieder stört, oder wie einer
Leben lang nach einer Flaschenpost sucht - bis er eine findet, die ihn in die
Berge lockt. Provozierend wirken die Texte immer dann, wenn eine verkehrte Welt
und die Sehnsucht nach Glück aufeinanderstoßen. Dann träumen
Rathenows Gestalten schon einmal, davonzufliegen und die "gigantische Leere"
hinter sich zu lassen. Nicht selten agieren komische Käuze und
verschrobene Einzelgänger, die sich trotzig so einrichten, daß die
Welt sich wie von selbst in Frage stellt. Und doch verbirgt sich hinter den
Texten immer auch die Suche nach menschlicher Nähe und Verständnis.
Diese Suche nach dem Glück findet sich selbst in der schrägen
Karikatur einer deutschen Lieblingsbeschäftigung, in der
Kleingartenakuratesse des Herrn Leibling, der dem Unkraut und den Insekten den
Krieg erklärt hat. Er siegt: kompromißlos, entschlossen und
endgültig. - Die Zerstörung des Gartens nimmt er dafür in
Kauf.
Die Welt ist seit dem Wegfall der DDR verrückter geworden. Rathenows
Erzählungen kommt das entgegen. Sie erscheinen heute normaler. Furios
beginnt die Titelgeschichte "Sisyphos" mit dem Wunsch nach einer Zelle:
"Schön klein soll sie sein. Hineinsperren solle man ihn. Da paßt der
Stein nicht rein." Später stellt sich heraus, daß ein ehemaliger
Stasi-Offizier sein ehemaliges Opfer weiter überwacht. Er sammelt dessen
Notizen aus dem Müllcontainer für potentielle spätere
Auftraggeber. Der Text bietet mehr als Stoff, als er auserzählt. In ihm
zeigen sich Chancen und Probleme des Autors, der sich bisher dem Roman
verweigert. Dennoch: Als Dissident bekannt, als politischer Kommentator
respektiert und von Gegnern attackiert, als Lyriker und Dramatiker umstritten,
als Kinderbuchautor gut verkauft, empfiehlt sich der Erzähler Rathenow als
ein Chronist mit erstaunlichem Gespür für die Merkwürdigkeiten
und Deformationen im Hier und Heute.
Lutz Rathenow, "Sisyphos", Berlin Verlag, Berlin 1995, 160 S., 32 DM
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