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| Erschienen in Ausgabe: No 52 (6/2010) | Letzte Änderung: 30. Mai '10 |
von Annette Seemann
Die erste Frau Deutschlands, die einen Bestseller schreiben
sollte, wurde am 6. Dezember 1730 als erstes Kind des Kaufbeurer Stadtphysikus
Georg Friedrich Gutermann geboren. Sie war zunächst eine Enttäuschung für den
Vater, denn der Zeit entsprechend, die noch auf die Aufklärung wartete, hatte
er sich einen Stammhalter gewünscht. 11 weitere Male erlitt der tüchtige Vater
diese Enttäuschung in der Folge, erst das 13. und letzte Kind sollte ein Knabe
sein. Georg Friedrich Gutermann war ein Sohn des Pietismus, jener Bewegung im
Protestantismus, die für das Geistesleben im 18. Jahrhundert am folgenreichsten
sein sollte, vergleichbar nur mit dem Jesuitentum im katholischen Raum. Die
wichtigsten Vertreter des Pietismus waren August Hermann Francke in Halle und Nikolaus
Ludwig Graf von Zinzendorf, der Begründer der Herrnhuter Brüdergemeinde. All
ihnen wie auch Gutermann waren eine schwärmerische Frömmigkeit doch ebenso die
Verehrung der physischen Welt, die es genau zu beobachten gilt, zu eigen. Die
tägliche Bibellektüre stand im Zentrum des Lebens, denn die Bibel war auch
Ratgeber in ganz konkreten Lebensfragen. Christ sein war für den Pietisten die
Hauptaufgabe des Lebens, das durch den aktiven Glauben befruchtet wurde. Der
Einzelne hatte strenge Moralvorstellungen und versuchte sich zu vervollkommnen
und dadurch die Säkularität zu überwinden. Natürlich war ein Pietist gegen die
höfisch-ständische Kultur voreingenommen, da er jede Art der Verschwendung,
Luxus und sinnliche Festlichkeit ablehnte. Dagegen war die Selbstbeobachtung, ja
Gewissenserforschung zentral für ihn, er disziplinierte sein gesamtes Leben und
verfolgte ein fast asketisches Ideal. Gleichwohl wollte er die Welt verändern,
es ging ihm darum, missionarisch zu wirken. Aus diesem Grunde wurden zahlreiche
Pietisten auch berühmte Pädagogen, Francke wäre zu nennen. Und auch Sophie
Gutermanns Vater reiht sich hier ein.
Die Erziehung speziell der begabten ältesten Tochter Sophie
wird zu einem Steckenpferd des sittenstrengen Mannes. Natürlich ist das Ziel
letztlich unspektakulär: Sophie soll die perfekte fromme, sittliche Ehe- und
Hausfrau werden, soll an der Seite eines respektablen Mannes eine vollkommene
Ehe führen und wiederum perfekte Kinder erziehen. In der ersten Hälfte des 18.
Jahrhunderts ist es klar, dass dies der Horizont sein mußte. Als alte Frau
erinnert sie sich, der Vater habe sie mit zwei Jahren in seine Bibliothek
getragen, mit drei Jahren habe sie das Lesen beherrscht, mit 5 Jahren die
gesamte Bibel durchgelesen. Die Mutter ist eine einfache Frau, erzählt
Geschichten, singt Lieder, bindet die Töchter früh in die Haushaltsführung und
die Gartenarbeit ein. Der Vater verordnet Französischunterricht, es kommen
Klavierstunden, Tanz- und Zeichenstunden dazu, daneben das weibliche Handarbeiten.
Es ist eine mehr als respektable Breite der Erziehung für ein bürgerliches
Mädchen, doch Sophie strebt weiter: Sie möchte Latein lernen, denn früh hat sie
begriffen, dass dies die Sprache der Gelehrsamkeit ist, und auf Bildung hat sie
es abgesehen. Doch dieser Wunsch geht dem Vater einen Schritt zu weit, eine „gelehrte“
Tochter möchte er keinesfalls.
In der Kindheit zieht die Familie Gutermann mehrfach um,
jeweils kann der Vater sich beruflich verbessern. 1737 zieht die Familie nach
Lindau am Bodensee, 1741 nach Augsburg. Gutermann wird jetzt sogar in den
Reichsadelsstand erhoben, und die Familie bewohnt ein prächtiges Haus. Bei
seinen wöchentlich stattfindenden Gelehrtenabend genießt es der Vater, die
bibliographischen Kenntnisse der inzwischen 12jährigen Tochter vorzuweisen, die
ihm auf Zitate hin die entsprechenden Bücherquellen holt und sich am Gespräch
beteiligt. Trotz all dieser Anregungen bleibt jedoch die religiöse Erbauung der
Angelpunkt dieser Erziehung, entsprechend wird der Prediger der Familie, Bruck,
auch Sophies Lehrer.
In ihrer bekanntesten Heldin, Sophie von Sternheim, hat
Sophie Gutermann, die nachmalige Sophie von La Roche, erwiesenermaßen auch ein
Portrait ihrer selbstals junges Mädchen
gezeichnet, dies meint zum einen das äußere Erscheinungsbild, das sie
realistisch widergibt:
„Sie müssen aber
keine vollkommene Schönheit erwarten. Sie war etwas über die mittlere Größe;
vortrefflich gewachsen; ein länglich Gesicht voll Seele; schöne braune Augen
voll Geist und Güte, einen schönen Mund, schöne Zähne. Die Stirne hoch, und, um
schön zu sein, etwas zu groß, und doch konnte man sie in ihrem Gesichte nicht
anders wünschen. Es war so viel Anmut in allen ihren Zügen, so viel Edles in
ihren Gebärden, dass sie, wo sie nur erschien, alle Blicke auf sich zog. Jede
Kleidung ließ ihr schön, und ich hörte Mylord Seymour sagen, dass in jeder
Falte eine eigne Grazie ihren Wohnplatz hätte. Die Schönheit ihrer lichtbraunen
Haare, welche bis auf die Erde reichten, konnte nicht übertroffen werden. Ihre
Stimme war einnehmend, ihre Ausdrücke fein, ohne gesucht zu erscheinen. Kurz,
ihr Geist und Charakter waren, was ihr ein unnachahmlich edles und
sanftreizendes Wesen gab. Denn ob sie gleich bei ihrer Kleidung die
Bescheidenheit in der Wahl der Stoffe auf das Äußerste trieb, so wurde sie doch
hervorgesucht, wenn die Menge von Damen noch so groß gewesen wäre.“
Das meint aber auch die Erziehungsprinzipien, die die
Autorin jedoch verglichen mit der eigenen Ausbildung ausweitet:
„…und weil das
Fräulein eine große Anlage von Verstand zeigte, beschäftigte er (Oberst
Sternheim, A.S.) diesen mit der Philosophie, nach allen ihren Teilen, mit der
Geschichte und den Sprachen, von denen sie die englische zur Vollkommenheit
lernte. In der Musik brachte sie es, auf der Laute und im Singen, zur
Vollkommenheit. Das Tanzen, soviel eine Dame davon wissen soll, war eine Kunst,
welche eher von ihr eine
Vollkommenheit erhielt, als dass sie dem Fräulein welche hätte geben sollen;
denn nach dem Ausspruch aller Leute, gab die unbeschreibliche Anmut, welche die
junge Dame in allen ihren Bewegungen hatte, ihrem Tanzen einen Vorzug, den der
höchste Grad der Kunst nicht erreichen konnte.
