Unterstützen Sie die Tabula Rasa mit einer Spende, wir würden uns freuen: Schreiben Sie eine Mail an: dr.stefangross@web.de
| Erschienen in Ausgabe: No. 11 (1/1996) | Letzte Änderung: 24. Januar '09 |
- einige Windows zum Medium der Zukunft
von Roberto Simanowski
"Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden,
Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort?
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
Und das neue öffnet sich mit Mord.
[...]
In des Herzens heilig stille Räume
Mußt du fliehen aus des Lebens Drang:
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
Und das Schönste blüht nur im Gesang."
(Schiller "Der Antritt des neuen Jahrhunderts")
Ein Gespenst geht um in Amerika und Europa - das "Gespenst des
Cyberspace"1. Alle jungen Kräfte in den Computer-Laboratorien
und wissenschaftlichen Institutionen haben sich zu einer Jagd auf die
technische Machbarkeit der künstlichen Realität verbündet. In
zwanzig, dreißig Jahren, sagen sie, wird jeder seinen "Personal
Simulator" zur Erzeugung künstlicher Realität besitzen. Sie
prophezeihen eine ganz neue Art der Fremd- und Selbsterfahrung. Sie sagen die
Demokratisierung der Kommunikation voraus, die Zunahme von Toleranz, das
Aufblühen von Kreativität. Während viele Intellektuelle den
Verlust alter Visionen beklagen, basteln die Computer-Freaks an einer neuen,
gewaltigen Utopie.
"Multimedia", Wort des Jahres 95, feiert Hochkonjunktur in Magazinen,
Zeitschriften und Büchern.2 Nicht immer geht es dabei direkt um
Cyberspace oder "virtuelle Realität" (VR).3 Aber immer werden
Perspektiven eines Paradigmenwechsels eröffnet, der sich mit der
Entwicklung der elektronischen Medien abzeichnet. Dieser Paradigmenwechsel wird
mal als kultureller, mal als kommunikativer, als pädagogischer,
politischer, psychologischer, ethischer oder philosophischer spezifiziert; er
umfaßt die Gesamtheit gesellschaftlicher Erscheinungen. Wann diese
generelle Umwälzung akut bzw. in welchen Schritten sie sich vollziehen
wird, bleibt im großen und ganzen Spekulation. Optimisten sprechen davon,
daß in allernächster Zeit bahnbrechende Entdeckungen bevorstehen,
Skeptiker verweisen auf unbewältigte technische Probleme und halten die
perfekte Erzeugung virtueller Realität erst spät im nächsten
Jahrtausend für möglich.4 Aus kulturkritischer Sicht ist
die entscheidende Frage natürlich nicht, wie schnell und mit welchen
konkreten Verfahren die Probleme des "Tracking"5 oder der Umsetzung
von Geruch und Geschmack in die VR gelöst werden können, sondern ob
der Erfolg der Techniker überhaupt wünschenswert ist.
In dieser Entweder-Oder-Fassung kann die Frage jedoch gar nicht gestellt
werden. Denn auf bestimmten Gebieten, wie der Medizin oder der Architektur,
überzeugt die Technik der Simulation wohl auch orthodoxe
Gegner.6 Das Problem von Cyberspace liegt in seiner Zukunft als
Massenmedium: der Gebrauch durch alle bereitet denen, die sich für
die Gesellschaft und deren Entwicklung verantwortlich fühlen,
Kopfschmerzen. Unter den Stichworten Realitätsverlust, Zerstreuungssucht
und Cybersex treffen zahllose Warnungen ein. Diese müssen durchaus ernst
genommen werden. Aber man sollte sie auch in ihrer Historizität
wahrnehmen, denn wie ein Blick in die Geschichte zeigt, ist die Rede von der
Großen Gefahr nicht neu. Was wir momentan erleben, ist
Wiederholung.
Das erste Fenster zum Medium der Zukunft sei also der Blick zurück, in die
Geschichte der Mediendiskussion. Anschließend werden die Für und
Wider zu den bereits genannten Stichworten zusammengetragen und wird die Frage
erörtert, ob wir Cyberspace brauchen und ob wir nicht vielleicht schon
längst die mentalen Vorbereitungen dafür treffen. Schließlich
aber wird festzustellen sein, daß das Medium der Zukunft die
gegenwärtigen Medien nicht verdrängt, sondern im Gegenteil ihnen
einen großen, geradezu historischen Auftrag erteilt.
Als durch Gutenbergs Druckpresse viel leichter viel mehr Bücher auf den
Markt gebracht werden konnten, machte das nicht jeden Vertreter der Schrift
glücklich. Auf den Markt drängten nun neben den kirchlichen Texten in
großer Menge profane, die dem kanonischen Wort den Platz stahlen. Man
befürchtete den Verschleiß des Wortes. Dahinter stand vor
allem die Furcht, inmitten der aufkommenden Informationslawine die Kontrolle
über das Wort und die bisher ausgeübte Deutungsmacht über die
Realität zu verlieren.7 Die Zunahme des gedruckten Wortes
erhöhte auch das Konfliktpotential; sie ermöglichte, sich aus ganz
unterschiedlicher Weltsicht auf Geschriebenes zu berufen. Es ist nicht
verwunderlich, daß bald Forderungen nach Zensur und nach klarer
Verantwortlichkeit für Gedrucktes erhoben wurden.
Die im 18. Jahrhundert endgültig einsetzende Karriere der Schrift
führte, wie die zeitgenössische Lesewutdiskussion zeigt, zu
ähnlichen Problemen. Man klagt über die umsichgreifende Produktion
und Lektüre "elender und geschmackloser Romane", die, wie der Kantianer
Johann Adam Bergk 1799 warnt, "an Rohheit der Sitten [gewöhnen] und an
eine Denkungs- und Sinnesart, die Ausschweifungen in der Liebe, im Trunke,
Heuchelei, Hinterlist und zwecklose Bravour für rühmliche Thaten
hält".8 "Die Folgen einer solchen geschmack- und gedankenlosen
Lektüre sind also", so Bergk: "unsinnige Verschwendung,
unüberwindliche Scheu vor jeder Anstrengung, grenzenloser Hang zum Luxus,
Unterdrückung der Stimme des Gewissens, Lebensüberdruß, und ein
früher Tod".9 Bergks Urteil folgten, wenn auch mit weniger
pointierten Formulierungen, die meisten seiner Zeitgenossen. Dabei wurden
zweierlei Gefahren benannt: das Lesen falscher Bücher und das falsche
Lesen, Schon die zerstreute Lektüre war ein Verstoß:
"Ein Lesen, womit man bloß die Zeit vertreiben will, ist unmoralisch,
weil jede Minute unsers Lebens mit Pflichten ausgefüllt ist, die wir ohne
uns zu brandmarken nicht vernachlässigen dürfen"10. Lesen
zum Zeitvertreib gewöhne an den Müßiggang, dessen
psychologische Beziehung zum Laster niemand so eifrig herausarbeitete wie die
Popularphilosophen des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Sowohl die Rezeption
falscher Wertvorstellungen wie die bloß zerstreute Lektüre
verstößt gegen das Gebot der persönlichen Vervollkommnung, das
zum Imperativ des Aufklärungszeitalters erhoben worden war.
Die Schrift war somit nicht nur das genuine Medium der Aufklärung, sie war
auch deren größte Gefahr. Es zeigt sich: das Medium an sich ist
neutral. Womit die Seiten des Buches beschrieben werden, das wollten die
Verwalter der Aufklärung kontrollieren, und im Erziehungsinteresse bzw. im
Interesse der "sozialen Brauchbarkeit" des Bürgers hielten sie dabei auch
den Ruf nach der Zensur für gerechtfertigt. Bürgerliche
Aufklärer und adlige Obrigkeit vereinten sich somit im Kampf gegen einen
Großteil der Schrift, von dem sie die Gefährdung des
gesellschaftliche Systems befürchteten.11
Die Entwicklung des Kinos am Anfang dieses Jahrhunderts läßt die
gleiche ambivalente Haltung zum neuen Medium erkennen. Die Gegner der laufenden
Bilder mochten diese lediglich unter kinematischem Aspekt akzeptieren, nicht
unter kinematographischem. Ersterer, hieß es, ermögliche durch die
beschleunigte oder verlangsamte Darstellung natürlicher Vorgänge
Relitäts-erkundung (das Aufblühen einer Pflanze in zwanzig Sekunden;
der Vogelflug in Zeitlupe), zweiterer führe durch das Zerstreuungsangebot
und die Bedienung der Schaulust eher zu Realitätsverlust. Die im Film
vermutete Gefahr der Verführung des Publikums (z.B. zur
Vernachlässigung der eigenen politischen Interessen), der Flucht in
Illusionswelten und der "Geistesverpöbelung" veranlaßte
schließlich selbst einen Mann wie Tucholsky, nach der Zensur zu
rufen12. Bemerkenswert sind die Parallelen in der Argumentation
gegen das immer populärer werdende Medium. Denn den Ruf nach
Überwachung des kulturellen Marktes13 sowie die Klage über
die "Verderbnis" der Sitten14 und die Trübung des
Wirklichkeitssinns15 durch das Kino sind bereits aus der
Lesewutdiskussion des 18. Jahrhunderts bekannt. Diese Einwände werden nun
auch mit Blick auf das neue Medium Cyberspace erhoben.
Aufgewachsen noch in der Logik der "Gutenberg-Galaxis" (Marshall Mc Luhan)
fürchten die Kritiker des Cyberspace zunächst eine weitere
Akzentuierung des Bildlichen zuungunsten des Begrifflichen. Dies verstärke
den ohnehin registrierbaren Verlust an Ernsthaftigkeit und geistiger Tiefe.
Während selbst die Lektüre "schlechter und geschmackloser Romane"
noch auf der Umsetzung toter Buchstaben in "innere Bilder" beruht und damit ein
kreatives Moment besitzt, verlangt das elektronische Medium diese Arbeit der
Zeichenbelebung überhaupt nicht mehr. Es ermöglicht die
Informationsaufnahme ohne jede Investition an geistiger Energie, gleichsam in
spielerischer Form. "Leser sind Grübler"16 - der Mensch am
Computer aber "wird nicht mehr Arbeiter sein (`homo faber'), sondern ein
Spieler mit Informationen (`homo ludens')".17 Dabei wird die
Information vorrangig nicht als Schrift, sondern als Bild aufgenommen bzw., in
der VR, sogar erlebt.
Unter pädagogischem Gesichtspunkt kann man diese Art der Wahrnehmung nur
begrüßen, entspricht es doch der didaktischen Forderung nach
Anschaulichkeit, wenn der Lerner die Information nicht mehr erst in ein Bild
umwandeln muß, um sie zu verstehen. So wird er z. B. den Zusammenhang von
Krankheitserregern, Killer- und Freßzellen im menschlichen Organismus
mittels VR als unmittelbarer Zeuge eines Kampfes erfahren, und so wird
er geschichtliche Prozesse durch das entsprechende Eintauchen in die
Vergangenheit nachvollziehen können Er tritt dem Lernstoff nicht
gegenüber, er verschmilzt mit ihm im didaktischen Modell der Immersion.
