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| Erschienen in Ausgabe: No 52 (6/2010) | Letzte Änderung: 30. Mai '10 |
von Sylvia Hüggelmeier
„An Richard Wagner, den berühmten Sohn Leipzigs, soll mit einem unserer Stadt als Geburtsstadt angemessenen Denkmal erinnert werden“, beschloss der Stadtrat mehrheitlich in seiner Sitzung vom 16.09.2009. Einer Lichtgestalt der Musikgeschichte, die insbesondere durch ihren Antisemitismus und die Vereinnahmung im Dritten Reich auch dunkle Schatten warf, soll im Jubiläumsjahr 2013, dem 200. Geburtstag, späte Ehre erwiesen werden.
Franz
Liszt verglich seinen Schwiegersohn Richard Wagner schon zu Lebzeiten mit einem
hohen Berg, dessen Gipfel im Sonnenlicht erstrahlte und, wenn man von den
Nebeln in Talrichtung absieht, strahlt er noch heute in singulärer Größe. An
großen und kleinen Bühnen landauf und landab wird Wagner gespielt, .monumentale
Denkmale in Berlin und München ehren „den letzten der Titanen“ (Joachim
Köhler), nur Leipzig hält ihn bislang hinter der Oper im Gebüsch „versteckt“
und sich mit wenigen Inszenierungen zurück. In der Opern-Spielzeit 2009/2010
ist Wagner nur an sechs Abenden zu hören, das „Rheingold“ als einzige Premiere
gibt es nur konzertant. Ein eigener Ring für 2013 ist nicht in Aussicht.
Der Stiefsohn der Musikstadt
verbrachte in Leipzig immerhin wesentliche Jugend- und Lehrjahre mit familiären
Bindungen und Prägungen, heftigen Entwicklungsschüben zwischen Kneipe und
Konzert, mit ersten Kompositionen und Aufführungen wie der Symphonie in C-Dur.
Nach vielen Bemühungen der
verschiedenen Wagner-Vereine hat die Stadt reagiert und will im 21.Jahrhundert
nachholen, was auch durch die Weltkriege und ihre Folgen buchstäblich liegen
blieb. Zum Jubiläumsjahr 2013 soll Wagner nach Leipzig zurückgeholt werden und
neben Bach, Mendelssohn und Schumann den
Ruhm der Stadt als Musikstadt mehren. Aber Lipsia vult expectari- Leipzig läßt
auf sich warten, sitzt hoffentlich die Sache nicht so lange aus bis es zeitlich
nicht mehr zu schaffen ist.
Für Wagner und mit Wagner strahlt
aber bereits seit2005 ein neuer Stern
am Leipziger Musikhimmel, der Universitätsmusikdirektor David Timm, der nicht
nur den Vorsitzder Wagner-Gesellschaft
2013 innehat sondern mit den jährlichen Wagner-Festtagen im Mai der Stadt ein
neues Glanzlicht aufgesetzt hat. Nach denkonzertanten Aufführungen des „Fliegenden Holländer“ (2005) und der
„Meistersinger von Nürnberg“ (2007) –folgt in diesem Jahr die des 1. Aktes der
„Walküre“- eine organisatorische und musikalische Meisterleistung, die auch
durch den Gagenverzicht der Solistinnen, Solisten und Orchestermusiker zustande
kommt.. Mit dem aktuellen Programm zum kommenden 197. Geburtstagdes unkonventionell verehrten Komponisten
spricht Timm, Organist, Pianist, Dirigent, Chorleite, Jazzer und selber
Komponist,auch wiederein junges Publikum an, das mit
Wagner-Klängen der ganz speziellen und improvisierten Art keine Probleme hat.
