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| Erschienen in Ausgabe: No. 9 (3/1995) | Letzte Änderung: 23. Januar '09 |
von Christian Danz
In seinem 1929 in der Zeitschrift "Zwischen den Zeiten" veröffentlichten
Artikel "Brunners Verteidigung der Theologie" bemerkt E. Grisebach [1] gegenüber einer von Brunner unterstellten
Schülerschaft Friedrich Gogartens:
"In dieser Hinsicht muß das kritische Denken offen seinen Mißerfolg
eingestehen. Denn z.B. Gogarten wurde in dieser, der einzigen von der
kritischen Philosophie angebotenen Wahrheit, kein `Schüler' [...] Die
Voraussetzung geistesgeschichtlicher Erinnerung ist bei Gogarten ein zwar noch
nicht ganz geklärtes, aber deutlich auf die Geschichtsphilosophie
Schelling-Heideggers tendierendes existentielles Apriori."2
Es mag zunächst noch offen bleiben, worin die Wahrheit besteht, die
Grisebach Gogarten angeboten hatte. Offensichtlich ist jedoch, nimmt man die
zitierte Passage ernst, daß diese Wahrheit des kritischen Denkens bei
Gogarten einen schwachen Resonanzboden fand. Grisebach konstatiert hier den
Mißerfolg eines Diskurses, der zehn Jahre zuvor, im Jahre 1919, zwischen
ihm und Gogarten begann.
In den folgenden Überlegungen möchte ich diesem Diskurs etwas
nachspüren, einige Linien nachzeichnen und den Punkt herausarbeiten, der
Gogartens Theologie in das von Grisebach konstatierte existentielle Apriori
tendieren ließ. Freilich ist es ein Grisebach, der zu der
kritischen Einsicht gelangt ist, daß Wahrheit und Wirklichkeit nicht
identisch sind. Wichtig scheint mir hierbei jedoch zu sein, daß es gerade
auch das intensive Gespräch mit Gogarten war, welches zu dieser kritischen
Einsicht Grisebachs geführt hat.
Grisebach und Gogarten kannten sich seit 1919 und führten vom 14. Mai 1921
bis zum 11. Juli 1922 einen Briefwechsel, der das Verhältnis von Theologie
und Philosophie klären sollte.
An den Ausgangspunkt meiner Überlegungen möchte ich diesen
Briefwechsel stellen. Es kann in einem Artikel in der TABVLA RASA freilich
nicht darum gehen, diesen Briefwechsel erschöpfend zu analysieren. Ich
möchte lediglich durch ein formales Modell die Grundstruktur dieses
Dialoges herausarbeiten, gewissermaßen den common sense, um zu zeigen,
welche Konsequenzen von Grisebach und Gogarten daraus gezogen wurden.
In einem zweiten Schritt möchte ich Gogartens theologische Position aus
dem Jahre 1927 in ihren Grundzügen darlegen, freilich ohne den Anspruch,
hier Erschöpfendes sagen zu wollen. Ich werde mich hier im wesentlichen
auf seinen Habilitationsvortrag beziehen, der den Titel trägt
`Theologische Tradition und theologische Arbeit. Geistesgeschichte oder
Theologie?'. Grisebach wird Gogarten zwei Jahre später den Einwand machen,
daß er tendentiell Geistesgeschichte betreibe. Da Gogarten in seinem
Vortrag von 1927 gerade daran orientiert ist, eine theologische Konzeption
auszuarbeiten, die keine geistesgeschichtlichen Voraussetzungen macht, scheint
es gerechtfertigt, diesen Vortrag zu analysieren und auf seine Differenzen zum
Denken Grisebachs hin zu befragen.
In seinen Arbeiten, die nach 1926 entstanden sind, schweigt Gogarten in bezug
auf seinen damaligen Gesprächspartner. Nur 1929 nennt er ihn in einer
Rezension von K. Barths `Christlicher Dogmatik im Entwurf' im Zusammenhang
einer Kritik an H. M. Müller, der 1928 Barths Dogmatik rezensiert hatte.