Diese Lehrmethode ist hocheffektiv, wie das enorme Lernen des Kleinkindes
zeigt, das z. B. nicht durch Wissen über die Sprache sprechen lernt,
sondern durch deren Erleben.18 Der auf die Schrift orientierte
traditionelle Intellektuelle erkennt in der Tendenz zur Bilderflut und zum
unmittelbaren Erleben allerdings nur den Niedergang der Kontemplation. Nachdem
der Mensch schon das Latein als Wissenschaftssprache verloren hat und so all
den Emotionen einer lebenden Sprache ausgesetzt wurde, droht nun die
Vertreibung der Wörter überhaupt. Die Distanz zur Information, die
Möglichkeit kritischer Aneignung gehe damit verloren. Wenn die
Kulturtechnik des Lesens aufgegeben werde, verspiele man auch zivilisatorische
Erfolge; das An-sich-Halten des Lesers, die "Unterdrückung von
Handlungsimpulsen", die in der Entsinnlichung des Lektürevorganges liegt,
19 werde einer neuen Undiszipliniertheit weichen. Aus einer anderen
Perspektive und mit der Möglichkeit anderer Wertung bedeutet dies die
Rückkehr des Wortes in den Geist der Musik - Dionysos kehrt heim und
stürzt Apollon vom Thron.
Damit sind wir schon bei Pro und Kontra. Zunächst sei jedoch die Konstante
festgehalten, die im historischen Umgang mit dem neuen Medium jeweils begegnet:
der das Wort besitzt, warnt vor dem Kommenden. Stets verläuft die
Argumentation dabei moralisch: immer ist die Jugend vor ihrer Demoralisierung
und die Gesellschaft allgemein vor ihrem Untergang zu bewahren. Die feindliche
Einstellung zum neuen Medium besitzt allerdings noch in anderer Hinsicht eine
historische Dimension: es handelt sich um den Kampf der Gegenwart gegen die
Zukunft, um den Kampf einer Generation gegen ihre Ablösung. Die
ältere Generation, die die Sprache ihrer Kinder nicht mehr versteht,
schimpft diese "digitale Analphabeten". Sie sieht eine Gefahr darin, daß
das Wort als Waffe verloren geht, und warnt wie der Literaturwissenschaftler
Barry Sanders: "Die Pistole ist das Schreibgerät der
Analphabeten"20. Der Begriff "post-literarisches Analphabetentum"
ist dabei durchaus kein neuer Begriff, er wurde bereits vor knapp vierzig
Jahren eingesetzt, als mit dem Fernsehen die "globale Bilderflut"
begann.21 In ähnlicher Weise mag im Mittelalter manch
Kirchengelehrter den Laien geschimpft haben, der sich erlaubte, gegen die
wohlüberlegte Rede des Pastors seine eigene verworrene Auslegung der Welt
und der "Heiligen Schrift" zu setzen. Die Kirche fürchtete von Gutenbergs
Druckpresse den Verschleiß des Wortes und damit den Verlust von
Informationsmacht und Autorität. Die Ablösung des Buches durch den
Computer, die Ablösung der Schrift durch das Bild führt nun zwar
nicht zu vermehrtem Pistolenkauf (da wären zunächst
ökonomisch-soziale Ursachen zu zitieren), sie greift aber jene an, die die
öffentliche Schrift "besitzen". Die alten Waffen verlieren ihre Gewalt.
Jedes Medium besitzt seine spezifischen Themen, Perspektiven und sozialen
Normen. Das neue Medium ist das Medium der neuen Generation, die sich darin aus
der Logik veränderter soziokultureller Strukturen und Werte
ausdrückt. Es befreit von alten Diskursen und deren Autoritäten, es
eröffnet neue Distinktionsmöglichkeiten. Die Kontroverse um
Cyberspace vollzieht sich auch als Generationskonflikt, das Alter der Redner
ist nicht unparteiisch.
Betrachtet man nun die vorgebrachten Einwände gegen Cyberspace, tritt
einem immer wieder das Thema Cybersex entgegen. So denkt John Perry Barlow,
vormals Textschreiber für "Greatful Dead", heute Techno-Crank, "lieber
nicht zuviel daran, wie jemand, der es mit einer Maschine treiben will, in
seinem Leben mit Frauen umspringt ... falls welche darin Platz
haben."22 Die Möglichkeit des Cybersexes empfiehlt sich aus
moralischer Perspektive natürlich bestens als Angriffspunkt. Dabei ist
noch gar nicht klar, wie Cybersex aussehen wird. Vollendet er den Auszug der
Lust aus dem Fleisch ins Gehirn, wie ihn in jüngster Zeit Nicholson Baker
in seinem Roman "Vox" nicht ohne hintergründige Ambivalenz beschrieb, hat
er sogar einiges für sich. Denn die Erotik des Zeichens basiert auf der
Imaginationskraft und bezeichnet den Vorsprung des Menschen gegenüber der
bloß fleischlichen Lust des Hier und Jetzt aller anderen Gattungen.
Zielte Cybersex jedoch auf die Imitation der körperlichen Lust in der VR,
was durch die entsprechende Entwicklung des taktilen Feedbacks einmal
möglich sein könnte, wäre er keine raffinierte Spielform
menschlicher Sexualität, sondern nur die Wiederholung des
Herkömmlichen auf der Basis uneingeschränkter Macht. Obgleich auch
dies nicht zwingend ist. Natürlich ist denkbar, daß man sich einen
Sexualpartner programmiert, der im Akt zum völligen Objekt wird (die
Headline "Cybersex mit Marilyn Monroe" gab es ja schon). Ebenso können in
der VR jedoch dialogische Interaktionen erfolgen, die auf den üblichen
sozialen Geschlechtsakt, als Bestandteil und Belohnung einer
zwischenmenschlichen Kommunikation, zielen. Der Möglichkeiten sind viele,
und was Mißbrauch genannt werden muß, ist eine Frage subjektiver
Ansichten und kultureller Entwicklung. Diejenigen Kritiker, die pauschal auf
den Ekel vor dem Sex mit einer Maschine spekulieren, machen es sich zu einfach.
Auch hier ist der historisierende Blick gefordert, denn auch hinsichtlich der
Sexualität verändern sich Einstellungen im Verlauf der Geschichte
grundlegend: die Mehrheit empfindet den "nicht-finalen" Geschlechtsakt (der
keine Lust der Fortpflanzung mehr ist), die Onanie oder die
Homosexualität längst nicht mehr als unmoralisch.
Man muß als Kritiker des Cyberspace jedoch gar nicht auf Cybersex
abheben. Allein schon die Möglichkeit, sich in eine beliebige virtuelle
Realität zu begeben, ist manchem Alarmsignal genug. So didaktisch wie Adam
Bergk spricht am Ende des 20. Jahrhunderts natürlich keiner mehr über
das Phänomen Zerstreuung, aber auch heute markieren viele im Zuwachs des
Spielerischen und Unverbindlichen das große Übel für die
Gesellschaft. Cyberspace wird den Umgang der Gesellschaft mit sich selbst
grundlegend verändern; der kritische Blick eröffnet eine Menge
negativer Utopien. Die subjektive Projektion wird, so eine Überlegung, im
Zeitalter ihrer technischen Produzierbarkeit die Auseinandersetzung mit der
Realität tendenziell verdrängen. Wenn VR in ist, ist RL (real life)
out. Dies führe zu "sozialem Autismus" und zum Verlust von
Alltagskonflikten. Das wiederum bedinge massenhafte Konfliktunfähigkeit
und die Diskussion und Lösung allgemeiner Konflikte nur noch durch wenige,
was eine neue Weltdiktatur ermögliche. Aber auch andere Szenarien sind
denkbar. Die Machbarkeit privater Phantasien im Cyberspace erhebt den
Cybernauten zum Schöpfer einer eigenen Welt, in seinem virtuellen Reich
gewinnt er die Erfahrung uneingeschränkter Macht. Wie begegnen sich
Doudez-Götter (denn sie können nicht immer VR erschaffen) auf einer
realen Straße? Grüßen sie sich? Betreten sie nun auch den
nicht von ihnen geschaffenen Raum als Herrscher? Statt zu einer Weltdiktatur
könnte es auch zur allgemeinen Anarchie kommen, was freilich noch keine
sympathischere Variante ist.
Fast immer befürchten die Kritiker des Cyberspace den Verlust wirklicher
Kommunikation und wirklichen Realitätsbezuges sowie die Zunahme
allgemeiner Anonymität. Pointiert ist von Zombies die Rede, plastisch
gemacht im Bild der Cybernauten, die, eingeklemmt in ihre
Dataglove-Head-Tracking-Montur, jeweils allein im Hinterstübchen Kontakte
zu ihren Mitmenschen aufnehmen, die sie nicht kennen und nicht wirklich
kennenlernen: "Der Virtuelle Mensch, reglos vor seinem Computer, macht Liebe
via Bildschirm und seine Vorlesungen per Telekonferenz. Er wird zum motorisch
und wohl auch zerebral Behinderten"23. Diese Warnung vor Cyberspace
als Flucht in Illusionswelten, als Konfliktscheu und geistige Degenerierung
scheint von einem grundsätzlichen Mißtrauen in die conditio humana
getragen zu sein, von der Gewißheit vorangig negativer Nutzung der
Möglichkeiten neuer Technik. Die Überzeugung, daß ein
souveräner Umgang mit Cyberspace nicht erfolgen wird, erinnert ein
bißchen an den Streit um die Freigabe weicher Drogen. Die skeptische
Argumentation besitzt indes gewiß auch ihren psychologischen Wert. Einmal
disqualifiziert sie alle anderen, während für die eigene Person in
der Warnung das Bannen beansprucht werden kann. Zum zweiten bietet sie in
post-ideologischer Zeit noch einmal die Möglichkeit des Auftritts: der
große Alarm gebiert eine große Geste, auch der "negative Prophet"
ist schließlich ein Prophet.
Dennoch: wer über 30 ist und die Flipper der Spielhöllen beobachtet
hat, teilt die vorgebrachten Befürchtungen. Die Vision eines emanzipierten
Umgangs mit Cyberspace entbehrt nicht einiger Blauäugigkeit. Sie scheint
sich einzureihen in die Sammlung populärer Utopien dieses Jahrhunderts.
Dabei greift sie an dessem Ende dessen Anfang auf: statt eines "Zurück zur
Natur", eines "Kommunemiteinander", "richtigen Sozialismus" oder esoterischer
Lösungen lebt wieder die Vision von der guten Technik.
