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Erschienen in Ausgabe: No 51 (5/2010) Letzte Änderung: 28.04.10

„Das ewige Floß“. Wohin treibt Kuba?

von Robert Lembke

Balsa perpetua, das ewige Floß, so nannte der Exilkubaner und Intellektuelle Iván de Nuez ein Buch über sein Land, das 2001 bei Suhrkamp unter dem Titel Das treibende Floß erschienen ist. Die Balseros sind jene Hobbyfischer an den kubanischen Küsten, die mit selbstgebauten Flößen versuchen, ihren kargen Lohn mit etwas Fischfang aufzubessern. Und die es manchmal trotz Lebensgefahr auf sich nehmen, über’s Meer nach Florida flüchten, was bedeutet, 90 Meilen – etwa 145 Kilometer – auf dem offenen Atlantik zu überwinden.
Ein Kubaner verdient durchschnittlich etwa 10 bis 15 Euro im Monat, was, zusammen mit ihm zustehenden Lebensmittelrationen, gerade hinreicht, um nicht hungern müssen. Auch wenn sich die wirtschaftliche Lage mittlerweile wieder einigermaßen normalisiert hat, so liegt der Lebensstandard noch immer deutlich unter dem Niveau von 1990. Mit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und dem damit eingergehenden Verlust des wichtigsten Handelspartners, der Sowjetunion, geriet das Land in eine schwere Wirtschaftskrise. Der alte Bruderhandel ‚billiges Zuckerrohr gegen billiges Öl‘ funktionierte nicht länger, was in den 90er Jahren zum faktischen Zusammenbruch der kubanischen Industrie führte. Landwirtschaft, öffentlicher Nahverkehr, alles basierte auf den sowjetischen Öllieferungen, und als diese ausblieben, gingen in Havanna und im übrigen Land buchstäblich die Lichter aus. Die USA erkannten die Bedrängnis des Erzfeindes vor der Haustür und verschärften noch das seit Gründung des sozialistischen Kuba 1961 bestehende Wirtschaftsembargo, um den ideologischen Gegner endgültig in die Knie zu zwingen. Trotz dieser von den UN nicht gebilligten Maßnahmen – die UN-Vollversammlung stimmte immer wieder dagegen, freilich ohne Erfolg – blieb der Zusammenbruch des Staates zunächst aus.

In den 90ern stand Kuba kurz vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch – bis neues Öl von Chavez kam

Ein Grund dafür war ohne Zweifel, dass Fidel Castro sich entschließen konnte, die Unzufriedenen ziehen zu lassen. Mit Präsident Clinton handelte er 1994 ein Abkommen aus, das beinhaltet, dass die USA jährlich 20.000 Visa für einreisewillige Kubaner ausstellen, von denen etliche vor der Küste Floridas aus dem Meer gefischt werden. Kuba hat seitdem, im Prinzip jedoch seit seiner Gründung, einen ständigen Aderlass an Menschen über sich ergehen lassen müssen, naturgemäß verließen besonders viele Intellektuelle und Künstler das Land.
Die Lage entspannte sich erst 1998 ein wenig, als mit Hugo Chavez ein Sozialist die Macht im ölreichen Venezuela übernahm und fortan den unverzichtbaren Brennstoff zu Vorzugspreisen nach Kuba lieferte. Die USA lassen jedoch auch weiterhin nichts unversucht; unter George W. Bush lautete die Parole, man arbeite „auf den Tag der Befreiung [Kubas] hin“. Seit 1995 gibt es Radio Marti, das aus Miami ein prowestliches Programm in spanischer Sprache ausstrahlt (mittlerweile ist auch noch TV Marti hinzugekommen). Wie selbstverständlich bedienen sich dabei Amerikaner und mit dem Westen sympathisierende Exilkubaner der Figur des Freiheitskämpfers Jose Marti (1853-1895), der im Kampf gegen die spanischen Kolonialherren den Tod fand, kurz bevor die Amerikaner in Kuba intervenierten und eine Republik nach ihrem Muster errichteten. Seine Büste steht heute vor jeder kubanischen Schule, er ist zusammen mit dem sozialistischen Revolutionär Ernesto Guevara der berühmteste Kubaner.
Eine neuerliche Revolution ist bisher ausgeblieben, die Mischung aus politischem Zwang, Stolz auf die eigene Zähigkeit und sozialistischem Gemeinschaftsgefühl hat sich als erstaunlich widerstandsfähig erwiesen. Gleichwohl ist es nicht mehr das alte Kuba von vor 1990, auch politisch nicht. Die Gegenbewegungen, die seit den 90er Krisenjahren eine Demokratisierung der Gesellschaft fordern, hin zu mehr Menschenrechten und größeren bürgerlichen und wirtschaftlichen Freiheiten, haben in langem Ringen einige Zugeständnisse erreicht. Ermöglicht wurde dies freilich erst durch den Abgang Fidel Castros von der politischen Bühne, der 2006 krankheitsbedingt seine Ämter sukzessive an seinen Bruder Raul übergab. Seitdem gibt es eine zarte, schleichende Öffnung der Gesellschaft, die Verfolgung von Dissidenten ist weniger radikal; zwar sitzen noch immer zahlreiche politische Gefangene in kubanischen Gefängnissen, die Misshandlungen haben jedoch weitgehend aufgehört; auch ist es jetzt eher erlaubt, eine abweichende Meinung zu vertreten. Raul Castro hat offenbar die Zeichen der Zeit erkannt und setzt stärker als sein Vorgänger auf den Dialog über die Gestaltung der kubanischen Zukunft.
Auch kulturell und wirtschaftlich hat das Land eine gewisse Öffnung erfahren. Als in den 90ern ein Ersatz für den Zuckerrohrhandel gefunden werden musste, entschied man sich, verstärkt westliche Touristen ins Land zu locken, um an Devisen für den Weltmarkt zu kommen. Seitdem ist der Tourismus kontinuierlich ausgebaut worden und wird weiter politisch gefördert, etwa durch die Senkung von Landegebühren und die Lockerung von Einreiseformalitäten. Parallel dazu findet mehr und mehr eine Unterwanderung des formell weiterhin bestehenden Handelsembargos statt. Viele US-Firmen wickeln inzwischen Geschäfte mit Kuba ab, die USA stehen mittlerweile auf Rang 6 der wichtigsten Außenhandelspartner des Karibikstaates.