Diesem Zusammenhang, der mit der Frage verbunden ist, warum sich Gogarten von
Grisebach abwendete, möchte ich in einem dritten und abschließenden
Punkt nachgehen.
Der von Grisebach und Gogarten geführte Briefwechsel versucht das
Verhältnis zwischen Philosophie und Theologie aus den Perspektiven von
Philosophie und Theologie zu klären. Getragen ist dieser Diskurs von der
Einsicht in die Perspektivität unseres Denkens, und d.h. von dem
Sachverhalt, daß sich das Verhältnis von Philosophie und Theologie
aus der Perspektive der Philosophie anders darstellt als aus der Perspektive
der Theologie. Diese Perspektivität ist nun nichts anderes als der
Ausdruck für die Endlichkeit des Denkens und die uns damit nicht zur
Verfügung stehende Perspektive des Absoluten. Sind wir vom Absoluten
ausgeschlossen, so haben wir zwar nicht die Metaperspektive des Absoluten, aber
damit ist jedoch noch nichts darüber ausgesagt, welche Bedeutung das sich
dem Endlichen entziehende Absolute für dieses Endliche hat. Nimmt man das
Absolute in diesem Sinne in Anspruch, so ist auf Grund der genannten
Perspektivität von Philosophie und Theologie klar, daß das Absolute
in beiden Perspektiven unterschiedlich zur Darstellung kommen muß.
Auf die eigentümliche Perspektivität der Philosophie weist Grisebach
in seinem zweiten Brief an Gogarten vom 4. Juni 1921 hin, wenn er schreibt:
"Jedes philosophische System, das einen Begriff der Welt anbietet und deshalb
in der Sphäre des umfassenden Gedankens bleiben muß, setzt eine
unendliche Erfahrung, ein Erlebnis voraus, das sich gedanklich als Nichtwissen
und Fragen nach einer transzendenten absoluten Gegebenheit darstellt." (10) [3]
In der zitierten Stelle spricht Grisebach von einer Differenz der Sphäre
des umfassenden Gedankens und einem Erlebnis als Nichtwissen. Diese Differenz
kann man verstehen als Differenz von Faktizität und Reflexion, die
für jedes Denken konstitutiv ist und welche in jedem Gedanken schon in
Anspruch genommen ist. Freilich ist diese Differenz dem lebensweltlichen Wissen
nicht bewußt, da sie sich nur in der philosophischerseits getätigten
Reflexion erschließt. Vergegenwärtigt sich nämlich in der
Reflexion das Denken selbst, so stößt es auf den paradoxen
Sachverhalt, daß es sich in dieser Reflexion immer schon in Anspruch
nehmen muß und damit die Faktizität seiner selbst nicht wieder durch
die Reflexion erschließen kann. Da die Philosophie in ihrem Vollzug diese
Faktizität des Denkvollzuges immer schon beanspruchen muß, und diese
nicht mit der Reflexion oder dem Begriff zur Deckung kommt, so ist dies ein
Indiz dafür, daß das Absolute des Wissens dem Wissen immer entzogen
ist und bleibt. Die Philosophie kann daher nur nach dem Absoluten fragen. Ihr
Fragen nach dem Absoluten weiß jedoch um die Differenz von
Faktizität und Reflexion und um die Nichtreduzierbarkeit beider Aspekte.
Die hier angedeutete Unergründbarkeit des Denkens für das Denken
besagt nun, daß es sich immer schon als gegeben hinnehmen muß, da
es sich selbst nicht begründen kann. Dies bedeutet jedoch im
Verständnis Grisebachs, daß es glauben muß, wobei dieser
Glaube die bleibende Verborgenheit des Denkvollzuges als Grund des Denkens
namhaft macht. Damit meldet sich in der Philosophie eine Dialektik von Wissen
und Glauben.
Als Strukturform der Philosophie ergibt sich somit eine Differenz von
Faktizität und Reflexion, die sich durch die Reflexion erschließt.