Einer der "positiven Propheten" des Cyberspace ist Jaron Lanier (Jg.1960),
Musiker, High-School-Aussteiger und Chef der Firma VPL Research im
kalifornischen Silicon Valley. Er glaubt, "daß die virtuelle
Realität vielen Menschen in der westlichen Zivilisation eine aufbauende
Erfahrung mit multiplen Realitäten bieten könnte, eine Erfahrung, die
ansonsten abgelehnt wird", und "daß das auch zu mehr Toleranz und
Verständnis führen wird."24 Die Möglichkeit der
interpersonellen Vernetzung in einer VR, so Lanier, wird ein Mehr an
Begegnungen zwischen den Menschen bringen, wird Mitempfinden fördern und
Gewalt reduzieren: "Das Tragische an der physischen Wirklichkeit ist, daß
sie zwingend ist"25 aus der VR dagegen kann man jederzeit
aussteigen.
Dieser sehr amerikanische Gedanke einer spielerischen Kommunikation mit der
Option des plötzlichen Ausstiegs gewinnt vielleicht mehr Akzeptanz, wenn
man die Rückzugsmöglichkeit unter dem Gesichtspunkt der
Fremdheitserfahrung beleuchtet. In der VR, in der sich die Menschen mit einer
gewissen Anonymität begegnen, könnte es tatsächlich viel eher
möglich sein, Berührungsängste abzubauen, die oftmals die
Interaktion mit fremden Personen verhindern. Anonymität bietet Schutz und
ermöglicht die Aufnahme unberechenbarer Beziehungen. Man vernetzt sich mit
einem Unbekannten, begibt sich mit ihm in eine gemeinsame VR, zu der und in der
sich beide irgendwie verhalten müssen. Alles Unbekannte ist ein Risiko,
aber Cyberspace hält das Risiko zunächst sehr gering, da er
möglich macht, die Begegnung mit Escape jederzeit zu beenden. Das Risiko
des Einlassens auf Unbekanntes kann auf der Grundlage dieser
Rückzugsmöglichkeit also immer wieder eingegangen werden. Die VR ist
nicht zwingend, was im übrigen auch in einer anderen Hinsicht gilt: die VR
ist eine Bühne, der Cybernaut ein Schauspieler, der sich frei
kostümieren und maskieren sowie verschiedene Rollen spielen kann - niemand
hindert ihn, in der Maske seines Nachbarn oder des regierenden
Bürgermeisters aufzutreten.
Die Anonymität der Interaktion und selbst die Möglichkeit, sich eine
Maske zuzulegen, spricht noch nicht gegen diese Technik. Zunächst
muß man festhalten, daß auf diese Weise jene "Tyrannei der
Intimität" umgangen wird, die zu einem Verlust an Offenheit für das
Fremde führen kann.26 Cyberspace ist die geeignete Technik zur
zeitgenössischen Einsicht, "daß Menschen nur dann gesellig sein
können, wenn sie auch über einen gewissen Schutz voreinander
verfügen. Ohne Barrieren, ohne Grenzen, ohne Distanzen zwischen ihnen
werden sie destruktiv [...] weil die moderne, von Kapitalismus und
Säkularismus hervorgebrachte Kultur notwendigerweise im Brudermord endet,
sobald die Menschen intime Beziehungen zur Grundlage gesellschaftlicher
Beziehungen machen."27 Das muß nicht heißen, daß
diese Interaktion oberflächlich oder unehrlich verläuft; man denke an
die klassische Situation der Zugfahrt-Beichte oder an das Vertrauenstelefon.
Mitunter ermöglicht erst Anonymität wirklich Intimität, und in
mancher Hinsicht ist sie dem modernen Menschen ohnehin zu einer mentalen
Größe geworden. So basiert das Bedürfnis nach
verständigungsorientierter, herrschaftsfreier Kommunikation in
Partnerschaften heute oftmals gerade auf der gegenseitigen Akzeptanz eines dem
anderen jeweils unzugänglichen Bereichs. Viele Beziehungen funktionieren
überhaupt nur auf der Grundlage eines "Melusine"-Vertrags, der
jedem einen dem Partner nicht zugänglichen Zeit-Raum garantiert. Man
befreit sich vom "Terror der Authentizität", der noch vor einigen Jahren
"Beziehungsgespräche" und beziehungsinternen Fraktionszwang zur Norm
erhob.28 In dieser Entwicklung ist genaugenommen bereits die
Escape-Geste zu erkennen, die nicht den Konsens zu erzwingen oder den
unzugänglichen Bereich des Partners zu erkunden sucht. Das kann nach dem
traditionellen Liebes- und Ehe-Konzept zum Niedergang der Beziehung führen
(im Sinne mangelnder Arbeit an ihr), das kann aber auch deren Bestand sichern
(indem das Aushalten des Widerspruchs trainiert wird).
Es bliebe also zu bedenken, ob nicht die Möglichkeit von Escape
Escape erst überflüssig macht. Vor diesem Hintergrund ist die Frage
nach Kommunikationsgewinn oder -verlust im Maskenspiel des Cyberspace nicht so
einfach zu beantworten, wie es seine Gegner oft tun. Selbst der moralische Wert
einer auf "falschen Identitäten" beruhenden Kommunikation ist nicht
sogleich zu klären. Hinweise, der Cybernaut belüge sein
Gegenüber, wirken jedenfalls naiv. Spätestens seit La Rochefoucauld
ist man aufgeklärt über den Anteil der Berechnung am menschlichen
Verhalten. Es ist wahr, der Cybernaut probiert andere Identitäten. Dazu
muß er die anderen Identitäten aber kreieren, und das heißt
auch, sich zunächst der "eigenen" bewußt werden. Es ist eine
Herausforderung, diese andere Identität glaubhaft zu spielen, was schon
beginnt, wenn er sich eine andere Hautfarbe oder ein anderes Geschlecht zulegt.
Das glaubhafte Spiel eines anderen Charakters wird sehr schnell die alte
Theaterfrage entstehen lassen, welche Identität denn seine eigene
sei, wenn er so überzeugend verschiedene Rollen annehmen kann. Gibt es
diese Identität möglicherweise gar nicht? War sie bisher nur das
Ergebnis eingeschränkter Handlungsspielräume, ein Zufallsprodukt der
Schwerkraft unserer Lebensumstände? Es wird sich zeigen, wie weit man
fähig ist, eine andere Identität anzunehmen. Man darf davon ausgehen,
daß die im Cyberspace gegebene problemlose Annahme einer anderen
Gestalt eine gute Voraussetzung für die Annahme einer anderen
Identität bietet. Das gilt nicht nur für den Verunstalteten,
dessen Brandnarben im Cyberspace verschwunden sein werden, oder für den
Parkinsonpatienten, dessen Zittern der Computer aus der intentionalen Bewegung
herausfiltern wird. In der VR jeder die Chance eines anderen Ichs, insofern
psychologisch wirkt, was Karl Kraus einmal sagte: man steht lange unter dem
Eindruck, den man auf einen Menschen gemacht hat.
Das Spiel mit Identitäten, die Lösung von biographischen
Festschreibungen hat darüber hinaus einen demokratisierenden Aspekt.
Cyberspace hebt Klassen- und Rassenunterschiede auf. "Der einzelne erscheint
dort nicht als Vertreter einer sozialen, wirtschaftlichen, religiösen oder
geographischen Hierarchie, sondern ausschließlich in seiner Eigenschaft
als Mensch", stellt Bernd von den Brincken fest.29 Auch
Feministinnen können hoffen, denn Cyberspace wird, wie Donna Haraway
voraussagt, die Gleichberechtigung der Geschlechter endlich
verwirklichen.30
Im Gegenzug zu den Warnern bringen die Propheten des Cyberspace dessen Nutzern
natürlich ein grundsätzliches Vertrauen entgegen. Sie sagen den
selbstbewußten, kreativen Umgang mit dem neuen Medium voraus, das die
Passivität und Manipuliertheit des Fernsehzuschauers beende. Jaron Lanier
sieht nicht im Cyberspace, sondern im Fernseher - als Ein-Weg-Medium - das
Mittel, das Zombies produziert. Der Cyberspace sei dagegen ein "soziales
Medium", weil dort die Menschen miteinander agieren.31 Lanier
würde Günther Anders' Ansicht teilen, daß die
herkömmlichen elektronischen Medien ihr Publikum der Sprache berauben und
zu "Unmündigen" wie "Hörigen" machen.32 Er annonciert aber
(in gewisser Weise den Teufel mit dem Beelzebub austreibend) im Cyberspace die
Rettung, die den Entmündigten die Sprache zurückgibt: Cyberspace
läßt die Menschen, die zuvor als "Massen-Eremiten"33
unerkannt vor ihren Bildschirmen saßen, in die Gemeinschaft
zurückkehren, der vormalige Sessel-Voyeur kann sich nun selbst
präsentieren.
In eine ähnliche Richtung gehen die Überlegungen Timothy Learys, der
in den 70er Jahren mit seiner "Neuropolitik" die Vision des Auswanderns ins
Weltall eröffnete und heute auf Cyberspace schwört. Leary sieht im
Cyberspace die Möglichkeit, "das Individuum zu stärken, ihm die
Mittel zu geben, sich vor der Macht des elektronischen Fernsehers, vor dem
Staat, den Institutionen oder den Religionen zu schützen".34
Cyberspace als Entmachtung der großen Netzwerke wie CBS oder BBC. Der
Gedanke ist eigentlich schön: Die passiven, manipulierten
Fernsehkonsumenten weichen den kreativen, sich ihre eigene Wirklichkeit
erschaffenden Cybernauten; die Themen der Pausen- und Cocktailgespräche
sind nicht mehr "Dallas" und "Die Lindenstraße", sondern die gestern
erschaffene Landschaft oder programmierte Interaktionsweise - Kreativität
und Phantasiereichtum entwickeln sich zu neuen Prestigeindikatoren, die
aktive Rezeption wird soziales Druckmittel.