Neben diesen
täglichen Übungen erlernte sie mit ungemeiner Leichtigkeit alle
Frauenzimmerarbeiten, und von ihrem sechzehnten Jahre an bekam sie asuch die
Führung des ganzen Hauses, wobei ihr die Tag- und Rechnungsbücher ihrer Frau
Mutter (die gestorben war, als S. von Sternheim 9 Jahre alt war, A.S.) zum
Muster gegeben wurden. Angeborne Liebe zur Ordnung und zum tätigen Leben,
erhöht durch eine enthusiastische Anhänglichkeit für das Andenken ihrer Mutter,
deren Bild sie in sich erneuern wollte, brachten sie auch in diesem Stücke zu
der äußersten Vollkommenheit. Wenn man ihr von ihrem Fleiß und von ihren Kenntnissen
sprach, war ihre bescheidene Antwort: „Willige Fähigkeiten, gute Beispiele und
liebreiche Anführung haben mich so gut gemacht, als tausend andere auch sein
könnten, wenn sich alle Umstände so zu ihrem Besten vereinigt hätten wie bei
mir.“
Deutlich werden hier die pietistischen Erziehungsideale, die
die Autorin vollkommen internalisiert hat. Für die Heldin des Briefromans, denn
ein vielstimmiger und damit perspektivenreicher und als solcher zum Zeitpunkt
seines Erscheinens 1771 innovativer Briefroman ist „Die Geschichte des Fräulein
von Sternheim“, setzt sich die glückliche Zeit ihrer Erziehung bis in das 19.
Lebensjahr fort, als ihr Vater stirbt.
Im Leben von Sophie Gutermann geht es etwas anders zu. Die
Ereignisse ihrer Jugend wirken prägend. Die fünfzehnjährige Sophie erhält nach
ihrem ersten Ballbesuch prompt einen Heiratsantrag – wen wundert es, von einem
älteren Gelehrten, der ihre Klugheit und Jugend verehrt. Sie lehnt den Antrag
ab, in den Augen des Vaters ein schwerer Fehler. Den nächsten Verehrer bringt
der Vater selbst in das Haus, einen italienischen Arzt aus bester Bologneser
Familie, Giovanni Ludovico Bianconi. Er bietet sich an, die Tochter seines
Gastfreunds zu unterrichten, und in diesem Falle lehnt Vater Gutermann nicht
ab. Er schätzt den Kollegen und gebildeten Mann, obwohl dieser Katholik ist.
Eine neue Welt tut sich für Sophie Gutermann jetzt auf:
Kunstgeschichte, Archäologie, Mathematik, die italienische Sprache, Musik, die
Schulung ihrer schönen Stimme, sind die Inhalte des Unterrichts. Aus dieser
Lebensphase also schöpfte sie die Anregungen für die umfassende Ausbildung
ihrer Sternheim. Im Hause Gutermann kommt es, wie es kommen musste: die Pygmalion-Situation
stellt sich ein. Der Lehrer verliebt sich in die junge Schülerin, diese in ihn.
Der Antrag Bianconis wird vom Vater mehr als zurückhaltend aufgenommen, das
Verlöbnis ist der Kompromiss. Zur gleichen Zeit stirbt Sophies Mutter. Der von
den Amtspflichten und der Kindererziehung der vier zum Teil noch minderjährigen
Kinder, die ihm verblieben sind, überforderte Gutermann schickt diese daraufhin
nach Biberach zu seinen Eltern, er selbst reist mit Bianconi für ein Jahr nach
Italien. Die Heiratserlaubnis scheint für Sophie in wenn auch unerträglich
langer Sicht: Die Familie Bianconi ist in Gutermanns Augen nach eingehender
Prüfung würdig, seine Tochter aufzunehmen, lediglich den Ehevertrag gilt es
noch aufzusetzen. Hier ist die Konfession der Kinder der große Streitpunkt, und
die Liebesangelegenheit scheitert letztlich an Gutermanns Unbeugsamkeit in
dieser Frage. Auch der Wunsch des Arztes, das junge Mädchen heimlich zu
entführen, scheitert, undzwar an dem
Bollwerk der gelungenen pietistischen Erziehung Gutermanns:
„Ich versagte es,
weil ich meinen Vater nicht betrüben, nicht ohne seinen Segen aus seinem Hause
wollte.“
Möglicherweise findet sich in der Beschreibung des Mylord
Seymour in der „Geschichte des Fräulein von Sternheim“ ein Widerhall jener
Persönlichkeit des Arztes und Aufklärers Bianconi:
„Wenn ich den Auftrag
bekäme, den Edelmut und die Menschenliebe, mit einem aufgeklärten Geist
vereinigt in einem Bilde vorzustellen, so nähme ich ganz allein die Person und
die Züge des Mylord Seymour; und alle, welche nur jemals eine Idee von diesen
drei Eigenschaften hätten, würden jede ganz deutlich in seiner Bildung und in seinen
Augen gezeichnet sehen. Ich übergehe den sanften männlichen Ton seiner Stimme,
die gänzlich für den Ausdruck der Empfindungen seiner edeln Seele gemacht zu
sein scheint; das durch etwas Melancholisches gedämpfte Feuer seiner schönen
Augen, den unnachahmlich angenehmen und mit Größe vermengten Anstand aller
seiner Bewegungen, und, was ihn von allen Männern, deren ich in den wenigen
Wochen, die ich hier bin, eine Menge gesehen habe, unterscheidet, ist (wenn ich
mich schicklich ausdrücken kann) der tugendliche Blick seiner Augen, welche die
einzigen sind, die mich nicht beleidigten, und keine widrige antipathetische
Bewegung in meiner Seele verursachten.“
Bianconi und Sophie Gutermann ist kein Happy-End beschieden
wie dem Roman-Paar. Sophie Gutermann wird gezwungen, Bianconi abzusagen, alle
Briefe und Erinnerungsstücke sowie seine Geschenke zu zerstören oder
verbrennen. Erst ein Jahr vor dem Tod hat sie die Stärke, diese unmenschliche
Handlungsweise des Vaters zu kritisieren:
„So wollte man das
Andenken des Mannes auslöschen, dem mein Geist so viel Schönes zu danken, mein
Herz so viel Glück von ihm zu hoffen hatte, der mich nie gezankt, immer geliebt
und gelobt hatte.“
Auch die Kenntnisse, die sie Bianconi verdankt, die
Mathematik, das Singen, das Italienische, behielt sie fortan für sich – dies
hatte sie sich angesichts der ihr oktroyierten Auslöschung einer großen Liebe
geschworen. Sophie Gutermann zwingt sich tatsächlich, in töchterlichem Gehorsam
alle Erinnerung an den italienischen Arzt abzutöten. Ihr Vater indes verheiratet
sich neu, die Kinder werden erneut nach Biberach geschickt, wo Sophie 1749/50
eintrifft und jetzt auch im Hause des Pfarrers Thomas Adam Wieland verkehrt, denn
Wielands Frau ist eine Cousine ihres Vaters.
Immer ist hier die Rede von dem abwesenden begabten
Christoph Martin, dem älteren von zwei Söhnen der Familie, er ist drei Jahre
jünger als Sophie. Ein Briefwechsel zwischen den entfernt Verwandten setzt ein,
von Christoph Martins Seite sofort ein Versuch, eine literarische Beziehung zu
einer „schönen Seele“ einzuleiten. Wenig später lernen sich die jungen Leute
kennen. Das Rokoko neigt zu spielerischem Umgang auch mit der Liebe, und die Heimlichkeit,
die notwendig ist, um den Briefwechsel fortan unbeachtet von den Eltern zu
führen, macht erfinderisch. Wieland ist extrovertiert, redet und redet, breitet
seine Ideen und Bücherpläne vor Sophie aus, und diese Eloquenz beeindruckt die
junge, von der Liebe enttäuschte Frau. Es kommt im Überschwang der Gefühle zu
einem Verlöbnis. Und zunächst sind alle, die Eltern Wielands wie Vater Gutermann
einverstanden, vorausgesetzt Christoph Martin schlösse in absehbarer Zeit seine
Studien ab und wäre in der Lage, eine Familie zu ernähren. Was bleibt in dieser
Situation der räumlichenTrennung,
Wieland studiert nun in Tübingen, anders übrig als eine Fortsetzung des Briefwechsels,
jener großen kommunikativen und literarisch auszuschlachtenden
Kommunikationsform des 18. Jahrhunderts, in welcher man allen Gefühlen freien Lauf
lassen kann, alles erfinden kann, was einem die Phantasie eingibt, alle Wünsche
formulieren kann?