Doch wie sieht nun die strukturelle Verfaßtheit der Theologie aus, und
wie unterscheidet sie sich von der Philosophie? In dem schon zitierten Brief
bemerkt Grisebach: "Der Gegensatz tritt erst hervor, wenn der Denkende an die
Lösung seiner Aufgabe im System herangeht, wenn er vom Gedanken aus die
Beziehung sucht, während der Gläubige vom Standpunkt der Gegebenheit
und der Offenbarung ausgeht." (11)
Der Gläubige, so Grisebach in dem Zitat, geht nicht von der Reflexion aus,
um auf die Differenz von Faktizität und Reflexion zu stoßen, sondern
vielmehr geht er von der Faktizität der geschehenen Offenbarung aus.
Gleichwohl meldet sich auch hier das Problem der Reflexion, denn der
Gläubige beansprucht immer schon Reflexion, sofern er seine Position von
der Position der Offenbarung unterscheidet. Und ebenso kann auch die Theologie
sich nur qua Reflexion vom gelebten Glaubensvollzug unterscheiden, indem sie
diesen als Relation von Offenbarung und Glaube thematisiert. Kommt also die
binnentheologische Ausdifferenzierung nicht ohne Reflexion aus, so gilt dies
ebensosehr für die faktisch immer schon mitthematisierte
Außenperspektive. Denn thematisiert die Theologie die Relation Gott
Mensch als Glaubensrelation, so vollzieht sie hierin schon eine
Selbstunterscheidung von der Philosophie, in der diese Relation als eine
Relation des Wissens zur Sprache kommt.4
Damit treten Philosophie und Theologie in die wechselseitige Bezogenheit einer
realen Dialektik, die hier an Hand der Relation von Faktizität und
Reflexion zu erhellen versucht wurde, wobei für diese Dialektik die
Gegensätzlichkeit der Ausgangspunkte konstitutiv ist.5
Philosophie und Theologie stehen in einer gemeinsamen Dialektik, weil sie beide
vom Absoluten ausgeschlossen sind und so am Orte der Endlichkeit auf
unterschiedene Weise in Beziehung zu diesem Absoluten als dem absolut
Entzogenen stehen. Für das Verhältnis von Philosophie und Theologie
bedeutet dies, daß sie streng unterschieden sind, jedoch in dieser
Unterschiedenheit aufeinander bezogen. Wird diese Differenz nicht bewahrt, dann
verfällt man einer unkritischen Metaphysik. Die Philosophie wird dann zu
einer heimlichen Theologie und die Theologie zu einer heimlichen Philosophie.
Nur dann, wenn beachtet wird, daß sich die Differenz von Philosophie und
Theologie oder von Wissen und Glauben in beiden Wissenschaften in
unterschiedlicher Weise reproduziert, kann einer Isolierung, die zu
Einseitigkeiten und dogmatischen Behauptungen führt, gewehrt werden.6
Auf diesen Konsens einigen sich Grisebach und Gogarten in ihrem brieflichen
Dialog, und von hier aus werden Erkenntnis und Offenbarung thematisiert. Aus
der Einsicht in das Ausgeschlossensein vom Absoluten und der dialektischen
Struktur von Glauben und Wissen ergibt sich eine grundsätzliche
Perspektivität endlichen Wissens. Das Erkennen kann nicht mehr absolut
gesetzt werden, es muß auf das absolute Wissen verzichten. Und ebenso
kann die Theologie nicht den Standpunkt der Offenbarung beanspruchen, da er ihr
als endlichem Wissen ebenso entzogen ist, wie jedem anderen Wissen auch. Nur
fragend kann der Theologe, wie Gogarten in der 1923 veröffentlichten
Aufsatzsammlung `Von Glauben und Offenbarung' schreibt, auf die Offenbarung
hinweisen.7
Gleichwohl weist der von Grisebach und Gogarten in ihrem Dialog erreichte
Standpunkt einige Probleme auf, deren Klärung bei Grisebach zu der
kritischen Philosophie führen wird und bei Gogarten zu der Position, die
ich an Hand seines Habilitationsvortrages erläutern möchte.