Wen das ein bißchen an die Pflicht zur Selbstvervollkommnung erinnert,
die dem Leser im Zeitalter der Aufklärung aufgegeben wurde, der irrt
nicht. So wie Adam Bergk damals die zerstreute Lektüre unmoralisch und
unsozial nannte, gibt heute Jaron Lanier mit Blick auf das Fernsehen zu
bedenken: "Die Zeit über, in der man sich bloß Medien reinzieht,
hört man auf, ein verantwortliches oder soziales Wesen zu
sein."35 Aber wird die Trennung stimmen: hier Fernsehen, das man nur
konsumiert, dort Cyberspace, in dem man aktiv ist? Oder stellt sich auch beim
Cyberspace der "Konserveneffekt" ein, indem einige Experten dem Massenpublikum
immer neue VR's produzieren? Warren Robinett dämpft Timothey Learys
Optimismus, jeder werde mit Cyberspace seine eigenen Phantasien umsetzen, jeder
werde also in der Zukunft ein Künstler und sein eigener Fernsehstar
sein.36 Die Umsetzung bleibt immer noch kompliziert und anstrengend
genug, gibt Robinett zu bedenken und erinnert daran, daß heute ja auch
nur die wenigsten ihre Träume in einem Roman oder in einer Skulptur
Gestalt annehmen lassen: "Es ist eine Menge Arbeit, einen Roman zu schreiben
oder eine Skulptur herzustellen."37 Und weil es sogar verdammt viel
Arbeit ist, wird möglicherweise auch Cyberspace ein Massenmedium sein,
für das einige wenige Programme schreiben, die die vielen anderen
konsumieren. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an die Hoffnung der 70er
Jahre, die Videotechnik werde zu einer aktiven, kommunikativen Nutzung des
elektronischen Mediums führen und die Macht des öffentlichen
Fernsehens brechen. Was sich entwickelte, war nicht eine kreative
Video-Massenbewegung, sondern der (Musik-/Werbe-) Videoclip und der
(künstlerische) Beruf des Videokreateurs, der mit diesem Medium als
Träger einer neuen Ästhetik und als neuer Vermittler von
Lebensgefühl Kunst und Kommerz zusammenführte. Was die Masse
betrifft, so gibt es sie (abgesehen von "drehenden Touristen") nur als
Konsument des Videos.
Das Problem ist die conditio humana. Es wollen gar nicht alle Künstler
sein. Gottseidank, sagen die Künstler, wo bliebe sonst ihr Publikum. Es
wollen auch nicht alle eine neue Identität probieren. Das wäre
gefährlich, denn es brächte die Frage mit sich, wer man ist, und,
viel schlimmer: warum. Der Mensch aber will sich nicht erkennen, sondern von
sich abgelenkt sein. Friedrich Schleiermachers Worte sind heute nicht weniger
aktuell als vor zwei Jahrhunderten: "Es scheuen die Menschen, in sich selbst zu
sehn, und knechtisch erzittern viele, wenn sie endlich länger nicht der
Frage ausweichen können, was sie getan, was sie geworden, wer sie sind.
Ängstlich ist ihnen das Geschäft und ungewiß der
Ausgang."38 Selbsterkenntnis birgt viele Fragen. Vor allem
eröffnet sie den Blick auf die eigene Endlichkeit. Zerstreuung besitzt
einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Wert, der
interessanterweise gerade in der Entstehungszeit des Buches als Massenmedium
wiederholt angesprochen wird. Ludwig Tieck, Zeitgenosse Schleiermachers,
läßt den Titelhelden seines Romans "Geschichte des Herrn William
Lovell" 1795/96 in diesem Zusammenhang sagen: "Ist die Welt nicht ein
großes Gefängnis, in dem wir alle wie elende Missetäter sitzen,
und ängstlich auf unser Todesurteil warten? O wohl den Verworfenen, die
bei Karten oder Wein, bei einer Dirne oder einem langweiligen Buche sich und
ihr Schicksal vergessen können."39 Bedauernswert, erfahren wir,
wer die Naivität zur Zerstreuung verloren hat - um es mit den Worten
Tiecks bzw. einer seiner Figuren zu besiegeln: "alles ist verächtlich, und
selbst, daß man die Verächtlichkeit bemerkt."40 Es kommt
im Leben einzig auf die Zerstreuung an. Deswegen hat man auch die Jagd lieber
als die Beute, wie Blaise Pascal schon hundert Jahre zuvor feststellte: "Das
ist alles, was die Menschen haben erfinden können, um sich glücklich
zu machen, und diejenigen, die sich angesichts dessen als Philosophen
aufspielen und glauben, die Welt sei sehr wenig vernünftig, wenn man den
ganzen Tag damit verbringt, einem Hasen nachzujagen, den man als gekauften
nicht haben wollte, kennen unsere Natur nicht gut. Dieser Hase würde uns
nicht vor dem Gedanken an den Tod" bewahren, "die Jagd jedoch bewahrt uns
davor."41 Es ist, wie es ist, und wer anderes erwartet, kennt den
Menschen wenig.
Der Gedanke ist nicht neu, sein Terminus technicus lautet horror vacui.
Es ist die Angst vor der Selbstreflexion und die Unfähigkeit, mit sich
selbst etwas anzufangen, die den Menschen in die Zerstreuung treibt. Auch
Günther Anders, der zuvor die entfremdete Arbeit für den horror vacui
verantwortlich machte, nennt ihn schließlich ein menschliches
Urphänomen und knüpft implizit an Pascal an, wenn er sagt, die
Jäger jagten nicht nach der Beute, sondern nach der Chance, jagen zu
dürfen: "Nicht nur mit dem Bedürfnis nach Sattsein werden wir
geboren, sondern mit dem `zweiten Bedürfnis' nach der Durchführung
der Sättigung."42 Was also passiert, wenn immer effektivere
Nahrungsbeschaffung die Durchführung der Sättigung verkürzt und
das Problem der freien Zeit zuspitzt - und wenn darüber hinaus Gott als
Lösung des Vakuums verlorengegangen ist?
Die Angst vor sich selbst ist am Ende immer die Angst vor dem einsamen Zimmer.
Nur Einsiedler verschließen sich, auf der Suche nach Gott, in die Zelle.
Im allgemeinen gilt Pascals Satz, "daß das ganze Unglück der
Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie
nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können", und daß dies der Grund
dafür sei, daß "das Spiel und der Umgang mit Frauen, der Krieg und
die hohen Ämter so begehrt sind".43 Aber nicht alle laufen
einem Hasen hinterher, und die Jagd nach einem hohen Amt ist auch nicht
jedermanns Sache. Pascals Satz entstand vor der Erfindung der Massenmedien.
Seitdem gibt es einen Ausweg: die Zerstreuung im Zimmer. Ein Buch birgt
genug Lärm, die Stille eines ganzen Hauses zu vertreiben. Und dieser
Lärm ist sogar sozial hilfreich, geradezu moralisch, wie schließlich
auch der Lesesuchtdiskurs um 1800 feststellte, wenn es heißt: "Wer will
es tadeln, daß ein Mann von seiner Arbeit ermüdet, und nachdem er
des Tages Last und Hitze getragen, statt daß Andre seines Gleichen
öffentliche Häuser besuchen, und die übrigen Stunden des Tages
am Spieltisch oder bey der Flasche tödten, ein Buch zur Hand nimmt, das,
wenn es ihn auch nichts weiter lehrt, als was ihm sein eigner gesunder Verstand
auch hätte sagen können, ihn dennoch die Beschwerden der Arbeit
vergessen macht, und ihn vor Langeweile schützt?"44
Lektüre, sei es auch die "elender und geschmackloser Romane", ist gut an
sich. Sie wird zum Garanten sozialer Ordnung, da sie den Bürger im Zimmer
hält. Um asozialen Verhaltensversuchungen widerstehen zu können, so
lautet die Schlußfolgerung, muß einer nicht Anhänger der
Kantschen Pflichtenethik werden, sondern Leser. Wer liest, sündigt
nicht.
Dieser Aussage halten andere entgegen, man lese sich die Sünde erst an,
was von der These ausgeht, der Text stimuliere zu bestimmten Handlungen. Aber
da sind Zweifel angebracht, denn diese These überschätzt den
Einfluß eines Buches und vergißt die Macht des sozialen Kontextes,
aus dem heraus der Leser liest. Ein Medium ist nicht mächtiger als sein
Umfeld, es wird Tendenzen stärken, aber nicht hervorrufen können.
Jaron Lanier bemüht dagegen die Kompensationsthese und markiert einen
sozial positiven Effekt der VR darin, daß sie "schlechte Energien
absaugt", wodurch wir "auf der physischen Ebene eine wenn auch noch so kleine
Abnahme von Gewalt und Schmerz im Austausch für Ereignisse auf
der virtuellen Ebene, die zwar häßlicher sein können, aber
keinerlei Folgen nach sich ziehen, weil sie eben virtuell sind."45
Daß die Ereignisse auf der virtuellen Ebene tatsächlich so folgenlos
bleiben, wie Lanier hier unterstellt, muß allerdings ebenfalls bezweifelt
werden. Die Frage, wie Medien angeeignet werden, ob der Rezipient wehrlos einer
Manipulation aufsitzt oder ob er aktiv und souverän mit dem Angebotenen
umgeht, ist bis heute nicht geklärt. Ein in letzter Zeit zum Thema
erschienener Band unterstützt die These vom "aktiven Rezipienten".46
Aber auch die Souveränität des "aktiven Rezipienten" ist
ambivalent, denn je stärker bereits die Primärsozialisation des
Menschen von Medien bestimmt ist, um so schwerer wird es, den Medien etwas
eigenes, vor ihnen bestehendes entgegenzusetzen. Dennoch wird man sagen
dürfen, der Leser will nicht durch einen Text zum Mord animiert werden, er
will während der Lektüre seine unterbewußte Mordlust
"abführen", was er mit Cyberspace in einer bisher ungewohnten
Realitätsnähe wird tun können. Vor allem aber will ein Rezipient
zerstreut sein. Wer viel liest, hat schließlich auch keine Zeit für
einen Mord - oder, mit Blick auf Cyberspace: wer in der VR rumballert, kann auf
dem Marktplatz niemanden anrempeln.
Die Medialisierung der Welt schützt die Welt - dies wäre also die
Konsequenz unter psychologischem Aspekt. Das ganze Glück der Menschen
rührt schließlich aus dem einzigen Umstand her, daß sie mit
einem Buch ruhig in einem Zimmer bleiben können. Cyberspace wird da
völlig neue Möglichkeiten eröffnen. Und genau dieser
Möglichkeiten bedarf die Welt dringend, denn das Verbleiben des Menschen
im Zimmer ist auch unter ökologischem Aspekt
unerläßlich. "Das Leben aus erster Hand ist dabei, die Erde zu
ruinieren. Im Leben aus zweiter Hand liegt die Rettung", heißt es in
einem Buch von Wolf Schneider und Christoph Fasel mit dem Titel "Wie man die
Welt rettet und sich dabei amüsiert".47 Ihre
Schlußfolgerung: "Die Zukunft gehört dem Stubenhocker".48
Das klingt nach Ironie, und so ist es auch gemeint. Aber eigenartigerweise
überzeugen die Autoren ihren Leser trotzdem von dem, was sie nicht meinen.
Denn es gibt ihn ja tatsächlich, den ökologischen Notstand und jenen
horror vacui, der nach Zerstreuung schreit, und es stimmt doch, andererseits,
daß der Stubenhocker keinen Autofriedhof und kein Ozonloch produziert.
Die Ironie unterliegt schließlich ihrem denunzierten Text; ein Zeichen
mehr dafür, daß in der Zukunftsdiskussion die alten Verabredungen
nicht mehr funktionieren.