Richard ist Leipziger“ so kündete
ein riesiges Plakat an der Stelle des ehemaligen Geburtshauses,das mittlerweile der Baustelle der
Brühl-Arkaden weichen musste , und für eine Kampagne stand,die vom Richard-Wagner-Verbandinitiiert, letztlich aber von allen drei
Wagner-Vereinen in Leipzig getragen wird. Bevor 2005 der Wagner-Denkmal-Verein
gegründet wurde, der dritte im Bunde, träumte Thomas Krakow vom
Wagner-Verbandbereits einen großen
Traum, an dem er bis heute festhält. Im leeren Richard-Wagner- Hain am
Elsterflutbecken sieht er einen gewaltigen Denkmalblockmitriesigen Marmorfigurenund eine
Ummauerung des Areals mitSzenen aus
Wagners Musikdramen.Es handelt
sichum das im Dritten Reich geschaffene
Denkmal des Stuttgarter Bildhauers Emil Hipp, ein Kolossalarrangement, das nie
zustande kam. Damalsals „Deutschlands
schönstes Denkmal“ für 3,6 Millionen Reichsmark, das heute, in Teile zerlegt,
in privatemund öffentlichem Besitzüber ganz Deutschland verteilt, denBruch in der Geschichte markiert. Wo heute
nur noch verfallende Mauern, Terrassen und Säulenan das einstige ehrgeizige Projekt erinnern,
hatte es Hitler am 6. März 1934 im Beisein von Winifred und Wieland Wagner bei
der Grundsteinlegung zum Richard-Wagner-Nationaldenkmal deklariert.
Stilistisch an die Antike
angelehnt, mit dem Pathos des 19. Jahrhunderts versehen, schuf Emil Hipp seine
überlebensgroßen mythologischen Figuren für den zentralen Block. Mit„Mythos“,Schicksal“, „Erlösung“ und „Bacchanal“, dramatisch bewegten, nackten
oderleicht umhülltenmenschlichen Darstellungen im
Dreiviertel-Reliefwollte der Künstler
den Wagnerschen Ideengehalt und seine musikalische Ausdeutung in plastische,
zeitlose Form bringen. Schon damals war Hipps Konzept nicht unumstritten.
Einigen Wagnerianern war dieser Entwurf nicht heldisch genug, dem damaligen
Oberbürgermeister von Leipzig Carl Goerdeler wohl nicht nur der Fries„Bacchanal“ zu sinnlich und anderen die
Ähnlichkeit mit Grabmalen zu groß.Thomas Krakow ist quer durch Deutschland gereist, hat diefast vollständig erhaltenen Reliefsin Privatbesitz am Chiemseeund einige der 19 Reliefplatten in Bayreuth
und anderswo gesehen. Sein Traum nahm Form an. Wie ein Puzzle soll Hipps Arbeit
nach Ansicht von Thomas Krakow Stück für Stück zurückgekauft werden. Aber der
250 Tonnen schwere Wagner-Marmor „ist aus der Zeit gefallen, er passte weder
nach Deutschland Ost oder West ,teilte
mit der Diktatur, mit der er verknüpft war, das Ende undmarkiert in der Gegenwartnur noch einen unwiederbringlichen
Verlust.“(Grit Hartmann)
Ein zweites Denkmal-Projekt, das
nie vollständig verwirklicht wurde, beschäftigt nicht nur die Wagnerianerund Kunstkenner in der Stadt sondern
zunehmend die Politiker, da esin
zeitgemäßer Formbis zum Jubiläumsjahr
wieder auferstehenund bezahlt werden
soll. Eng verwoben mit der Biografie ihres Schöpfers, dem Leipziger Maler und
Bildhauer Max Klinger hat es eine bewegte bis heute nicht beendete Geschichte.
Ursprünglich für das Wagner-Jubiläumsjahr 1913 geplant, kam dasEnsemble aus Treppenanlage, Sockel und
Wagnerfigur nur schleppend voran. Zu feiern gab es zu Wagners hunderstem
Geburtstag nur die Grundsteinlegung für die Treppe,die in einer Gartenanlage am
Matthäikirchhofin ihrer Mitte zur
Standfigur des Künstlergottesführen
sollte. Schmal und in eine Toga gehüllt, sollte er in klassischer Form
erscheinen undder Höhe des David von
Michelangelo in nichts nachstehen. Als 1914der von Klinger und seinen Schülern bearbeitete Sockel, ein
würfelförmiges drei Meter hohes Postament aus Laaser Marmor von Südtirol im
Vinschgau nach Leipzig transportiert werden sollte, war Krieg, 1920 starb Max
Klinger, dessen bedeutendes Beethoven-Denkmaleinen würdigen Platz im Museum der bildenden Künste gefunden hat, wo
auch Modelle für das geplante Wagner-Denkmal zu sehen sind. Klinger liebte
Beethoven, vor allem aber Brahms und begeistertesichim Falle Wagner im Wesentlichen für die Idee des Gesamtkunstwerkes, wohl
auch deshalb hatte er mit der Bearbeitung des Figurenblockes nie begonnen.