Im Verlauf des Briefwechsels macht Gogarten mehrmals folgenden Einwand gegen
Grisebachs Orientierung an der Endlichkeit als Folge des sich dem Begriff
entziehenden Absoluten geltend: "Wenn das Denken die Negation des Absoluten
negiert, so bedeutet das, daß es das Absolute in seinen Bereich
hinüberzieht, wenn auch nur so, daß es das Absolute am
äußersten Rand seines Bereiches läßt. Es macht dann aus
ihm ein Unendliches. Oder anders ausgedrückt, es schiebt das Problem der
Transzendenz zur Seite und konstituiert so die Immanenz." (33)
Inwieweit Gogarten hier der damaligen Argumentation Grisebachs gerecht wird,
darüber ist nicht zu streiten. Grisebach entkräftet denn auch diesen
Einwand. Gleichwohl ist hier ein Problem angesprochen, welches Grisebach zu
einer entscheidenden Revision seines Gedankens veranlassen wird. Denn hier wird
qua Reflexion ein Zugang zur endlichen Wirklichkeit erschlossen, den Grisebach
ab 1924 ablehnen wird. In den `Grenzen des Erziehers' bemerkt Grisebach: "
Schon jener Versuch, [...], mußte die Schwierigkeit aufdecken, von der
Reflexion über die Kulturgegenstände und die verschiedenen
Seinssphären in das dialektische Geschehen selbst einzutreten und eine
`Konkretion' des Gedankens zu erreichen."8
Grisebach bezieht sich hier zwar auf `Wahrheit und Wirklichkeiten', jedoch
trifft dies auch noch das dialektische Programm im Briefwechsel mit Gogarten.
Ein anderer Aspekt, der entscheidend für Grisebachs Revision seines
bisherigen Gedankens gewesen sein dürfte, besteht in Gogartens
Offenbarungsverständnis. Wird mit der Einsicht Ernst gemacht, daß
das Absolute dem diskursiven endlichen Denken entzogen ist und bleibt, dann ist
jede positive Aussage über das Absolute eine Aussage im Modus der
Verfehlung. Von Gogarten wird diese Einsicht ausdrücklich anerkannt. In
seiner 3. Antwort an Grisebach schreibt Gogarten: "Damit wäre jede
Möglichkeit einer Beziehung des Endlichen auf das Absolute abgeschnitten.
Es bliebe also nur die Möglichkeit einer Beziehung des Absoluten auf das
Endliche. Die der Überlegung sich sogleich anbietende Beziehung des
Absoluten als des Ursprungs aller geschaffenen Dinge besteht also auch nicht
mehr, wenn wir an den Ergebnissen unserer bisherigen Überlegungen
festhalten wollen." (23)9
Würde nämlich von einer Beziehung des Absoluten auf das Endliche
gesprochen, so wäre damit eine absolute Perspektive unterstellt, die
gewissermaßen vom Absoluten aus denkt. Damit ist jedoch die Einsicht
unterlaufen, daß das Absolute dem endlichen Denken entzogen bleibt.
Doch wie kann dann von Offenbarung geredet werden, wenn sie per definitionem
unerkennbar ist? Gogarten löst dieses Problem durch einen Gewaltstreich,
indem er eine Unterwerfung unter die Offenbarung fordert. Wird jedoch eine
Unterwerfung unter die Offenbarung als einziger Zugang zur Offenbarung
gefordert, so ist damit ein Wissen von der Offenbarung unterstellt, welches
nach Gogarten selbst nicht möglich ist.
Grisebach lehnt diese Forderung einer Unterwerfung als dogmatisch ab, da sie
eine Identität zwischen Wissen und Offenbarung unterstellt.
Unermüdlich wird dann der kritische Grisebach darauf hinweisen, daß
jeder Gedanke über die Offenbarung unter den Bedingungen seines
Gedachtseins steht und damit in einen theoretischen Kontext gehört, in dem
es keine Absolutheitsansprüche gibt.