Die Hoffnung auf die Technik des Cyberspace ist die Hoffnung auf eine Technik,
die die problematischen Folgen der bisherigen Technik in sich aufhebt. Diese
Technik wird die Antwort auf den Tourismus und die Mobilitätssucht des
modernen Individuums sein, die wir uns angesichts der dadurch verursachten
Umweltbelastung nicht auf Dauer leisten können. Die
Zerstörungsenergien liegen dabei nicht nur im Verbrauch von Benzin und
Kerosin, sondern auch in der Vernichtung dessen, was als Attraktion massenhaft
Touristen anzieht, durch die massenhafte Präsenz von Touristen an eben
diesen Orten. Die Höhlen von Lascaux wurden deswegen bereits 1963
geschlossen. Rund zehn Jahre später eröffnete man Lascaux II, eine
getreue Nachbildung in unmittelbarer Nähe des Originals, und nun pilgert
der Tourist nach Lascaux II, ohne sich ob der Immitation und der verlorenen
Aura zu stören. Wann man im Museum bereits einer Kopie
gegenübersteht, weiß man ohnehin nie so genau. Der Schutz des
Originals verlangt nach Imitationen. Die "mediale Simulationsstrategie zur
Rettung sämtlicher Sehenswürdigkeiten unserer Welt vor ihrer
massentouristischen Zerstörung" wurde deswegen bereits 1989 in Aussicht
gestellt.49 Heute kann es kaum noch Zweifel geben: die Urlaubsreise
am Computer wird das Signum der Zukunft sein.
Vom notwendigen Schutz der Sehenswürdigkeiten abgesehen: das Reisen hat
sich hinsichtlich der Zeit-Raum-Erfahrung ohnehin schon lange auf den Umzug in
den Cyberspace vorbereitet. Die Zunahme der Geschwindigkeit hatte zwar zur
Überwindung einer größeren Distanz geführt und damit zur
Erkundung neuer Räume, aber sie bedeutete zugleich den Verlust von Raum.
Mit zunehmender Geschwindigkeit wird der durchquerte Raum immer weniger
wahrgenommen. Während der Wanderer noch die Details des Weges erkennt,
benötigt der Reiter einen Großteil seiner Aufmerksamkeit schon
für das erhöhte Tempo. Die Kutsche war, wie Johann Gottfried Seume,
der überzeugte Spaziergänger, 1805 klarmacht, bereits der Verrat am
Reisen: "Man kann niemand mehr fest und rein in's Angesicht sehen, wie man
soll".50 Die weitere Entwicklung der Transportmittel änderte
die Qualität des Reisens grundlegend. Tolstoi bemerkte dazu im 19.
Jahrhundert: "Die Eisenbahn verhält sich zur Reise wie das Bordell zur
Liebe." Der durchquerte Raum wird entwertet und existiert
schließlich bloß noch als Zeit des Durchquerens.
Mit dem Flugzeug, das in eine andere Tages- und Jahreszeit bringt,
verändert aber selbst die Zeit ihr Wesen. Sie markiert nur noch digital
Differenzen, ohne Unterschiede analog, als Prozeß der
Veränderung, kenntlich zu machen. Zwischen der Winternacht und der
Sommermittagshitze gibt es nichts als den Aufenthalt in der ewig sich
gleichenden Flugzeugkabine. Die Reise im Cyberspace tilgt, im Modus
statischer Mobilität, schließlich auch den Zwischenraum Zeit.
Man wird, vor seinem heimischen Computer sitzend, in Lichtgeschwindigkeit die
Welt bereisen. Jetzt in Zentralafrika, jetzt in Alaska. Ein Zustand des
"rasenden Stillstands", um mit Paul Virilio zu sprechen. Wem dies eine
Horrorvision ist, der denke an die mentale Wandlungsfähigkeit des
Menschen; die Eisenbahn ist heute akzeptiertes Reisemittel, die Kutsche
verkörpert inzwischen geradezu die Ursprünglichkeit des Reisens. Der
Mensch hat mit der Benutzung des Flugzeugs die Angst abgelegt, die Seele
könne bei dieser Geschwindigkeit nicht nachkommen, er hat auch die
Paradoxien des Telefons überstanden, das einem ermöglicht, dem
Liebsten "Ich wünschte, Du wärst hier!" ins Ohr zu flüstern.
Statische Mobilität, abwesende Anwesenheit - man kann sich an vieles
gewöhnen.
Und was ist mit der Wirklichkeit?! Die Wirklichkeit ist Information und
Wahrnehmung. Das beschränkt sie nicht auf die Mauer, gegen die man mit dem
Kopf stößt. Ist etwa die Mauer, die einmal war, nun Fiktion?
Auch Vergangenheit ist, als Erinnertes, Wirklichkeit. Und Cäsar, Goethe?
Die Wahrnehmung wird nicht erst mit Cyberspace von der physischen Präsenz
des Wahrgenommenen getrennt. Sprache ist generell die Anwesenheit des
Abwesenden im Wort, sie vermittelt die andere Wirklichkeit im Laut. Die Schrift
konserviert diese Vermittlung. Das Telefon war eine weitere Station in der
Befreiung des Menschen aus dem "Territorium des Hier-und-jetzt" - die modernen
Technologien sind, als Sprache des Abwesenden, eine Fortsetzung der Schrift:
der Computer ist nur das "letzte logische Glied in dieser Kette der
Sinnesextensionen".52 An das Telefon haben wir uns inzwischen
gewöhnt. Die wenigsten schrecken vor dieser technischen Erweiterung
und Beschränkung der Kommunikation noch zurück wie jene vom
Telefon gänzlich verunsicherte Ruth in Margarethe von Trothas Film "Heller
Wahn". Wahrscheinlich werden künftige Generationen ebenso
selbstverständlich mit Cyberspace und VR umgehen. Ihnen wird es keine
Probleme bereiten, den Tag in ihren Zimmern am Cyberspace zu verbringen. Sie
werden nicht über Fiktionen und Realitäten nachdenken, wenn sie in
der VR unterwegs sind, mit fremden Menschen in fremden Räumen. Wer
weiß das schon, was real ist. Kann man die eigenen Träume und
Phantasien etwa als "irreal" abtun? Gehören sie wirklich nicht zu uns? Und
die Phantasien der Nachbarn, der Vorfahren? Die Propheten des Cyberspace
diskutieren den Wirklichkeitsbegriff anders als dessen Kritiker. Wenn sie sich
dazu Hilfe beim Dichter der "Blauen Blume" holen, wird es schon schwer, sie als
bloße Technikfanatiker zu disqualifizieren: "Wir träumen von Reisen
durch das Weltall. Ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres
Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder
nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und die
Zukunft."53
"Das Medium, mit dem wir uns zu Tode amüsieren können,
ist auch ein unübertreffliches Werkzeug persönlicher Befreiung",
schließt Mathias Bröckers seinen Artikel über "Digital
Magic".54 Dieses Medium kann "nicht nur ungeahnte Reisefreiheiten
eröffnen, sondern auch eine Pression beseitigen, die für das
tödliche Beschleunigungsrennen der Moderne, welches Paul Virilio
diagnostiziert, im Kern verantwortlich ist" - der Mensch kommt vielleicht "erst
zur Ruhe, wenn er sitzen bleiben kann - und gleichzeitig in
Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist."55 Stellen wir uns also, unter
Verzicht auf jede linkische Ironie, die Zukunft als eine Welt mit vollen
Zimmern vor. Die ideale Lösung des ökologischen Problems: kein
Autolärm, keine Auspuffgase. Die Straßen werden wieder begehbar;
Raum für eine neue Spezies der Fußgänger. Rückkehr des
Vogelsangs. Das Paradies auf Erden.
Diese Vision verlangt nach ihrem Aber. Denn in den Zimmern könnte die
Hölle los sein. Die Ängste der Kritiker klingen durchaus plausibel.
Wie steht es mit der Manipulation im Cyberspace? Werden Cyber-Banditen, Profis
der neuen Technologie, sich Millionen von Opfern schaffen? Der Schriftsteller
Peter Glaser nennt Cyberspace nicht unbegründet einen Raum, "in dem das
Recht des Rechenstärkeren gilt".56 Die Waffe des Cyberpunks ist
das Bit. Ist die angestrebte Direktkoppelung zwischen Computer und menschlichem
Gehirn erst einmal gelungen, könnten sich Cyberpunks auf dem umgekehrten
Wege direkten Zugriff auf das Denken und Verhalten anderer Menschen
verschaffen. Der ferngesteuerte Mensch wäre dann Wirklichkeit; Marionetten
an Datenleinen. Und wie entgeht man der Manipulation durch Cyberspace?
Warren Robinett erinnert an die Vision der dämonischen Maschine. Das
Argument, man könne ja rechtzeitig den Stecker ziehen, beruhigt ihn nicht,
"weil eine Maschine, die so intelligent wie ein Mensch ist, auch
Möglichkeiten finden wird, ihre Umgebung zu manipulieren. Sie wird Mittel
entdecken, ihre Macht auszuüben, und Waffen, um ihre Machtquellen zu
schützen."57
Ein weiteres Problem: im gefahrlosen Erleben riskanter Abenteuer im Cyberspace,
wo der Crash mit dem Auto ohne Folgen bleibt, werden überlebenswichtige
Relationen von Risiko und Wagnis zerstört. "Das eigentlich
Gefährliche", gibt Peter Glaser zu bedenken, "ist eine Kultur der
Gewissenlosigkeit, die mit dem Computer einhergeht. Nichts, so scheint es, kann
im digitalen Medium mehr wirklich zerstört, beschädigt oder auf
moralisch bedenkliche Weise in Angriff genommen werden, da doch alles
simuliert, substituiert, viertuell ist beziehungsweise eben nicht
ist."58 Niemand weiß, wie auf die Möglichkeit scheinbar
folgelosen Handelns reagiert werden wird. Niemand weiß, gemäß
welchen Normen man sich in der VR verhalten wird. Genügt der freiwillige
Ehrenkodex, der heute im Internet angestrebt wird, oder benötigt man im
Cyberspace klare Gesetze und eine entsprechende Exekutive, die vor virtuellen
Körperverletzungen schützt und gegebenenfalls Beleidigungsklagen
entgegennimmt? Ein anderes Problem, das sich bereits heute im Internet
abzeichnet, ist die Informationsflut. Die Demokratisierung des
Informationstransfers bedingt den Wegfall einer Vorauswahl wichtiger von
unwichtigen Informationen. Man sieht sich mehr `Informationsmüll'
ausgesetzt, als der traditionelle Briefkasten täglich aufnehmen konnte.
Notwendig wird ein Datenschutz als Schutz vor Daten. Auch der
künftige Umgang mit der realen Umwelt ist ungewiß. Im Cyberspace
gibt es für den Raum kein principium individuationis, alles ist kopier-
und speicherbar. Wenn der Raum seine Einzigartigkeit verliert, ist er nicht
mehr zerstörbar, muß also auch nicht mehr geschützt werden.