Wieland schreibt etwa, wie er sich seine ideale Geliebte
vorstellt: Als eine Muse, die bereit ist, nur für ihn zu leben. Und Sophie war
damals weit davon entfernt, Wielands für uns heute seltsam anmutende
Rollenzuweisung in Frage zu stellen. Und selbst in ihrem erst Jahrzehnte später
verfassten Roman berichtet sie von der Unterredung mit einem Weisen, der der Romanheldin den Unterschied zwischen
Männerund Frauen dargelegt habe und wie
sehr sie diese Lehren für richtig und beherzigenswert halte:
„Die Natur selbst
habe die Anweisung hierzu gegeben, als sie z. E. in der Leidenschaft der Liebe
den Mann heftig, die Frau zärtlich gemacht; in Beleidigungen jenen mit Zorn, diese
mit rührenden Tränen bewaffnet, zu Geschäften und Wissenschaften dem männlichen
Geiste Stärke und Tiefsinn, dem weiblichen Geschmeidigkeit und Anmut; in
Unglücksfällen dem Manne Standhaftigkeit und Mut; der Frau Geduld und Ergebung
vorzüglich mitgeteilt; im häuslichen Leben jenem die Sorge für die Mittel die
Familie zu erhalten und dieser die schickliche Austeilung derselben aufgetragen
habe, usw. Auf diese Weise, und wenn ein jeder Teil in seinem angewiesnen
Kreise bleibe, liefen beide in der nämlichen Bahn, wiewohl in zwoen
verschiednen Linien, dem Endzwecke ihrer Bestimmung; ohne dass durch eine
erzwungene Mischung der Charakter der moralischen Ordnung gestört würde.“
Darüber hinaus versucht der Weise, dem jungen Fräulein von
Sternheim eine Lektion zu vermitteln, die ihre Erfinderin, Sophie von La Roche,
aus sich heraus schon lange gelernt hatte, nämlich dass es wichtig sei, „immer die schöne Seite einer Sache zu
suchen, den Eindruck der widrigen dadurch zu schwächen, und auf diese nicht
mehr Aufmerksamkeit zu wenden, als vonnöten sei, den Reiz und Wert des Schönen
und Guten desto lebhafter zu empfinden.“
Aus all diesem wird ersichtlich, wie sehr der Briefroman
Sophie von la Roches eigentlich weniger Fiktion, reine Literatur ist, als in
einen Briefroman umgegossene Lebensweisheit, Erziehungsregeln, exemplifiziert
an dem über lange Strecken traurigen Schicksal des Fräuleins von Sternheim, das
sich erst am Ende aufgrund ihrer hohen Moralität zum Guten wendet.
Zurück zum wahren Leben: Wieland zögert die Heirat mit
Sophie hinaus. Inzwischen hat ihr Vater eine zweite Frau geheiratet. Sophie bleibt
in Biberach, während Wieland inzwischen in Zürich weilt und immer seltener an
seine Muse schreibt, schon gar nicht mehr über eine Heirat. Er wandelt sich in
diesem Jahr 1753 zu einem Freigeist. Die Mutter Wielands, die ahnt, wie es um
den Sohn steht, ergreift nun Partei gegen Sophie und unterschlägt die wenigen eingehenden
Briefe des Sohns. Sophie verlässt das Hausim Herbst 1753. Noch im selben Jahr wirbt ein junger Mann, der in kurmainzischen
Diensten steht, um die junge Frau. Sein Name: Georg Michael Frank, genannt la
Roche. Er ist kein Mann von der Art des Bianconi, auch besitzt er nicht die
dichterische Begabung eines Wieland, aber er wirkt verlässlich, gesittet, reif,
ist gebildet und angesehen. Auch hat er ein Auskommen. Sophie Gutermann hat
plötzlich eine ganz klare Vorstellung, dass es gut wäre, diesem um sie
werbenden Mann nachzugeben, und Vater Gutermann sieht bei dem Kandidaten
interessanterweise auch kein Ehehindernis mehr in dessen Katholizismus. La
Roche ist Sekretär des einflussreichen Grafen Stadion und hat eine sehr
aussichtsreiche Karriere vor sich. Das überzeugt Gutermann. Wieland jedoch ist,
als er den lange von der Mutter vorenthaltenen Brief Sophies von der Nachricht
ihrer neuen Verbindung Anfang Dezember 1753 erhält, erschüttert und macht
Sophie Vorhaltungen.
Nichts desto trotz werden Sophie Gutermann und Georg Michael
la Roche am 27. Dezember in der Schlosskapelle von Warthausen getraut. Die
Braut verspricht, demnächst den katholischen Glauben anzunehmen, was jedoch
niemals erfolgen sollte. Die gemeinsamen Kinder allerdings sollten zu guten
Katholiken erzogen werden. Es ist keine Liebesheirat, dies steht fest, sondern eine
auf gemeinsame Achtung und Freundschaft gestützte Verbindung, in der beide
Partner zum Nutzen der Gesellschaft wirken können und hieraus Glücksgefühle
ziehen, in der La Roche auch und gerade die schöngeistigen Interessen seiner
jungen Frau als etwas ihm Fehlendes, Entspannendes schätzen lernt. Von Sophies
Seite besteht ihr Glück in einem Aufgehen in der Rolle der Ehefrau, Hausfrau
und später Mutter. Ähnlich beschreibt Sophie von la Roche auch in ihrem Roman
das von Sophie Sternheim endlich errungene Glück mit Lord Seymour:
„Emilia, ich bin
glücklich; ich bin es vollkommen,
denn ich kann die seligsten, die heiligsten Pflichten alle Tage meines Lebens
erfüllen. Meine tugendhafte
Zärtlichkeit macht das Glück meines Gemahls; … Lord Seymour hat weitläufige Güter; er ist reich, und hat mir eine
unumschränkte Gewalt zum Wohltun gegeben.“
Das unumschränkte Wohltun auf Grundlage eines gewaltigen Reichtums
ist in der Tat ein Wunschtraum im wahren Leben der Sophie von La Roche, die
zwar keineswegs in armseligen Kreisen lebt, sondern immerhin am Mainzer
Kurfürsten-Hof bei dem AufklärerGraf
Stadion, der dort zunächst mehrere Ministerposten und später als Großhofmeister
das bedeutendste Amt nach dem Kurfürsten innehat. Die Frau des gräflichen Privatsekretärs
und Domänenverwalters ist trotz ihres hier seltsam anmutenden Schwäbelns wohlgelitten
und übernimmt eine wichtige Aufgabe. Sie schreibt, La Roche habe ihr befohlen,
„mich alle Tage nach
den Büchern umzusehen, welche mein Mann noch vor 7 Uhr Morgens, ehe er in das
Kabinet der Geschäfte gieng, auf seinen Tisch legte, wo er dann öfters in
Französischen, auch in Teutschen und Englischen gewisse Blätter bemerkte,
welche ich mit Aufmerksamkeit lesen, ihren Inhalt mir bekannt machen, und eine
leichte schickliche Einkleidung suchen sollte, in welcher ich sie … bald bei
Tische anzubringen mich bemühen sollte, damit der edle Mann immer das Vergnügen
habe, etwas Unterhaltendes zu hören.“
Sophie wird so zu einer Art Konversationsmeisterin. Lektüre,
Gespräch und die eigene Beobachtung sind die Grundlagen dieser unakademischen
Ausbildung der intelligenten Frau, und aus den Mainzer Lektüreerfahrungen und
Exzerpten wird sie später für ihre schriftstellerische Arbeit schöpfen können.
