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| Erschienen in Ausgabe: No 50 (4/2010) | Letzte Änderung: 20. Maerz '10 |
Der Senat der Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald votiert deutlich gegen eine Namensänderung
von Constantin Graf von Hoensbroech
Ernst Moritz Arndt darf auch
weiterhin auf "seine" Universität blicken. Der berühmte Gelehrte
(1769 bis 1860), Freiheitskämpfer, Schriftsteller und spätere
Paulskirchen-Abgeordnete wurde nicht von seinem Sockel auf dem Rubenowdenkmal
gestoßen, von dem aus er auf das Hauptgebäude der nach ihm benannten
Universität in Greifswald blickt. Eine "Uni ohne Arndt", so der Name
einer aus Hochschullehrern und Studenten geformten Initiative, wird es an einer
der ältesten deutschen Hochschulen nicht geben. So hat es das oberste Gremium
der Universität, der Senat, entschieden. 22 Mitglieder des 36-köpfigen Gremiums
votierten für die Namensbeibehaltung, 14 Senatoren waren dagegen. Somit wurde
die nötige Zweidrittelmehrheit für eine Ablegung des Namens Ernst Moritz Arndt
nicht erreicht. Studentische Senatoren und ein Senator der Gruppe der
Professoren hatten einen Antrag zur Änderung der Grundordnung der Universität
eingebracht. Der Name sollte von Ernst Moritz Arndt Universität Greifswald in
Universität Greifswald geändert werden. Die erforderliche Zweidrittelmehrheit
zur Änderung der Grundordnung wurde damit verfehlt.
„Die Universität hat sich lange mit dem
Namensgeber der Hochschule auseinander zu setzen gehabt. Auch in der
Öffentlichkeit ist darüber intensiv diskutiert worden, leider nicht immer nur
sachlich. Ich empfinde es als gutes Zeichen und guten Stil, dass der Senat
diese Frage sehr ernsthaft diskutiert hat und zu einer eindeutigen
demokratischen Entscheidung gekommen ist“, erklärte Rektor Professor Dr. Rainer
Westermann.
Dieses deutliche Votum war so
nicht unbedingt zu erwarten gewesen. In den örtlichen Medien wurden seit
Monaten die Pro- und Contra-Positionen ausgetauscht und hatten den Eindruck
erweckt, dass es zu einer denkbar knappen Entscheidung kommen würde (Tagespost
berichtete). Vermeintlich gut informierte Schreiberlinge verkündeten am Tage
der Senatssitzung in ihrem Blatt, so beispielsweise der Kölner Stadt-Anzeiger, den
Ausgang der Senatorensitzung und nutzten dies dann auch noch vorschnell, um
ihre Sympathien für die Namensablegung zu begründen und die so dann doch nicht
präjudizierte Entscheidung als Beginn einer Diskussion im "nationalen
Maßstab" zu markieren. Als ob es die nicht gegeben hätte!
Schließlich hat der Namensstreit in der alt-ehrwürdigen vorpommerschen
Hansestadt in den zurückliegenden Monaten nicht nur am Strand der nahe gelegenen
Ostesee hohe Wellen geschlagen. In zahlreichen Feuilletons wurden prominent und
zum Teil hoch wissenschaftlich über die das Wirken und die Bedeutung des von
der Insel Rügen stammenden Gelehrten gestritten. Durch öffentliche und
wissenschaftliche Veranstaltungen und Symposien hatte die Universität selbst
die Debatte transparent und sachlich befördert und somit zu einer
differenzierten Auseinandersetzung beigetragen. Bereits im Juli 2009 war vom
Senat eine Kommission eingerichtet worden, die bis Februar die stichhaltigsten
Argumente für beide Seiten zusammengetragen hatte. Die Kommission hatte ihren
Ausgang im Sommer vergangenen Jahres genommen, nachdem in einer vom örtlichen AStA
einberufenen Vollversammlung der Studentenschaft mit großer Mehrheit für die Namensablegung
plädiert worden war.