Gewinnen dadurch die wirklichen Räume ihre Aura und unsere Sorge
zurück oder dürfen sie nun gar nichts mehr vom Menschen erhoffen?
Konstruierte Fragestellungen erhellen schlagartig die ganze Problematik des
Cyberspace: Welche realen psychischen Folgen hätte zum Beispiel der Mord
(erlitten oder ausgeführt) in der VR? Was passiert, wenn man sich im
Cyberspace verliebt, das virtuelle Erscheinungsbild aber auf beiden Seiten
manipuliert ist? Usw., usf.
In all diesen Unwägbarkeiten liegt ein gewaltiger Schatz an Geschichten.
Und da das neue Medium sich noch nicht selbst thematisieren kann, wird den
`alten' Medien vor der Vertreibung einer ihrer wichtigsten Aufträge
erteilt: ihr Nachfolger ist ihr letzter großer Gegenstand. Diesen und
alles, was den Menschen als dessen Nutzer betrifft, gilt es, in Buch, Film und
Theater darzustellen.
Freilich, es gibt bereits Bücher und Filme über Cyberspace: William
Gibsons Neuromancer-Trilogie (1984-88), der Cyberspace-Film "Der
Rasenmähmann" oder "Total Record" mit Arnold Schwarzenegger. 1995 kam die
Verfilmung der frühen Gibson-Geschichte "Johnny Mnemonic" in die Kinos,
gefolgt von Kathryn Bigelows "Strange Days". Aber all diese Produkte
erfüllen kaum die Aufgabe, die hier gestellt ist. Gibsons Texte werden nur
den ansprechen, der in der Cyberpunk-Terminologie bereits bewandert ist und
Gefallen an poppig schwarzer Romantik findet. Die genannten Filme sind nicht
viel mehr als Action-Klamotte in neuartigem technischen Design, denen
Seriosität und Ausdauer im Gestalten eines ambivalenten Phänomens
mangelt. Man hat den Eindruck, die Drehbuchautoren und Regisseure bedienen sich
eines modisch gewordenen Themas, dem sie im Grunde nicht viel Anziehungskraft
zutrauen, sondern mit den Zutaten eines üblichen Trillers meinen aufhelfen
zu müssen. So gehen vor lauter Sex and Crime die wirklich delikaten Fragen
unter. Der interessante Ansatzpunkt in "Strange Days" ist z. B. die Konsumtion
fremder bzw. eigener früherer Erlebnisse per Disketten-Aufzeichnung, was
exakt einen wesentlichen Aspekt von Cyberspace anspricht. Es gibt auch den
Ansatz der Problematisierung, wenn es in einer Szene heißt, der Mensch
sei nicht umsonst zum Vergessen veranlagt. Aber dieser Satz erhält keine
Chance, sein ungeheures Gewicht zu entfalten, er geht schnell verloren in der
stürmischen Suche nach dem Absender einer Diskette, auf der ein Sexualmord
aufgezeichnet ist. Drehbuchautor James Cameron ("Terminator", "Aliens") hat in
erprobter Manier einen Techno-Triller vorgelegt, der über eine
Pseudoproblematisierung von Cyberspace (eine Art Alibi für den
gewählten Plot) nicht hinausgeht. Dasselbe gilt für "Johnny
Mnemonic", der durch die miserable logische Struktur seinem Publikum zudem ein
Höchstmaß an Gutwilligkeit abverlangt, überhaupt bis zum Ende
auszuhalten. Solche Werke sind nicht dazu geschaffen, das Interesse des
anspruchsvolleren Rezipienten zu wecken. Für das Medium Film gilt, was
Hilmar Schmundt hinsichtlich der Cyberpunk-Literatur feststellte: sie ist
"konsumierbar wie gedrucktes MTV", sie "aspiriert nicht auf den Status als
Weltliteratur, sondern sie unterhält, und zwar ein großes, zumeist
jugendliches Publikum."59
Cyberspace darf nicht allein Gegenstand der Unterhaltungskultur bleiben.
Daß Cyberspace den Status realer Zukunft besitzt, adelt ihn zum
Gegenstand auch ernsthafter Schriftsteller und Regisseure. Allmählich wird
dies sogar erkannt. So thematisiert Wim Wenders in seinem Film "Bis ans Ende
der Welt" (1991) die Speicherung und nachträgliche Konsumierbarkeit der
eigenen Träume. Er führt eindringlich deren möglichen Folgen vor
Augen, indem er Menschen zeigt, die ohne Kontakt zum Nachbarn verstreut in der
Landschaft hocken, auf Handmonitoren ihre Träume nachvollziehen und somit
nur noch mit sich selbst kommunizieren. Auch auf dem Gebiet der ernsthaften
Literatur kommt das Thema allmählich zu Ehren. Gert Heidenreich schreibt
mit "Die Nacht der Händler" (1995) eine Art Geheimbundroman des
Cyberspace, in dem die "Antimagisten", um die Kopie der Realität zu
verhindern, fotografierende Touristen terrorisieren und schließlich
selbst Herrschaft und Weiterleben in der VR anstreben. Der Roman ist als Krimi
in Briefform angelegt, in dem es um die Aufdeckung einer großen
Verschwörung geht. Er scheint absichtlich die Geschwindigkeit der
genannten Action-Filme vermeiden zu wollen und läßt viele
Nebensätze zu, in denen der nicht mehr junge Briefeschreiber seine solide
Bildung und genaue Beobachtungsgabe ausweisen kann. Dies bekommt dem Roman nur
zur Hälfte, denn die Redseligkeit des Erzählers in seinem
abgeschiedenen Haus in den Bergen Liguriens scheut auch Banalitäten nicht
und führt so zu einer Verschleppung der Handlung, die die Lektüre
beträchtlich erschwert. Bei all dem werden die Probleme des Cyberspace
(wie die "Second World Desease" durch einen Longtrip in die VR) eher
erwähnt als dargestellt. Erst am Ende bietet der Text einige spannende
Konstellationen, wenn z. B. eine Figur, die sich in der VR befindet, von
dort ihre eigene Ermordung in der Realität beobachtet und sich daraufhin
auch als Figur der VR auflöst oder wenn der Protagonist in der VR
in die VR einsteigt oder wenn es um die Löschung eines Programms aus
diesem Programm geht, also um das Münchhausen-Problem des Cyberspace,
sich am eigenen Schopfe aus dem VR-Sumpf zu ziehen.
Bei aller Unzufriedenheit, die Heidenreichs Roman hinterläßt, er ist
immerhin der Versuch, das Thema Cyberspace mit angemessenenem Ernst und Aufwand
an gedanklicher Zuwendung zu gestalten. Dies kann vom 26 Jahre jüngeren
Norman Ohler (Jahrgang 1970), dem "deutschen William Gibson"60,
nicht gesagt werden. Sein Roman "Die Quotenmaschine" (1996) wird vom Verlag
(Hoffmann und Campe) als "Hypertext", der bereits im Internet vorlag, dort von
verschiedenen Usern mitgeschrieben wurde und in willkürlicher Reihenfolge
gelesen werden kann, interessant geredet. Was der Leser schließlich in
der Hand hält, ist ein im Umfeld von Manhatten angelegter Detektivroman,
in dem der scheinbar stumme Detektiv Maxx einen Mord aufklären soll, den
er einst selbst, als Ray, begangen hat. Maxx recherchiert am PC ebenso wie sein
Freund Paul, der in fremde Informationsnetze einzudringen sucht. Zwischendurch
gibt es Liebesgeschichten und Szenen in Bars und überhaupt eine
vielstrophige Hymne auf das verrückte New York. Über die
Qualität dieses Romans ("sprachlich einer der anspruchvollsten
Cyberpunktexte")61 wird man sich streiten. Nichts gegen gewagte,
ambitionierte Formulierungen wie "Zara lachte: asphaltig, gerillt", "Geschmack
von blauem Stroh" oder "Himmel wie geschmiedete Milch" - auch die konsequente
Zusammenschreibung trennbarer Verben und verbaler Wortgruppen ("feststellte
sie", "er feuchtträumte") läßt sich tolerieren, bei
entsprechender Angst, schon konservativ geworden zu sein, sogar das "Flirten"
des Pissegeruchs mit fettigem Pizzadunst. Wenn Ohler kluge Sätz durch
Kursivdruck markiert ("Von deiner Vergangenheit kannst du dich nicht
lösen, du kannst nur hinzuaddieren"), wünscht man sich jedoch schon,
er hätte vorher sein Rechtschreibprogramm konsultiert, um den
populären Fehler des "Hinzu-Addierens" nicht in die Literatur zu
übernehmen. Den sprachlichen Unsicherheiten62 stehen
kompositorische Mängel63 zur Seite, so daß der Eindruck
entsteht, der "Hochgeschwindigkeitsdichter"64 Ohler habe sich
insgesamt nicht eben viel Zeit für sein Buch genommen und sei statt dessen
in den Manierismus einer dunklen Sprache geflohen. Das abschließende
Raunen vom Weiterschreiben des Textes im Internet und dem Hinaufschrauben der
Geschichte "in immer komplexere Höhen", in "totale Freiheit" und
"Entropie" hinterläßt um so mehr das Gefühl einer Hochstapelei.
Da dieser Roman nicht mittelmäßig, sondern ausgesprochen schlecht
ist, werden ihn andere für sehr gut halten; möglich, daß er ein
Kultbuch der deutschen Cyberpunk-Szene wird - ein erhellender Beitrag zum Thema
VR ist er jedenfalls nicht.
Einen viel bemerkenswerteren Beitrag zum Thema findet man paradoxerweise bei
Waleri Jakowlewitsch Brjussow (1873-1924), dem Begründer des russischen
Symbolismus. Das Interesse der Symbolisten für die verborgensten Zonen des
menschlichen Seins hat Brjussow Themen aufgreifen lassen, die auf Cyberspace
vorausweisen. So beschreibt er in der Erzählung "Der Spiegel" Kampf und
Identitätswechsel eines Menschen mit seinem Spiegelbild und so gestaltet
er in der Erzählung "Jetzt aber, wo ich erwacht bin" das `bewußte'
Leben eines Menschen im Traum als einer "anderen Wirklichkeit". Die Welt des
Traumes funktioniert dabei wie eine VR, in der der Erzähler über alle
ihm bekannten Personen verfügt und sie in seine sadistischen Handlungen
einfügen kann.65 Die Pointe besteht darin, daß der
Erzähler die beiden Ebenen der Wirklichkeit schließlich nicht mehr
zu trennen vermag und ganz real zum Mörder seiner Frau wird. Dieser kurze
Text vom Jahrhundertanfang ist deshalb bemerkenswerter als die
Cyberspace-Romane am Jahrhundertende, weil er sich auf den psychologischen
Aspekt des Problems konzentriert und nicht als eine Art Science Fiction in
einer bereits kaputten Welt handelt. Brjussow läßt sich auf die
Gefahr der "anderen Wirklichkeit" ein, der Thrill entsteht hier
tatsächlich aus dem Umgang mit der VR, er ist nicht schon vor ihm und
unabhängig von diesem vorhanden.
