Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: Ohne Ausgabe | Letzte Änderung: 22. Maerz '10 |
von Horst Köhler
Das ist ein guter Tag heute, für Leipzig, für Sachsen und für die ganze
deutsche Kulturlandschaft. Das Bach-Archiv Leipzig wird wiedereröffnet und das
Bach-Museum, neu gestaltet und doppelt so groß wie früher, wird Besuchern aus
aller Welt wieder zugänglich.
Ich weiß, Sie sind hier besonders stolz darauf, dass das Bach-Archiv und
damit das Bach-Museum zu den sogenannten "Kulturellen Leuchttürmen"
in den Neuen Ländern gehören. Selbst hier im Binnenland weiß man, dass
Leuchttürme nicht zuerst für sich selber Glanz verbreiten sollen, sondern dass
ihr Leuchtfeuer dazu dient, Schiffe auf Kurs zu halten und ihnen Orientierung
zu geben.
Genau so ist es mit den kulturellen Leuchttürmen. Sie sind sehr
unterschiedlich und geben auf unterschiedlichen Routen Orientierung. Dieser
Leuchtturm hier, das Bach-Archiv zu Leipzig, steht für eine wesentliche
kulturelle Aufgabe, der wir uns stellen: die Pflege des kulturellen Erbes, die
Erhaltung und Erforschung der schriftlichen Überlieferung - und schließlich
auch das Lebendigmachen des Überkommenen, die gegenwärtige Auseinandersetzung
mit den Alten Meistern, was hier in Leipzig beispielhaft durch das Bach-Fest
und den Bach-Wettbewerb geschieht.
Vor einiger Zeit habe ich zum ersten Mal ein Bach-Autograph in der Hand
gehabt und konnte es von Nahem bewundern. Es war die Handschrift der
h-moll-Messe. Die Leiterin der Staatsbibliothek zu Berlin hatte sie mir
mitgebracht, als einige Bibliothekare und Archivare mich über die Initiative
zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts informierten.
Von einer solchen Originalhandschrift geht eine große Faszination aus, sie
hat eine Aura, die uns unmittelbar berührt. Zu wissen, diese Noten hat Johann
Sebastian Bach selber zu Papier gebracht, zu sehen, wie exakt und schön seine
Handschrift ist, all das ist uns nur möglich, weil es Archive gibt und weil
Archivare und Restauratoren so gute Arbeit leisten.
Vor dieser Arbeit habe ich eine große Achtung. Die alten Schriftzeugnisse
werden mit allermodernsten Mitteln der Gegenwart und der Nachwelt überliefert -
und zwar in der sprichwörtlichen "mühevollen Kleinarbeit".
Als Laie kam ich zugegebenermaßen aus dem Staunen nicht heraus, als
Restauratoren mir erklärten, wie man einzelne Manuskriptseiten aufschneiden und
so in Vorder- und Rückseite trennen kann, um sie konservatorisch zu behandeln
und dann wieder zusammenzufügen. Was für eine Mühe, was für eine
Kunstfertigkeit!
Ich freue mich sehr, zu hören, dass die Bestände in Ihrer Bibliothek nun in
einem guten Zustand sind, dass auch der große Feind der alten Materialien, der
Tintenfraß, besiegt zu sein scheint. Ich freue mich auch darüber, dass das neu
gestaltete Museum so eingerichtet worden ist, dass man gefahrlos auch die
großen Kostbarkeiten ausstellen kann. So werden sie nicht mehr nur wenigen
Auserwählten vor Augen kommen, sondern allen, die sich dafür interessieren. Das
wird sicher viele Besucher von überallher neu anziehen.
Ein besonderer Besuch ist für die nächste Woche angekündigt, wenn Sie mit
der Urkunde ausgezeichnet werden, die bestätigt, dass Sie ein Ort im "Land
der Ideen" sind.