Im weiteren Verlauf des Briefwechsels wird Gogarten die dogmatischen
Voraussetzungen seines Offenbarungsverständnisses klären und der
kritischen Einsicht Rechnung zu tragen versuchen. Ob und inwieweit ihm dies
gelingt, soll nun an seinem Jenaer Habilitationsvortrag vom Jahre 1927
untersucht werden.
Gogartens grundlegende These in diesem Vortrag besteht darin, daß die
Theologie ihre Aufgabe und damit sich selbst verfehlt, wenn sie an der
religiösen Subjektivität orientiert ist. Baut sich nämlich die
Theologie so auf, daß sie das fromme Gottesbewußtsein expliziert,
dann verfehlt sie mit innerer Notwendigkeit die Wirklichkeit des von ihr
Intendierten. Wirklichkeit gibt es nämlich für ein Subjekt nur als
dessen Auffassung der Wirklichkeit und mithin als dessen eigenstes Produkt.
"Dabei verstehen wir unter einer Auffassung den Versuch, einen Gegenstand, also
in unserem Falle die Bibel, so zu erfassen, daß er in seiner Zuordnung zu
dem auf sich selbst besinnenden Geist, dem vernünftigen Ich seinen Sinn
erhält."(179) [10]
Insofern begegnet der Mensch in allem von ihm Erkannten nur sich selbst, und es
gibt keine Möglichkeit für das erkennende Subjekt, diesen Kreis zu
verlassen. Erkenntnis der Wirklichkeit ist damit Selbsterkenntnis und
Selbstdeutung. Und wie Eberhard Grisebach wird der protestantische Theologe
Gogarten der Erkenntnis jede Möglichkeit eines Zugriffes auf die
Wirklichkeit verwehren, da die Erkenntnis Wirklichkeit nur im Modus ihrer
Verfehlung vergegenwärtigen kann.
Den Grund hierfür sieht Gogarten in der Struktur des Bewußtseins,
welches durch die Differenz von Reflexion und Faktizität oder durch die
Differenz von Vollzugsmoment und Bestimmtheitsmoment charakterisiert ist. Ist
nämlich das Bewußtsein eine Aktualität im Vollzug, so
läßt sich dieser Vollzug nur in einer Bestimmung dieses Vollzuges,
aber nicht als dieser Vollzug selbst vergegenwärtigen. Auf Grund dieser
Differenz verfehlt sich das Bewußtsein in seiner
Selbstvergegenwärtigung permanent, da es sich nur als Bestimmung und damit
im Modus seiner Verfehlung ansichtig wird.
Die hier skizzierte Grundverfassung menschlicher Bewußtseinsvollzüge
macht nun ein Verständnis der Offenbarung als Offenbarung unmöglich.
Denn das Subjekt erfaßt die Offenbarung nur als seine Deutung. Aber damit
ist das nicht erreicht, was im Begriff der Offenbarung intendiert ist,
nämlich die Offenbarung als Offenbarung Gottes. Steht Gott und seine
Offenbarung für das Unbedingte, so wird er, insofern er qua
religiöses Bewußtsein erschlossen wird, zu einem Bedingten, da er
bedingt ist von der religiösen Subjektivität, die ihn ihrerseits als
Grund ihrer selbst vorstellt.
Gogarten nennt diese Auffassung und Erschließung der Bibel als Wort
Gottes durch die endliche Subjektivität geistesgeschichtlich. Hierfür
steht in dem Vortrag von 1927 der formelhafte Ausdruck des Sich-selbst-Sagens
(179 u.ö.) Sich-selbst-Sagen ist somit ein Vollzug der endlichen
Subjektivität und verweist auf die Spontaneität der Reflexion, die
alles in die Aneignungslogik des sich-selbst-setzenden Geistes hineinzieht.
Dieser Vollzug ist insofern ruinös, als er nicht über die
Binnenperspektive der endlichen Subjektivität hinausgelangt, gleichwohl er
die Außenperspektive intendiert. Er verbleibt im Binnenraum des endlichen
Bewußtseins, und wie Kierkegaard und Grisebach macht Gogarten diesen
Vollzug als Erinnerung namhaft, da sich hier die endliche Subjektivität
nur im Modus der Selbstverfehlung wiederholt.