Aufgrund ihrer Fähigkeit, leicht von einem Gegenstand zum nächsten überzugehen,
erhält sie übrigens von Lavater, dem großen Physignomiker den Beinamen „Die
Verschwebteste“, und speziell Goethe wird ihr später diese in den höfischen
Kreisen der 1750er Jahren so willkommene Fähigkeit als Schwäche auslegen. Sophie
von la Roche entdeckt in diesen Jahren die Schriften der Aufklärer, Voltaire,
Montesquieu, später Diderot und D`Alembert. Die Enzyklopädisten haben es ihr
angetan, wenngleich sie auch fühlt, dass diese neue Denkensart die festen
Grundsätze der Religion anzugreifen in der Lage sind, die für sie lebenslang
Geltung haben sollten. Selbst wird sie nie zur Aufklärerin. Ab sofort verbringt
sie, und dies wird ihr Leben lang so bleiben, viele Stunden des Tages an ihrem
Schreibtisch, den ihr Mann ihr schon in den ersten Ehemonaten hatte fertigen
lassen. Am 4. Mai 1756 kommt dann ihr erstes Kind zur Welt, die dunkeläugige
Maximiliane, die als junges Mädchen Goethe den Kopf verdrehen und in die Literatur
eingehen sollte -- Werthers Lotte erhielt die dunklen Augen Maximiliane Le
Roches. Traurig ist Sophie von La Roche nur, weil ihr Mann ihr, darin ganz ein
Kind seiner Zeit, das Stillen ihrer Kinder untersagt, glaubt man doch, eine
Frau verliere dadurch ihren Esprit und gute Laune:
„Meine Kinder erzog ich mit Wasser, hatte sie
in meinem Schlafzimmer und war den ganzen Vormittag um sie … Unter acht Kindern
genoß die Brust nur mein Franz des nachts und heimlich bei Tage, welches mir
auch Beweis wurde, dass die Stimme der kindlichen Liebe der treuen Mutterliebe
antwortet.“
Nicht umsonst kreisten Sophie von La Roches Gedanken später
immer wieder um die Frage der richtigen Erziehung. Hier ein Auszug aus dem
großen Erziehungsbrief des Fräuleins von Sternheim an Madam T.:
„Prüfen Sie das Maß
der Fähigkeiten Ihrer Kinder, lassen Sie keines unbebaut, und so bescheiden sie
in Kleidung und anderm Aufwand von Personen Ihres Standes sein mögen, so
verwenden Sie alles auf die Erziehung, Zeichnen, Musik, Sprachen, alle schönen
Arbeiten des Frauenzimmers für ihre Töchter; für ihre Söhne alle Kenntnisse,
die man von wohlerzogenen jungen Mannsleuten fodert: Flößen Sie beiden Liebe
und Geschmack für die edle und unserm Geiste so nützliche Beschäftigung des
Lesens ein, besonders alles dessen, was zu der besten Kenntnis unserer
Körperwelt gehört. … Je mehr Geschmack Ihre Kinder an der natürlichenGeschichte unsers Erdbodens, je mehr
Kenntnisse sie von seinen Gewächsen, Nutzbarkeit und Schönheit erlangen, je sanfter
werde Ihre Gesinnungen, Leidenschaften und Begierden sein, und um so viel mehr
wird ihr Geschmack am Edeln und Einfachen gestärkt und befestigt werden, und um
so weiter entfernen sie sich von der Idee, dass Pracht und Wollust das größte
Glück sei.
Die Geschichte der
moralischen Welt sollen ihre Kinder auch kennen; die Veränderungen, welche
ganze Königreiche und erhabene Personen betroffen, werden sie zu Betrachtungen
leiten, deren Würkung die Zufriedenheit mit ihren eingeschränkten Umständen
sein, und den Eifer für die Vermehrung der Tugend ihrer Seele und der
Kenntnisse ihres Geistes vergrößern wird; weil sie durch die Geschichte finden
werden, dass Tugend und Talente allein die Güter sind, welche Verhängnis und
Menschen nicht rauben können.“
Zurück in die Biographie: 1757 hatte La Roche Sophie gestattet,
den von Wieland wieder aufgenommenen Briefkontakt zu beantworten. 1761 folgt
die Familie La Roche dem Grafen Stadion in seine Stammheimat nach Warthausen,
denn der kritische Graf hatte demissioniert. Seine jetzt vorgenommenen Verbesserungen
des Landbaus sind übrigens einige Jahre später ebenfalls ein Thema des
Sternheim-Romans. In Warthausen entsteht nun so etwas wie ein kleiner Musenhof.
Der Graf sammelt dichtende und denkende Köpfe um sich, auch Wieland wird dazu
gebeten, dem Sophie in der Angelegenheit seiner Liebe zu Christine Hogel
(„Bibi“) hilft. Die frühere Verlobte übernimmt nun so etwas wie die Rolle der
mütterlichen Beraterin für Wieland. Und die Mutterrolle ist tatsächlich
präponderant in Sophies Leben jener Jahre: Bis zum Jahr 1768 bringt sie
insgesamt acht Kinder zur Welt, von denen fünf, drei Söhne und zwei Töchter,
das Kindesalter überleben werden. 1765 war übrigens auch Wieland in den Hafen
der Ehe eingefahren. Seine Anna Dorothea war zwar nicht mit den Geisteskräften einer
Sophie gesegnet, ihr ungeschicktes, scheues Auftreten ist sogar Anlaß zu
peinlicher Verstimmung bei Wieland, aber sie ist so fügsam, daß der Dichter
alle seine Launen ausleben kann. 14 Kinder werden aus dieser Verbindung
entstehen.
Ab 1776 dann ist in Sophies Briefen an Wieland „ein papierenes
Mädchen“ Thema, die Idee eines Erziehungsbuchs spukt unabweisbar in ihrem Kopf
herum. Der Hintergrund: Sie leidet sehr unter der Trennung von ihren Töchtern,
die ihr Mann im Klosterinternat von St. Barbara in Straßburg unterbringen ließ,
und beschäftigt sich nun, quasi als Kompensation, mit allen Fragen der
vollkommenen Mädchen-Erziehung. Ein weiteres Ereignis, der Tod des Grafen
Stadion, bedingt zudem eine längere Abwesenheit Georg Michael la Roches, der in
Bönnigheim eine Amtmannsstelle antritt, um weiter ein Auskommen zu haben.
Sophie von la Roche hat daher jetzt viel Zeit, sich mit ihrem Roman zu beschäftigen.
Und Wieland erhält von seiner früheren Muse bald den ersten Teil des Werks. Er
äußert sich enthusiastisch:
„Allerdings, beste
Freundin, verdient ihre Sternheim gedruckt zu werden; und sie verdient es nicht
nur; nach meiner vollen Überzeugung erweisen Sie ihrem Geschlecht einen
wirklichen Dienst dadurch.“
Er rät nicht nur zur Veröffentlichung, sondern will den Text
selbst herausgeben. Gesagt, getan. Er stellt dem Buch einen Brief voran, dessen
Adressatin nur der Eingeweihte entschlüsseln kann „an D.F.G.R.V.*******“ : „an
die Frau Geheime Rätin Von (La Roche)“ und betreibt ein literarisches Spiel um
die damals noch prekäre Frage der Veröffentlichung im Falle eines weiblichen
Autors. Gewiß hatte Sophie von la Roche der Veröffentlichung zugestimmt,
Wieland tut jedoch in seinem Vorrede-Brief jedoch so, als habe sie aus
weiblicher Zurückhaltung genau dies nicht gewollt:
„Erschrecken Sie
nicht, liebe Freundin, anstatt der Handschrift Ihrer Sternheim eine gedruckte
Copey zu erhalten, welche Ihnen auf einmal die ganze Verräterei entdeckt, die
ich an Ihnen begangen habe. Die Tat scheint beim ersten Anblick
unverantwortlich. Sie vertrauen mir unter den Rosen der Freundschaft ein Werk
Ihrer Einbildungskraft und Ihres Herzens an, welches bloß zu Ihrer eigenen
Unterhaltung aufgesetzt worden war. „Ich sende es Ihnen (schreiben Sie mir)
damit Sie mir von meiner Art zu empfinden, von dem Gesichtspunkt, woraus ich
mir angewöhnt habe, die Gegenstände des menschlichen Lebens zu beurteilen, von
den Betrachtungen, welche sich in meiner Seele, wenn sie lebhaft gerührt ist,
zu entwickeln pflegen, Ihre Meinung sagen, und mich tadeln, wo sie finden, dass
ich unrecht habe.…. Sie wissen, dass
die Ideen, die ich in dem Charakter und in den Handlungen des Fräuleins von
Sternheim und ihrer Eltern auszuführen gesucht habe, immer meine
Lieblings-Ideen gewesen sind … so entstund unvermerkt dieses kleine Werk, …
Aber es ist nur für Sie und mich – und, wenn sie, wie ich hoffe, die Art
gutheißen, für unsre Kinder bestimmt. Wenn diese durch ihre Bekanntschaft mit
jener in tugendhaften Gesinnungen, in einer wahren, allgemeinen, tätigen Güte
und Rechtschaffenheit gestärket würden – welche Wollust für das Herz Ihrer
Freundin!“
Durch den Kunstgriff des veröffentlichten Freundschaftsbrief
und der darin niedergelegten, offenbar ganz privaten Schreibabsicht der
Autorin, ausschließlich für die Kinder der beiden Familien Nutzen bringen zu wollen,
soll dem Leser suggeriert werden, dass es sich um ein sehr persönliches, ja
eigentlich „geheimes“ Buch handelt, was die Neugierde sicherlich befeuert.