Über die Arbeit der Namenskommission teilt die Universität
mit, dass als ein "Argument für die Beibehaltung des Namens unter
anderem aufgeführt wurde, dass Arndt ein vorbildlicher und publizistisch
wirksamer Streiter für soziale Gerechtigkeit, für mehr Demokratie und
Verfassungsrechte, für Meinungs- und Pressefreiheit war. Sein Name habe
traditionsbildend gewirkt, und er sei auch zu DDR-Zeiten Identifikationsfigur
für die deutsche Einheit gewesen." Demgegenüber steht die Auffassung, dass
wissenschaftliche Argumente allein keine Entscheidungsgrundlage sein könnten.
"Aufgrund ihres herausgehobenen Status in der Gesellschaft sowie ihrer
internationalen Beziehungen sollte eine Universität in besonderem Maße die Implikationen
einer Namensgebung bedenken". Es wird darauf verwiesen, dass Arndt in
unerträglicher Weise „Fremdenhass“ und „Judenfeindlichkeit“ und einen
aggressiven Nationalismus gepredigt habe. Er sei ein Propagandist gewesen, der
selbst propagandistisch instrumentalisiert wurde.
Die Befürworter der
Namensablegung werden wohl auch weiterhin Ernst Moritz Arndt in erster Linie
als einen Nationalisten, Fremdenfeind und Antisemiten darstellen. Ein Argument
für sie war auch der Hinweis darauf, dass die Universitäts-Namensgebung im Jahr
1933 vom damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring verfügt
worden ist. Die Verantwortlichen der zweiten deutschen Diktatur interessierte
das übrigens nicht: DDR-Kulturvertreter gaben der 1456 gegründeten Alma Mater
im Jahr 1954 das nach dem Krieg abgelegte Patronat von Arndt wieder zurück.
Die Gegner der Namensablegung
verwiesen auf Arndts Verdienste wie sie auch die Namenskommission identifiziert
hatte. Seine - unbestritten - fremdenfeindlichen und auch antisemitischen Äußerungen
stellen sie in den historischen Kontext der unterschiedlichen Strömungen des
damals vorherrschenden Zeitgeists im Zuge der deutschen Freiheitsbewegung des
frühen 19. Jahrhunderts. In der Tat mutet es geradezu verwegen und wenig valide
an, von hier aus mit damaligen Protagonisten wie Arndt eine Linie zum
Antisemitismus nationalsozialistischer Provenienz mit all seinen Exzessen zu
ziehen. Ob die Debatte um Arndt im Besonderen und andere unbequeme historische
Figuren im Allgemeinen damit zu Ende ist, darf bezweifelt werden. Schließlich
hatte es schon vor etwa zehn Jahren das Unterfangen gegeben, die Ernst Moritz Arndt
Universität Greifswald in die Universität Greifswald umzubenennen. Es ist also
nicht ausgeschlossen, dass es in einigen Jahren einen erneuten Anlauf zur
Geschichtsklärung geben könnte.
Oder ist es eher
Geschichtsklitterung? Nicht selten zeigt eine Umbenennungsaktionen oder aber
die bewusste Ausblendung aus der Erinnerungskultur die Unfähigkeit im Umgang
mit der Vergangenheit und den untauglichen Versuch, durch solches Vorgehen
ungerade Wege, unbefriedigende Verläufe sowie unbequeme Protagonisten zu
begradigen oder zu korrigieren.
Arndt selbst, der auch
langjähriger Rektor der Bonner Universität war und dessen Todestag sich Ende
Januar zum 150. Mal jährte, dürfte die Debatte um ihn mit Gelassenheit verfolgt
haben. "Seht die Sonne geht zur Ruh/kommt doch
morgen wieder“, lautet die Schlusszeile auf der Tafel an Arndts Grab auf dem
Alten Friedhof in Bonn. Unruhe droht ihm da nur durch das mächtige Wurzelwerk
der Eiche zwischen ihm und der Ruhestätte seiner Frau. Aber das ist eine ganz
andere Geschichte.
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