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| Erschienen in Ausgabe: No 51 (5/2010) | Letzte Änderung: 28. April '10 |
David Blackbourn: Die Eroberung der Natur – Eine Geschichte der deutschen Landschaft. Aus dem Englischen von Udo Rennert. München (Pantheon): 2008. 592 Seiten. EURO (D) 16,95. ISBN: 978-3570550632.
von Daniel Krause
Das jüngste Werk David Blackbourns, des Harvard-Historikers, durch Udo
Rennert im Ganzen kompetent ins Deutsche übersetzt, ist lesenswert aus mehreren
Gründen.
Erstens wird deutsche Geschichte unter ökologischer Perspektive erzählt, als
Geschichte nicht bloß der Umweltbewegung in Deutschland, sondern der ideellen
und materiellen Formung deutscher Landschaften. Diese Sicht ist erhellend, weil
‚Natur’ seit der Romantik für Deutschlands Geisteswelt eine herausgehobene
Rolle spielt (‚deutscher Wald’ etc.). Bei Blackbourn werden die geistes- und
wirtschaftsgeschichtlichen Hintergründe des deutschen Nahverhältnisses zum
Land, zur Scholle, im schlimmsten Fall zu „Blut und Boden“ erschlossen. Eine
gefühlte – und literarisch oft artikulierte – Distanz zum urbanen Prinzip, zu
Kosmopolitismus, Agora und Salon, zu ‚Judentum’ und ‚westlicher’ ‚Zivilisation’
bildet die Kehrseite besagter kultureller Dominante; dies zumindest zwischen
spätem 18. Jahrhundert und 1945. David Blackbourn stellt jene Phänomene
erstmals im Zusammenhang dar – methodisch durchdacht und theoretisch anspruchsvoll,
doch ohne die ‚Sonderwegsthese’ zu bemühen oder geschichtsphilosophischen
Spekulationen die Ehre zu geben. Neben Heinz Schlaffers Kurzer Geschichte
der deutschen Literatur und Herfried Münklers Die Deutschen und ihre
Mythen zählt Blackbourns Studie zu den anregendsten jüngeren Darstellungen
deutscher Geistesgeschichte.
Zweitens werden bislang unverstandene Merkwürdigkeiten durchschaubar gemacht:
Dass Vegetarier in der Führungsspitze des nationalsozialistischen
Deutschland überzufällig häufig vertreten waren und strenge Tier- und
Naturschutzgesetze nach 1933 vergleichsweise hohe Priorität hatten. Dergleichen
Anliegen, die heute als links gelten, sind damals rechts gewesen, und
Blackbourn macht dies unaufdringlich, aber in unübertroffener Klarheit,
begreiflich. Sein kuriosester Belegfall: Das „Avocado-Syndrom“ – „grüne Schale,
brauner Kern“ (399) – jener Protagonisten der Umweltbewegung im Deutschland
der Nachkriegsjahre, deren vormalige nationalsozialistische Affinitäten bis in
die Ausdrucksweise weiterwirkten.
Drittens fällt ein erhellendes Schlaglicht auf in der Nachkriegszeit hoch geachtete
Literaten nach Art Hans Künkels, Karlheinz Gehrmanns oder ‚der’ preußischen
Heimatdichterin Agnes Miegel – und deren subkutan slawophoben Metaphernvorrat.
Die Leistung ‚neuer Heimatdichter’ – Blackbourn nennt Günter Grass, Horst
Bienek, Peter Härtling, Siegfried Lenz – tritt vor diesem Hintergrund umso
deutlicher hervor:
„[...] ihre Werke hatten größeres moralisches Gewicht, weil sie die
deutschen Verbrechen im Osten anerkannten, die eigentlichen Gründe für Flucht
und Vertreibung. Die von ihnen geschilderten Landschaften im Osten waren
ebenfalls überzeugender, da sie keine zeitlosen Gemälde waren, auf denen
Deutsche der Natur begegneten, andere Menschen jedoch nicht vorkamen, sondern
Landschaften, die einer komplexen ethnischen und sprachlichen Realität gerecht
wurden.“ (385)
Viertens werden selten beachtete Zusammenhänge deutscher Besatzungspolitik
in Polen und Russland sichtbar gemacht. Die „Lebensraum“-Idee im Verbund mit
hochfliegenden Plänen zur ‚ökologischen’ Neuordnung des Landes – einschließlich
Vertreibung, Versklavung oder Ermordung der eingesessenen Bevölkerung – wird
ausführlich dargestellt. Besonders lehrreich und verstörend zeigt sich der
Abschnitt über Techniken der Landgewinnung: Flussbegradigung und Urbarmachung
von Sümpfen waren zunächst, bis ins frühe 20. Jahrhundert, wirtschaftlich und
demographisch begründet: moralisch unverfängliche Peuplierungspolitik.
(Bekannteste Beispiele in Deutschland: Friedrichs des Zweiten Kultivierung des
Oderbruchs und Johann Gottfried Tullas ‚Korrekturen’ am Flusslauf des Rheins.)
Im Zweiten Weltkrieg diente dieselbe Technologie zur ‚Befriedung’ besetzter
Gebiete: In Sumpfgebieten (z. B. am Pripjet östlich Brest-Litowsk) hatten sich
tausende Verfolgte und Widerstandskämpfer versammelt: Landgewinnung wurde
umgemünzt zu Vernichtungszwecken. Die letzten verbliebenen Sümpfe in
Deutschland wurden nach 1945 trocken gelegt – um Vertriebenen aus ‚deutschen
Ostgebieten’ Siedlungsmöglichkeiten zu schaffen: ‚Innere Kolonisation’, seltsam
verspätet.
Wenn es einen Kritikpunkt gibt – abgesehen von der teils unidiomatischen,
in Belangen der Kasus gelegentlich idiosynkratischen Übersetzung –, so betrifft
er Blackbourns holzschnittartige, vergröbernde Darstellung der deutschen
Vertriebenen samt deren Erinnerungspolitik. Mag er das sentimentale, von
revisionistischen Anwandlungen durchsetzte Gedenken an ‚Deutschlands Osten’ mit
vollem Recht geißeln – seine Einlassungen zur scheinbar gelungenen Integration
in die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft und den, wie Blackbourn meint,
erheblichen politischen Einfluss der Vertriebenenverbände können spätestens
durch Kosserts Kalte Heimat (2008) als widerlegt gelten. Freilich: Die
Eroberung der Natur handelt von Vertriebenen nur am Rande. Sie ist im
Ganzen prächtig gelungen: ein Meisterwerk kenntnisreicher, kluger
Anverwandlung von Geschichte.
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