Wieland fährt fort:
„Und nun, meine
Freundin, lassen Sie uns sehen, ob ich Ihr Vertrauen beleidiget, ob ich
würklich ein Verbrechen begangen habe, da ich dem Verlangen nicht widerstehen
konnte, allen tugendhaften Müttern, allen liebenswürdigen jungen Töchtern
unserer Nation ein Geschenke mit einem Werke zu machen, welches mir geschickt
schien, Weisheit und Tugend – die einzigen großen Vorzüge der Menschheit, die
einzigen großen Vorzüge der Menschheit, die einzigen Quellen einer wahren
Glückseligkeit – unter Ihrem Geschlechte, und selbst unter dem meinigen, zu
befördern.“
Wieland ist weiter so ehrlich und gleichzeitig klug, die
Vorläufer des La Rocheschen Werks zu nennen, Richardson und Fielding, allein –
in der deutschen Sprache gäbe es noch kein Werk von der Art der „Sternheim“, behauptet
er und preist die Vorzüge, nennt aber auch die Schwächen des Romans, als wolle
er künftigen Kritikern zuvorkommen:
„Zwanzig kleine
Misstöne, welche der sonderbare und an das Enthusiastische angrenzende Schwung
in der Denkensart Ihrer Sternheim mit der meinigen macht, verloren sich in der
angenehmsten Übereinstimmung ihrer Grundsätze, ihrer Gesinnungen und ihrer
Handlungen mit den besten Empfindungen und mit den lebhaftesten Überzeugungen
meiner Seele. Möchten doch, so dacht` ich bei hundert Stellen, möchten meine
Töchter so denken, so handeln lernen wie Sophie Sternheim!“
Nach der Lektüre habe er gewünscht, daß alle Eltern und
Töchter in „allen Provinzen Germaniens“ teilhaben könnten an dem in dem Buch
niedergelegten „Gut“, ja, er glaubt, die Pflicht zu haben, dieses Gut
auszubreiten, wenngleich es als literarisches Werk formale Mängel aufweise, die
aber aufgrund des moralischen Inhalts der Schrift zu vernachlässigen seien.
Das, was andere Kritiker zudem als Mangel an Stilsicherheit bemerken könnten,
ist in Wielands Augen aber ein Vorzug des Buchs, die Individualität der Sophie Sternheim,
die in ihrer Art „ihre Gedanken einzukleiden oder ihre Empfindungen auszudrücken“
deutlich aufscheint: Die Sternheim „erfindet“ nämlich zuweilen eigene Ausdrücke,
um ihren persönlichen Empfindungen oder Einsichten Gestalt zu geben. Hier kurz
der Gang der Handlung:
Das adlige Fräulein von Sternheim bleibt nach dem Tod ihres
Vaters im Alter von 19 Jahren reich, aber schutzlos zurück. Die von ihr
ungeliebte Tante, verheiratete Gräfin Löbau, bringt sie an eine kleine höfische
Residenz, wo sie alsbald Gegenstand von Ränke und Gelüsten wird. Der Fürst
ersehnt sich die unschuldige Schönheit vom Lande als Mätresse, dies ist im
Sinne der Tante, die sich als Gegenleistung eine günstige Entwicklung in einem
Gerichtsprozess ersehnt. Der Finsterling Lord Derby will die Liaison mit dem
Fürsten vereiteln und Sophie Sternheims Tugend seinerseits zu Fall bringen.
Lord Seymour schließlich, der sie wirklich liebt und für den sie, nicht zuletzt weil er Engländer ist und sie
allem, was englisch heißt, Sympathie oder sogar Verliebtheit entgegenbringt,
zieht sich von der Angebeteten zurück, weil er an die von Lord Derby
verbreiteten Gerüchte glaubt, die Sternheim sei bereits die Geliebte des
Fürsten und spiele die tugendhafte Unschuld nur vor. So hat der Finsterling
letztlich leichte Hand und kann das Fräulein entführen, indem er sie glauben
macht, sie gehe mit ihrem Retter vor dem Fürsten eine Ehe ein, die allerdings in
Wahrheit nur von einem in Pfarrershabit verkleideten Diener des Lords vollzogen
wird.Die Hoffnungen Derbys, die schöne
Unschuld werde in Liebe zu ihm entbrennen, sobald er sie in seinen Händen hat,
werden enttäuscht: Die Stimme des Herzens sagt Sophie von Sternheim, dass sie
keine Liebe für Derby empfindet, wenngleich sie ihm Dank zu schulden glaubt. Er
reagiert daraufhin mit maßloser Wut und verlässt sie. Sie leidet zwar immens,
doch sucht sie sich wenig später nützliche Beschäftigung, indem sie die armen
Nichten ihrer Wirtin „arbeiten und denken“ lehrt. Die pietistische Doktrin ist
also auch in Stunden der Not Handlungsmaxime:
„Ich ließ sie zu mir
kommen, forschte ihre Neigungen aus, und was jede schon gelernt hätte, oder noch
lernen möchte; beide wollten die Künste der Jungfer Rosine wissen; ich teilte
mich also mit ihr in dem Unterricht der guten Kinder; ich ließ auch beide
kleiden, und sie kamen gleich den andern Tag, um meinem Anziehen zuzusehen.
Vierzehn Tage darauf bedienten sie mich wechselsweise. Ich redete ihnen von den
Pflichten des Standes, in welchen Gott sie, und von denen, in welchen er mich
gesetzt habe, und brachte es so weit, dass sie sich viel glücklicher achteten Kammerjungfern
als Damen zu sein, weil ich ihnen sehr von der großen Verantwortung sagte, die
unsrer Gewalt über andere aufgelegt sei. …Mit welchem innigen Vergnügen erfüllt sich mein Herz, wenn ich beide,
über meine Reden bewegt, ihre Augen mit Ehrfurcht und Dankbarkeit gen Himmel
wenden sehe, und sie mir dann meine Hände küssen und drücken: In diesen
Augenblicken, Emilia, bin ich sogar mit meiner Flucht zufrieden, weil ich ohne
sie diese Kinder nicht gefunden hätte.“
In jeder Situation noch das Positive sehen und selbst ohne
große Geldmittel noch Gutes tun, seine Kenntnisse einsetzen zu diesem Zwecke,
dies ist die Lehre, die Sophie von la Roche hier ausbreitet und selbst
lebenslang beherzigt hat. Doch: Ihr Fräulein Sternheim hat noch nicht den
Becher des Leidens geleert: Als Lord Derby nach langer Abwesenheit zurückkehrt
und ihre Liebe ersehnt, erwähnt Sophie unbedacht den Namen des Lord Seymours,
und Derby ahnt sofort, dass diesem immer noch die Liebe der Sternheim gilt.