Aktivität, Reflexion, Erinnerung und Sich-selbst-Sagen sind so Synonyme
für einen defizitären Vollzug von Subjektivität, der als
Strukturform der Theologie für diese ruinös wäre. Theologie
verkommt auf dieser Basis zur Geistesgeschichte.
Wie ist dann Theologie möglich, und vor allem, wenn die Einsicht nicht
unterlaufen werden soll, daß Theologie als menschliche Wissenschaft immer
unter der Position endlicher Subjektivität steht?
Gogarten beschreibt seinen Lösungsvorschlag so: "Oder man sieht im
Gegensatz hierzu in der Bibel das Wort Gottes, das niemals ein Selbstzeugnis
des menschlichen Bewußtseins sein kann, weil es immer gegen das
menschliche Bewußtsein gesprochen ist." (178)
Nur im Widerspruch zur endlichen Subjektivität realisiert sich das Wort
Gottes als Wort Gottes. Für die Theologie bedeutet dies, daß sie es
nur dann mit dem Wort Gottes als dem Wort Gottes zu tun hat, wenn sie es sich
sagen läßt. Und nur dann, wenn sie es sich sagen läßt,
konstituiert sie sich als Theologie. Dies verweist die Theologie an die Kirche,
denn wo man sich das Wort Gottes sagen läßt, da ist nach Gogarten
Kirche.
Sich-Sagen-lassen steht somit für einen authentischen Modus, indem genau
das zur Sprache kommt, was im Modus des Sich-selbst-Sagens nur als Verfehlung
vergegenwärtigt werden kann. Das Sich-Sagen-lassen hat jedoch seinen Ort
im Jenseits der Reflexion und steht insofern für die reine Transzendenz.
Daher kann das Sich-Sagen-lassen für die Theologie keine Methode sein, die
man handhaben könnte, wäre doch damit die Kontingenz und
Nichtverfügbarkeit des Sich-Sagen-lassens sofort wieder aufgehoben.
Sofern nun die Theologie eine endliche menschliche Wissenschaft ist, stellt
sich hier die Frage, wie die Theologie das Wort Gottes vergegenwärtigen
können soll, wenn doch alle Vergegenwärtigung von Wirklichkeit schon
ihre Verfehlung bedeutet. Es ist nur konsequent, wenn Gogarten feststellt,
"daß die Theologie gar nicht reden kann, ohne die ständige Wendung
gegen ihre eigenen Aussagen, d.h. gegen das direkte Verständnis und die
direkte Annahme dieser Aussagen, oder ohne daß sie außerordentlich
paradox redet." (198)
Theologie, so Gogarten, wenn sie denn Theologie bleiben will, kann sich nur
dann authentisch vollziehen, sofern sie jede ihrer Aussagen sofort wieder
durchstreicht. Denn alle ihre Aussagen stehen unter der Position der endlichen
Subjektivität und damit unter einer Position, die die Offenbarung als
Offenbarung verfehlt. Nur in der Negation ihrer eigenen Aussagen, im paradoxen
Zugleich von Ja und Nein, realisiert sie indirekt einen Hinweis auf ihr Thema,
nämlich das Wort Gottes als Offenbarung Gottes.
So konsequent Gogarten seine Theorie von Theologie, die hier in einer ihrer
grundlegenden Argumentationsfiguren angedeutet wurde, auch durchführt, so
fragwürdig ist jedoch seine Grunddifferenz von Sich-Selbst-Sagen und
Sich-Sagen-lassen. Gogarten rekurriert mit dem Sich-Sagen-lassen auf die
Rechtfertigung allein aus Glauben, die ihren Ort in der unmittelbaren Begegnung
mit dem Anderen hat. Der Rechtfertigungsakt ist wie Gogarten betont, kein
"religiöses Prinzip, mit dem die Bibel zu deuten und zu verstehen
wäre, sondern man meint mit der Rechtfertigung einen realen Vorgang, der
sich zwischen zwei Personen abspielt. Also auch nicht die Idee eines solchen
Vorganges, sondern den einmaligen faktischen Vorgang selbst" (182f.).