Arbeit im Archiv, Forschung an der Überlieferung: das ist Arbeit am Erhalt
des kulturellen Gedächtnisses der Nation. Wie gefährdet dieses Gedächtnis ist,
wenn wir im Umgang damit nicht größte Umsicht walten lassen, haben uns in den
letzten Jahren der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek und der Einsturz des Kölner
Stadtarchivs vor Augen geführt. Vieles kann - durch Unachtsamkeit, manchmal
sogar durch Schlamperei und kriminelles Handeln verursacht - unrettbar verloren
gehen.
Vergessen wir nicht die Hauptperson des heutigen Tages: Johann Sebastian
Bach. Die Thomaner haben uns vorhin schon ganz wunderbar auf ihn eingestimmt,
mit seiner Motette "Singet dem Herrn ein neues Lied". Die Thomaner
selbst stehen nicht nur für eine vielhundertjährige, ununterbrochene
Chorgeschichte - sie stehen auch für eine stets neue und stets auch der
Gegenwart verpflichtete Auseinandersetzung mit Johann Sebastian Bach.
Das ist ja das immer wieder Erstaunliche: wie jede Zeit Bach neu entdeckt,
andere Züge wahrnimmt, eine andere Aufführungspraxis bevorzugt. Wir wissen: Wir
werden nie genau erfahren, wie die Bachsche Musik zu seiner Zeit wirklich
geklungen hat, aber durch die ständige Forschung und genaues Studium einerseits
und durch Experimentierfreude andererseits ändert sich unser Bild von Bach und
unsere Vorstellung von seinem Klangbild. Jede Gegenwart findet ihren Bach - er
veraltet nie.
Wer etwa eine Motette in der Aufnahme mit dem Thomanerchor vom Anfang der
fünfziger Jahre hört und dieselbe Motette heute, der erfährt, wie Vorstellungen
von Klang sich ändern. Man hört aber der alten Aufnahme auch an, wie befreit
diese jungen Menschen aufsingen, die gerade noch den Krieg mit all seinen
Schrecken erlebt hatten. Es ist ergreifend, sich vorzustellen, wie damals nach
dem Krieg, aber auch zu vielen anderen Zeiten, Menschen diese Motette gehört
haben: "Singet dem Herrn ein neues Lied..." und darin einen Ausdruck
ihres eigenen Erlebens gefunden haben.
Wie kaum eine andere Musik vermag uns die Musik Bachs eine Ahnung davon zu
geben, dass unser Leben eine Dimension hat, die über das Irdische hinaus geht.
Das macht die Musik, wo sie Schmerz zum Ausdruck bringt, so trostreich, und wo
sie jubelt, so himmelstürmend.
Und - noch ein kleines Wunder - überall in der Welt wird diese Musik
verstanden und gespielt. Manche bestreiten, dass es eine Weltsprache der Musik
gibt. Bach aber wird universal gehört, gespielt und geliebt. Durch ihn hat
deutsche Kultur in aller Welt buchstäblich einen guten Klang.
Das Allerschönste für mich ist aber, dass Bach keineswegs nur von
professionellen Musikern aufgeführt oder von ausgebildeten Sängern gesungen
wird, dass er keineswegs nur auf CDs gehört wird, sondern dass sehr viele
Menschen - auch sogenannte Laien - selber Bach singen und spielen. Bach ist in
unserem aktiven Musikleben präsent. Seine Musik ist oft Teil des Gottesdienstes
- längst nicht nur in evangelischen Kirchen -, sie wird von Kirchenchören
aufgeführt aber auch von anderen Freizeitmusikern. Wie viele Sänger haben nicht
schon zumindest Teile aus dem Weihnachtsoratorium, aus den Passionen und den
Motetten gesungen!
Die große und lebendige Musikkultur in unserem Land bringt es mit sich, dass
auch Menschen, die keine klassische musikalische Bildung genossen haben, sich
selber aktiv mit großen Werken der Kunst beschäftigen - und daraus viel Freude
und Lebenskraft schöpfen. Das ist ein ganz kostbares Gut, das jede
Unterstützung verdient.
Vielen Dank.
www.bundespraesident.de
Änderungen vorbehalten.
Es gilt das gesprochene Wort.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.