Seine Wut ist erneut maßlos, er reist ab, nicht ohne Sophie zuvor seine Untat
zu gestehen. Dies wird dem Leser in einem Brief der Kammerjungfer Rosina an die
Schwester Emilia, gleichzeitig Freundin der Sternheim, vermittelt:
„O meine Schwester,
wie soll ich Dir den entsetzlichen Jammer beschreiben, der über unser geliebtes
Fräulein gekommen ist! – Lord Derby! Gott wird ihn strafen, und muß ihn
strafen! Der abscheuliche Mann! er hat sie verlassen, und ist allein nach
England gereist. Seine Heurat war falsch; ein gottloser Bedienter, wie sein
Herr, in einen Geistlichen verkleidet, verrichtete die Trauung. Ach, meine
Hände zittern es zu schreiben; der schändliche Bösewicht kam selbst mit dem
Abschiedsbriefe, damit uns sein Gesicht keinen Zweifel an unserm Unglück
übriglassen sollte. Der Lord sagte: die Dame hätte ihn nicht geliebt, sondern
nur immer Mylord Seymourn im Herzen gehabt; dieses hätte seine Liebe
ausgelöscht, sonst wäre er unverändert geblieben. Der ruchlose Mensch! Ewiger
Gott! ich, ich habe auch zu der Heurat geholfen! Wär ich nur zum Lord Seymour
gegangen! Ach, wir waren beide verblendet – ich darf unsere Dame nicht ansehen;
das Herz bricht mir; sie isst nichts; sie ist den ganzen Tag auf den Knien vor
einem Stuhl, da hat sie ihren Kopf liegen; unbeweglich, außer, dass sie
manchmal ihre Arme gen Himmel streckt, und mit einer sterbenden Stimme ruft: „Ach Gott, ach mein Gott!“
Sie weint wenig, und
nur seit heute; die ersten zween Tage fürchtete ich, wir würden beide den
Verstand verlieren, und es ist ein Wunder von Gott, dass es nicht geschehen
ist.
Zwo Wochen hörten wir
nichts vom Lord; sein Kerl reiste weg, und fünf Tage darnach kam der Brief, der
uns so unglücklich machte. Der verfluchte Bösewicht gab ihn ihr selbst. Blaß
und starr wurde sie; endlich, ohne ein Wort zu sagen, zerriß sie mit der
größten Heftigkeit seinen Brief, und noch ein Papier, warf die Stücke zu Boden,
deutete mit einer Hand darauf, und mit einem erbärmlichen Ausdruck von
Schmerzen sagte siedem Kerl: „Geh,
geh“; zugleich aber fiel sie auf ihre Knie, faltete ihre Hände, und blieb über
zwo Stunden, stumm, und wie halb tot liegen. Was ich ausstund, kann ich Dir
nicht sagen: Gott weiß es allein! Ich kniete neben sie hin, fasste sie in meine
Arme, und bat sie so lange mit tausend Tränen, bis sie mir mit gebrochener
matter Stimme und stotternd sagte: Derby verlasse sie – ihre Heurat wäre
falsch, und sie hätte nichts mehr zu wünschen als den Tod. – Sie will sich
nicht rächen; bei Dir liebste Schwester, will sie sich verbergen. Übermorgen
reisen wir ab.“
Rosina, die treue Kammerjungfer, begleitet ihre Herrin nach Vaels
(bei Aachen), wo ihre Schwester Emilia als Frau eines Pfarrers lebt, Emilia,
die beste Freundin der Sophie von Sternheim, die mittlerweile verarmt ist, da
sie aus Gutmütigkeit die Einkünfte ihres Guts für drei Jahre an ihre Verwandten
Löbau abgetreten hat. Rosina, die Jungfer Sophies, berichtet weiter:
„Unter diesen
Abwechslungen kamen wir glücklich in Vaels an. Mein Schwager und meine
Schwester empfingen uns mit allem Trost der tugendhaften Freundschaft, und
suchten meine liebe Dame zu beruhigen; aber am fünften Tage wurde sie krank,
und zwölf Tage lange dachten wir nichts anders, als dass sie sterben würde. Sie
schrieb auch einen kleinen Auszug ihres Verhängnisses, und ein Testament. aber
sie erholte sich wider ihr Wünschen; und als sie wieder aufsein konnte, setzte
sie sich in die Kinderstube meiner Emilia, und lehrte ihr kleines Patchen
lesen; diese Beschäftigung, und der Umgangmit meinem Schwager und meiner Schwester beruhigten sie augenscheinlich;
so, dass mein Schwager es einmal wagte, sie über ihre Entschließungen, und
Entwürfe für die Zukunft zu befragen: Sie sagte: sie hätte noch nichts bedacht,
als dass sie auf ihren Gütern ihr Leben beschließen wollte; aber bis zu Ende
der drei Jahre, für welche sie dem Graf Löbau ihre Einkünfte versichert hätte,
wollte sie nichts von sich wissen lassen; -- und wir mussten ihrem eifrigen
Anhalten hierin nachgeben. Sie nahm eine fremde Benennung an; sie wollte in
Beziehung auf ihr Schicksal Madam Leidens
heißen, und als eine junge Offizierswitwe bei uns wohnen. Sie verkaufte die
schönen Brillanten, welche die Bildnisse ihres Herrn Vaters und ihrer Frau
Mutter umfasseten, und entschloß sich auch den übrigen Teil ihres Schmucks zu
Geld zu machen, und von den Zinsen zu leben; daneben aber wollte sie Guts tun,
und einige arme Mädchen im Arbeiten unterrichten.“
Bei der reichen Madame Hills kann Sophie von Sternheim
wirklich in die Breite wirken, sie soll sogar ein neuartiges Erziehungskonzept
für arme Mädchen ausarbeiten. Sophie schreibt an die Freundin Emilia:
„Madam Hills hat eine
Art von Stolz, aber er ist edel und wohltätig. Sie möchte ihr großes Vermögen
zu einer ewig Dauernden Stiftung verwenden; aber sie sagt, es müsste eine
Stiftung sein, die ganz neu wäre, und die ihr Ehre und Segen brächte; und sie
will, dass ich auf etwas sinne – Könnte itzt nicht meine kleine Mädchenschule
der Anlaß dazu werden, ein Gesindhaus
zu stiften, worin arme Mädchen zu guten und geschickten Dienstmädchen gezogen
würden?“
Es folgt eine Einteilung der möglichen von ihr angebotenen
Berufsausbildungen zu Kinderwärterinnen, Kammerjungfern, Köchinnen und Haushälterinnen
sowie Mägden. Diese Erziehungsmaßnahme kann natürlich, soweit haben wir Sophie
von la Roche schon kennengelernt, nicht ohne den geistlichen Beistand eines Pfarrers
stattfinden. Den Unterricht werden neben ihr selbst „wackere und wohldenkende
arme Witwen oder betagte ledige Personen“ besorgen. Ehrenamtliche, so würden
wir das heute nennen, die einer Stiftung zuarbeiten. Neben einem großen
Hilfsprogramm für eine in eine Not geratene Familie wird Sophie von Sternheim
auch als Heiratsvermittlerin für eine schöne reiche Witwe eingespannt, alles
natürlich, damit auch diese Frau auf den rechten Pfad der Tugend findet und in
den göttlichen Heilsplan eingereiht werden kann. Wenig später findet sich
Sophie Sternheim bei der reichen Lady Summers in England wieder – sie soll auch
für sie ein Gesindhaus errichten. Der Nachbar der Lady Summers, der Hagestolz
Lord Rich, verliebt sich, wie könnte es anders sein, in die schöne angebliche
Witwe, die ihrerseits auf keinen Fall das Feuer schüren möchte, das der Lord
nährt:
„Ich unterdrückte
zehnmal die Aussprüche einer Empfindung, oder eines Gedankens, nur um seinen
Beifall zu vermeiden, und nicht einen Tropfen Öl wissentlich in das anglimmende
Feuer zu gießen. Denn, da ich nicht geneigt bin, seine Liebe anzunehmen, warum
sollte ich sie meiner weiblichen Eitelkeit zu Gefallen vergrößern?“
Lady Summers versucht, ihr die Zurückhaltung auszureden.