Die Faktizität dieses unmittelbaren Vollzuges, welche Gogarten als
Glaubensakt namhaft macht, ist jedoch stumm und beansprucht mithin eine
Differenzfolie, für die Bestimmung dieses Vollzuges, d.h. für die
Auskunft, was es denn sei, was hier vollzogen wird. Wenn Gogarten darauf
hinweist, das es sich hier um das Sich-Sagen-lassen und damit um die Negation
des Sich-Selbst-Sagens handelt, so ist damit gerade das beansprucht, was durch
das Sich-Sagen-lassen doch verlassen werden soll. Die Differenz ist damit von
der Reflexion geleistet, was Gogarten selbst indirekt bestätigt, wenn er
bemerkt, daß die Theologie eine "notwendige Erinnerung" beanspruchen
muß, welche "die Erinnerung daran ist, daß Gott spricht, gegen das
nie aussetzende und alles in sich aufnehmende menschliche Geistesleben [...]"
(196).
Kann sich die Theologie jedoch nur dann realisieren, wenn sie diese Erinnerung
tätigt und d.h. die Differenz von Sich-Selbst-Sagen und Sich-Sagen-lassen
durch ihre eigene Reflexionstätigkeit erschließt, dann ist damit der
von Gogarten mit Vehemenz bekämpfte Standpunkt der Geistesgeschichte
gerade nicht verlassen.
Liest man die soeben skizzierte Position Gogartens als Resultat seiner
Auseinandersetzung mit Grisebach, so zeigt sich, daß er nicht mehr, wie
noch im Briefwechsel, von einer Unterwerfung unter die Offenbarung spricht.
Denn diese geforderte Unterwerfung setzt ein Wissen voraus, welches nach
Gogartens Theorie nicht möglich oder nur als Verfehlung der Offenbarung
möglich ist. Als möglichen Zugang zur Offenbarung, bei zugestandener
Unmöglichkeit eines menschlicherseits getätigten Zuganges zur
Offenbarung, zeichnete sich die Begegnung mit dem Anderen ab. Im Widerspruch
des Anderen begegnet der Mensch nicht mehr sich selbst, sondern dem Anderen in
seiner Nichtverfügbarkeit. In dieser Begegnung realisiert sich nach
Gogarten Wirklichkeit, indem das Du dem unendlichen Streben des
sich-selbst-setzenden Ich widerspricht. Ja letztlich begegnet uns nach Gogarten
im Widerspruch des andern Du die Wirklichkeit Gottes. Diese Wirklichkeit, wie
sie sich in der Begegnung von Du und Ich realisiert, wird jedoch von Gogarten
aller Abwehr von Deutungen zum Trotz als wahre Wirklichkeit apostrophiert.[11] Daß diese Wahrheit, die sich in der
deutungslosen und stummen Unmittelbarkeit der Begegnung von Du und Ich
ereignet, der Reflexionsleistung der Subjektivität verdankt, wird von
Gogarten, wie wir gesehen haben, übergangen. Denn daß ich in der
Begegnung mit dem Anderen der Wirklichkeit Gottes begegne, setzt ein Wissen um
Gott voraus, welches nach Gogarten gar nicht möglich ist, insofern all
unser Wissen Gott verfehlt. Nach Gogarten gibt es kein Wissen des Menschen von
Gott. Der Mensch muß vielmehr faktisch für sich selbst ein Wissen
von Gott beanspruchen, um die Unterscheidungen seiner Theologie
durchführen zu können. Aber damit schlägt seine Konzeption um in
die von ihm abgelehnten Deutungen der Offenbarung.12
Dieses von Gogarten beanspruchte Wissen markiert genau den Punkt, der seine
Konzeption von der Grisebachs radikal trennt.