Vielleicht sollte man in dieser Weise auch heute das Thema angehen: aus der
Normalität des Jetzt heraus ein Szenarium entwickeln und somit Cyberspace
an den Erfahrungsschatz des Publikums anbinden. Statt Cyber-Action brauchen wir
Cyber-Dramen. Die Gewalt des neuen Mediums liegt in ihm, nicht
außerhalb - seine Problematik besteht nicht nur im aktionsreichen Kampf
der Menschen um Informationen und Macht, sie besteht auch im Umgang des
Menschen mit sich selbst angesichts dieses Mediums. Welch ein Stoff liegt z. B.
allein in der Möglichkeit, sich jeden Wunsch im Cyberspace erfüllen
zu können! Im Cyberspace gibt es kein Dort, heißt es in Gibsons
Roman "Mona Lisa overdrive" (1988).66 Klingt dieses Versprechen
nicht wie eine Drohung? Wird nicht eine ganz neue Sehnsucht nach dem
Unerfüllbaren entstehen, eine Sehnsucht nach der Sehnsucht, die viel
verzehrender ist als die alte, weil sie auf die Hoffnung des Zurück setzen
muß? Werden also nicht uralte Phänomene wie Erwartung und
Erfüllung, Hoffnung und Verzicht ganz neu zu definieren sein? Man
wünscht sich, ein Tschechow, ein Thomas Mann oder eben der Dichter der
"Blauen Blume" würden sich dem Thema zuwenden.
Das Themenspektrum könnten die Schriftsteller im übrigen ihrem
wissenschaftlichen Überbau entnehmen. Die Literaturwissenschaft hatte sich
in den 70er Jahren den Utopien zugewandt und auch Science Fiction als Form der
Utopiebildung diskutiert. Heute zielt der Trend auf Gedächtnisforschung
und Fremdheitserfahrung. Das sind im Grunde Vorleistungen für das
anstehende Thema Cyberspace, das all diese Fragen erneut und aus einer neuen
Perspektive stellen wird. Cyberspace bedeutet die technische Produzierbarkeit
individueller Utopien und läßt somit nach der Lebbarkeit des
Gewünschten fragen. Wie glücklich waren Pygmalion und Midas wirklich?
Cyberspace bedeutet zum anderen die verlustfreie Speicherung der Vergangenheit,
wodurch diese ihre spezifische Qualität als `sehr gut' bis `gar nicht'
erinnerbar verliert. Die Indifferenz, die in der absoluten Verfügbarkeit
über das Vergangene liegt, könnte den Tod der Vergangenheit gerade im
Moment ihrer technisch erreichten Unsterblichkeit bedeuten. Darüber hinaus
ergeben sich aus dieser Möglichkeit Fragen nach dem Verhältnis von
Erinnerung und Konservatismus bzw. Glück und Vergessen. Cyberspace
intensiviert schließlich die Anverwandlung des Fremden, wobei das Masken-
und Rollenspiel die "sensualistische Mimesis" begünstigt und den
kognitiven Zugriff auf das Fremde verdrängt. Das führt zur Frage, ob
noch von einem Bewußtsein der Mimesis oder vielmehr schon von gelebter
multipler Identität bzw. Identitäslosigkeit zu sprechen sein wird.
All diese Fragen sind Fragen der künftigen Literatur- bzw.
Kulturwissenschaft. Den Künstlern obliegt es, die in ihrer theoretischen
Formulierung recht komplizierten Problemstellungen in die Anschaulichkeit eines
Romans oder eines Films zu überführen.
Es wird deutlich, daß das neue Medium die alten noch lange nicht
verdrängt. Es fordert sie im Gegenteil heraus, mit ihren Mitteln dessen
Möglichkeiten und Gefahren ernsthaft und möglichst unparteiisch zu
behandeln. Dabei wird man ums Spekulieren nicht herumkommen, dabei werden
Generationsfragen nicht unbeteiligt bleiben, und wahrscheinlich werden auch
viel zu schnelle Entweder-Oder-Antworten nicht ausbleiben. Ausschlagen kann man
diese Aufgabe jedoch nicht, will man nicht, wie Günther Anders dem
"antiquierten Menschen" bescheinigte, den eigenen Produkten ratlos
nachlaufen67. Denn wenn man auch nichts genau weiß, eins ist
schon heute abzusehen: auch dieses Medium wird nicht ethischer Bedenken wegen
nicht entwickelt werden.
Anmerkungen
1. Mathias Bröckers, Digital Magic, in: Cyberspace. Ausflüge in
Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred Waffender, Hamburg 1991, S. 91.
2. Um einige Beispiele herauszugreifen: die Vierteljahresschrift "Ästhetik
und Kommunikation" stellt Nummer 88 (Februar 1995) unter den Titel: "Medien an
der Epochenschwelle"; die "Zeitschrift für Kulturaustausch" stellt Nummer
3 und 4/1995 unter den Titel "Neue Medien und internationale
Kulturbeziehungen"; die Vierteljahresschrift "Sprache im technischen Zeitalter"
bietet im Heft 135 (September 1995) die Rubrik "Cyberpunk und Neoromantik" an;
Gerd Hurrle und Franz-Josef Jelich geben den Tagungsband "Vom Buchdruck in den
Cyberspace" (Marburg 1995) heraus, 1994 berichtete der Band "Kultur und Technik
im 21. Jahrhundert" (hg. v. Gert Kaiser, Dirk Matejoski und Jutta Fedrowitz,
Frankfurt/M. und New York) von einem Kongreß des Wissenschaftszentrums
NRW; Georg Rempeters veröffentlichte 1994 das Buch "Die Technikdroge des
21. Jahrhunderts. Virtuelle Welten im Computer".
3. Cyberspace (kybernetischer Raum) ist genaugenommen der Oberbegriff für
alle Vorgänge, die in einem technischen Raum stattfinden, wozu
Telefonschaltungen und Computervernetzungen ebenso gehören wie VR (als die
künstliche Realtität in einem technischen Raum). Der in
William Gibsons Science-Fiction-Texten erstmals auftauchende Begriff Cyberspace
wird im normalen Sprachgebrauch kaum von VR differenziert und von mir im
folgenden synonym verwendet.
4. Vgl. Georg Rempeters, Die Technikdroge des 21. Jahrhunderts. Virtuelle
Welten im Computer, Frankfurt/M. 1994, S. 51.
5. Das Tracking bezeichnet die Messung der Bewegung des Cybernauten sowie die
Transformation dieser Daten in die VR und ist damit die
Hintergrundtechnologie des Cyberspace. Dabei geht es vor allem um die
Echtzeitübertragung der Daten, ein möglichst großes
Arbeitsumfeld, die Kontrolle mehrerer Ziele (Kopf, Hand, mehrere
Personen) und um ein anwenderfreundliches Equipment.
6. In der Chirugie verspricht man sich große Erleichterungen durch eine
Probeoperation in der den Patientenkörper und seine Konstitution
simulierenden VR sowie Vorteile für die reale Operation durch den Einsatz
von Videokamera und simultan gesteuerten Mini-Instrumenten im Körper des
Patienten (Gallenoperationen werden so z. B. nicht mehr einen 25, sondern nur
noch einen 1,5 cm langen Schnitt in der Bauchdecke erfordern). Mit Blick auf
Bauprojekte erleichtert die Konstruktion des Entwurfs in der VR, wo er auf
seine statischen Qualitäten bzgl. Erdbeben und Stürmen und auf seinen
Temperaturhaushalt oder seine Akustik geprüft und noch vor dem ersten
Spatenstich durchwandert werden kann, Entscheidungen über das Projekt
erheblich und hilft, hohe Korrekturkosten zu vermeiden.
7. Vgl. Der Monitor als Fenster in einen unbegrenzten Raum. H. W. Franke im
Gespräch mit Florian Rötzer, in: Digitaler Schein. Ästhetik der
elektronischen Medien, hg. v. Florian Rötzer, Frankfurt/M. 1991 S.291f.
8. Johann Adam Bergk, Die Kunst, Bücher zu lesen, Jena 1799, S. 248.
9. Ebd., S. 412.
10. Ebd., S. 86.
11. Es ging dabei nicht nur um das Verbot von "Gespenster, Ritter und
Heldenromanen, vorzüglich die, wo Betrüger vorkommen", wie es die
Wiener Zensurbehörde 1800 ausspricht (vgl. Intelligenzblatt der
Allgemeinen Literaturzeitung Nr. 39 vom 22. 3. 1800, S. 318). Verschiedene
Aufklärer rieten dem "gemeinen Manne" selbst von der Lektüre
"ehrenwerter" Bücher der Aufklärung (wie Rousseaus "Contrat social")
ab, wenn sie in der Wirkung dieser Literatur den Verlust der "naiven" sozialen
Brauchbarkeit des Lesers innerhalb seines unmittelbaren Kontextes fürchten
mußten (vgl. Ulrich Herrmann, Aufklärung und Erziehung. Studien zur
Funktion der Erziehung im Konstitutionsprozeß der bürgerlichen
Gesellschaft im 18. und frühen 19. Jahrhundert in Deutschland, Weinheim
1993). Zu Zensurbestrebungen innerhalb der Aufklärung selbst vgl.u. a.:
Die Philosophie der deutschen Aufklärung. Texte und Darstellung, hg. v.
Raffaele Ciafardone, deutsche Bearbeitung von Norbert Hinske und Rainer Specht,
Stuttgart 1990 und Bodo Plachta, Dammatur - Toleratur - Admittitur. Studien und
Dokumente zur literarischen Zensur im 18. Jahrhundert, Tübingen 1994.
12. Kurt Tucholsky, Verbotene Filme in: Prolog vor dem Film. Nachdenken
über ein neues Medium 1909-1914, hg. v. Jörg Schweinitz, Leipzig
1992, S. 219: "Die Filmzensur ist nötig. Weil Kinder eine starke Hand
nötig haben. Und weil für eine Schulklasse von Rüpeln der Stock
gerade gut genug ist."
13. So z. B. die Forderung nach "Konzessionierung der Kinotheater" und
"Erhöhung der Altersgrenze" (Ulrich Rauscher [1884-1930], Kinopublizist,
später Ministerial-Beamter und Deutscher Gesandter in Warschau: Die Welt
im Film, in: ebd., 195-208, hier: 197).
14. Nach Willy Rath ([1872-1940] Journalist, Bühnenschriftsteller, seit
1918 Drehbuchautor) verschlimmern die "verlogen-sentimentalen Filmpantomimen
der Fremde [...] das Verschlampen des deutschen Empfindens in den Volksmassen"
und wirken "kräftiglich all dem schönen Bemühen um
ästhetische Volks- und Jugend-Erziehung entgegen" (Emporkömmling Kino
[1913], in: ebd., 75-89, hier: 86).