1924 konnte der weitgehend
fertiggestellte Sockel von Laas nach Leipzig überführt werden und nach einer
Überarbeitung durch den Leipziger Bildhauer Johannes Hartmann im Klingerhain
des Palmengartens in der Nähe des Elsterwehr aufgestellt werden, wo er bis 2010
verblieb, bemoost und besprayt, im Volksmund als „Pornowürfel“ bekannt. Das
Relief an der Vorderseite zeigt drei nackte, eng umschlungene Frauenfiguren,
eine Versinnbildlichung des Wagnerschen Gesamtkunstwerkes aus Musik, Dicht- und
Schauspielkunst, fälschlicherweise auch als Rheintöchter angesehen.
Zwei der drei Reliefs zeigen den
drachentötenden Siegfried und Parsifal mit der Gralsbotin Kundry.
Die vom Krieg beschädigte Treppe
wurde 1970 für den Bau der Stasi-Bezirkszentrale entferntund erst nach der Wende in Einzelteile
zerlegt auf einer Mülldeponie wiederentdeckt. Die Grundsteinlegung zur
Neuerrichtung der monumentalen Anlage am ehemaligen Matthäikirchhoffand am 7.April diesen Jahresstatt, wo der Sockel, mit Finanzmitteln aus
Spendenaktionen des Vereines der Freunde von Max Klinger restauriert, Ende 2010
neu erstrahlen soll. Doch wie ergänzt man den wuchtigen Torso des Superstars
des deutschen Fin der Siecle, der trotz aller Bravourstücke nicht unumstritten
blieb?
Thomas Krakow will die Tradition
hochhalten undeine Replik der
Wagner-Figur in Auftrag geben. Der Wagner –Denkmal –Vereinmit dem FreundeskreisMax Klinger, zahlreichenVertretern der Stadt undKunstexperten dagegenstrebt einen Wettbewerb namhafter,
international bekannter Künstler an, wobei das Geld wohl nurfür drei von zehn reichen wird. Eine offizielle
Listegibt es nicht, aber seit Februar
diesen Jahres wird unter der Hand ein Name genannt und bereits im Vorfeld einer
Entscheidung kontrovers diskutiert: Jonathan Meese auf den Klinger-Sockel? Subversion contra Tradition? Ein
Sachverständigenforum der Stadt zusammen mit den Vorsitzenden der vier Vereine
tritt im Mai zusammen undwird weiter
und heftig über ein Denkmal diskutieren , dasaus heutiger Sicht den Meister ehren, den jungen Wagner ins Blickfeld
rücken und ein eigenes Image für die Wagner-Ehrungin Leipzig schaffen soll.
„Die Leipziger Wagner-Ehrung
braucht ein markantes Alleinstellungsmerkmal, um sich von anderenWagner-Orten abzuheben“, betont der
Wagner-Denkmal-Verein in seinem Newsletter vom 07. Mai und stellt in Aussicht,
dass eine Juryfür die Auswahl der
besten Entwürfe bis zum Sommer ernannt werden soll.Am Todestag Richard Wagners im Februar 2011
wird man den Sieger-Entwurf für das Denkmalvorstellen- eine Vollendung des Klinger-Sockels durch eine neue und
zeitgemäße Wagner-Darstellung, die nicht nur den Meister sondern auch Leipzig
als Kunst- und Kulturmetropole ehrt.
Literatur:
Grit Hartmann: „Richard Wagner gepfändet/ Ein Leipziger
Denkmal in Dokumenten 1931-1955“ Forum-Verlag Leipzig, 2003
Solveig Weber: „Das Bild Richard Wagners/ Ikonographische
Bestandsaufnahme eines Künstlerkults“ B. Schott`s Söhne Mainz, 1993, Band I/ II
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