In seinem Hauptwerk `Gegenwart' schreibt Grisebach: "Die Zuständigkeit der
Erkenntnis für die ethische Wirklichkeit wird in Zweifel gezogen, weil
eine Identifizierung von Wahrheit und Wirklichkeit nur eine formale
Überbewertung der Innerlichkeit bedeutet, die gar keine Realgründe
zum Beweis ihrer Wahrheit beibringen kann."13
Grisebach kann sein kritisches Anliegen, die Destruktion der Identität von
Wahrheit und Wirklichkeit, nur um den Preis durchführen, daß er von
der Wirklichkeit schweigt. Denn jeder Gedanke der Wirklichkeit, jedes Wissen
von einem Außerhalb des Wissens, steht unter den Bedingungen seines
Gedachtseins und damit im Innenraum des Bewußtseins. Die kontingente
Begegnung mit dem anderen kann daher nicht gewußt werden oder als Zugang
zur Wirklichkeit gefordert werden. Denn ist diese Erfahrung gewußt, dann
ist die Begegnung mit dem Anderen schon durch einen Entwurf des Subjekts
abgesichert und hineingenommen in die Erinnerung eines einsamen Selbst.
Eben diese Wahrheit unterschlägt Gogarten, insofern er durch seine am
Widerspruch des Du orientierte Theologie einen Zugang zur wahren Wirklichkeit
reklamiert. Das Problem der ethischen Wirklichkeit ist damit übersprungen
und die sich jedem Gedanken entziehende unsichere Problemlage der Gegenwart
aufgegeben zugunsten einer apriorischen Konstruktion, die faktisch ein Wissen
von Gott beanspruchen muß und damit Erfahrung als schon gedeutete
Erfahrung meint.14
Ist damit die Differenz zwischen Gogarten und Grisebach aufgezeigt, so ist noch
nichts darüber ausgesagt, warum Gogarten der Meinung ist, daß
Grisebachs kritische Position sich als nicht tragfähig für sein
theologisches Denken eignet. Nun setzt sich Gogarten an keiner Stelle explizit
mit Grisebachs kritischer Philosophie auseinander und nennt demzufolge auch
keine Argumente, die Gründe offen legen. Zieht man jedoch in Betracht,
daß Gogarten das kritische Anliegen Grisebachs über weite Strecken
teilt, freilich so, daß er sich an den entscheidenden Stellen von ihm
trennt, so liegt es nahe, hier die besonderen Intentionen Gogartens zu
vermuten. Diese Nahtstellen, wo Gogarten meint, den unmittelbaren Widerspruch
des Anderen in eine theoretische Konzeption einbauen zu können, markieren
seine Absetzung von und zugleich seine Kritik an Grisebach. Zeigt sich doch
hier eine Intention, die Grisebachs kritischem Anliegen widerspricht, indem sie
einen exklusiven Zugang zur Wirklichkeit für sich reklamiert. Hält
man sich zudem Gogartens radikale Kritik an der neuzeitlichen Moderne und ihrer
Individualitätskultur vor Augen, so liegt die Vermutung nahe, daß er
in Grisebachs Kritik an absoluten Positionen, je länger desto mehr, eine
Verirrung der neuzeitlichen Autonomie erkennen mußte. Für Gogarten
erschließt sich in seiner Theologie, die an der Begegnung von Du und Ich
orientiert ist, eine wahre Wirklichkeit, und daher konnte er das kritische
Anliegen Grisebachs nicht mehr teilen.
Insofern ist es nicht Heidegger, der Gogarten auf ein existentielles Apriori
hin tendieren ließ. Auch nicht Schelling ist für diese
geschichtsphilosophische Tendenz verantwortlich. Vielmehr sind es die
unreflektierten Voraussetzungen seiner Theologie, die Gogarten zu diesem
existentiellen Apriori tendieren lassen.
Aber mehr hatte Grisebach in der eingangs zitierten Stelle ja auch nicht
behauptet, als er mit dem Stichwort `existentielles Apriori' die von Gogarten
unterschlagene Deutung der Wirklichkeit namhaft machte.
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