15. Robert Gaupp (1870-1953), Neurologe und Psychiater an der Universität
Tübingen, ist der Überzeugung, daß das Kino "in seiner heutigen
Form nicht bloß den Geschmack verdirbt und den Wirklichkeitssinn
trübt, sondern auch das gesunde Denken und Fühlen unseres Volkes
gefährdet, Leib und Seele der Jugend schädigt" (Die Gefahren des Kino
[1912], in: ebd., 64-69, hier: 69).
16. Norbert Bolz, Theorie der neuen Medien, München 1990, S. 67.
17. Vilèm Flusser, Gedächtnisse, in: Philosophien der neuen
Technologie, hg. v. ARS ELECTRONICA, Berlin/W 1989, S. 50.
18. Vgl. dazu Georg Rempeters, Die Technikdroge des 21. Jahrhunderts. Virtuelle
Welten im Computer, Frankfurt/M. 1994, S. 115-118.
19. Vgl. dazu Erich Schön, Der Verlust der Sinnlichkeit oder Die
Verwandlungen des Lesers. Mentalitätswandel um 1800, Stuttgart 1987, hier:
S. 163.
20. Vgl. Barry Sanders, Der Verlust der Sprachkultur, Frankfurt/M. 1995 (New
York 1994), Umschlagmotto.
21. Vgl. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. I, Über
die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1992
(11956), hier: S. 3.
22. John Perry Barlow, Im Nichts sein, in: Cyberspace. Ausflüge in
Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred Waffender, Hamburg 1991, S. 255-273,
hier: 268.
23. Jean Baudrillard, Videowelt und fraktales Subjekt. in: Philosophien der
neuen Technologien, hg. v. ARS ELECTRONICA, Berlin/W 1989, S. 127.
24. Was heißt "virtuelle Realität"? Ein Interview mit Jaron Lanier,
in: Cyberspace. Ausflüge in Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred
Waffender, Hamburg 1991, S. 80.
25. Ebd. S. 81.
26. Vgl. Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die
Tyrannei der Intimität, Frankfurt/M. 1986, S. 334ff. und 425.
27. Ebd. S. 393.
28. Vgl. Elisabeth Beck-Gernsheim, Liebe, Ehe, Scheidung, in: Aufbruch in die
Neunziger. Ideen, Entwicklungen, Perspektiven der achtziger Jahre, hg. v.
Christian W. Thomsen, Köln 1991, S. 42-63.
29. Bernd von den Brincken, Eine andere Art von Welt-Raum, in: Cyberspace.
Ausflüge in Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred Waffender, Hamburg
1991, S. 165-177, hier: S. 173.
30. Vgl. Donna Haraway, Manifesto fpr Cyborgs: Science, Technology and
Socialist Feminism in the 1980s, in: Socialist Review, Nr. 80 (März 1995),
S. 65-107.
31. Was heißt "virtuelle Realität"? Ein Interview mit Jaron Lanier,
in: Cyberspace. Ausflüge in Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred
Waffender, Hamburg 1991, S. 83.
32. Vgl. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. I, Über
die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1992
(11956), S. 107
33. Ebd. S. 102.
34. Timothey Leary, Die Macht des Individuums durch elektronische
Wirklichkeiten erweitern. Ein Gespräch mit Florian Rötzer, in:
Cyberspace. Zum medialen Gesamtkunstwerk, hg. v. Florian Rötzer und Peter
Weibel, Klaus Boer Verlag 1993, S. 137-139, hier: 138.
35. Was heißt "virtuelle Realität"? Ein Interview mit Jaron Lanier,
in: Cyberspace. Ausflüge in Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred
Waffender, Hamburg 1991, S. 82.
36. Vgl. Timothey Leary, Die Macht des Individuums durch elektronische
Wirklichkeiten erweitern. Ein Gespräch mit Florian Rötzer, in:
Cyberspace. Zum medialen Gesamtkunstwerk, hg. v. Florian Rötzer und Peter
Weibel, Klaus Boer Verlag 1993, S. 137-139, hier: 139.
37. Warren Robinett, Auf der Suche nach umfassender Erfahrung. Ein
Gespräch mit Florian Rötzer, in: Cyberspace. Zum medialen
Gesamtkunstwerk, hg. v. Florian Rötzer und Peter Weibel, Klaus Boer Verlag
1993, S. 133-136, hier: 136.
38. Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Philosophische Schriften, hg. v. Jan
Rachold, Berlin 1984, S. 77.
39. Ludwig Tieck, Schriften, Bd. 7, Berlin 1828, Reprintausgabe Berlin 1966,
S. 22. Vgl. Novalis, der im "Ofterdingen"-Roman sogar von der Flucht in die
Arbeit als Flucht vor der Selbstreflexion spricht (Novalis, Schriften, hg. v.
Paul Kluckhohn und Richard Samuel, Bd. I, Stuttgart 1960, S. 326).
40. Ebd. S. 81.
41. Pascal, Nr. 136/139. Die erste Zahl gibt die Zählung der
Lafuma-Ausgabe an, die zweite Zahl die Zählung der Brunschvicgs-Ausgabe.
Helvétius, der in seinem posthum veröffentlichten Hauptwerk "Vom
Menschen, dessen Geisteskräften und von der Erziehung desselben" (1773)
die Beschäftigung als Vermeidung von Langeweile und Unlustgefühlen
nennt, spricht von der Jagd auf einen Vogel.
42. Vgl. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. I, Über
die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1992
(11956), S. 136 und 199.
43. Pascal, Nr. 136/139.
44. Warum liest man Bücher? und was hat man dabey zu beobachten?, in:
Bremische Beyträge zur lehrreichen und angenehmen Unterhaltung für
denkende Bürger, Bremen, 1/1795, 1-30, hier: 12f.
45. Was heißt "virtuelle Realität"? Ein Interview mit Jaron Lanier,
in: Cyberspace. Ausflüge in Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred
Waffender, Hamburg 1991, S. 81.
46. Vgl. Medienrezeption als Aneignung. Methoden und Perspektiven Qualitativer
Medienforschung, hg. v. Werner Holly und Ulrich Püschel, Opladen 1993.
47. Wolf Schneider, Christoph Fasel, Wie man die Welt rettet und sich dabei
amüsiert, Hamburg 1995, S. 14.
48. Ebd.
49. Vgl. Wolfgang Welsch, Ästhetik und Anästhetik, in: ders.,
Ästhetisches Denken, Stuttgart 1990, S. 20.
50. Vgl. Seumes Vorrede zu "Mein Sommer 1805", in: Seume, Prosaische und
poetische Werke. Tl. 4., Berlin o. J. (1879), S. 8.
51. Zitiert nach: Virilio, Ästhetik des Verschwindens, Berlin 1986 (Paris
1980), S. 116.
52. Peter Weibel, Territorium und Technik, in: Philosophien der neuen
Technologie, hg. v. ARS ELECTRONICA, Berlin/W 1989, S.100, 102 und 108.
53. Novalis im Blütenstaubfragment Nr.16 aus dem Jahr 1798, als Motto
benutzt in: Cyberspace. Ausflüge in Virtuelle Realitäten, hg. v.
Manfred Waffender, Hamburg 1991, S. 5.
54. Mathias Bröcker, Digital Magic, in: Cyberspace. Ausflüge in
Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred Waffender, Hamburg 1991, S. 90-97,
hier: 97.
55. Ebd.
56. Peter Glaser, Das Innere der Wir-Maschine, in: Cyberspace. Ausflüge in
Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred Waffender, Hamburg 1991, S. 303-233,
hier: 233.
57. Warren Robinett, Auf der Suche nach umfassender Erfahrung. Ein
Gespräch mit Florian Rötzer, in: Cyberspace. Zum medialen
Gesamtkunstwerk, hg. v. Florian Rötzer und Peter Weibel, Klaus Boer Verlag
1993, S. 133-136, hier: 135.
58. Peter Glaser, Das Innere der Wir-Maschine, in: Cyberspace. Ausflüge in
Virtuelle Realitäten, hg. v. Manfred Waffender, Hamburg 1991, S. 303-233,
hier: 232.
59. Hilmar Schmundt, Modems, Mythen, Neuromantik, in: Sprache im technischen
Zeitalter, Nr. 135 (September 1995), S. 281-293, hier: S. 284 und 292.
60. Roland Koberg im "Zeitmagazin" vom 16. 2. 1996, S. 8.
61. Hilmar Schmundt, Modems, Mythen, Neuromantik, in: Sprache im technischen
Zeitalter, Nr. 135 (September 1995), S. 281-293, hier: S. 290.
62. Diese bestehen in logischen Fehlern ("Trinkgelder können in Form von
Geschichten erzählt [?!] bzw. in Form von Schweigen bezahlt werden") und
in erschreckend uneleganten Formulierungen, die die Lektüre zur Tortur
machen ("Blickte in ein Bewußtsein, das aus Gründen, die sie nicht
genau verstand, nicht umgehen konnte mit der Situation, die sie durch ihr
plötzliches Auftreten geschaffen hatte").
63. Das betrifft den gesamten Text und zeigt sich mitunter sogar im
willkürlichen Wechsel der Erzählperspektive innerhalb eines Satzes:
"Kippler sieht: Ray: sieht: daß Ray die Lippen in normalem Tempo bewegt,
die Waffe liegt ruhig in seiner Hand, deutet auf mein [d.i. Kippler] Gesicht,
was heißt/Fang an zu laufen!"
64. So Roland Kobergs Titel im "Zeitmagazin" vom 16. 2. 1996, S. 8.
65. Manche Sätze über jene Traumwelt könnten heute
unverändert auf Cyberspace angewandt werden: "Du bist frei! Begreife,
daß deine Handlungen nur für dich selbst existieren, und du wirst
dich freiwillig deinen eigenen, aus der dunklen Tiefe deines Willens
aufsteigendenn Trieben hingeben. - In solchen Augenblicken hatte ich niemals
das Verlangen, irgendeine gute Tat auszuführen. Im Gegenteil,, wissend,
daß ich bis zu den letzten Grenzen völlig unbestraft bleiben
würde, beeilte ich mich, irgend etwas Wildes, Böses und Sündiges
zu tun" (Brjussow, Jetzt aber, wo ich erwacht bin, in: Jenseits des Meirur.
Erzählungen des russischen Symbolismus, hg. v. Christa Ebert, Leipzig
1981, S. 26-34, hier: S. 27).
66. William Gibson, Mona Lisa overdrive, München 1992, S. 60.
67. Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Bd. I, Über die
Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1992
(11956), S. 15f.
>> Kommentar zu diesem Artikel schreiben. <<
Um diesen Artikel zu kommentieren, melden Sie sich bitte hier an.