„Liebe Leidens,
bedenken sie sich! ein Frauenzimmer von Ihrer Geburt und Liebenswürdigkeit muß
entweder bei nahen Verwandten, oder unter dem Schutz eines würdigen Mannes
sein. Lord Rich hat Ihre ganze Hochachtung; der edle Mann verdient sie auch;
Sie wissen, dass sie ihn glücklich machen können; seine Freundschaft, sein
Umgang ist Ihnen angenehm; Ihr Wille, Ihre Person ist frei; die edelsten
Beweggründe leiten sie zu dieser Freude, in Ihnen und dem Lord Rich die echten
Bildnisse männlicher und weiblicher Tugend vereint zu sehen.“
Sophie von Sternheim verdammt ihre frühere falsche Wahl
angesichts der Tatsache, dass Lord Rich im Grunde alle guten Eigenschaften
aufweist, die ihr verstorbener Vater besaß, sie bekennt jedoch:
„Aber ich kann nicht
mehr lieben; ich kann mich nicht mehr verschenken; ja die zärtliche Achtung
selbst, welche ich für den Lord Rich habe, empört sich wider diesen Gedanken;
mein Schicksal hat mich durch die Hand der Bosheit in den Staub geworfen; die
Menschenfreundlichkeit nahm mich auf; an diese allein habe ich Ansprüche; meine
Leichtgläubigkeit hat mich aller übrigen beraubt, und ich will kein fremdes,
kein unverdientes Gut an mich ziehen.“
Die Wendung, die die Autorin Sophie von la Roche jetzt dem
Schicksal ihrer Heldin gibt, grenzt an das Unwahrscheinliche, aber für den
moralischen Impetus des Buchs ist die folgende Handlungssequenz unabdingbar,
denn Sophie von Sternheim muß noch tiefer fallen, bevor sie ganz erhoben werden
kann: Die Nichte der Lady Summers sei mit einem Mylord N** frisch vermählt, der
seinen Besuch mit seiner jungen Ehefrau in Summerhall ankündigt. Den Brief
zeigt die Lady ihrer Vertrauten, Madam Leidens:
„Was für ein Grauen
überfiel mich, meine Emilia, als ich die Hand des Lord Derby erblickte, der nun
wirklicher Gemahl der jungen Lady Alton war!“
Sophie bekämpft alle Neigungen in sich, über die Identität
des Mylord zu sprechen, und sie redet sich sogar ein, Lord Derby könne
inzwischen auf dem Wege der Besserung sein. Sie ist wider die Vernunft von
hohen Gefühlen beseelt:
„Er kannte mich
niemals, niemals dachte er, dass das Schicksal mir einst die Gewalt geben
würde, ihm so sehr zu schaden. Aber ich will sie nicht gebrauchen, diese
Gewalt, ungestört soll er das Glück genießen, welches ihm das Verhängnis gibt,
und meinem Herzen soll es nicht umsonst die Tugend angeboten haben, in welcher
die Tugend ihre wahren Ergebenen erkennt, den
Feinden wohlzutun.“
In der Tat überwindet sich die Heldin derart, dass sie sogar
ein Fest zu Ehren der Ankunft des jungen Paars plant.Lord Derby weiß indes bereits, dass ihn die Frau, die er ins
Unglück gestürzt hat, in Summerhall erwartet, denn sein Bedienter, der seinen
Brief überbrachte, hat sie erkannt und ist unerkannt wieder von dannen gezogen.
Der schurkische Diener ist es auch, der den neuen Plan vorschlägt (Derby im
Brief an Lord B., seinen Freund):
„Er schlug mir vor,
sie entführen zu lassen; dies musste aber bald geschehen, und der Ort ihres
Aufenthalts musste sehr entfernt sein. Ich bestimmte ihr den nämlichen Platz in
den schottischen Gebürgen auf Hoptons Gütern, wo ich vor einigen Jahren die Nancy aufgehoben habe; und da diese von
ihrem Vater, der ein Advokat war, nicht gefunden werden konnte, wer sollte eine
Ausländerin da suchen? Ich gestehe Dir es ist ein verfluchtes Schicksal für
eines der artigsten Mädchen, dass sie so viele hundert Meilen von ihrem
Geburtsort bei einem armen Bleiminenknecht in Schottland Haberbrod fressen muß.
Aber was, zum T-- hatte sie mir auf meinem Weg nach England zu begegnen? Es ist
billig, dass sie diese Frechheit bezahle. Sie ist bereits sicher an Ort und
Stelle angekommen, und ich habe Befehl gegeben, dass man gut mit ihr umgehen
soll.“
In Summerhall wird der mysteriöse Verlust von Madam Leidens
beklagt, als der ruchlose Ehemann mit seiner jungen Frau eintrifft. Allein,
alle Nachforschungen führen zu nichts. Mehrere Monate verbringt Sophie von
Sternheim apathisch in der Hütte des Bleiminenarbeiters, bis sie sich moralisch
wieder aufrüstet und selbst in der Einöde der schottischen Gebirge noch
hilfreich sein möchte, wie der Brief an die Freundin ausweist:
„Halb leblos bin ich
hier angelangt, und drei Wochen in einer Gemütsverfassung gewesen, die ich
nicht beschreiben kann; was ich in dem zweiten und dritten Monat meines
Aufenthalts war, zeigen die Stücke, die ich in meinen Erquickungsstunden
schrieb. Urteilen Sie aber, Emilia, von der Zerrüttung meiner Empfindnisse,
weil ich nicht beten konnte; ich rief auch den Tod nicht, aber, in dem vollen
Gefühl des Übermaßes von Unglück, so mich betroffen, würde ich dem auf mich
fallenden Blitz nicht ausgewichen sein. Ganze Tage war ich auf meinen Knien,
nicht aus Unterwerfung, nicht um Gnade vom Himmel zu erflehen, Stolz, empörter
Stolz war mit dem Gedanken des unverdienten Elends in meine Seele gekommen.
Aber, o meine Emilia, dieser Gedanke vermehrte mein Übel, und verschloß jeder
übenden Tugend meiner Umstände mein Herz; und übende Tugend allein kann den
Balsam des Trosts in die Wunden der Seele träuflen. Ich empfand dieses das
erste Mal, als ich das arme fünfjährige Mädchen, die auf mich Acht haben
musste, mit Rührung ansah, weil sie sich bemühte, meinen niedergesunknen Kopf
mit ihren kleinen Händen aufzurichten; ich verstund ihre Sprache nicht, aber
ihrTon und der Ausdruck ihres Gesichts
war Natur und Zärtlichkeit und Unschuld;“
Sophie von Sternheim lernt den schottischen Dialekt und
möchte die Freundlichkeit ihrer armen Wirte belohnen. Sie erfährt, dass Nancy,
die Mutter des 5jährigen Mädchens Lidy, eine Geliebte Lord Derbys war und schon
länger gestorben ist und will selbst dem Kind Lord Derbys noch Güte erweisen, der
ihr, um das Maß seiner Gemeinheit vollzumachen, Material zum Handarbeiten
schicken lässt, das er im kommenden Frühjahr fertig abholen will. Im Mai
schließlich deutet sich ein Lichtstreif am Horizont just über die Handarbeit
an, die die Tochter des Bleiarbeiters der gerade eingetroffenen schottischen
Lady Douglas zeigt und ihr ihre Dienste anbietet und gleichzeitig von Sophies
Schicksal berichtet. Sophie erhält über die Lady Papier und Tinte und kann
endlich der ihr wohlgesonnenen Lady Summers schreiben. Doch immer noch ist das
Glück Sophie von Sternheim nicht hold. Erneut taucht der schurkische
Bedienstete Lord Derbys auf und macht ihr einen für sie unzumutbaren Vorschlag:
„Ich sollte mich zu
dem Lord nach London begeben; er liebe seine Gemahlin nicht, wäre auch selbst
kränklich geworden, und halte sich meistens auf einem Landhause zu Windsor auf,
wo ihm mein Umgang sehr angenehm sein würde. Er selbst schrieb in einem
Billett: wenn ich freiwillig kommen wollte und ihn lieben würde, so denke er,
sich von Lady Alton scheiden zu lassen, und unsere Heurat zu bestätigen, wie es
die Gesetze und meine Verdienste erforderten; aber wenn ich aus einer meiner
ehemaligen Wunderlichkeiten diesen Vorschlag verwerfe, so möchte ich mir mein
Schicksal gefallen lassen, wie er es für gut finden würde. – Dies musste ich
anhören, denn lesen wollte ich das Billett nicht; das Ärgste von dieser
unerträglichen Beleidigung war, dass ich den unseligen Krel sehen musste, durch
dessen Hand meine falsche Verbindung geschehen war. Auf das äußerste betrübt
und erbittert verwarf ich alle diese unwürdigen Vorschläge, und der Barbar
rächte seinen Herrn, indem er mich nach der zweiten förmlichen Absage mit der
heftigsten Bosheit beim Arm und um den Leib packte, zum Hause hinaus gegen den
alten Turm hinschleppte, und mit Wüten und Fluchen zu einer Türe hineinstieß,
mit dem Ausdruck, dass ich da krepieren möchte, damit sein Herr und er einmal
meiner loswürden.“
Unsere Heldin wird bewusstlos und liegt lange in dem
moderigen Verließ, bis die Wirtsleute sie gegen das Verbot des inzwischen
abgereisten Schurken befreien und gesund pflegen. Sophie glaubt, ihr Ende sei
gekommen. Ein Geistlicher und die mitleidige Lady Douglas besuchen sie, dem
Geistlichen erzählt sie ihre wahre Geschichte und übergibt ihm alles, was sie
in den Monaten der Verbannung aufgeschrieben hat. Inzwischen vernimmt Lord
Seymour, der Sophie immer noch liebt, die Geschichte von der Entführung Sophies
durch Lord Derby und will ihn gemeinsam mit seinem Bruder Lord Rich (auch dieser
liebt sie nach wie vor) zur Rede stellen – die Brüder begreifen erst jetzt,
dass Madam Leidens und Sophie von Sternheim ein und dieselbe Person sind. Beide
besuchen den bösen Lord Derby, den seine Untat, glaubt er doch, Sophie sei in
dem alten Turm gestorben, und die Reue darüber, sterbenskrank gemacht haben.
