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| Erschienen in Ausgabe: No 51 (5/2010) | Letzte Änderung: 28. April '11 |
Miriam Meckel, Das Glück der Unerreichbarkeit, Wege aus der Kommunikationsfalle, 4. Auflage 2008, Murmann-Verlag GmbH, Hamburg 2008, ISBN: 978-3-86774-002-9, Preis: 18.00 Euro
von Egidius Schwarz
Ein Buch sorgte in letzten Jahren für Aufsehen, nicht nur
weil es auch von Frank Schirrmacher jüngst in „Payback“ goutiert wurde, sondern
auch, weil es eine Mehrzahl von Neuauflagen erfuhr. Gemeint ist Miriam Meckel
und ihr „Das Glück der Unerreichbarkeit, Wege aus der Kommunikationsfalle“.
Dies ist um so bemerkenswerter, weil die Medienwissenschaftlerin Meckel, die
einen Lehrstuhl in St. Gallen innehat und dort Professorin für Corporate
Communication ist, nichts wesentlich Neues bringt, als dies der Mediengeplagte
ohnehin schon weiß, wenngleich sie mit einer Vielzahl von Statistiken unsere Abhängigkeit
von den Technologien immer wieder untermauert, was dem ganzen Unternehmen den
Anstrich professoraler Gelehrtheit geben soll.
Nun mag es am ewigen Verfall der neuesten Literatur liegen,
daß einer Vielzahl von Büchern deutlich die Qualität abhanden kommt, aber bei
Meckel zeigt sich darüber hinaus, daß dort eine, die mit der Kommunikation und
mit einer durchweg genossenen und zelebrierten Selbstmedialisierung groß geworden
ist, diese nun verdammt und geradezu die Unerreichbarkeit zum letzten Ziel des
Glücks stilisiert wissen will. Immer ist dabei von freiem Willen und
Fremdbestimmtheit, von der „Tyrannei der Entscheidung“, von „Datenflut und
Denkebbe“ die Rede, immer wieder schwankt das Ich zwischen Selbstreduktion und
unerhörter Bedrängtheit, nur ist dies keineswegs neu, sondern neu ist nur die
Form, in der dies nun geschieht.
Was aber gerade an dieser Art und Weise des Argumentierens
stört, ist und bleibt, daß die einst so gepriesene Mediengeilheit, die
egomanische Selbstverliebtheit in die Möglichkeiten der neuen Kommunikation, nunmehr
Branchenintern gescholten wird, von einer Branche, die vor Jahren noch
frenetisch die neuen technischen Errungenschaften bis zur Ermüdung feierte; die
Vielzahl von Lehrstühlen, die in den letzten Jahren eigens für diese
„Wissenschaft“ gegründet wurden, belegen die Nachhaltigkeit von einer Denke,
die sich eine Revolution der Gesellschaft von den medialen Möglichkeiten
erhoffte, einen Strukturwandel der Öffentlichkeit à la Habermas, die die
sogenannte Globalisierung des Geistes im Anbrechen sah. Wer nicht für die neuen
Medien war, war wahrhaftig unzeitgemäß und darüber noch ein Dummkopf sondergleichen.
Und wohin Meckel diese frenetische Begeisterung nun geführt
hat, zeigt ihr neues Buch „Briefe an mein Leben, Erfahrungen mit einem Burnout“,
das aber selbst wiederum nur um das Phänomen Meckel kreist, das sich nunmehr im
Getümmel der Informationen selbst kaputtgelaufen und verloren hat – hätte sie
doch ihre Warnungen beherzt angenommen, wäre es zu diesem Schicksalsschlag auch
nicht gekommen. Das Glück der Unerreichbarkeit scheint zwangsläufig ein Burnout
heraufzubeschwören, was aber auch dann nicht recht einleuchten will, weil
Meckel einerseits für die Kraft der Ratio und die ihr immanenten Möglichkeiten,
nämlich auf einen immer möglichen Verzicht auf das Mehr-Wissen aufmerksam
macht, zum anderen aber von der mächtigen Allgegenwart des fremdbestimmenden
Außen, das die Welt- und Daseinbezüge in aller Schrecklichkeit dominiert,
spricht. Da muß man sich schon entscheiden – entweder vernünftige Wahlfreiheit
oder Entscheidungsschwierigkeit.
Festzuhalten bleibt, wenngleich dies sicherlich nicht für
die Generation der Jüngsten gilt, also derer, die im Zeitalter des Internets
gehen gelernt haben und dieses auch wie eine liebenswerte Alltagskrücke
behandeln, daß das Internet und das Blackberry niemals, wenn dies nicht gewollt
ist, also kritisch reflektiert wird, jene Faszinationskraft auszuüben imstande
sind, wie uns Meckel in ihrem „Glück der Unerreichbarkeit“ nachzuweisen sucht
und empirisch nachweisbar beglaubigen will. Es bleibt dabei: Nur wenn es sich
der Informierte, sei es aus eigenem Selbstgefälligkeitsbedürfnis oder von einem
verlorenen Realitätsstandort aus, es sich zur Lebensmaxime gemacht hat, sich
diesen äußeren Nötigungen selbstgefällig hinzugeben, um ja nichts zu verpassen,
dann ist er letztendlich selbst daran schuld, so sehr er auch die
Begründungspflicht an die neuen Medien weiterleitet. Meckel verliert sich –
ganz medial – in reflexiver Bezüglichkeit, zerfasert sich, ganz wie die mediale
Welt, gegen die sie anzuschreiben suchte; die Sehnsucht nach Anerkennung, wie
bei vielen Medientheoretiker bemerkbar, ist auch hier deutlich zu spüren. Fast,
so möchte man meinen, ringt hier eine ganze Wissenschaft nach Anerkennung um
jeden Preis, nur unterscheidet sich dieser Versuch qualitativ von den
Legitimationsversuchen der Sozialwissenschaften vor hundert Jahren gravierend.
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