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| Erschienen in Ausgabe: No 51 (5/2010) | Letzte Änderung: 28. April '10 |
von Alexander Kissler
Wenn nichts mehr geht, geht immer noch das: Billiger ist kein
Beifall zu haben als mit der Kritik am Zölibat. Warum nur,
heißt es, werden Männer gezwungen, ein Leben lang enthaltsam zu leben? Ist das
nicht gegen die Natur? Sieht man nicht am Zölibat, wie weltfremd die Kirche
immer noch ist?
Deutschland debattiert über eine Vielzahl sexueller
Übergriffe, die sich in evangelischen, katholischen und säkularen
Bildungseinrichtungen ereignet haben und die von der jeweiligen Leitung zögerlich
oder gar nicht aufgeklärt worden sind. Jeder einzelne Fall ist einer zu viel,
ist eine Sünde und eine Schande; jeder einzelne Fall macht unrettbar traurig
und verlangt nach juristischer wie moralischer Aufarbeitung. Das ändert
freilich nichts an der Tatsache, dass die meisten Übergriffe in der Familie
stattfinden. Die Familien und die bisher kaum befragten Sportvereine sind das
Hauptrisikogebiet für Heranwachsende.
Statt über dieses sehr ernste Problem zu reden, statt nach
der Verantwortung der Erwachsenen für die Kinder zu fragen, holt man einen
Ladenhüter aus dem Keller und attackiert den Zölibat. Bischöfe, Laienvertreter
und antikirchliche Splittergruppen überbieten sich in Scheinheiligkeit.
Selbstverliebte Dampfplauderer wie Hans Küng und Heiner Geißler
halten ihre angestaubten Reden: Zwar sei der Zölibat nicht allein schuld an den
Übergriffen, aber eben doch ein menschenfeindliches Relikt aus dem Mittelalter.
Er habe zu verschwinden.
Wenn, wovon wir ausgehen müssen, Zölibat und Missbrauch nicht
ursächlich verbunden sind – warum soll jetzt eine gewiss ergebnislose Debatte
über seine Abschaffung geführt werden? Wollen wir auch über die Abschaffung von
Sportvereinen reden, weil dort Männer und Frauen getrennt trainieren? Wollen
wir die Familie abschaffen, weil nicht jeder Vater seiner Verantwortung gerecht
wird? Nein: Wir brauchen zuverlässige, lautere und dabei leidenschaftliche
Priester, Sportler und Eltern.
Der Zölibat ist eine theologische Einrichtung, keine
Erfindung, um Seelen zu knechten. Nur auf theologische Weise kann sinnvoll
geurteilt werden. Die Kritiker führen vor allem pragmatische Gründe und
Vorurteile ins Feld.
Darüber werden einige Selbstverständlichkeiten vergessen:
Niemand wird zum Zölibat gezwungen, niemand muss Priester einer Kirche werden,
die an der Ehelosigkeit festhält. Wer es aber tut – wer es nach reiflicher
Überlegung und aus freien Stücken tut –, von dem muss erwartet werden können,
dass er nicht wortbrüchig wird; dass er sein Versprechen nicht wegwirft wie ein
Hemd, das ihm zu eng geworden ist.
Priesterliche Ehelosigkeit ist ein Zeichen rückhaltloser
Hingabe an Christus. Wer sich für diesen Weg frei entscheidet, der gibt zu
verstehen: Mit meiner ganzen Person will ich dem dienen, dessen rettende
Wiederkehr ich erwarte. Jesus selbst, schreibt der Theologe Klaus
Berger, „lebte ehelos, damit die Menschen glauben konnten, dass Jesus es ernst
meint mit Gottes zukünftiger Ehe mit seinem Volk.“
Jesus hielt sich demnach durch seine Ehelosigkeit für die
endzeitliche Vermählung von Gott und Glaubensvolk bereit – gerade so wollen es
auch seine priesterlichen Nachahmer halten. „Die Neigung zu geistlicher
Ehelosigkeit“, fährt Klaus Berger fort, „wächst mit dem Glauben an die
Auferstehung.“ Könnte es sein, dass der Sinn für den Zölibat verloren ging,
weil kaum noch jemand an die Auferstehung glaubt?
http://alexander-kissler.de/10.0.html
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