Mit der Förderung des Tourismus begann die wirtschaftliche Öffnung; seit Fidels Abgang ist auch die Innenpolitik moderater geworden

Es scheint also, dass die Abschottung von Tag zu Tag löchriger wird; sowohl die wirtschaftliche als auch die kulturelle Diffusion mit dem Westen verstärken sich stetig. Im Jahre 2008 wurde in der kubanischen Hauptstadt Havanna in ausgewählten Kinos der Film „Das Leben der Anderen“ gezeigt. Begeisterte Freiheitsanhänger erkannten darin ihr eigenes Schicksal wieder und fragten voll Sehnsucht, wann denn endlich ihre Mauer fallen werde.
Eine von ihnen ist die Bloggerin Yoani Sánchez, die im Internet regelmäßig aus der kubanischen Gegenwart berichtet und ihrer Hoffnung auf politische Freiheit unverhüllt Ausdruck verleiht. (http://www.desdecuba.com/generaciony/) Und dies, obwohl die Regierung alles versucht, um Kuba vom Rest der Welt abzuschotten und die Gefahren des World Wide Web zu bannen. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung hat überhaupt Zugang zum Internet, und selbst dann ist der Zugriff auf bestimmte Seiten eingeschränkt. Yoani Sánchez besucht regelmäßig eines der für Touristen hergerichteten Luxushotels in Havanna (in der Stadt wie im übrigen Land herrscht ansonsten weithin der Verfall von Gebäuden vor), von wo sie für 5 Euro in der Stunde, die sie sich vom Munde abspart, ihre Botschaften in die Welt schickt. In einem aktuellen Eintrag (Mitte April 2010) macht sie sich beispielsweise über das Vorhaben der Regierung Sorgen, die marode und überbesetzte Staatsverwaltung zu verschlanken, um die Kosten zu senken. Welche Auswirkungen hat das wohl auf den 1. Mai, den Tag der Arbeit, wenn der Staat über seine verlängerten Arme, die Gewerkschaften und Jugendorganisationen, seine Propagandafeiern organisiert?
Es scheint somit nur eine Frage der Zeit, wann Kuba, das „treibende Floß“, trotzig durchhaltend und doch seltsam aus der Zeit gefallen, sich den inneren und äußeren Kräften beugen muss. Spannend ist diese Entwicklung für den Beobachter deshalb, weil nicht klar ist, welcher Art die Transformation sein wird, die der kubanische Staat durchmachen wird. Denn während die einen sich nach der Freiheit sehnen, haben die anderen Angst vor dem amerikanischen Imperialismus und davor, dass dann alles noch ärger wird. Zum jetzigen Zeitpunkt scheint völlig offen, ob es eher eine (friedliche?) Revolution – wie in der damaligen DDR und der Tschechoslowakei – oder eine von oben durchgeführte, autokratische Reform – wie beim Zusammenbruch der Sowjetunion und beim Modell China – geben wird. Der bisherige Verlauf spricht freilich eher für den zweiten Weg. Denn die Zeit der größten wirtschaftlichen Not ist vorbei, und große Teile der Bevölkerung schienen und scheinen noch immer hinter dem Kurs ihres Landes zu stehen – freilich auch bedingt durch die unvermindert bestehenden Indoktrinations- und Repressionsmechanismen.
Im besten Fall also wird Kuba eine weitere Spielart eines lateinamerikanischen Sozialdemokratismus entwickeln, neben den bereits bestehenden linken Regierungen in Venezuela und Brasilien; die Möglichkeit dazu ist durch den Amtsantritt Obamas sicher nicht geringer geworden. Im schlechtesten Fall jedoch führen wirtschaftliche Instabilität und wachsende Unzufriedenheit in der innerkubanischen Opposition zur offenen Revolte, die, einmal entfacht, in einen gewaltsamen Bürgerkrieg einmünden könnte. Deshalb scheint eines vor allem klar zu sein: Die Kubaner brauchen Geduld, viel Geduld, bis ihr ewiges Floß endlich ans Ufer der Geschichte zurückgespült wird.

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