Das Geständnis Lord Derbys raubt nun Lord Seymour fast den Verstand. Lord Derby
will, durch seine Krankheit geläutert, dass die beiden Brüder den Leichnam
Sophies nach England bringen, er möchte ein würdiges Grabmal für sie errichten
lassen. Am Grabhügel in den Bleigebirgen findet nun die letzte wundersame
Wendung der Geschichte statt. Lord Rich schreibt an seinen Freund, den Doktor
T.:
„Doktor –
Menschenfreund! nehmen Sie teil an unserer Freude. Der Engel, Sternheim, lebt
noch. Eine göttliche Schickung hat sie erhalten. Seymour weint Tränen der
Freude, und umfasst die armen Wirte dieser Hütte unaufhörlich. Vor einer Stunde
schleppten wir uns bleich, traurig, mit einer Totenstille gegen den kleinen
Garten, wo man uns gestern das Grab gewisen hatte. Der Mann und sein Sohn
gingen unentschlossen und mit einem merklichen Widerwillen mit uns. als wir
nahe an der Stelle des Sandhügels waren, und ich den Leuten kurz sagte – grabt auf – sank mein Bruder an meinen
Hals, und umfasste mich, indem er mit Schmerz „o Rich!“ ausrief, und seinen
Kopf auf meiner Achsel verbarg. Diese Bewegung von ihm, just da die erste
Schaufel voll Sand durch einen meiner Leute vom Grab gehoben wurde, durchbohrte
meine Seele; ich schloß meine Arme um ihn, und erhob meine Augen zum Himmel, um
Stärke für ihn und mich zu erflehen. Den nämlichen Augenblick aber fielen Mann,
Frau und Sohn vor uns auf die Knie, und baten um unsern Schutz. … „Wir haben
unsern Lord betrogen“ riefen sie; „die Frau ist nicht gestorben, sie ist fort.“
– Wohin, Leute, wohin“, rief ich;“
In der Tat hat Lady Douglas Sophie von Sternheim wie auch
die kleine Lidy zu sich genommen und den armen Leuten befohlen, Lord Derby zu
melden, die Sternheim sei tot. Lord Rich und Lord Seymour eilen stehenden Fußes
zu dem Schloß der Lady, wo Sophie Sternheim lebt, die jetzt erst begreift, dass
Lord Rich und Lord Seymour Brüder sind. Nachdem Seymour und Rich sich
ausgesprochen haben und Lord Rich großmütig auf Sophies Liebe verzichtet zugunsten
des jüngeren Bruders, kann sich auch Sophie von Sternheim zu ihrer eigentlichen
Liebe zu Lord Seymour bekennen. Es ist Lord Richs Plädoyer, das Sophies wahre
Gefühle freisetzt.
„Sie haben die
Gewalt, einen edlen jungen Mann in der Marter einer verworfenen Liebe vergehen
zu machen; wenden Sie, beste weibliche Seele, diese Gewalt zu dem Glück einer
ganzen Familie an! Sie können meiner Mutter, einer würdigen Frau, den Kummer
abnehmen, Ihre Söhne unverheuratet zu sehen. Ihre schwesterliche Liebe wird mich
glücklich machen, und Sie werden alle Ihre Tugenden in einem großen wirksamen Kreis
gesetzt sehen!“
Sittsames Zögern und schließlich eine Entscheidung unter
Tränen, Lady Seymour zu werden. Das eingangs vorgetragene Bekenntnis eines
Glücks aufgrund der Möglichkeit zu heiliger Pflichterfüllung schließt sich an.
Die jetzige Lady Seymour hat das Glück, zwei Kindern das Leben zu schenken, und
Lord Rich, nach dem das zweite Kind des Paars heißt, widmet sich der Erziehung
dieses Sohns seines Bruders und seiner Schwägerin mit einem Engagement, als
wäre es sein eigenes: Diese Aufgabe hilft ihm, die Liebe zu Sophie nach langen
Kämpfen zu überwinden. Sein Loblied auf diese schöne Seele schließt den
Briefroman ab:
„Der reizende
Enthusiasmus von Wohltätigkeit, die lebendige Empfindung des Edlen und Guten beseeltjeden Atemzug
meiner geliebten Schwester. Sie begnügt sich nicht gut zu denken; alle ihre
Gesinnungen müssen Handlungen werden. Gewiß ist niemals kein inniger Gebet zum
Himmel gegangen, als die Danksagung war, welche ich die Lady Seymour für die
Empfindsamkeit ihres Herzens, und für die Macht Gutes zu tun mit tränenden
Augen aussprechen hörte. Wie viel Segen, wie viele Belohnung verdienen die,
welche uns den Beweis geben, dass alles, was die Moral fodert, möglich sei, und
dass diese Übungen den Genuß der Freuden des Lebens nicht stören, sondern sie
veredeln und bestätigen, und unser wahres Glück in allen Zufällen des Lebens
sind!“
Sophie von La Roche folgte ihrem Mann Georg am 1. April 1771
gemeinsam mit den Töchtern, die aus dem Internat zurückgekehrt waren, nach
Ehrenbreitstein bei Koblenz, wo La Roche ein neues Amt beim TriererKurfürsten antrat. In dem schönen Haus
unterhalb der Festungbeendete sie den 2.
Teil des Briefromans, dessen erster Band schon im Mai desselben Jahres erschien,
im September folgte der 2. Band, und noch im ersten Jahr wurden drei Auflagen
gedruckt, fünf weitere folgten in den fünfzehn Jahren danach, zahlreiche Übersetzungen
wurden veranstaltet. Ein Bestseller war auf dem Buchmarkt, und allmählich wurde
bekannt, wer die Verfasserin war. Lobende Kritikenermutigten Sophie von La Roche, ihre
Autorschaft preiszugeben. Die für den heutigen Leser teilweise mehr als
konstruierte, ja abstruse Handlung war für die damalige Zeit genau der richtige
Lesestoff für weite Kreise: Es ging um die Frau, die neue Teilnehmerin an der
lesenden Gesellschaft, ihre Selbstfindung, ihre Erziehung, die Verbindung von
Vernunft und Seele, fromme Ehrfurcht vor der göttlichen Schöpfung, all dies im
Gewand der Empfindsamkeit, das die Autorin nie wirklich ablegen sollte, auch
als der Sturm und Drang und der Klassizismus die Empfindsamkeit schon lange
verdrängt hatten.
Sophie la Roche starb 1807 im Alter von 77 Jahren, bis an
ihr Lebensende hatte sie weiter geschrieben, in späteren Jahren auch zum
notwendigen Gelderwerb, denn die Familie verarmte. Die Geschichte des Frl. von Sternheim war und blieb ihr größter
Erfolg.
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